21.02.2018
Berlinale 2018

Sandmännchen im Lummerland

Isle of Dogs
Haha, sehr witzig: Isle Of Dogs von Wes Anderson

Die einmal mehr ziemlich miss­glückte Eröffnung der Berlinale und der dazu passende Film – Berlinale-Tagebuch, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»Frauen und Männer zusammen in einem Raum, na, wir trauen uns was.«
Mode­ra­torin Anke Engelke bei der diesj ährigen Berlinale-Eröffnung

»Wer Hunde und kleine Kinder hasst, kann kein ganz schlechter Mensch sein.«
W. C. Fields

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Welches Geschlecht haben Hunde? Weil das bei den Kötern weniger leicht zu sagen ist, als bei Menschen, war es vermut­lich ein geris­sener Schachzug der Berlinale-Leitung, das dies­jäh­rige Festival mit einem Anima­ti­ons­film über Hunde zu eröffnen.

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Die Hunde sind los, und am Ende kommen die Bären – so könnte man sagen zu Beginn der Berlinale. Isle of Dogs, die »Insel der Hunde« heißt der Film, mit dem die 68. Berlinale eröffnet wurde. Der Anima­ti­ons­film stammt von Wes Anderson, einem der Humo­risten des US-Kinos.
Der Film ist eine Science-Fiction-Satire über Hunde und Menschen, die Japanisch reden. Die Welt ist düster und faschis­toid, und als ein böser Bürger­meister von Megasaki City die Hunde auf eine Müll-Insel verpflanzt, muss man das gar nicht zu ernst nehmen, um trotzdem die poli­ti­sche Metapher auf Flücht­linge, Arme, Ausschluss­me­cha­nismen und Rechts­ra­di­kale wie die AfD für unüber­sehbar zu halten. Und dann kommt ein Kind, und hilft den Hunden beim Aufstand.
Naja.
Das Ganze ist im altmo­di­schen Stop Motion-Verfahren gedreht worden, also wie Fantastic Mr. Fox oder Sand­männ­chen, und zu den Puppen­spre­chern gehören Bill Murray und Tilda Swinton. Haha, sehr witzig. Damit betont die Berlinale wieder ihren Marken­kern als poli­ti­sches Festival.
Aber sonst? Vor 22 Jahren lief »Toy Story« außer Konkur­renz, auch ein Anima­ti­ons­film. Wäre es das mal gewesen.

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Es gab Linsen-Mangold-Suppe, Eismeer­fo­relle, kein Fleisch und die übliche Smoking-Schlange vor dem McDonalds gegenüber des Berlinale-Palasts.
Berlinale-Chef Dieter Kosslick trug bei der Eröffnung einen schwarzen Schal – natürlich um politisch-hoch­kor­rekt seine Position in der Me-Too-Debatte klar zu machen.
Ob er dabei auch noch mal an jenen offenen Brief im Missy Magazin gedacht hat, der im Oktober mal kurz »tous Berlin« erbeben ließ? Darin hatte eine ehemalige Berlinale-Mitar­bei­terin dem Direktor Sexismus und Rassismus vorge­worfen, und recht treffend das generelle höfische Klima in der Berlinale-Leitungs­ebene beschrieben. Ein paar Stunden nach Erscheinen war der offene Brief von der Website des femi­nis­ti­schen Magazins dann wieder verschwunden – natürlich nicht, weil Direktor Kosslick etwa bei der Redaktion angerufen hätte.
Man kann den Text trotzdem nach wie vor hier nachlesen und sich selbst ein Urteil bilden.

Böse Zungen meinten im schmalen, gemüt­li­chen Raucher­balkon dann aber, dass Kosslicks Schal sowieso nur ein Trau­er­schal sei, weil er gegen seinen Willen in einem Jahr als Direktor gehen muss.

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Ansonsten geht die Debatte um die Zukunft der Berlinale nicht nur weiter, sondern in gewissem Sinn noch mal richtig los.
Die Regis­seure haben sich wieder zu Wort gemeldet, in einem zweiten offenen Brief zur Berlinale und ange­mes­senen Forde­rungen enga­gierter Künstler gegenüber der Politik.
Ohne Fatih Akin, ohne Simon Verhoeven, und sonder­ba­rer­weise auch ohne Dietrich Brüg­ge­mann.
Warum der nicht dabei ist, erklärt viel­leicht sein letzter Blog-Beitrag: Darin stehen viele kluge Dinge, zum Beispiel die Anmerkung, »es gibt Grund zu der Annahme, daß der Publi­kums­fes­tival-Gedanke, wenn man ihn zu sehr betont oder sich darauf ausruht, auf Kosten der Faszi­na­tion geht.« Vor allem aber steht da, dass er in einer Bera­ter­runde mitge­redet hat, bei der es um mögliche Nach­fol­ge­kan­di­daten für Kosslick gehen sollte.

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Worüber wir aber noch viel mehr nach­denken müssen: Was macht ein gutes Festival aus? Was braucht die Berlinale, um wieder das zu sein, was sie mal war. Ein richtig gutes Festival.
Wer das nicht glaubt, der gucke sich die alten Jahrgänge an, zum Beispiel 1996: Da liefen, unter dem heute gern geschmähten Direktor Moritz de Hadeln, im Berlinale-Wett­be­werb unter anderem:
»Richard III« von Richard Loncraine; »12 Monkeys« von Terry Gilliam; »Sense And Sensi­bi­lity« von Ang Lee; »Dead Man Walking« von Tim Robbins; »Schön ist die Jugend­zeit« von Bo Widerberg; »Mahjong« von Edward Yang; »Faithful« von Paul Mazursky; »Get Shorty« von Barry Sonnen­feld; »Les menteurs« von Elie Chouraqui; »Der rote Fleck« von Gösta Werner; »Stille Nacht« von Dani Levy; »Karwoche« von Andrzej Wajda; »Mary Reilly« von Stephen Frears, »Mon homme« von Bertrand Blier; »Resto­ra­tion« von Michael Hoffman; »Tal der Sonne« von He Ping; »Home For The Holidays« von Jodie Foster; »Mutters Courage« von Michael Verhoeven; »Nixon« von Oliver Stone; »Toy Story« von John Lasseter; »From Dusk Till Dawn« von Robert Rodriguez

Im Panorama liefen unter anderem: »Paris Was A Woman« von Greta Schiller, »Chacun cherche son chat« von Cédric Klapisch; »The Blade« von Tsui Hark; »Eye For An Eye« von John Schle­singer; »Tesis« von Alejandro Amenábar, »Things I Never Told You« von Isabel Coixet; »Sexy Sadie« von Matthias Glasner; »Ich bin Tochter meiner Mutter« von Seyhan Derin; »Blutbad« von Rainer Kaufmann, »Die blinde Kuh« von Niklaus Schilling; »Nachtland« von Cyril Tuschi; »La fille seule« von Benoît Jacquot; sowie Filme von: Bruce LaBruce, Maurizio Ponzi, Randal Kleiser, Bruno Barreto, Michael Brynntrup, Pierre Salvadori, Rosa von Praunheim, Jack Smith, Gillian Armstrong,

Im Inter­na­tio­nalen Forum, geleitet von Ulrich Gregor, liefen unter anderem Filme von:
»Ghost In The Shell« von Mamoru Oshii; »Fallen Angels« von Wong Kar-wai; »A Chinese Odyssey« von Jeff Lau; »Entrance Of The P-Side (Tiger Pass Gate)« von Shu Kei, »Heaven Can't Wait« von Lee Chi-Ngai;
»The King Of The Masks« von Wu Tianming; »Picnic« von Shunji Iwai; »Sogni infranti« von Marco Belloc­chio; »Journey On The Plain« von Béla Tarr; »Welcome To The Dollhouse« von Todd Solondz;
»Die Stimmen der Seele« von Alexander Sokurov; »Die kauka­si­sche Nacht« von Gordian Maugg; »Die Über­le­benden« von Andres Veiel; »Die Kinder von Jordbro« von Rainer Hartleb, »Bruch­s­tücke« von Jörg Tazsman; »En avoir (ou pas)« von Laetitia Masson; »Flamenco« von Carlos Saura; »Frisk« von Todd Verow; »Heaven-6-Box« von Hiroyuki Oki; »Black Holes« von Pappi Corsicato; »The Gate Of Heavenly Peace« von Carma Hinton; »The Girl Of Silence« von Genjiro Arato; »Das geschrie­bene Gesicht« von Daniel Schmid; »Synthetic Pleasures«von Iara Lee; »The Battle Over Citizen Kane« von Michael Epstein; »The Celluloid Closet« von Rob Epstein. Sowie Filme aus Burma.

Soviel zur angeblich »schlechten Qualität« der Jahrgänge vor 2001...

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Bei 3Sat wird behauptet: »In Cannes werden Frauen, die keine High Heels tragen vom Roten Teppich abge­wiesen« – das ist natürlich Unsinn. Die Fragen der Mode­ra­torin haben mit Kino nichts zu tun, dafür zu viel mit »Me Too« so dass dann auch Katja Nicodemus erklärt, dass hier eine Debatte, die notwendig ist, sich »teilweise in eine Hetzjagd verwan­delt hat, eine Hysterie und neuen Puri­ta­nismus.«

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