12.05.2016
69. Filmfestspiele Cannes 2016

Das Raum­schiff hebt ab

Café Society von Woody Allen
Der perfekte Eröffnungsfilm für die Film-Society von Cannes: Woody Allens Café Society
(Foto: Warner Bros. Entertainment GmbH)

Klasse statt Masse: Die Filmfestspiele von Cannes sind das stärkste Festival der Welt – heute Abend wird eröffnet; Cannes-Notizen, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Einen ersten Rekord gibt es bei den Inter­na­tio­nalen Film­fest­spielen von Cannes schon vor dem Start: Zum dritten Mal beginnt das renom­mier­teste Film­fes­tival der Welt mit einem Film von Woody Allen. Das hat es noch nie gegeben, dass ein Regisseur das Festival gleich dreimal eröffnet.

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Woody Allens neuer Film Café Society verspricht zumindest von der Papier­form her, was man von einem perfekten Eröff­nungs­film, wie überhaupt von einer Woody-Allen-Komödie, erwarten darf: Große Party? Na hoffent­lich! Unter­hal­tung? Ganz klar. Da alles im Hollywood der Dreißiger Jahre spielt, darf man aber auch eine Hommage an die Glanzzeit des Kinos und eine Selbst­re­fle­xion des Mediums Film erhoffen.

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Wenn die 69. Ausgabe der Fest­spiele heute Abend vom künst­le­ri­schen Leiter Thierry Fremaux offiziell eröffnet wird, laufen gleich einige Weltstars über den roten Teppich direkt neben dem Strand der sonnig-blauen Côte d’Azur: Nicht allein Kristen Stewart, das erstaun­liche ameri­ka­ni­sche Starlet, das in Café Society eine Haupt­rolle spielt, und längst dem Zwielicht der Mädchen-Vampir-Serie Twilight auf die Höhen echter Filmkunst entstiegen ist. Und die den Weg über die 24 Trep­pen­stufen zur tradi­tio­nellen Begleit­me­lodie des »Karnevals der Tiere« vom fran­zö­si­schen Kompo­nisten Camille Sains-Saens, ein paar Tage später gleich noch einmal gehen darf: Schließ­lich spielt Stewart auch die Haupt­rolle in Personal Shopper, dem Wett­be­werbs­bei­trag des Franzosen Olivier Assayas. Assayas' Film ist auch der, auf den ich mich persön­lich am meisten freue im Wett­be­werb – was ja nicht immer ein gutes Zeichen für die Gewinn-Chancen des Films sein muss.

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Dieser Mittwoch bildet nur den Auftakt eines glamourösen Star­rei­gens: »Ein Festival der Stars« wurde von den Veran­stal­tern für dieses Jahr verspro­chen. So erwartet man unter anderem: Juliette Binoche, Julia Roberts, Charlize Theron, George Clooney und Robert De Niro. Außerdem soll der Musiker Iggy Pop für eine Mitter­nachts­pre­miere von Jim Jarmuschs Doku Gimme Danger kommen.

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Nach acht Jahren, und wenn man Wim Wenders' britisch-franz­sisch-deutsche-US-Co-Produk­tion Don’t Come Knocking abzieht, sogar nach zwölf Jahren, kämpft 2016 auch mal wieder ein deutscher Film im Wett­be­werb um die Goldene Palme. Die in Berlin lebende, aus Karlsruhe stammende Regis­seurin, nebenbei Absol­ventin der Münchner HFF, Maren Ade, hat mit ihrem erst dritten Spielfilm Toni Erdmann dieses Ziel erreicht. Sandra Hüller und der öster­rei­chi­sche Burg­schau­spieler Peter Simo­ni­schek spielen die Haupt­rolle in dieser leicht skurrilen Vater-Tochter-Geschichte. Kopro­du­ziert wurde der Film von der sehr hippen Wiener Produk­ti­ons­firma coop99, die schon viele Filme an die Croisette brachte.

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Insgesamt 21 Filme laufen im Wett­be­werb. Neben Cannes-Neulingen wie Ade auch die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Belgien, die bereits zweimal die Palme gewannen, der Spanier Pedro Almodóvar, der Brite Ken Loach oder der Franzose Bruno Dumont. Außer Konkur­renz laufen Jodie Fosters Thriller Money Monster, und Neues von Jim Jarmusch und Steven Spielberg – auch in den Nebensek­tionen ist Cannes, das nur ein Viertel so viel Filme zeigt wie die Berlinale, das stärkste Festival der Welt: Klasse statt Masse.

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Wenn es gleich losgeht, ist der Vergleich, der mir dazu am ehesten einfällt, der eines Raum­schiffs. Zumal der »Palais des Festivals et des Congrès« von außen so aussieht und auch die Größe hat wie ein Schiff der Impe­rialen Flotte aus Star Wars.
Wir heben ab, und befinden uns von heute an für zwei Wochen nicht nur im Nabel des Weltkinos, sondern in einem eigenen Orbit.

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Während neben Stewart heute Abend Steve Carrell, Jesse Eisenberg und natürlich Woody Allen höchst­selbst dem Publikum im fast 2000 Plätze fassenden Palais du Cinema ihre persön­liche Aufwar­tung machen, geht es dann im Wett­be­werb schon gleich zur Sache. Für die Presse – die ja die Filme immer ein bisschen früher sieht, um dann auch recht­zeitig darüber schreiben zu können – läuft parallel der erste von zwei rumä­ni­schen Wett­be­werbs­bei­tägen: Sier­an­evada von Cristi Puiu. Darin geht es offenbar irgendwie um die »Charlie Hebdo«-Attentate vor einein­halb Jahren.

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Der Terror hat das Festival sowieso erreicht. Man sieht mehr Polizei als in den Vorjahren, und sie wirkt schwerer bewaffnet. Sie wirkt zumindest so. Denn neulich habe ich mir sagen lassen – eine auf den ersten Blick überaus verwun­der­liche, dann aber einleuch­tende Infor­ma­tion –, dass die Poli­zisten bei solchen Anlässen in ihren Maschi­nen­pis­tolen und Gewehren keine scharfe Munition haben – so wenig wie die Wachen vor den Synagogen oder jene Bundes­wehr­sol­daten, die in Hannover die »Ehren­garde« für den US-Präsi­denten spielen mussten.
Offenbar schätzt man beim FBI die Wahr­schein­lich­keit größer ein, dass ein Bundes­wehr­soldat Lust hat, plötzlich auf Obama zu schießen, oder das ihm aus Versehen die Waffe aus der Hand fällt und losgeht, als dass er sie zur Vertei­di­gung braucht. Was die Polizei angeht, haben die Verant­wort­li­chen offenbar Angst, dem Waffen­träger könne die Waffe einfach geklaut werden, dann möchte man vor Ort nicht auch noch gleich scharfe Munition bereit­stellen.
Es geht also nur um den martia­li­schen Eindruck, um Gehabe, um Schein, nicht um das, was »wirklich« dahinter steckt – und dieser Gedanke passt zu Cannes nun wirklich perfekt.

(to be continued)