15.02.2018
Berlinale 2018

Wirklichkeiten im (Rück-)Spiegel

Die Unehelichen
»Weimarer Kino – neu gesehen« heißt die diesjährige historische Retrospektive, hier ein bezaubendes Kleinod der Neuen Sachlichkeit: Gerhard Lamprechts Die Unehelichen.

Perspek­tive und Retro­spek­tive: Deutscher Realismus damals und heute – die Sektion »Perspek­tive Deutsches Kino« und die Retro­spek­tive – Berlinale-Tagebuch, Folge 2

Von Rüdiger Suchsland

Ein Sommer auf dem Land. Essen und Trinken, Kochen und Ausspannen im Garten, aber auch die Anspan­nung unaus­ge­lebter Wünsche, verdrängter Konflikte.
Alek­sandra Odic, Regie-Studentin an der Berliner DFFB, erkundet in ihrem mittel­langen Film mit dem Titel »Chine­si­sche Mauer« das Bosnien von heute, 20 Jahre nach dem Bürger-Krieg.
Dort herrscht viel Still­stand: Aus der Perspek­tive eines acht­jäh­rigen Mädchens, das zu Besuch bei Verwandten ist, blickt die Regis­seurin auf drei junge Frauen, und ihre unter­schied­li­chen Lebens­ent­würfe. Besonders eine Tante, die rebel­li­sche Künst­lerin der Familie, hat er der kleinen Nichte angetan.
Ein ausge­zeich­neter, auch reif insze­nierter Film, der weit über den oft begrenzten Horizont üblicher deutscher Studen­ten­filme hinaus­ragt.

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Überhaupt zeigt die in diesem Jahr besonders inter­es­sante Auswahl der Sektion deutscher Perspek­tive, dass das Fremde, ein unge­wohnter Schau­platz, oder eine andere Ästhetik, aber auch ein nicht­deut­scher kultu­reller Hinter­grund unbedingt befruch­tend auf das deutsche Kino wirken.
Das Kino selbst ist schließ­lich seinen Wesen nach heterogen, viel­fältig und wider­sprüch­lich.

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Davon erzählt »Whatever Happens Next« von Julian Pörksen. En Mann Mitte Vierzig lässt eines Tages alles zurück. Aber ist dieser Aufbruch, der ein Abbruch ist auch der Beginn neuer Freiheit? Der freund­liche Tauge­nichts schlägt suich als schnorrer und Eindring­ling durch und landet irgend­wann in Polen, wo er sich neu verliebt. Pörksens Film ist ein tragi-komischer Streifzug durch unsere Gesell­schaft, die von schönen wie dubiosen Charak­teren bevölkert ist.
Es sind auch Geschichten einer Initia­tion, die einem hier begegnen, wie »Rå«, der bild­ge­wal­tige Film über Jäger, Wald­geister und nordische Mythen, den Regis­seurin Sophia Bösch in Schweden gedreht hat,
Archai­sche anmu­tendes Kino, das an die Frühzeit des Mediums erinnert. Schließ­lich »Die Defekte Katze« von Susan Gord­ans­hekan – ein Film über Blind Dates und arran­gierte Partner unter Iranern, der Persien und Deutsch­land verbindet. Bei allem guten Willen erzählt die Regus­seurin auch eine Komödie des Schei­terns.
Pegah Ferydoni und Constantin von Jasche­roff spielen zwei Haupt­rollen in diesem bezau­bernden Film, der nicht nur in seinem Titel offen an »Das Merk­wür­dige Kätzchen« erinnert, einen der großen Berlinale-Hits vor einigen Jahren

Die Perspek­tive wird manchmal als Ghetto innerhalb der Berlinale abgetan. Zu Unrecht. Gesucht wird in allen Filmen ein neuer Realismus, eine Darstel­lung der Wirk­lich­keit, die weder welt­flüchtig ist, noch plump abbildend. Und das ist inter­es­sant. Vor allem junge Frauen sitzen in den dies­jäh­rigen Filmen auf dem Regis­seurs­stuhl – und das hat nichts mit der Me Too-Debatte oder einer einsei­tigen Auswahl nach ober­fläch­li­chen poli­ti­schen Kriterien zu tun. Sondern es ist einfach Ausdruck einer verän­derten Wirk­lich­keit

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Vor 90 oder 100 Jahren war dagegen noch klar: Männer machen Filme. Frauen machen besten­falls eine schöne Figur. Trotzdem war auch das Kino der Weimarer Republik Ausdruck eines Aufbruchs und einer neuen Gene­ra­tion.
Das Kino war damals noch viel jünger, inno­va­tiver und wage­mu­tiger als heute
»Weimarer Kino – neu gesehen« heißt die dies­jäh­rige histo­ri­sche Retro­spek­tive. Sie widmet sich dem Film­schaffen der Weimarer Republik, die vor hundert Jahren, im November 1918 nach der geglückten Revo­lu­tion gegen das reak­ti­onäre preußi­sche Kaiser­reich gegründet wurde, und mit allerlei verstaubten Konven­tionen Schluß machte. Das Kino, allemal das neue Medium jener Jahre, spiegelte diese umfas­sende Moder­ni­sie­rung der Gesell­schaft.
Im Fokus der dies­jäh­rigen Retro­spek­tive stehen vor allem die weniger bekannten Filme und Regis­seure des Weimarer Kinos.
Zum Beispiel Gerhard Lamprecht. Sein Film Die Unehe­li­chen von 1925 ist ein bezau­bendes Kleinod der Neuen Sach­lich­keit. Oder  Brüder von Werner Hochbaum – ein Film über einen Hafen­ar­bei­ter­streik in Hamburg.

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Auch der reich­haltig illus­trierte Begleit­band zur Retro­spek­tive (»Weimarer Kino – neu gesehen«, heraus­ge­geben von Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer; 252 Seiten, Bertz + Fischer Verlag, 29,- Euro) lohnt: Sieben Essays beschäf­tigen sich darin mit unter­schied­li­chen Aspekten dieser besten Zeit des deutschen Kinos. Mit dem Motiv des Kriegs­heim­keh­rers, mit histo­ri­schen Stoffen, Exotik und Expe­ri­ment, aber auch mit Themen, die sie mit dem jungen deutschen Film verbinden Zensur und Skandal, der Darstel­lung von Arbeit und Muße.

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Bei der Perspek­tive Deutsches Kino gibt es übrigens auch mehrere öffent­liche »Reden über Film – Voraus­ei­lender Gehorsam? Eine Gene­ra­tion befragt sich selbst« lautet der Titel.
Man darf gespannt sein, ob die jungen Filme­ma­cher auch etwas mit alten deutschen Filmen anfangen können. Lernen könnten sie davon eine Menge.

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