18.02.2018
Berlinale 2018

Bilderrauschen

Aminatou Echard
DJAMILIA von Aminatou Echard

Erste Filme im Forum zeigen wahlweise poetische oder verkopfte Werke

Von Dunja Bialas

Ins Forum einzu­tau­chen, verbindet sich immer auch mit der Gefahr einzu­schlafen. Linie des Festivals im Festival sind die leisen, langsamen, unnar­ra­tiven Filme, die auch mal gerne ausein­an­der­fallen. Im besseren Fall kann man sich dann aber immer noch an den schönen Bildern fest­halten, wie im Fall des leider allzu sehr ins Alle­go­risch abdrif­tende OUR MADNESS des Ango­la­ners Joao Viana, über eine Frau, die einer Psych­ia­trie in Moçam­bique entkommt und sich mit einem Kran­ken­haus­bett, ihrem Sohn und Mann auf einen animis­ti­schen Trip in Schwarz­weiß begibt – vor immerhin umwer­fenden Schau­plätzen.

Manche Filme will man mögen wollen, wie den Film vom afri­ka­ni­schen Kontinent, aber auch wie THE RARE EVENT, dem neuen Film der „beiden Bens“, Ben Rivers und Ben Russell, beide im anthro­po­lo­gi­schen Kino zu verorten. Rivers & Russell haben einen sehr konzep­tio­nellen, verkopften Film über eine Theorie-Talkrunde gemacht, an der Luc Nancy, XXX teil­nehmen. Es wird über die Möglich­keiten von Wider­stands gespro­chen. Um die hoch­gra­dige Abstrak­ti­ons­ebene noch einmal zu steigern, lassen Rivers & Russell zusätz­lich die Runde von einem in einen grünen Ganz­kör­pe­ranzug geklei­deten „Alien“ umkreisen, der wie im Greenroom der Fern­seh­stu­dios Fläche bietet für digitale Monturen – die wiederum einen animierten Raum der tanzenden geome­tri­schen Formen eröffnen. Klar, hier wird gegen das Verstehen aller Wider­stand aufge­boten, und es macht auch tatsäch­lich Spaß, dies langsam zu erkennen und das frus­trie­rende Unter­fangen, den Sinn des gespro­chenen zusam­men­zu­halten, aufzu­geben. Wie so oft aber bei Konzept­filmen, bleibt dies letztlich ein rein intel­lek­tu­elles Vergnügen und am Ende eine unsinn­liche Kopf­ge­burt – da kann das Parkett noch so knarzen und die 16mm-Bilder noch so körnig sein. Rivers & Russell widmen sich in ihrer zweiten Zusam­men­ar­beit klar immer noch der Anthro­po­logie, und viel­leicht gehört ja eine derartige Talkrunde auch zu einer von den der Zivi­li­sa­tion abge­le­genen, utopi­schen Gesell­schaften, die sie in ihren Filmen portrai­tieren. Dennoch bleibt Enttäu­schung zurück, wir sehen reine Kunst, die am Ende einfach nur verpufft.

DJAMILIA der Französin kirgi­si­scher Abstam­mung Aminatou Echard war immerhin ein erstes Highlight im Forum. Ganz in Super8 gedreht, sehr grob­körnig, zeigt der Film Impres­sionen aus dem Frauen-Alltag Krigi­siens: Tee wird zere­mo­niell in Tassen gegossen und in die Kanne zurück, Teppiche und Mobiliar lassen die Räume schwer und unent­rinnbar wirken. Die Land­schaft zerfließt unter dem unscharfen Korn der Super-8-Aufnahmen, erinnert in vielem an Kobe­ridzes in niedriger Auflösung gedrehten LASS DEN SOMMER NIE WIEDER KOMMEN, der letztes Jahr bei der Woche der Kritik, der Must-see-Paral­lel­ver­an­stal­tung zur Berlinale, für große Aufmerk­sam­keit gesorgt hatte. Über die stumm aufge­nom­menen Bilder legt sich Sound, der separat aufge­nommen wurde: Atmo­s­phä­ri­sches aus den Räumen, auf der Straße einge­fan­gene Geräusche, das Rauschen der Natur, kurz: wunder­bare Sound­scapes. Und: Stimmen, Frau­en­stimmen, die erzählen. Ganz allmäh­lich formiert sich eine sehr starke, sehr poli­ti­sche, sehr erschüt­ternde Ebene über die jetzt wie Bilder eines Verlo­ren­seins wirkenden Bilder: Zu vernehmen ist, wie die Frauen, die erzählen, zwangs­ver­hei­ratet wurden, wie sie versuchten auszu­bre­chen aus der Ehe, wie sie auch verstoßen wurden, wenn der Mann sich einfach eine andere Frau nahm. DJAMILIA ist ein sehr eindrucks­volles Beispiel dafür, dass poli­ti­sche Filme nicht mit Talking Heads oder scho­ckie­renden Bildern aufwarten müssen, sondern Kunst und Expe­ri­ment dies genial in Szene setzen können.

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