24.05.2014
67. Filmfestspiele Cannes

Naomi Kawase und das Leben nach dem Tod in Japan

 

Naomi Kawases sinnlicher Film

Das Sterben in Hollywood und zwei Wieder­gänger von Woody Allen – Cannes-Notizen, dritte Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ihr jungen Leute solltet nie feige sein! Wenn ihr was sagen wollt, sagt es. Wenn ihr was tun wollt, tut es. Wenn ihr weinen wollt, weint!«
Ein alter Fischer in Futatsume no mado von Naomi Kawase

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Wellen, Meer. Viel­leicht eine Minute lang. Das erste Bild. Schnitt. Das zweite: Ein alter Mann schächtet eine Ziege. Die Kamera streift dann über Hügel, Schilf, wieder Meer. Der Wind ist zu hören. Man versteht, dass wir es hier mit einem kleinen Küsten­dorf zu tun haben, später begreifen wir: Es ist eine Insel. Es handelt sich um das abge­le­gene Amami, die größte der Amami-Insel­gruppe, weit im Süden der japa­ni­schen Insel. Hier ist das Leben stehen­ge­blieben und die Moderne fern.

Nachts wird eine Männer­leiche gefunden. Am nächsten Morgen sehen wir unter den Schau­lus­tigen auch Kaito und Kyoko. Ein Dialog der Blicke. »Yesterday, i was waiting for you« sagt sie, er schweigt. Mit wenigem macht der Film alles klar: Beide sind vierzehn, wir wissen, das beide eng befreundet sind. Eine Jugend­liebe, erfüllt von Vertraut­heit. Sie hat ihn gewählt, ist stärker, reifer. Und dann hebt der Film zum ersten Mal ab...

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Sie taucht minu­ten­lang in Schul­uni­form. Schwimmt im Wasser auf ein Koral­len­riff zu. Schwe­relos. Genuss des Augen­blicks; im Wasser ist sie wie ein Teil der See. Eine Nixe, Meer­jung­frau. Dort findet er sie. Sie fahren Fahrrad, er strampelt, sie steht hinter ihm. Wind, Fahrtwind, Tempo. Grün und Blau und Weiß und Schwarz, später dann Apricot und Blau. Danach gibt es Nudeln mit Tinten­fisch. Kyokos Vater, ein ehema­liger Surfer, ist Fischer. Er gibt Kaito eine große Portion für Zuhause mit. Auch das ist Dorf­ge­mein­schaft auf Insel.

Kaitos Mutter ist allein­er­zie­hend, Kyokos Mutter todkrank und wird bald sterben. »Why is it that people are born and die?« – »I do not know« – »For no reason.«. Er redet gar nicht, sie redet wenig.
Es gibt Gespräche über den Tod: »I am trying but I cannot stand my mother suffering.« Ihr Körper wird verschwinden. »Wo ist ihre Wärme?« – »Sie bleibt in Dir.«
Auch mit der Mutter selbst. Die sagt: »In the mainland, people want to live as long as possible.« Und lacht. Wir lachen mit, ohne wirklich zu verstehen.

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Ein Sommer. Das Wetter ist wech­sel­haft, mal Wind, mal Regen, schnell Sonne, immer wieder ein Taifun.
Es gibt auch Gespräche über unsere Verbun­den­heit mit der Natur. Kaito sagt »The sea is scary. The sea is alive.« Sie: »Wenn man surft, dann ist das wie eins werden mit der See, mit der Natur.« Es sei wie Sex und wir ahnen, dass beide nicht kennen, wovon sie spricht. Sie aber weiß es trotzdem.
Im Garten­haus wird für Kyokos Mutter das Ster­be­bett aufge­stellt. Es steht so, dass sie auf einen uralten, 400, oder 500 Jahre alten Baum blicken kann. Die Ster­be­szene, in denen die Mutter von vielen Frauen und Männern aus der Insel umgeben ist, zählt zu den Höhe­punkten des Films: Sie singen »The song of the morning glory«, Tanzen am Ster­be­bett – ein glück­li­cher Tod.
Derweil hat Kaiko seinen Vater besucht, der in Tokio lebt. Kawase macht hier en pasant auch das Stadt-Land-thema auf, und dies nicht auf Kosten der Stadt. Der Vater erzählt dem Sohn seine Sicht Tokios: »There is energy here, which you only find in Tokio. Warmth...« Es gebe zwar Müdigkeit und Stress, aber auch den Wunsch sich selbst auszu­drü­cken.

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Dies ist en überaus sinn­li­cher Film, voll schlichter und zugleich über sich hinaus­wei­sender Schönheit, erfüllt von der Ausstrah­lung dieser subtro­pi­schen Insel mit ihren Koral­len­riffen und einem Sensorium für den Kreislauf der Natur, von Leben und Tod. Es gibt auch eine auto­bio­gra­phi­sche Dimension: Kawases Familie stammt selbst aus Amami,

»Futatsume no mado« bedeutet wörtlich »Das zweite Fenster« – es ist in erster Linie ein zurück­ge­nom­menes, ruhiges Portrait zweier Schüler, des Erwach­sen­wer­dens. Kawase zeigt das Glück der Losgelöst­heit im Augen­blick, die Brüchig­keit des Fami­liären und den Schmerz des Erwach­sen­wer­dens – Abschiede von der Kindheit.
Es ist ein sehr berüh­render Film, voller Poesi, zugleich über univer­sale mensch­liche Grund­sat­z­er­fah­rungen.

Der Film hat alle Tugenden des japa­ni­schen Kinos: Er erzählt visuell und musi­ka­lisch, in wenigen Worten, und ähnelt eher einem Poem, als einem Thea­ter­drama. Eine leicht bewegte Kamera beob­achtet den Wind, die Wellen, das Licht der Sonne, das durch die Bäume scheint und begleitet seine Figuren schwebend, zitternd, subjektiv durch ihr Leben. Kawase erzählt total stringent und zugleich voll­kommen leicht­füßig, unauf­dring­lich.
Ein Meis­ter­werk auf Augenhöhe mit Ingmar Bergman, Roberto Rosselini und François Truffaut.

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Natürlich wird alles gut ausgehen. Auch das Sterben ist in diesem Film ja kein Grund Angst zu haben. Aus dem Mund des alte Fischers hören die beiden irgend­wann ein paar grund­sätz­liche Lebens­re­geln: »Ihr jungen Leute solltet nie feige sein! Wenn ihr was sagen wollt, sagt es. Wenn ihr was tun wollt, tut es. Wenn ihr weinen wollt, weint!«

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»Sur mes cahiers d’écolier/ Sur mon pupitre et les arbres/ Sur le sable sur la neige/ J’écris ton nom«
(»On my notebooks from school/ On my desk and the trees/ On the sand on the snow/ I write your name«)
Paul Eluard

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Leben und Sterben in Hollywood: Ein alter Bekannter an der Croisette ist David Cronen­berg: Zum neunten Mal ist er in Cannes, mehrere Palmen hat er gewonnen, aber noch nie die goldene. Ob ihm das jetzt mit Maps to the Stars gelingt?
Immerhin hält er hier der Film­in­dus­trie und damit auch ihrem Mekka namens Cannes den Spiegel vor. Das Ergebnis ist ein abgrün­diges Bild, eine Mischung aus Sozi­al­sa­tire und klassisch-grie­chi­scher Tragödie. Man begegnet einer Handvoll Menschen aus dem Hollywood der Gegenwart; es sind so schrille wie schräge Typen, die alle leider wahren Klischees über das Leben in Hollywood versam­meln: Julianne Moore als Schau­spie­lerin von Gestern, die von den Geistern ihrer toten Mutter verfolgt wird, ein medi­ka­men­ten­ab­hän­giges, verwöhntes nerv­li­ches Wrack; John Cusack als korrupter zynischer Starthe­ra­peut, Robert Pattinson als Chauffeur, der vom Filmruhm träumt; daneben ein Kinder­star, eine vertrie­bene Tochter und eine Fami­li­en­tra­gödie, deren Hinter­gründe langsam frei­ge­legt werden. Mia Wasi­kowska spielt eine junge Frau, die aus Florida gerade erst in Hollywood auftaucht. Sie wirkt ebenso verwundbar, wie gefähr­lich, neugierig wie krank, sie ist witzig, aber scheint eine Last mit sich herum­zu­tragen.

Die Dialoge sind großartig: »How did you find me?« – »Please! No film-noir-questions.« Oder: »Juliette Lewis?« – »Die ist bei Scien­to­logy…« – »Ich hab auch schon überlegt, zu konver­tieren, das wäre gut für meine Karriere.«
Das Gedicht »Liberté« von Paul Eluard spielt auch eine wichtige Rolle, und das Inzest-Tabu.
Maps to the Stars ist nicht nur einer der inter­es­san­testen Wett­be­werbs­filme bislang – dies ist eine sehr sehr witzige Abrech­nung mit der Unter­hal­tungs­in­dus­trie, und ein erfri­schend direktes, über­hitztes Deka­denz­por­trait aus der Mitte unseres Zeit­al­ters.

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»Et par le pouvoir d'un mot/ Je recom­mence ma vie/ Je suis né pour te connaître/ Pour te nommer Liberté.«
»By the power of the word/ I regain my life/ I was born to know you/ And to name you – LIBERTY«
(Paul Eluard: »Liberté« (in: Paul Éluard, »Poésie et Vérité«, Paris, Éditions de la main à la plume, 1942. Reprint: Paul Éluard: »Au rendez-vous allemand«, Paris, Éditions de Minuit, 1945)

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Der Woody Allen von Chile ist Film­kri­tiker. Er heißt Ernesto und arbeitet für eine der größten Zeitungen seines Landes, ein konser­va­tives, d.h. in Chile reak­ti­onär-post­fa­schis­ti­sches Blatt, unter dessen poli­ti­scher Agenda er genauso leidet, wie unter der Ausbeu­tung, der er unter­worfen ist. Ernesto kenne ich seit knapp zehn Jahren. Immer in Cannes treffen wir uns, nach Berlin oder Venedig kommt er nicht, schon weil es zu teuer ist, und auch weil er die Festivals im Vergleich nicht gut findet. zwei- dreimal während des Festivals verab­reden wir uns und sprechen über die Filme und das Leben.

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»Have you seen the film ' The Critic'? fragt Ernesto. Glück­li­cher­weise kenne ich Hernán Gerschuny diesen wirklich lustigen und guten Film aus Argen­ti­nien sogar. Letztes Jahr lief er auf ein paar Festivals – voller Sprach­witz (z.B. wenn die Haupt­figur nachdenkt, oder einen inneren Monolog führt, dann geschieht dies auf Fran­zö­sisch, der Sprache des Auto­ren­kinos) mokiert er sich über unser aller Dasein als Film­kri­tiker, und beschreibt die Welt der Cine­philie.
So beginnt ein Gespräch darüber, wie wir uns in Cannes fühlen. Es wird vor allem ein Monolog von Ernesto.

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»When I die I want my ashes brought to Cannes, to be buried here« sagt er, »I already took precau­tions. After twenty years of slavery as a critic, the Cannes festival is the only relief.« Er habe nicht genug Geld um für seine Rente sparen, er habe nichts, was er seiner Frau und seinem KJind vererben könne, er arbeite wie ein Hund in einem System, das seine Arbeit nicht schätze. Dass sich nicht für die Filme und das Kino inter­es­siere, sondern für dumme Hollywood-Stars oder Tele­no­vela-Helden.
»It's the only time, when I feel it's me. Cannes is a way of living, here I am at my best, here I am all my potential and my possi­bi­li­ties; here I am, what I can be.«

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Zugleich weiß Ernesto bei aller Begeis­te­rung natürlich auch, dass Cannes eine Welt des Scheins ist noch mehr als jede andere Welt. Natürlich prak­ti­zieren auch wir – wie die Filme­ma­cher, die PR-Leute, die Händler, die Redak­teure, nicht zuletzt das Festival selbst – gegenüber den anderen mitunter den Grundsatz »Mehr scheinen, als sein.« Wir verkaufen uns selbst, und gerade, wenn wir gut verkauft haben, ist nichts mehr übrig.
Dies ist ein absolut unehr­li­cher, unauf­rich­tiger Ort. Aber darin sehr ehrlich.

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»I am like Woody Allen« sagt er, »I lie, I pretend, I am not happy with it, but in the same moment I love it. I am not a good writer, I know all my faults, but I know, that the others think I am good, that they envie me for beeing here, and they think I party all night and so on. And I let them believe...« »It's preten­tion: I go to press people. I smile and talk nice. They think, I am a hard worker. And in a way I am. But do they really know, what my work means?« Viel­leicht muss man noch dazu erwähnen, dass Ernesto ein »White Bagde« hat, die von alle begehrte, und von viele beneidete höchste Akkre­di­tie­rungs­stufe des Festivals, die zum Beispiel auch die Kollegen der »Süddeut­schen« oder des »Spiegel« nicht bekommen.

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Wie gesagt: Vor allem ein Monolog von Ernesto. Aber ich kann das alles unter­schreiben. Es gilt für viele Kollegen, und für mich selbst nur um indi­vi­du­elle Nuancen anders.«

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Später reden wir dann noch über Scorsese's The Wolf of Wall Street, den wir beide natürlich toll finden, für dessen Schwächen Ernesto aber die tolle Formu­lie­rung findet »A film with plastic surgery.« Scorsese möchte hier schöner, besser, vor allem jünger und hipper scheinen als er ist. Bei Good­fellas wusste er wovon er redet, hier weiß er absolut gar nichts, sondern zeigt nur, was er sich vorstellt.
Die Filme, auf die sich Ernesto im dies­jäh­rigen Festival am meisten freut, sind (in dieser Reihen­folge) Cronen­bergs Maps to the Stars, die Filme von Ken Loach, Mike Leigh, Ryan Gosling und Asia Argento.

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Einen Tag später sitze ich mit Ugo, den ich auch in Venedig und Locarno immer wieder treffe und den man analog den Woody Allen Veronas nennen könnte. Für Ugo sind Essen und Trinken genauso wichtig wie das Kino. Er ist ganz anders als Ernesto, aber nicht minder ein Original und nicht minder ein fein­sin­niger Beob­achter und kluger Analyst der Filmwelt. Überdies sehr witzig, halb bewusst und mit Absicht, halb wegen seiner sehr eigen­wil­ligen Sprache, eines Gemischs aus fran­zö­si­schen, engli­schen und italie­ni­schen Idiomen. Ugos exqui­siten, unkom­pro­mit­tier­baren Geschmack zeigt schon seine Antwort auf meine Frage, auf was er sich hier am meisten freue: »First Godard. Secondo Kawase and then Takahata.« Er tippt aber auf eine dritte goldene Palme für die Dardennes. »No way« sage ich weil ich nicht glaube, dass irgendwer, nicht Jane Campion, nicht das Festival, ein Interesse daran hat, den Dardennes noch eine Palme zu geben.
Später wirft er noch die Frage auf, ob wohl die Tatsache der Europa-Wahlen die Jury beein­flusst. Und wie?

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Dann kommt ein spani­scher Freund von Ugo dazu, der einen inter­es­santen Tip für die Goldene Palme hat: »Xavier Dolan«. »A title like mummy speaks to Jane Campion.« Wir lachen. Dann aber die gar nicht doofe eigent­liche Begrün­dung: Cannes will Regis­seure entdecken. Campion auch. Sie wollen nicht alte Säcke – pardon my french – nochmal auszeichnen, sondern neue Genies machen.
Ich finde den Gedanken so logisch wie verfüh­re­risch. Ugo dagegen schüttelt den Kopf: »Xavier Dolan – good idea, but no prac­tica­bile.«

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Es gibt online sogar Wetten (und hier) auf den Cannes-Sieger. Bereits vor Beginn des Festivals waren sie eindeutig: Nuri Bilge Ceylan knapp vor Naomi Kawase.

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