09.02.2018
Berlinale 2019

Die saure Milch des Wohlwollens

The Kindness of Strangers
The Kindness of Strangers: »this über-earnest Berlinale opener«...

Die Eröffnung der 69. Film­fest­spiele – Berlinale-Tagebuch, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»Dabei hatte alles ganz gut ange­fangen. Es hatte Preise gehagelt. Er hatte einen Klassiker aus dem Ärmel geschüt­telt. Eine Droge für alle, die die depressiv, über 50 und weiblich waren. Er war als Frau­en­ver­steher gehandelt worden.«
Oskar Roehler, »Selbst­ver­fi­ckung«, S.34

« Wir sind nur wegen Dir hier« singen Max Raabe und Anke Engelke zum Beginn der Eröff­nungs­feier der Berlinale. Ist eine solche eitle One-Man-Show eigent­lich auch für den Liter von Cannes und Venedig überhaupt denkbar?
Das ZDF, übrigens Medi­en­partner der Berlinale, und bekannt dafür, so gut wie gar keine Doku­men­tar­filme mehr zu finan­zieren zeigt aber einen »Doku­men­tar­film« über Dieter Kosslick. Schon der Titel ist falsch: »Die Ära Kosslick« von Nadia Nasser, Carola Wedel und Stephan Merse­burger, die auch schon mal bessere Tage gesehen haben.
Auch bei 3sat gibt es absurde Behaup­tungen der Mode­ra­torin: »Dieter Kosslick hat den deutschen Film wieder nach vorn gebracht.« Abgesehen davon, dass der deutsche Film mehr hinten ist, als vor 20 Jahren, hat der Direktor besten­falls den deutschen Film bei der Berlinale nach vorn gebracht. Aber Fern­seh­sender im 21. Jahr­hun­dert sind so ober­fläch­lich geworden und haben alle Selbst­ach­tung verloren, dass sie vor nichts zurück­schre­cken und jeder Unsinn bei ihnen durchgeht.

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»I have nothing to say« sagt Alain Gomis während der Zeremonie auf die pein­li­chen Ranwanz-Fragen von Anke Engelke – das sollte sich die Mode­ra­torin mal merken, aber dafür ist ihr Fell schon lange zu dick.

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Die Berlinale hat die strengsten Sperr­fristen aller wichtigen Film­fes­ti­vals. Dieses soge­nannte »Embargo« wurde gleich zum Eröff­nungs­film gebrochen, von »Variety«. Schon vor der Eröffnung war der Verriß des Eröff­nungs­films online. Man kann den Kollegen dankbar sein, denn dieses Magazin ist so mächtig, dass es von der Pres­se­ab­tei­lung fürs Embarg­ob­re­chen nicht mit Akkre­di­tie­rungs­entzug bestraft werden wird – im Gegensatz zu den Kollegen. Und Sperr­fristen sind in unseren Zeiten sowieso obsolet, und nur ein Mittel der Geschmacks­steue­rung und Mani­pu­la­tion. Man sollte es igno­rieren und wo es geht aktiv bekämpfen also brechen.

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Ich habe mir den Eröff­nungs­film The Kindness of Strangers geschenkt, weil er mich kein bisschen inter­es­siert. Dabei war Italie­nisch für Anfänger damals, noch zu Zeiten von Kosslicks Vorgänger Moritz De Hadeln, ein sehr guter Film und eines der High­lights der Dogma-Bewegung. Inzwi­schen aber dreht Regis­seurin Lone Scherfig nicht mehr zuhause in Dänemark, sondern meist in den USA, was für sie persön­lich gut sein mag, für ihre Filme nicht. Daher: kein Interesse meiner­seits.
Glück­li­cher­weise gibt es ja die Kollegen, die meinen Verdacht durch die Bank bestä­tigen: »Fehlstart mit Sozi­al­schmon­zette« titelt kurz und bündig der »Spiegel«, und setzt dann drauf: »statt Lust auf zehn Tage Filmfest sorgt der Eröff­nungs­film für Entsetzen. Schlimmer hätte es kaum kommen können.«
Und weiter: »Dieter Kosslick musste in der Vergan­gen­heit vonseiten der Presse oft Kritik einste­cken. Bemängelt wurde immer wieder die Qualität vor allem der Filme, die Kosslick für den Wett­be­werb der Berlinale auswählt. Diese Kritik muss man nun schon am Tag der Eröffnung erneuern, und lauter denn je. In Anbe­tracht des Eröff­nungs­films kann einem für den Rest des Wett­be­werbs nur himme­langst werden.«

Julia Haungs im SWR: »Es ist ein Eröff­nungs­film, der einen in seiner Harm­lo­sig­keit ratlos zurück­lässt. Ein Plädoyer für mehr Freund­lich­keit ist natürlich nie verkehrt. Aber weder unter­mauert The Kindness of Strangers den Anspruch der Berlinale, ein dezidiert poli­ti­sches Festival zu sein, noch bringt er Glamour auf den Roten Teppich. Und große Filmkunst ist er auch nicht.«

»Capra-corn – call it Scherfig-schmaltz«, »strange, sticky mélange of social realism, Dicken­sian sentiment and straight-up romantic fairy tale ... under­li­ning the film‘s essential message in thick Magic Marker strokes« nennt es Guy Lodge in Variety, und dann im besten Englisch »this über-earnest Berlinale opener«.

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Auf welche Filme freue ich mich im Wett­be­werb? Mal ganz bestimmt auf System­sprenger von Nora Fing­s­cheidt. Und Emin Alpers neuer Film A Tale of Three Sisters. Gespannt bin ich auf Fatih Akins Der Goldene Handschuh, angeblich ein »Horror­film«. Ozon kann immer inter­es­sant sein. Und auf die Chinesen. Insgesamt ziemlich wenig, meint auch Matthias aus Hamburg.

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Warum stellen wir hier den Blogs eigent­lich Zitate aus Heinz Strunks Buch »Der Goldene Handschuh« und »Selbst­ver­fi­ckung« von Oskar Roehler voran? Weil beides gute Bücher sind, die genau den Ton treffen, mit dem man die dies­jäh­rige Berlinale betrachten sollte. Weil die Zitate immer gut zu dem passen, um das es geht. Weil »Der Goldene Handschuh« die Vorlage für Fatih Akins neuen Film ist. Weil Oskar Roehlers Buch vom deutschen Film und gele­gent­lich sogar von der Berlinale handelt. Und weil Roehler, kaum zu glauben, vor zwei Wochen 60 geworden ist. Wir gratu­lieren von Herzen!

(to be continued)

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