26.10.2017
Cinema Moralia – Folge 163

Mein Freund Harvey

Mein Freund Harvey
Henry Kosters Mein Freund Harvey

Soll man Mr. Weinstein verbrennen? Und ein verschwun­dener Artikel über Sexismus und Rassismus auf der Berlinale – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 163. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Sometimes we stop and watch the birds when there ain't no birds. And look at the sunsets when its raining. We have a swell time. And I always get a big tip. But after­wards, oh oh...
»What do you mean, 'after­wards, oh oh'?«
»They crab, crab, crab. They yell at me. Watch the lights. Watch the brakes, Watch the inter­sec­tions. They scream at me to hurry. They got no faith in me, or my buggy. Yet, it's the same cab, the same driver. and we're going back over the very same road. It's no fun. And no tips... After this he'll be a perfectly normal human being. And you know what stinkers they are!«

»Harvey »von Henry Koster, 1950

»Der, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.«
Evan­ge­lium des Johannes

»Mein Motto: Immer auf der falschen Seite stehen.«
Shizu

Die soge­nannte Weinstein-Affaire wirft mehr Fragen auf, als bisher beant­wortet werden.

Wenn man liest, was veröf­fent­licht wird, ist es unglaub­lich viel Hören­sagen, Verdacht, anonyme Anschul­di­gung, vages, »unan­ge­mes­senes Benehmen«. Wenn man die Erleb­nisse von Ashley Judd und Asia Argento liest, möchte man sie lieber nicht gelesen haben. Nicht wegen der Ekeleien Wein­steins, sondern weil diese Frauen da viel dummes Zeug reden, und seiner­zeit manches dumme Zeug gemacht haben – was natürlich Weinstein nicht im Geringsten entschul­digt, das muss man ja heute besser dazu sagen.

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Ich frage mich manches, zum Beispiel: Warum sind es eigent­lich immer Juden, die derart öffent­lich vorge­führt, an den Pranger gestellt und exeku­tiert werden? Roman Polanski, Woody Allen, Dominique Strauss-Kahn, Harvey Weinstein? Wird da neben der Lust an detail­lierter Beschrei­bung auch ein verkappter Anti­se­mi­tismus der Öffent­lich­keit bedient?
Ich frage mich: Warum sind es immer Linke oder Liberale und Unter­s­tützer der Demo­kraten, um die es geht? Mein Eindruck: Es geht auch darum, mit einer Epoche abzu­rechnen: den Sixties und ihrer Libe­ra­lität. Nicht Personen, sondern die libertäre Kultur der Sechziger Jahre soll gebrand­markt und öffent­lich vernichtet werden.
Es geht um ein Zurück zum Puri­ta­nismus.

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Verena Lueken stellte in ihrem FAZ-Kommentar eine wichtige Frage: Wie ist die Rolle der Medien? »Sie sind Teil der Branche. Recher­chen, die schon vor mehr als zehn Jahren unter­nommen wurden, hat er, so scheint es, zu unter­drü­cken gewusst. Weinstein hat in den vergan­genen Jahren, in denen keiner seiner Filme mehr Oscars gewann, mit seiner Firma Macht eingebüßt. Gibt es einen Zusam­men­hang mit dem Zeitpunkt der Veröf­fent­li­chung? Brachte die »New York Times« den Stein nur ins Rollen, weil Weinstein schon ange­schossen war?«
Man fragt sich übrigens, warum der Sender NBC wegen »Quel­len­pro­blemen« jene Story ablehnte, die der »New Yorker« gedruckt hat. Sie stammt nicht zufällig von Ronan Farrow, dem Sohn von Mia Farrow und Woody Allen.

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Ich frage mich schließ­lich, warum in dieser Hexenjagd jedes Maß verloren wird? Gerede jene, die sonst bei allen möglichen über­führten und verur­teilten Krimi­nellen auf Reso­zia­li­sie­rung pochen, die – oft mit guten Gründen – in vielen Verfahren mildernde Umstände ins Feld führen, kennen in diesem Fall keinen Rechts­staat mehr.
Recht­staat­liche Basis­prin­zi­pien, wie die Unschulds­ver­mu­tung exis­tieren de facto nicht mehr im Fall von Sexu­al­ver­bre­chen.

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Wie ich reagiert habe, als ich von der Causa Weinstein erfuhr, werde ich gefragt. Sehr allgemein gesagt: Mich erstaunt vor allem das Erstaunen. Mich irritiert die Stärke der Reaktion, und zum Teil die Reaktion selbst, die mir vor allem heuch­le­risch vorkommt.
Mich empört die Lust an der Enthül­lung, das Breit­treten der vielen Details, das natürlich ein genüss­li­ches ist, voyeu­ris­tisch.

Mich stört das Miss­ver­hältnis zwischen der jetzigen Aufmerk­sam­keit für Weinstein und der sonstigen Aufmerk­sam­keit fürs Kino. Ich würde mir wünschen, dass wir das Kino auch nur halb so wichtig nähmen, dass wir die sonstige Arbeit von Studio­bossen auch nur ein Viertel so genau kommen­tieren und beob­achten, wie wir jetzt das Treiben eines Filmmogul.

Zur Sache selbst ist zu sagen: Verge­wal­ti­gung ist ein Verbre­chen. Miss­brauch auch, »sexuelle Beläs­ti­gung« dagegen schon weitaus vager, ebenso wie die tatsäch­li­chen Abhän­gig­keiten von Schau­spie­le­rinnen, die auf eine Rolle hoffen, und Produ­zenten, die sie derart ausnutzen, natürlich sehr relativ und sehr im Auge der jewei­ligen Betrachter liegt.
Andere Dinge mögen geschmacklos sein, wir mögen sie unmo­ra­lisch finden, aber sie sind letztlich Privat­sache.

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Der Fall Weinstein ist nicht nützlich, sondern schädlich für den Femi­nismus. Denn was uns hier öffent­lich vorge­führt wird, ist Entmäch­ti­gung und Ohnmacht von Frauen anstatt Ermäch­ti­gung und Macht. Wir lernen: Frauen sind also Opfer. Und zumindest die mitunter erkenn­bare klamm­heim­liche Sehnsucht, ein Opfer zu sein, und sich öffent­lich als Opfer zu erklären, hat für mich etwas zutiefst Irri­tie­rendes.
Fällt jemanden auf, dass bei Sexu­al­de­likten noch Rollen­bilder der 50er-Jahre verbreitet sind. »Der Mann ist der aktive Teil, der den Sex immer will. Die Frau bleibt passiv.« So ein Rollen­ver­s­tändnis wäre in jedem anderen Lebens­be­reich heute undenkbar.

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»Sexismus« ist ein schönes, weil passend vages Schlag­wort. Was Sexismus wirklich heißt, darüber müssen wir ein andermal schreiben. Aber man sollte »den Film« nicht für einen Einzel­fall halten. Wie sieht es eigent­lich in anderen Branchen aus?
Und in anderen Ländern?

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»Ich will jetzt gar nicht davon reden, welche Frauen mir davon erzählt haben, dass Dieter Kosslick ihnen ungefragt die Schultern massiert hat – könnte ich aber, wenn ich muss.« Diesen Satz hatte ich mir bereits vorges­tern für den heutigen Blog notiert – verspro­chen!
Dann erschien ein inter­es­santer Text bei »Missy Magazine«. Die Autorin schreibt unter dem Pseudonym Bernadine Harris einen offenen Brief an Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Unter der Über­schrift »Unter der Bettdecke der Film­branche. Über Harvey Weinstein hatte auch Berlinale-Direktor Dieter Kosslick etwas zu sagen – selbst Teil des Problems« erschien dort der Text einer Frau die, wie sie beschreibt, »vor wenigen Jahren ... in einer recht niedrigen Position« für die Berlinale gear­beitet hat. Sie berich­tete von Verhal­tens­weisen des Berlinale-Chefs, die das »Missy Magazine« selbst als »sexis­tisch und rassis­tisch« charak­te­ri­siert hat. Man muss diese Ansicht nicht teilen, um in dem Brief einen wichtigen Beitrag zu sehen. Wichtig für das Thema Sexismus, aber auch wichtig für die ange­mes­sene Einschät­zung des Binnen­klimas der Berlinale, das von Angst, Respekt­lo­sig­keit und Willkür geprägt ist. Bernadine Harris fasst die »unglück­liche Ansamm­lung von sehr schlechtem Verhalten« Kosslicks ganz klug und souverän in der Formu­lie­rung zusammen, »dass Männer wie du [= Kosslick] sehr gut darin sind, eine Atmo­s­phäre zu schaffen, in der ständige und will­kür­liche Ernied­ri­gungen gang und gäbe sind. Eine Atmo­s­phäre, die ermög­licht wird, weil in den Räumen, die ihr beherrscht, Ehrgeiz, Macht und Ruhmsucht jene fragile Stimmung erzeugen, die allzu leicht an unsere niedersten Instinkte appel­liert.«
Und vor allem wichtig, weil er die Doppel­moral und Schein­hei­lig­keit jener Personen bloß­stellt, die jetzt wie Kosslick Spitzen und »lustige« Anekdoten über Weinstein zu bieten haben, den sie vor Kurzem noch hofierten

Was nicht abzusehen war, war, dass dieser Brief auch noch ein Beitrag zu den Medi­en­ver­hält­nissen in Deutsch­land werden könnte.

Denn am Mitt­woch­morgen war er plötzlich nicht mehr online und einige Minuten später war auch bei präziser Titel­suche kein Link mehr auf Google zu finden. Da hat wohl jemand einen Lösch­an­trag gestellt.

Auf meine Anfrage nach den Hinter­gründen bekam ich zunächst von der Redaktion die Nachricht, der Text sei auf Wunsch der Autorin zurück­ge­zogen worden, dann von »Missy«-Chef­re­dak­teurin Stefanie Lohaus die etwas ausführ­li­chere Auskunft: »Dieter Kosslick hat kurz nach der Veröf­fent­li­chung bei unserer Autorin angerufen, ein längeres Gespräch mit ihr geführt und sich bei ihr entschul­digt, sie hat die Entschul­di­gung ange­kommen, darüber geschlafen und daraufhin gebeten, dass wir den Text zurück­ziehen. Dem sind wir nach­ge­kommen.«

Das muss man akzep­tieren. Wobei natürlich die Frage naheliegt, wofür sich der Berli­nale­chef denn genau entschul­digt hat?
Ein schöner Kommentar dazu kam auch von einer lang­jäh­rigen Bekannten des Berli­nale­chefs: »Wow, Modell Weinstein? Kosslicks Anrufe, Bitten und Entschul­di­gungen kenne ich zu gut.«

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Schade ist aller­dings schon, dass »Das femi­nis­ti­sche Magazin für Pop und Politik« da so schnell einge­knickt ist. Meiner Ansicht nach hätte die Redaktion die Autorin eher darin bestärken sollen, den Artikel online zu lassen, und darauf hinweisen müssen, dass einmal öffent­lich gemachte Texte nun einmal öffent­lich geworden sind, und sich nicht wieder aus dem Verkehr ziehen lassen.
Tatsäch­lich ist der Text mit etwas Neugier weiterhin im Netz aufzu­finden, und wurde auch auf Facebook verbreitet.

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Einige weitere Stunden später fand sich unter der ursprüng­li­chen Adresse eine Erklärung, die mich etwas ratlos lässt: »Diesen Brief haben wir auf dann Wunsch der Autorin von der Webseite genommen. Weil dieses Vorgehen wiederum für Irri­ta­tionen gesorgt hat, hat uns Bernadine Harris folgendes Statement zukommen lassen:«

»Nachdem der Brief, in dem ich über einen unan­ge­nehmen Vorfall mit Herrn Kosslick schrieb, veröf­fent­licht wurde, meldete sich dieser bei mir und wir trafen uns auf ein Gespräch, bei dem auch seine Assis­tentin anwesend war. In dem Gespräch bespra­chen wir noch mal den Vorfall und ich erläu­terte ihm meine Position und warum es mir wichtig war anhand des Vorfalls mit ihm vor einigen Jahren, die komplexen Dynamiken aufzu­zeigen, die u.a. in der Film­branche sexuelle und andere Formen der Beläs­ti­gung und die anschließende Vertu­schung ermög­li­chen. Wir sind den spezi­fi­schen Fall nochmal durch­ge­gangen und Herr Kosslick hat sich bei mir entschul­digt. Da ich beob­achtet habe wie Online-Debatten oftmals ablaufen und wie dabei komplexe Zusam­men­hänge auf emotio­nale Weise verzerrt werden, hatte ich mich selbst­ständig dazu entschieden, den Artikel herun­ter­nehmen zu lassen.
Aller­dings möchte ich alle ermutigen, diese wichtige und über­fäl­lige Debatte auch außerhalb ihrer Bild­schirme zu führen und Kollegen, Freunde und Familie zu sensi­bi­li­sieren.
Ein Like oder Share unter einem Artikel nützt nichts wenn wir nicht täglich in der Arbeits­welt den Mut finden solches Verhalten zu rügen und klar zu verur­teilen.
Bernadine Harris«

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Stimmt: Ein Like oder Share unter einem Artikel allein nutzt nichts. Aller­dings muss es auch dafür den Artikel erst einmal geben. Und offenbar nutzte der Artikel doch immerhin genug, um Bernadine Harris binnen Stunden jene Entschul­di­gung zu geben, auf die sie jahrelang vergeb­lich gewartet hatte.
Und die Erklärung der Autorin ist unbe­frie­di­gend. Denn auch vorher wusste sie schon, »wie Online-Debatten oftmals ablaufen.« Das Ganze hat ein Geschmäckle und ich kann nicht anders, als zu vermuten, dass hier doch noch anderer Druck und andere Droh­ku­lissen mit im Spiel waren.
Allemal ist es immer schlechter Stil, Texte nach­träg­lich wieder unge­schehen machen zu wollen. Etwas, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das den Autor selbst am meisten schmerzt.

Insofern können wir jetzt hoffen, auch wenn ich da nicht sehr opti­mis­tisch bin, dass andere, stärkere Batail­lone der öffent­li­chen Meinung einmal recher­chieren, wie die Arbeits­be­din­gungen bei der Berlinale wirklich aussehen, wie es mit Sexismus und Rassismus der Berlinale aussieht.
Wo seid ihr Pro-Quote-Frauen? Wo seid ihr Förder­in­ten­dan­tinnen und -Refe­ren­tinnen, wo ist die Kultur­sta­at­mi­nis­terin? Wo sind alle, die gern unter dem Banner »wir müssen mehr für Frauen tun« segeln? His Rhodos, hic salta!
Und wo sind die Redak­teu­rinnen und Redak­teure der Qualitäts­me­dien und der soge­nannten Haupt­stadt­presse? Wirklich »eine Kampagne gegen Kosslick« wie eine leitende Redak­teurin den Vorfall heute kommen­tierte?

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.