14.09.2017
74. Filmfestspiele von Venedig

Verdienter Sieg

The Shape of Water
»Die Schöne und das Biest« war stets ein tolles Märchen für Erwachsene: Del Toros The Shape of Water

Guillermo Del Toro gewinnt den Goldenen Löwen in Venedig – Notizen aus Venedig, Folge 12

Von Rüdiger Suchsland

»Die Schöne und das Biest im Kalten Krieg« – so kann man The Shape of Water beschreiben, diesen merk­wür­digen, einma­ligen, sehr poeti­schen Märchen­film für Erwach­sene, der am vergan­genen Woche­n­ende bei den 74. Film­fest­spielen von Venedig den Haupt­preis gewonnen hat, den Goldenen Löwen.
Eine großar­tige, sehr, sehr gute Entschei­dung! Denn seien wir ehrlich: Wenn man so ein Festival besucht, über 20 Wett­be­werbs­filme sieht, dann wagt man kaum zu hoffen – und tatsäch­lich passiert es auch überaus selten – dass am Ende wirklich ein Film gewinnt, der kein Kompro­miss ist, kein Themen­film, nicht ober­fläch­lich relevant, sondern ein Kinowerk, dass auf Bilder setzt, dass das Kino selber feiert, seine welt­schöp­fende Kraft als Traum­fa­brik, als Schule des Lebens, ja: als welt­ord­nende und welt­glie­dernde, auch stabi­li­sie­rende Instanz.
Genau das ist hier aber der Fall.

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Auch mit dem Regisseur, dem mexi­ka­ni­schen Filme­ma­cher Guillermo Del Toro traf es genau den Richtigen. Seit Jahren ist Del Toro der große Unvoll­endete des Gegen­warts-Kinos, ein Star in der Gemeinde der Fantasy- und Horror­fans, aber ein Outsider unter den Auto­ren­fil­mern.
Alle seine Werke – etwa Pans Labyrinth, Hellboy – sind düstere Märchen in der Nachfolge des phan­tas­ti­schen Films, in denen der alte Kampf des Guten gegen das Böse inter­pre­tiert wird als der Kampf der Unschul­digen und der Außen­seiter gegen auto­ritäre Macht­men­schen. Das Fremd­ar­tige und Über­na­tür­liche ist in ihnen immer Angst- und Sehn­suchts­phan­tasie zugleich, umgesetzt mit einer visuellen Fantasie, die ihres­glei­chen sucht. Das gilt auch für seinen neuen Film, der von einer uner­lösten Prin­zessin erzählt, die sich in ein Wesen verliebt, eine Art Wasser­mann, das definitiv nicht von dieser Welt ist.

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Kaum ein Regisseur hat diesen Preis so verdient, wie dieses einfalls­reiche große Kind, diese Spie­ler­natur des Gegen­warts­kinos.
Die anderen Preise verblassen demge­genüber, wirken wie Pflich­tübungen: Aber mit dem israe­li­schen Männer­me­lo­dram Foxtrott, mit der ameri­ka­ni­schen Tragi­komödie Three Bill­boards in Ebbing, Missouri und mit der Schau­spie­lerin Charlotte Rampling traf es schon die richtigen Werke und Personen.

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Das einzige, wofür die Jury um Anette Bening einen blinden Fleck hatte, war das asia­ti­sche Kino. Es war schon mehr als ein Wermuts­tropfen, es war ein kleiner Skandal, dass kein einziger der starken asia­ti­schen Wett­be­werbs­bei­träge irgend­einen Preis erhielt. So war es ein sehr westlich-nordi­sches Kino.

Das dies­jäh­rige Venedig-Festival war ein ausge­zeich­neter Jahrgang. Kaum ein schlechter Film, auch in den Neben­reihen gab es hervor­ra­gendes, wie die zwei argen­ti­ni­schen Filme Zama und Temporada de Caza, ein Film über einen Kolo­ni­al­be­amten um 1800, ein argen­ti­ni­sches Aguirre und ein Werk über das Argen­ti­nien der Gegenwart, in dem das Erbe der Diktatur immer noch nachwirkt.
Und sogar aus Deutsch­land: Helena Wittmanns Drift und Katharina Wyss Sophie plays a Werewolf sind exzel­lente Werke junger deutscher Filme­ma­che­rinnen.
So ist es den Festi­val­ku­ra­toren der altehr­wür­digen Film­bi­en­nale in diesem Jahr eindrucks­voll gelungen, sogar das fran­zö­si­sche Film-Mekka Cannes in den Schatten zu stellen – die 74. »Mostra« war einfach das beste Festival des Jahres!

(to be continued)

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