10.09.2014
71. Filmfestspiele von Venedig 2014

Das Regiment der Vögel

Pasolini
Pasolini: Abel Ferrara hat einen Film über seine filmische Schwesterseele gemacht
(Foto: Capricci Films (France) Europictures (Italy))

Ein romantischer Deutscher Film und Götter im Kino; am Tisch mit Roy Andersson, der Goldene Löwe ist nicht alles, die deutsche Filmkritik auch nicht mehr, Ferraras Pasolini und Eckhart Schmidts Fassbinder – Venedig-Notizen, Folge 4

Von Rüdiger Suchsland

Mittwoch, 14 Uhr, Sala Perla: Wie übersetzt man bloß so einen deutschen Titel »Zerrum­pelt Herz«? Im Italie­ni­schen versucht es das Festival mit »Cuori Fran­tu­mati«, das klingt nicht schlecht – aber ich kann halt auch kein Italie­nisch. Das englische »shattered hearts« klingt mir zu prag­ma­tisch...

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Manchmal dauert es über eine Woche, bis man endlich dem begegnet, weswegen man Festivals wie dieses vor allem besucht: Eine Über­ra­schung, etwas, was man so vorher noch nie gesehen hat. Diesmal ging es mir so, wer hätte das gedacht, ausge­rechnet mit dem dritten und letzten deutschen Beitrag auf diesem Festival: Zerrum­pelt Herz, das Regie­debüt des Film­stu­denten Timm Kröger, das in der Sektion »Settemana de la Critica« (»Woche der Kritik«) läuft. Kröger ist gerade 28 Jahre alt, das Ganze sein Abschluss­film und allein, es zu schaffen mit einem Hoch­schul­werk in Venedig zu landen, ist natürlich schon eine groß­ar­tige Leistung für sich – neben Kröger auch von seiner Produ­zentin Viktoria Stolpe und seinen übrigen Mitstrei­tern.

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Wo vom Herz die Rede ist, da ist die Romantik nicht weit, und tatsäch­lich... Ein deutscher Wald, Laubbäume, Sommer­licht. Drei Menschen, eine Frau und zwei Männer. Eine Off-Stimme liest aus einem Brief. Ihn hat ein Komponist geschrieben, der sich offenbar aus dem brodelnden Berlin hierher zurück­ge­zogen hat oder eher geflohen ist, wohl auch um zu kompo­nieren, und die drei einlädt, ihn zu besuchen. Ressen­ti­ment und Leidens­druck prägen den Ton, denn der Schreiber lässt sich über »Hinde­miths Gebrauchs­quatsch« und »Weills Neger­musik« aus, schreibt er habe weniger »Glück gehabt« in Bezug auf Frauen, als der Empfänger Paul, der verhei­ratet ist. Dies ist der Mann, der vorangeht, und die Frau von der die Rede ist, ist seine: Anna. Der Schreiber namens Otto spielt dann auch das vermeint­lich Unreine der Großstadt gegen das vermeint­lich Reine der Natur aus, schwärmt über »diese Wälder und die Töne, die mich hier umgeben.«

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Damit sind nicht nur Haltung und kultu­relles Umfeld charak­te­ri­siert, sondern auch die Epoche: Schon vor dem ersten Bild hatte eine Texttafel auf das Buch »Otto Schiff­mann« von 1931 verwiesen – das entpuppt sich erst dann als Fake, wenn ein Insert den Epilog am Filmende »1932« ansiedelt.
Davor, während die drei noch durch den Wald latschen, ein erstes Insert: »1929«. Das fixiert die Handlung endgültig in den letzten glück­li­chen Wochen der »Stabi­li­täts­zeit« der Weimarer Republik, im Sommer vor der Welt­wirt­schafts­krise, dem gleichen Sommer, in dem die Brüder Siodmak, Edgar G. Ulmer, Eugen Schüfftan und Billie Wilder ihren »Menschen am Sonntag« drehten, dieses atem­be­rau­bende Werk über andere, noch etwas jüngere Menschen in eben jenem Weimar-Berlin, der Moder­ne­me­tro­polis, die der Brief­schreiber Otto so voller Faszi­na­tion verachtet.

Ich kann hier nicht ganz von meinem eigenen Film absehen, der Von Caligari zu Hitler heißt, und auch hier auf dem Festival läuft – weil ich es doch so über­ra­schend wie bezeich­nend finde, dass gerade jetzt Weimar aktuell ist, jeden­falls fürs Ausland. Eine Demo­kratie zwischen Utopie und Abgrund, eine Stabi­li­täts­zeit, auf die in unserer retro­spek­tiven Wahr­neh­mung die Schatten der Zukunft fallen.
Der Präna­zismus zieht sich aufs Subtilste auch durch Krögers Film. In der Kleidung, in den Frisuren, in den Gesten, in der Sprache, in den Themen. Und natürlich in dem, was dann hier geschieht. Schon sehr früh dachte ich an Visconti, an seine »Deutsche Trilogie« wozu natürlich die Musik­zi­tate Gustav Mahlers ihren Teil beitrugen.

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Der Film ist ausge­spro­chen gut gecastet. Diese Gesichter glaubt man tatsäch­lich aus Bildern, vor allem Photo­gra­phien der Epoche zu kennen. und sie sind, wie man so sagt, »sehr deutsch.« Klar: Jetzt kann man sagen, was ist denn ein »deutsches Gesicht« und Alicia Rohr­wa­cher zum Beispiel sieht viel­leicht auch sehr deutsch aus, ist aber Italie­nerin. Trotzdem werden viele das so empfinden, und mit »sehr deutsch« ist auch immer gemeint: Altmo­disch. Vergangen. Roman­tisch. So wie Deutsch­land vor 1945 gewesen ist.
»Sehr deutsch« ist vieles in diesem Film. Grund­sätz­li­ches wie die spezielle Romantik, Natur und Märchen­haftes, wie der Irra­tio­na­lismus der Figuren und viel­leicht sogar des ganzen Films. Diesen Begriff meine ich übrigens so wenig als Vorwurf, wie das »sehr deutsch«, aber das muss man wohl doch dazu sagen.
Sehr deutsch sind zum Beispiel auch die weißen Vorhänge vor den Fenstern der Hütte, so scheint mir zumindest. Gibt’s so etwas auch woanders?

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Der Wald, in den der Regisseur und sein Co-Autor Roderick Warich die drei Menschen versetzen, ist ein klas­si­scher deutscher Märchen­wald, ein Ort voller Geheim­nisse und Abgründe. Die drei wollen Erholung auf der Hütte ihres Freundes finden. Doch der Komponist ist verschwunden, und sie dadurch sich selbst ausge­lie­fert. Das bekommt ihnen nicht.
Sie richten sich in der Hütte ein. Durch­su­chen den Raum. Sie finden ihn unor­dent­lich, sie finden ein bisschen Essen und Alkohol, sie finden Ottos Kompo­si­tionen, die Paul bald seltsam in die Gesängen der Vögel im Wald wieder­zu­ent­de­cken meint. Sie finden einige Photo­gra­phien, aus denen hervor­geht: Otto war Front­kämpfer im Ersten Weltkrieg. Sie finden auch die Kopie eines Gemäldes: „L’Origine du monde“ von Gustave Courbet, das besonders Willi seltsam zu faszi­nieren scheint. Später sprechen die Männer, als sie sich vor der Hütte allein glauben, über Otto. Er sei in seiner Studi­en­zeit ein Frau­en­held gewesen, und jetzt finde man den Vermissten vermut­lich in einem Bordell, erklärt Paul, nicht ganz ohne Neid. Ein Bordell­be­such könnte ihm passen, ergänzt Willi. Anna hört das Gespräch mit. Es ist beein­dru­ckend, wie Kröger dafür sorgt, dass sich über solche Signale langsam, aber unauf­haltsam die Sexua­lität in die Hütten­si­tua­tion einschleicht.

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Zugleich ist Otto als Abwe­sender doch ganz präsent. In den Erzäh­lungen und Gesprächen der Freunde, den unaus­ge­spro­chenen Riva­li­täten, den jewei­ligen Sehn­süchten der Figuren. Später im Bett erzählt Paul Anna von seinen Erin­ne­rungen an den Freund – der wohl nicht immer nur freund­schaft­lich gehandelt hat. Seine Kompo­si­tionen seien die besseren gewesen. »...ob es daran liegt, dass er im Krieg war und ich nicht?« »Du bist mein Komponist.« sagt sie.

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Später dann erzählt Willi, dass das Gemälde von Courbet stammt und wie es heißt. Das ist, scheint mir, eher ein schwacher Moment des Drehbuchs; das hätte man nicht mehr erklären müssen. Entweder man weiß das alles, oder halt nicht. Aller­dings erzählt die Szene auf subtile Weise etwas von Willis Interesse für Anna. So auch, wenn Willi davon erzählt, das Bild zeige womöglich Courbets Model und Geliebte Joanna Hiffernan. Die sei aller­dings rothaarig gewesen – wie Anna. Diese Szene verweist noch in anderer Hinsicht auf das Kommende, den Hiffernan war vor allem mit einem anderen Künstler, mit dem US-Maler Whistler liiert.

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Man könnte so weiter den Anspie­lungen der Szenen nachgehen, man sollte ihn aber auch nicht zu Tode analy­sieren und zerreden. Zerrum­pelt Herz ist ganz aus einem Guß, entfaltet einen bemer­kens­werten Sog und ist vor allem ein sinn­li­ches Erlebnis. Es ist dies aller­dings auch dadurch, dass der Film intel­li­gent ist, mit Refe­renzen arbeitet und diese genau gewählt sind. Nichts ist hier schlampig oder unachtsam.

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Als sich die Bezie­hungs­dy­namik bereits zuspitzt, verlaufen sich die drei bei einer weiteren Tages­wan­de­rung im Wald. Erst spät, fast im Dunkel kommen sie zurück – und da ist der Künstler Otto plötzlich wieder da. Doch wirkt er verstört und sprachlos, wie ein Schlaf­wandler, oder ein Geist. »Der war früher schon schwer­mütig und wunder­lich und hat dann tagelang geschlafen.« tut Paul sein Verhalten ab. Die anderen spüren mehr.
An diesem Abend sieht man Anna erstmals rauchen, wie die Männer. Ihre Rolle rückt mehr und mehr ins Zentrum. Schon vorher hat man gespürt, dass sie sich von ihrem Gatten allmäh­lich entfremdet, eman­zi­piert. Es fallen merk­wür­dige Sätze: »Willi kann bei Dir im Bett schlafen, und ich auf dem Boden – ist ja nur für den Moment.« sagt Paul, weil Willi nach Ottos Auftau­chen ein Bett braucht. Paul bringt die beiden fast zusammen, als ob er seine Frau loswerden wollte, sich bereits auf eine andere Welt vorbe­reite.
Ein paar Tage später, ist Anna mit dem schla­fenden Otto allein. Sie wäscht ihn, erweckt ihn gewis­ser­maßen. Denn er wacht auf, und wie in Trance schlafen die beiden wortlos mitein­ander. Als Willi zurück­kehrt, ist Otto verschwunden, und er photo­gra­phiert die gelöst und verändert ausse­hende Anna.
Auch Paul spürt diese Verän­de­rung und ihre Unab­hän­gig­keit, und während Willi abreist, beschließt er mit Anne – »Du kannst ja machen, was Du willst.« – einen myste­riösen See zu suchen, den Otto beschrieben hatte. Das gelingt. Schnitt: Ein nächt­li­cher, fast pech­schwarzer Wald. In der Nacht sieht Paul auf einer Insel im See ein Feuer und eine steile Rauchsäule. Schnitt: Man sieht Anna weinen, ihr Gesicht ist dreckig. »Paul – Du gehst da nicht rüber. Da ist irgend­etwas Seltsames.« Der »Instinkt der Frauen«. »Unsinn. Du wartest hier auf mich. Otto braucht Hilfe, das ist alles.« Am Morgen schwimmt er hinüber, und findet ein grünes Licht. Gegen Abend sehen wir sie, suchend hinüber blickend. Die Kamera löst sich von ihrem Gesicht, fährt langsam zurück, sie scheint eins mit dem Wald zu werden, und wir wissen, dass er nicht zurück­kommen wird. Aller­spä­tes­tens jetzt darf man auch an Anto­nionis L’avventura denken.
Ein Epilog zeigt Anna im Zug, mit einem knapp vier­jäh­rigen Kind. 1932 zeigt das Insert. Dann sind sie an einem nörd­li­chen Strand, den Caspar David Friedrich gemalt haben könnte. Sie trifft Willi, erzählt, dass die Suche nach den Vermissten seiner­zeit erfolglos gewesen sei, und dass ihr Sohn Hannes heiße, nach einem Verwandten von Paul. Wir aber wissen: Otto ist der Vater. Das bestätigt die Tatsache, dass Hannes bislang nicht spricht, aber eine Melodie summt, die der aus dem Wald verblüf­fend ähnelt...

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In diesem Epilog sieht Anna urban aus, gewandelt. Und sie ist geschminkt. Der Film, das entpuppt sich etwa zur Mitte, ist ganz ihre Geschichte, die Erzählung ihrer Befreiung in mehr­fa­cher Hinsicht. Sie lernt, sich gehen zu lassen, auszu­bre­chen, die andere Seite zu besuchen – Iden­ti­fi­ka­tionen einer Frau. Und ein blen­dender Auftritt für Eva Maria Jost.

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Gegen Ende wendet sich Zerrum­pelt Herz wie eine Gothic Novel, oder eine Kurz­ge­schichte von E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allen Poe ins Surreale. Die Vogel­stimmen erscheinen als Zauber, der zumindest die beiden Musiker in seinen Bann zieht. Wenn Paul in den Nebel­schwaden des Sees verschwindet, erklingt Mahlers 10.Symphonie. Ein rätsel­hafter Grundton, das Zusam­men­spiel von Kamera und Musik erinnert dezent noch einmal an einen ganz Großen: Denn Zerrum­pelt Herz ist auch die Studenten-Version eines Visconti-Films. Die male­ri­schen Kulissen, die Musik, eine fließende Kamera (außer­or­dent­lich gut: Roland Stuprich), die immer wieder Sehn­suchts­bilder malt, fügen sich zu einem mitunter perfekten Film-Tableau, das zugleich viele Klischees des typisch Deutschen bedient, das auch manche offene Fragen der Handlung nur durch einen Irra­tio­na­lismus löst, für den Romantik nur ein schöneres Wort ist. Auch eine gewisse Bedeu­tungs­hu­berei, eine ganz zarte Neigung zu Manie­rismen kann man dem Film nicht abspre­chen. Dieses roman­ti­sche Film-Drama ist irra­tional, ist eksta­tisch, taghelle Mystik, und die irgend­wann auftau­chende Frage, was es eigent­lich mit diesem Paul auf sich hat, ob er ein Vernunft­s­mensch ist, oder ein Sehn­suchts­mensch, die könnte man auch dem Regisseur stellen. Aber in der besseren Variante der deutschen Romantik, der Jenaer, der Schlegels, Novalis', Kleists, oder des des »Ältesten System­pro­gramms« von Hegel, wie später bei Hoffmann, Heine, Nietzsche konnte beides recht gut neben­ein­ander bestehen.
So möchte ich diesen Film verstehen: Seelen­kino und als solches gewiß nicht für jedermann. Aber die Heraus­for­de­rung ist es in diesem Fall produktiv. Sie zwingt den Betrachter sich unbe­quemen Fragen zu stellen. Und stilis­tisch, wie gesagt, findet man Momente und Bilder, die an Größere erinnern.
Der Wald steht schwarz und schweiget...

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Vergessen wir auch nicht: Es ist ein Erst­lings­werk – und vergli­chen mit anderen Erst­lings­werken meilen­weit besser als 80, 90 Prozent aller anderen deutschen Film­hoch­schul­ab­schluss­filme. Er ist mutig, ganz eigen. Faszi­nie­rend. Zerrum­pelt Herz ein hervor­ra­gendes Debüt, einer der aller­besten und allemal der über­ra­schendste Film im bishe­rigen Festival.

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Wer inter­pre­tieren möchte, der könnte sich den Film noch einmal angucken, und zwar unter der Prämisse, dass das Ganze nichts als ihre Wunsch­phan­tasie ist.

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Und schön ist auch: Insel auf Italie­nisch ist Isola – da haben wir dann schon fast die Isolation.

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Chris­tophe Honoré, das wissen wir schon lange, traut sich was. Jetzt hat er Ovid verfilmt: Meta­mor­phoses. Und der Zufall dass ich diese beiden Filme aufein­an­der­fol­gend sah, führte zu jenen sonderbar-bezau­bernden Koin­zi­denzen und Korre­spon­denzen, die wie nur ein Film­fes­tival bietet.

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Auch hier ein Wald: Ein Jäger mit Flinte durch­streift ihn, wir sind ohne Frage in der Gegenwart. Plötzlich trifft er auf eine Lichtung, und sieht eine nackte rothaa­rige Hexe, neben einem Wohnwagen. Sie wäscht sich mit einem Benzin­ka­nister voller Wasser, dann blickt sie auf und schaut den Jäger unver­wandt an: Sie ist ein Trans­se­xu­eller, war ein Mann. Der Jäger flieht, aber der Zauber der Hexe hat ihn schon ereilt. Er flieht zur Autobahn, doch kurz davor ist er in einen Hirsch verwan­delt. Ein anderer Jäger schießt auf ihn...

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Honoré erzählt Geschichten von Ovid und den antiken Mythen: Europa und Jupiter, Io, Argus hat überall Augen, Hera ist eifer­süchtig. Er nimmt die Mythen einer­seits wort­wört­lich und eins zu eins, aber ande­rer­seits versetzt er sie in die Gegenwart. Das heißt, die Göttinnen und Sterb­li­chen sind alle Klein­bür­ger­töchter mit kurzen H&M-Röcken und Carrefour-Tüten, die Männer als poten­ti­elle Verge­wal­tiger, Narcissus ein Mädchen­held und Basket­ball­spieler, und alle Götter sind ein bisserl wahn­sinnig. Die Girls sehen alle gut aus, die Jungs sehen alle zu gut aus. Sie haben dreckige Fingernägel und zwar sämtlich alle, so als hätte Honoré die Masken­bild­nerin vor dem Dreh noch was Schwarz drunter schmieren lassen. Der Verfrem­dungs­ef­fekt funk­tio­niert und fesselt trotzdem eine ganze Weile.

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Die Natur des Gött­li­chen ist die Verwand­lung. Das wird hier klar, erinnert daran, dass auch Zerrum­pelt Herz von Verwand­lungen handelte. Das Göttliche ist in allem. Wir müssen wieder Spinoza lesen.

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Während des Scree­nings im Saal »Perla Due«, wo tagsüber die Pres­se­kon­fe­renzen statt­finden, sieht man Vögel über die Leinwand fliegen. Zuerst glaube ich, das sei Teil des Films. Dann verstehe ich: Nein – zwei Vögel sind in den Perla Due einge­drungen und fliegen durch den Licht­schein über die Leinwand. Verwan­delte Götter, die sich das Werk Honorés nicht entgehen lassen wollen? Götter­boten? Oder gar Paul und Otto, die es aus dem deutschen Märchen­wald an den Lido verschlagen hat? So oder so jeden­falls ein wunderbar poeti­scher Effekt.

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Schon gemerkt? Die deutsche Bericht­erstat­tung aus Venedig lässt in diesem Jahr auch vom Umfang her sehr zu wünschen übrig: Sowohl »Süddeut­sche« wie FAZ berichten nicht mehr wie gewohnt jeden Tag im Blatt. Immerhin schreibt Dietmar Dath parallel einen Blog, der freier formu­liert und sehr lesens­wert ist, nicht nur deshalb, weil er dort eine schöne kluge Miniatur über meinen eigenen Film geschrieben hat. Gerade sein Bild, ich böte »sozusagen ein eigenes Arran­ge­ment von Kracauers Musik, er spielt eine freie Cover­ver­sion« gefällt mir sehr gut.
Die »SZ« hat keinen eigenen Blog. Aber selbst dann wäre das alles natürlich ein schlechtes Zeichen. Denn Blogs wie dieser hier, parallel und quer zu den Print­me­dien zugleich, sind etwas anderes als die Blogs der etablierten Medien. Die sind – auch Dath immerhin versucht, ein bisschen etwas anderes draus zu machen – nur ausge­la­gerte Zeitung. Zeitung zweiter Ordnung, Zeitung ohne Druck­kosten. Und es ist klar, welche Entwick­lung der Kapi­ta­lismus erzeugt: Immer öfter wird es heißen. »Warum denn so viel Film­fes­tival im Blatt, das kann man doch auch im Blog machen.« Kann man natürlich nicht, denn das Blatt hat andere Leser. Die Blogs der Zeitungen sind der Ort fürs weniger Wichtige.
So schafft sich die Zeitung selber ab.

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Viel­leicht kann es nicht anders sein. Aber gut ist es nicht. Hinzu kommt dann, dass das worüber berichtet wird immer wieder viel zu sehr auf den Wett­be­werb konzen­triert bleibt. Aber der Goldene Löwe ist nicht alles. Die vielen größeren und kleineren Perlen der Neben­reihen gehen auf diese Weise der Welt verloren. Aufmerk­sam­keit bekommt nur noch das, was bereits Aufmerk­sam­keit hat. Der Sinn von Kritik liegt aber gerade darin, dem Aufmerk­sam­keit zu geben, was sie zwar verdient, aber nicht bekommt. Den Rest erledigt die PR.

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Im »Maleti« kann man ja späta­bends nicht nur uns Kritikern begegnen, sondern auch Filme­ma­chern. Vorges­tern saß da Roy Andersson am Neben­tisch, gemeinsam mit acht schwe­di­schen Kritikern. Das würde einem deutschen Regisseur nie passieren, außer bei Round-Table-Inter­views – bei uns ist auch das nicht so entspannt wie bei den Schweden, und das schlägt sich natürlich auch in den Filmen nieder. Andersson ist aller­dings auch leicht zu übersehen, er sieht aus wie eine der sympa­thi­scheren Figuren aus seinen Filmen, ein älterer mit zu wenig Haaren und etwas zu viel Bauch. Ich hab ihn gar nicht gleich gesehen, und um ein Haar wäre ich kurz zu dem Tisch gegangen, und hätte die Schweden gefragt, wie sie denn den neuen Andersson finden. Das wäre was gewesen...

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Gestern dann saßen wir irgend­wann mit der Italie­nerin Alicia Rohr­wa­cher und dem Argen­ti­nier Lissandro Alonso gemeinsam am Tisch. Die sind beide in der Jury, sie hatte Violeta, mit gebracht, die ja nicht nur in Argen­ti­nien Produ­zentin ist, sondern auch für die Mostra arbeitet.
Im Gespräch vertei­digten Markus aus Wien und ich den neuen Abel-Ferrara-Film, mit dem vor allem die Damen in der Runde gar nichts anfangen. Abel Ferraras Portrait des italie­ni­schen Filme­ma­cher-Dichter-Philo­so­phen Pier Paolo Pasolini hatte man gespannt, aber auch bang erwartet. Was würde das Entfant Terrible, der Chaot des Italo­ame­rican Cinema mit Pasolini machen?

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Es gelang über­ra­schend gut: Willem Dafoe spielt die Haupt­figur mit amer­ri­ka­ni­schem Akzent. Ferrara konzen­triert sich auf Pasolinis letzte Tage vor dessen myste­riöser Ermordung am Strand von Ostia, und schlägt Rück­blicks­schneisen in die Vergan­gen­heit. Im Zentrum steht Pasolini als poli­ti­scher Künstler und als Provo­ka­teur des konser­va­tiven Nach­kriegs­ita­liens. Ein Zeit­por­trait, das immer wieder in die Aktua­lität mündet, und sofort große Lust macht, Pasolinis Bücher aus dem Schrank zu holen. Ferrara könnte mit seinem besten Film seit Jahren einen Preis holen.

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Der Film sollte am besten »Pasolini by Ferrara« heißen, meinte Markus. Oder »Ferraras Pasolini« fand ich. Erinnert sich jemand noch an die tollen Titel der Siebziger: Fellinis Casanova?
Wir machten uns dann einen Spaß daraus, noch ein paar solche bizarren Paarungen zu erfinden: Welchen Regisseur hätten wir gern von welchem Kollegen portrai­tiert? Markus kam auf die wunder­bare Komi­na­tion: »Herzogs Takeshi Miike: meine Favoriten: ›Eckhart Schmidts Fass­binder; »Paul Verhoe­vens Riefen­stahl. Und natürlich: ›Marga­rethe von Trottas Schlön­dorff natürlich. Wenn Casanova Film­re­gis­seur gewesen wäre.‹«‹«

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Red Amnesia vom Chinesen Wang Xiaoshuai erzählt von einer alten Frau, die von den Geistern der Vergan­gen­heit heim­ge­sucht wird. Sie mate­ria­li­sieren sich in einem jungen Mann mit merk­wür­digen Manieren, den man lange für einen Geist und dann für einen Seri­en­mörder halten muss. Er ist keines von beidem, sondern der Enkel einer Familie, die alte Dame einst während der Hexenjagd der Kultur­re­vo­lu­tion denun­zierte. Das Verdrängte kehrt zurück. Eine spannende Psycho­studie, die Horror­film­ele­mente mit einer doku­men­ta­ri­schen Reise verbindet, die das Publikum in halbe Geis­ter­s­tädte führt: Verlas­sene Fabriken und herun­ter­ge­kom­mene Dörfer, in denen einst das Heer der Arbeiter hauste, die in die Fabriken zwangs­ver­pflichtet wurden.

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Auch dieser Film könnte einen Preis bekommen, zum Beispiel für seine Haupt­dar­stel­lerin. Der Schwede Roy Andersson A pigeon sat on a branch reflec­ting on existence (wir berich­teten) bleibt aber nach wie vor der klarste Favorit auf den Goldenen Löwen.

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Im Fahrstuhl auf der Fahrt nach oben zum Pres­se­raum höre ich einem Gespräch zu: »Sie können nicht zum zweiten Mal hinter­ein­ander einem Doku­men­tar­film den Goldenen Löwen geben« Nein? Können sie nicht? Ich bin mir nicht so sicher. Ich möchte zwar auch nicht, dass Joshua Oppen­heimer für seine Indo­ne­sien-Terror-Doku irgend­etwas gewinnt. Die ist mir zu manie­riert. Aber ich glaube er hat gute Chancen, zu viele Kollegen mögen den Film.
Mein persön­li­cher Favorit Trois coeurs wird eher nichts bekommen, da bin ich eigent­lich sicher. Ich glaube nach wie vor an Roy Anders­sons A pigeon sat on a branch reflec­ting on existence. Aber heute hatte ich mir gedacht, dass auch Red Amnesia des Chinesen Wang Xiaoshuai echte Chancen auf einen großen Preis hat. Der Film wird besser und besser in der Erin­ne­rung.

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Das Frag­wür­dige bei Oppen­heimer ist, dass er seine Prozesse nicht offenlegt, und irgendwie auch, dass er zu längst Bekehrten predigt. Wie schon bei Oppen­heimer stellt sich noch mehr bei Ulrich Seidl (der hier diesmal nicht im Wett­be­werb läuft) die Frage, ob und wo das alles überhaupt als Doku­men­tar­film bezeichnet werden muss. Oder ist es nicht viel mehr Laien­theater im Wortsinn: Mit Laien über Monate zuerst recher­chierte, dann eingeübte Szenarien. Jede Spon­ta­n­eität ist aus diesen Filmen getilgt. Seidl »gestaltet« die Wirk­lich­keit, er bildet nicht ab, doku­men­tiert nicht, sondern schafft, was er zeigt. Das finde ich bis zu einem gewissen grad unredlich, auch wenn ich gern glaube, dass er viel recher­chiert und dass das, was ich am Ende auf der Leinwand sehe, etwas mit alldem zu tun hat. Aber ich muss es eben glauben, Seidls Filme geben mir darüber hinaus nichts, wodurch ich Aufschluss über diesen Prozess und Auswahl­kri­te­rien bekomme. Das gibt ihnen eine geradezu tota­li­täre Note, einen Herren-Gestus.
Im Interview will Seidl zuerst nichts gelten lassen, was man über seine Prot­ago­nisten sagt, weist »bildungs­fern« und »Unter­schicht« zurück, beschreibt sein Milieu dann aber doch in einem Moment der Unauf­merk­sam­keit selbst als »durch­schnitt­liche« Personen. Er habe sehr viele »Kandi­daten« getroffen, erzählte Seidl. Das hört sich dann an wie ein Casting. Aber kann man Wirk­lich­keit casten?
Auch über den Film The Postmans White Nights von Andreij Koncha­low­skii, der im Wett­be­werb läuft und ein absolut gespielter Doku­men­tar­film ist, kann man Ähnliches sagen.

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Die liebe Kollegin Anna vom BR, (der Name wurde auf ihren Wunsch geändert) hat Seidl im Interview gefragt, ob das Ganze nicht auch auf RTL laufen könnte. Fand er wohl nicht so witzig, und meinte da würden die Leute ja ausge­beutet. Anna hat auch treffend vermutet, es seien »alles Stell­ver­tre­ter­ge­schichten«, im Grunde habe Seidl einen Film über sich drehen wollen, und daran gemessen sei das Resultat ein wenig feige. Da kann ich nur zustimmen. Bleibt die Tatsache, dass es Seidl immer wieder gelingt, vieles infrage zu stellen, was wir über Film zu wissen glauben.

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Program­mie­rung ist bei einem Festival die halbe Miete. Ganz offen­kundig hat Festi­val­leiter Alberto Barbera in diesem Jahr in der Mittel des Festivals einen »Hänger« eingebaut, eine Art Soll­bruch­stelle. Seit Mitte der Woche zog das Programm wieder an. Dazu gehörten nicht zuletzt einige Filme, die hier außer Konkur­renz liefen, und über die wir noch nicht geschrieben haben: Etwa die Werke zweier alter Bekannter: Glei­cher­maßen dem Aufbruch New Hollywood verbunden, wie den besten Tradi­tionen des klas­si­schen US-Kinos sind Barry Levinson (inzwi­schen 72) und Peter Bogd­a­no­vich (gar 75). Bogd­a­no­vichs She’s Funny That Way wurde von den New Yorker In-Regis­seuren Noah Baumbach und Wes Anderson produ­ziert, die Haupt­rolle spielt Andersons Lieb­lings­star Owen Wilson. In der atem­be­rau­benden Screwball-Komödie im Geist von Lubitsch verkör­pert er einen reichen Berufs­sohn, der sich in ein Escort-Girl verliebt.

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She’s Funny That Way hat eine Rahmen­hand­lung: Das Interview eines aufstre­benden Schau­spiel­stars. Sie glaube an Märchen und Magie sagt Izzy, und erzählt wie einst Lana Turner entdeckt wurde – alles Lüge antwortet die Inter­viewerin.
Sie sei eine Muse. Aber »even a muse needs a muse« Im Prinzip ist She’s Funny That Way eine nost­al­gi­sche Hommage an die Screwball Komödien aus Holly­woods Glanzzeit. Einiges erinnert auch an Woody-Allen-Filme – mir gefiel die Albern­heit, und hemmungs­lose Über­dreht­heit dieser Komödie, die erwach­sener ist, als das Meiste, worüber wir hier lachen sollen.
Eine weitere Geschichte aus dem wahren Leben verfilmte Barry Levinson mit keinem Gerin­geren als Al Pacino in der Haupt­rolle: The Humbling ist die Adaption des vorletzten Romans von Philip Roth: »Die Demü­ti­gung« handelt von einem alternden Schau­spieler, der plötzlich seine Fähig­keiten einbüßt, aber durch die Beziehung mit einer fast 30 Jahre Jüngeren einen dritten Frühling erlebt. Auch dies wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, manchmal bemüht, kann man aber doch gut angucken, ohne sich zu lang­weilen.

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Auch sonst sah man auch abseits des Wett­be­werbs Bemer­kens­wertes: Von Larry Clarks Erfor­schungen der Teen­ager­ab­gründe (The Smell of Us) über Chris­tophe Honores schon beschrie­bener Ovid-Anver­wand­lung Meta­mor­phoses bis hin zu einem Spielfilm überr die Lage kuba­ni­scher Künstler 23-Jahre nach Ende der UdSSR von Laurent Cantet, der 2008 die Goldene Palme gewonnen hatte.