29.06.2017
35. Filmfest München

So jung kommen wir nicht mehr zusammen...

Lemkes Making Judith
Claus Lemkes Making Judith

Das Schwabing unsrer Sehnsucht, viermal »Sommer«: Ein Blick auf deutsche Beiträge beim Filmfest München

Von Rüdiger Suchsland

»So jung kommen wir nicht mehr zusammen/
So jung werden wir uns nicht mehr sehen/
Und ich finde es zwar schön, doch ich weiß nicht genau
Werden wir uns verstehen«

(Toco­tronic)

Sommer, Leopold­straße, Casting-Allee – München halt. So ungefähr muss es wohl gewesen sein, Ende der 60er Jahre, als in Schwabing nicht nur Uschi Glas zur Sache kam, als neben den strengen Juristen und Lehrern und Sehern des »Neuen Deutschen Films«, eine Leich­tig­keit im bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Kino sich auftat, ein beiläu­figes »Rausgehn und Filme machen«, wie es bis heute mit der »Münchner Gruppe« verbunden ist, der deutschen Nouvelle Vague, mit Rudolf Thome, Eckard Schmidt, Max Zihlmann, und vor allem Klaus Lemke.

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»Sie sehen jetzt mich und fragen sich viel­leicht: Was will denn der Wichser da... Aber ich sehe Sie auch. Denn ich bin Regisseur«
(Klaus Lemke)

Er ist bis heute der Aktivste, Wildeste und den alten Idealen am authen­tischsten Verbun­dene. So über­rascht es nicht, zwischen den ganzen Film­hoch­schü­lern im Programm des Deutschen Wett­be­werbs beim dies­jäh­rigen Münchner Filmfest auch einen neuen Film des auch mit über 70 jüngsten deutschen Film­re­gis­seurs, von Klaus Lemke eben, zu finden:
Making Judith ist wieder so ein typisches Lemke-Stück. Alles riskie­rend, vor allem sich selbst: Denn Lemke spielt mit, spielt einen Regisseur, der seinen Film dreht und mit kapri­ziösen Darstel­lern Ärger hat, die unbedingt wollen, dass er mit ihnen einen Film dreht, wie... mit... »Alles über Casting.« verspricht der Film, »Und über Lemke. Und Orgasmen durch Gedan­kenüber­tra­gung. Plus: Alles über Finan­zie­rung von Non-Govern­ment-Movies.«

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»1996... It was my favourite year...«
(Dialog­zeile aus: »A thought of ecstasy«)

Zusammen mit diesem letzten Rebell des deutschen Kinos begegnet man beim Filmfest auch ein paar anderen außer­or­dent­lich Unab­hän­gigen des deutschen Kinos, wie Rosa von Praunheim, Peter Fleisch­mann dessen wahn­witzig-abgrün­dige Gesell­schafts­sa­tire Das Unheil von 1972 hier jetzt wieder­auf­ge­führt wird. Oder RP Kahl.
Der Berliner Kahl hat sich für A thought of ecstasy von Michel­an­gelo Antonioni, George Bataille und Jean Baud­ril­lard inspi­rieren lassen, und schickt seine Figuren auf einen Trip in eine sonnen­durch­flu­tete Welt aus Verfüh­rung und Todes­sehn­sucht. Begehren schafft eine neue Realität, Wahn verändert die Wirk­lich­keit.
Dass zu wenig Wahn im deutschen Kino herrscht, davon ist Kahl überzeugt. Vor 20 Jahren gewann der immer noch junge Filme­ma­cher bereits als Produzent und Haupt­dar­steller von Oskar Roehlers Regie­debüt den Film­för­der­preis. Was kann da noch kommen?
Heute schwärmt er vom entspannten Münchner Sommer­ge­fühl jener Zeit, auch wenn das mögli­cher­weise mehr mit den 90er Jahren als mit München zu tun hatte.

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Ein Sommer­fes­tival, das ist das Filmfest München, das am Donners­tag­abend eröffnet wurde, natürlich zual­ler­erst. Die meisten Filme des Programms waren schon irgendwo zu sehen, wenn auch nicht in München, und für die Münchner kann man sich deshalb freuen.
Die deutschen Filme aber sind wirklich neu. Und wo könnte man, zwischen Bier­garten und Isar­fri­sche besser beiläufig dem Kino begegnen?
Die Richtung gibt schon ein ober­fläch­li­cher Blick aufs Programm an. Gleich drei Filme tragen das Wort »Sommer« im Titel und ein Regisseur heißt auch noch so. Das passt, auch wenn es Zufall sein mag.

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Aber wer das »Münchner Filmfest« deshalb auf seinen eigenen Werbe­spruch – »Deutsch­lands größtes Sommer­fes­tival« – reduziert, der irrt. Größe ist nicht immer besser, das weiß man sogar in München, obwohl man an der Isar offenbar Wert darauf legt, fast genauso viel Filme zu zeigen, wie die Berlinale. Eine Weile wollte man diesem wich­tigsten deutschen Film­fes­tival sogar direkt Konkur­renz machen. Inzwi­schen verlegt man sich an der Isar darauf, dass im Gegensatz zu Berlin im Winter, hier die Sonne scheint, und alle Betei­ligten, Filme­ma­cher wie Publikum, mehr Spaß und viel bessere Laune haben.

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Die Kombi­na­tion von Altmeis­tern, oder Erfah­renen, mit Debü­tanten ist reizvoll, und in den letzten Jahren bewies München, dass es einen guten Quer­schnitt zeigt, sich in glück­li­chen Jahren mit seinen deutschen Beiträgen hinter Berlin oder Saar­brü­cken nicht verste­cken muss.
Wer krampf­haft Trends entdecken will, muss sich zum Auftakt erstmal an den Katalog halten. Da ist die Rede vom »Willen zum glück­li­chen Single/Paar/Fami­li­en­da­sein«, vom »Ende der Feelgood-Momente«, Und vom »Trend Horror- und Thriller«, vom spukenden Zeitgeist. Mal schauen, was sich davon wirklich einlöst.

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Vorläufig sicher ist allein der Sommer – Die Frei­bad­clique, das ist die außer­ge­wöhn­liche Verfil­mung eines außer­ge­wöhn­li­chen Sommer-Romans. Verfilmt hat Frie­de­mann Fromm mit einer wunder­baren Riege von Jung­s­chau­spie­lern. Der Roman stammt von Oliver Storz, lange Jahre fester Autor des SWR-Fern­se­hens. Kurz vor seinem Tod begann er von seiner Jugend zu erzählen – in Romanform. »Die Frei­bad­clique« ist der erste von zwei großar­tigen Romanen. Er erzählt von jenem einma­ligen Sommer 1944, als noch Krieg war, aber für die 14, 15jährigen der Flak­hel­fer­ge­ne­ra­tion schon Frieden.
In Storz Blick ist dies, trotz Krieg, trotz Nazis, auch ein Raum der Unschuld und des Erwachens, der Sommer unsrer Sehnsucht.

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