13.07.2017
Cinema Moralia – Folge 158

Lasst viele kleine Filme blühen!

Western
Stünde der FFA auch weiterhin gut zu Gesicht: Valeska Grisebachs Western
(Foto: Piffl Medien)

Wo bleibt der Kino-Maoismus? Die Verantwortung zur Förderung des kulturell anspruchsvollen Films gilt für alle Förderer, die Jan-Weiler-Methode und endlich eine Talkshow ohne Bosbach – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 158. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Friede den Hütten, Krieg den Palästen!«
Georg Büchner

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Es war eine lustige, über­ra­schende Pres­se­mit­tei­lung, die uns Mittwoch von Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters zuge­schickt wurde, direkt vor der Sommer­party des »großen« der beiden Produ­zen­ten­ver­bände, der Allianz.
»Verant­wor­tung zur Förderung des kulturell anspruchs­vollen Films gilt für alle Förderer« war sie über­schrieben, und in der Unter­zeile sehr fein, fast schon poetisch: »Aus Anlass der anhal­tenden Diskus­sion um eine vor kurzem verän­derte Förder­praxis der Film­för­de­rungs­an­stalt (FFA) und des heutigen Treffens der Produ­zen­ten­al­lianz in Berlin erklärte die Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien Monika Grütters«.
Das Wort »eine« gefällt mir darin am besten.
Aber was hat Grütters erklärt? In gerade von ihr bislang unge­wohnter Deut­lich­keit schreibt die Staats­mi­nis­terin: »Die ange­strebte zukünftig sehr viel stärkere Ausrich­tung der FFA an rein wirt­schaft­li­chen Kriterien bei der Entschei­dung über die Förderung eines Film­pro­jekts halte ich für falsch. Ein solcher Förder­an­satz wird dem deutschen Kinofilm als Kultur- und Wirt­schaftsgut in seiner Vielfalt nicht gerecht und ist kultur­po­li­tisch auch nicht geboten.«
Ein Affront und eine offene Attacke auf FFA-Chef Peter Dinges und nicht zuletzt auch auf ihren Vorgänger, Ex-Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann, der jetzt Chef des FFA-Verwal­tungs­rats ist. Recht hat sie!
Wir würden jetzt gerne »Gut so, Frau Grütters!« jubeln, wären da nicht... ein paar Fragen und Gedanken.

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Denn wie weit hat eigent­lich die Minis­terin selbst mit ihrer Politik dazu beigetragen, dass sich nicht mehr alle sicher sind, ob es eigent­lich noch irgendwem noch um kultu­relle Film­för­de­rung geht? Dass, salopp gesagt, die Anwälte der Industrie, des Films als Wirt­schaftsgut Morgen­luft schnup­pern
Es fließt mehr Geld in den deutschen Film, das stimmt. Das war auch höchste Zeit. Es ist zwar immer noch viel zu wenig Geld, vergli­chen mit anderen Bereichen der Kultur­po­litik, aber immerhin.
Nur fließt dieses Geld einseitig in die Wirt­schafts­för­de­rung. Grütters verweist auf die »massive Aufsto­ckung der kultu­rellen Film­för­de­rung in meinem Etat um zusätz­liche 15 Mio. Euro jährlich«. Sie verschweigt aber die zusätz­li­chen Millio­nen­stei­ge­rungen im DFF, die den Vorrang der Wirt­schafts­för­de­rung fest­schreiben; ; sie verschweigt, dass auch die so genannte kultu­relle Film­för­de­rung des BKM mit erwar­teten »Zuschau­er­zahlen« und den Gummi­wör­tern »Erfolgs­aus­sichten« und »Relevanz argu­men­tiert; sie verschweigt, dass sie nichts getan hat, um den Einfluss der Fern­seh­sender zu redu­zieren, oder gleich ganz zu streichen – obwohl sie genau weiß, dass sich die aus Haus­halts­zwangs­ab­gaben (für die ich bin) finan­zierten Sender de facto nahezu komplett aus der Film­fi­nan­zie­rung zurück­ziehen.«

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Man muss das ja nicht gut so finden. Aber jahrelang war die Politik des BKM darauf ausge­richtet, die zwei Säulen Kultur und Wirt­schaft mitein­ander zu verschränken. De facto bedeutete das ziemliche Willkür der Förderer, deren Entschei­dungen objektiv kaum über­prüfbar waren. Das wurde viel kriti­siert, bot den Betei­ligten aber immerhin Spiel­räume. Seit Grütters Amts­an­tritt ist die Tendenz klar: Sie versucht, beide Felder zu trennen, und tenden­ziell gegen­ein­ander in Stellung zu bringen. Die Kriterien sollen verob­jek­ti­viert werden. Mit Controller-Menta­lität kommt man aber in Kultur­fragen überhaupt nicht weiter.

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So erscheint dieser Kampf der Förder­häupt­linge vor allem als Ener­gie­ver­schwen­dung, als eine jener typischen Schein­de­batten des deutschen Films: Man redet über Vertei­lung und das Verhältnis von Kultur und Wirt­schaft. Man redet nicht darüber, was für ein Kino man will, man redet nicht über recht­liche Frag­wür­dig­keiten des ganzen Modells (Wirt­schafts-Subven­tionen sind nach EU-Recht verboten, es klagt nur keiner). Vor allem redet man nicht darüber, dass es die viel­be­schwo­rene Wirt­schaft gar nicht gibt. Den Begriff »Deutsche Film­in­dus­trie« muss man immer in Anfüh­rungs­zei­chen schreiben. Denn die wenigsten dieser Indus­tri­ellen bekommen für ihre Projekte einen Bank­kredit, wie ihn jeder anstän­dige Metz­ger­meister bekommt, wenn er eine neue Wurst­ma­schine kaufen will. Die Film­würste sind den Banken in der Regel zu unsicher. Darum gibt es Film­för­de­rung. Mindes­tens 93%, nach verläss­li­chen Angaben sogar 97% der Film­för­de­rung werden nicht zurück­ge­zahlt, sind also Subven­tionen. Dagegen ist gar nichts zu sagen, würde das Geld tatsäch­lich zur Förderung von Kultur einge­setzt. Als Förderung der Film-Groß­in­dus­trie ist es ein Schlag ins Gesicht aller unab­hän­gigen mittleren und kleinen Produ­zenten.

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Es ist gut und richtig, dass die FFA etwas Neues probieren will. Nur: Warum bedeutet Neuerung, dass man den Großen noch mehr Geld gibt, den Kleinen gar nichts? Warum tut man so, als stünden hinter der üblichen Antrags­poesie, in der jeder Film »mit Sicher­heit« »auf ein breites Publikum trifft« und »wir mit mindes­tens 200.000 bis 250.000 Zuschauern und der Premiere auf einem A-Festival rechnen« irgend­etwas anderes steht als fromme Wünsche oder offene Lügen? Im Jahr 2016 hatten von 250 deutschen Filmen nur 21 Produk­tionen mehr als 250.000 Zuschauer.
Warum also setzt die FFA auf noch mehr Einfalt, statt endlich auf Vielfalt?
Wenn man wirklich etwa Neues will, dann würde ich es mal mit dem Motto von Chairman Mao Tse-tung probieren: »Lasst viele bunte Blumen blühen!« Anstatt zum Beispiel 100 Millionen auf 10 Filme zu verteilen, könnte man 100 Filmen je 1 Million geben. Die Erfolgs­chancen würde das steigern, pro einge­setztem Euro würde mehr Filmkunst entstehen. Denn auch wirt­schaft­lich rechnet sich die »Spit­zen­för­de­rung« nicht wirklich: Ein richtiger Flop und zehn Millionen sind verbrannt, man hat aber nur einen Film.
Wie Grütters schreibt: »Auch ein deutscher Film, dem weniger als poten­tiell 250.000 Zuschauer zugetraut werden, kann ein kultu­reller aber auch ein wirt­schaft­lich erfolg­rei­cher Film sein. Beides zu erfüllen, mit Mut zum kreativen Risiko, sollte weiterhin unser Ziel sein. Die sehr erfreu­li­chen deutschen Beiträge und Erfolge in den letzten Jahren in Cannes zeigen dies deutlich. Die Förderung von Filmen wie Maren Ades Toni Erdmann oder auch Fatih Akins Aus dem Nichts oder Valeska Grise­bachs Western stünden auch der FFA weiterhin gut zu Gesicht.«

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Aber das sind erstmal schöne Worte. Eigent­lich, so scheint es, möchte die Minis­terin eine Flur­be­rei­ni­gung in der deutschen Kino­land­schaft. Sie möchte offenbar mit dem kompli­zierten Argument der angeb­li­chen »Film­schwemme« die unab­hän­gigen mittleren und kleinen Produ­zenten an die Wand fahren lassen, und in die Insolvenz treiben.
Die Sender machen da gerne mit.
Wie ihre Politik in der Praxis dem behaup­teten Ziel dienen soll, »ein Mehr an kreativer Unab­hän­gig­keit zu gewähr­leisten und kulturell anspruchs­volle, inno­va­tive und auch expe­ri­men­telle Filme noch besser zu fördern«, hat Grütters noch nicht schlüssig erklärt.

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A propos Cannes: Während Grütters mit Artur Brauner auf dem Sofa saß, und dadurch auch vor lästigen Lobby­isten etwas geschützt war, und während der liebe Gott wie jedes Jahr das »Sommer­fest« der Allianz mit Dauer­regen kommen­tierte – zumindest er ist offenbar kein Fan des deutschen Films – liefen auf einer großen Videowand in Dauer­schleife Bilder aus Cannes. Es ist doch inter­es­sant, dass selbst der Kern der Branche sich offenbar nur an Cannes ausrichtet, wo deren Filme nur selten laufen. Und dass mit Bildern von der Berlinale offenbar kein Staat zu machen ist.

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Jan Weiler, einst Co-Chef im SZ-Magazin, und dann wegen der nie geführten Inter­views von Tom Kummer zurück­ge­treten, verdient seither bekannt­lich nicht schlecht damit, seine Familie in Form auto­bio­gra­phisch inspi­rierter »Romane« zu vermarkten: Die auch verfilmten Maria, ihm schmeckt’s nicht und Antonio, ihm schmeckt’s nicht!, In meinem kleinen Land, die Stern/WamS/BR 2-Kolumne Mein Leben als Mensch, und schließ­lich Das Pubertier, seit letzter Woche auch von Leander Hausmann verfilmt im Kino. Offenbar gefällt die Jan-Weiler-Methode nicht allen.
Wie uns auf dem Filmfest München erzählt wurde, hat Jan Weilers in Buch und Film portrai­tierte Tochter vor Dreh­be­ginn höchst­selbst bei Leander Hausmann angerufen: Sie möchte, dass ihr Vater nicht zu gut wegkommt. »Mach Dir mal keine Sorgen.« Angeblich hatte die Tochter gegen das Ausschlachten ihrer Pubertät daheim protes­tiert und daraufhin zu hören bekommen: »Dafür hast Du 'nen Pool.« Erziehung 2017.

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Das sollte er öfters tun: Wolfgang Bosbach hat eine Talkshow verlassen. Welch' eine Erholung. Was Sandra Maisch­berger, Maybrit Illner und selbst Anne Will nie gelang, schaffte Jutta Ditfurth. Im Gespräch über die G20-Proteste blieben dem sola­ri­um­braunen CDU-Popu­listen die Argumente weg, darum hatte er fertig und floh vor den ARD-Kameras.
Bemer­kens­wert an der Sendung war, dass wenigs­tens Maisch­berger an einer offenen Debatte inter­es­siert war, und auch den radikalen Protestler eine Stimme gab, sich für deren Argumente inter­es­sierte.
Nicht so die meisten Bericht­erstatter: Nichts nervt an der G20 Bericht­erstat­tung mehr, als die einsei­tige Part­ei­nahme vieler für Polizei, Stadt­re­gie­rung und gegen die Demons­tranten. Ein Beispiel für das Main­strea­ming der Medien: Man berichtet am Frei­tag­morgen, in der Nacht habe es »sechs verletzte Poli­zisten« gegeben, und am Sams­tag­morgen, am Vortag habe es »mindes­tens 213 verletzte Poli­zisten« gegeben. In beiden Fällen wird aber nicht berichtet, wieviel verletzte Demons­tranten oder auch nur »normale Bürger« es gab. Warum? Die Nacht auf Samstag ist in den gleichen Medien eine »Schre­ckens­nacht«. Sie ist keine »Krawall­nacht«, schon gar keine »Protest­nacht«.
Pegida-Demons­tranten, AfD-Wähler und Flücht­lings­heim-Randa­lierer sind »besorgte Bürger«, nicht so die G20-Protestler.
Nicht einmal Ansatz­weise erlebt man Vers­tändnis für das Unfried­liche. Wer sich auf dem Maidan mit Poli­zisten prügelt, wird gelobt, paläs­ti­nen­si­sche Stei­ne­werfer werden mindes­tens verstanden, gewalt­samer Wider­stand gegen Dikta­turen sowieso, aber plötzlich ist Gewalt immer schlecht, und es heißt »Demo­kratie und Gewalt schließen sich aus.« So ein Unsinn. Die Autoren haben wohl tatsäch­lich noch nie etwas gehört von den Tradi­tionen des Ille­ga­lismus, des Situa­tio­nismus, des Insur­rek­tio­na­lismus, oder vom »poeti­schen Terro­rismus« eines Hakim Bey.

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Bemer­kens­werte Ausnahme: Der bürger­liche, aber eben auch frei­heit­liche »Tages­spiegel«: Der absurde Hamburger Einsatz­leiter Hartmut Dudde, der vom rechts­ra­di­kalen Senator Schill geför­derte Schöpfer der über­harten »Hamburger Linie«, die auch in Poli­zei­kreisen umstritten ist, wird vom »Tages­spiegel« als »Mann fürs Grobe« portrai­tiert, der »bereits vor Beginn des Wochen­endes eine fatale Wirkung erzeugte«, indem er fried­liche Zeltlager räumen ließ, Gerichts­be­schlüsse höchst einseitig und will­kür­lich inter­pre­tierte, bezie­hungs­weise deren Geist unterlief. So verlor der Staat den Kampf um die öffent­liche Meinung. »Was ist das für ein Staat, der wegen ein paar Lagen Polyester und Zelt­stangen so austickt?« (Tages­spiegel) So wurde die Eska­la­tion herauf­be­schworen, der Rechts­staat auch im Empfinden vieler Bürger außer Kraft gesetzt.
Das kam bei Maisch­berger zu Recht zur Sprache und war für Bosbach uner­träg­lich.

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Tschüss Rechts­staat: Es ist mir zwar nicht egal, aber auch keines­wegs die Haupt­sorge, wenn in Hamburg Mülleimer oder Autos abge­fa­ckelt werden, wenn zugleich der Staat so reagiert, wie er reagiert hat. Mit Poli­zei­willkür und Aussper­rung der Pres­se­ver­treter. Geklärt werden muss die Frage, wie es sein kann, dass das Bundes­pres­seamt während der Protest­woche bereits erteilte Akkre­di­tie­rungen zurück­zieht und den betrof­fenen Kolle­ginnen und Kollegen die Bericht­erstat­tung über den Gipfel untersagt. Gibt es Gründe, dann müssen sie veröf­fent­licht werdem ansonsten darf so etwas nicht wieder vorkommen. Dass dann schwarze Listen über die Bericht­erstatter vom türki­schen Auto­kraten Erdogan stammen, ist mehr eine Fußnote am rechten Rand.
Der Schutz der Meinungs- und Pres­se­frei­heit ist genauso wichtig wie der Schutz des Eigentums. Nur reden wir leider zu viel übers Eigentum, und zu wenig über Meinungs- und Pres­se­frei­heit.
Der Münchner Autor und Büchner-Preis­träger Rainald Goetz war da in Bezig auf Staat und Presse bereits 1978 weiter als Wolfgang Bosbach und Heiko Maas: in dem Text »Privi­le­gien, Anpassung, Wider­stand«, den er 1978, im Kursbuch 54, kurz nach dem »Deutschen Herbst« schrieb, heißt es:
»Als ob es nicht gerade diese Alter­na­tiv­lo­sig­keit wäre, die uns an system­im­ma­nenten Lösungen radikal zweifeln lässt. Welche, wenn nicht solche Erfah­rungen, solche unzu­rei­chenden Antworten, solch exem­pla­ri­sches Unver­s­tändnis treiben die jungen Leute, einige wenigs­tens, stück­weise in die poli­ti­sche Krimi­na­lität, oder zumindest in ein hand­festes Sympa­thi­san­tentum? Denn der poli­ti­sche Wahnsinn des Terrors verliert ange­sichts des staat­li­chen Wahnsinns der Reaktion viel von seinem scheuß­li­chen Gesicht.«

(to be continued)