23.05.2013
66. Filmfestspiele Cannes

Das grüne Licht der Croisette

 

Eröffnung in Cannes: The Great Gatsby

Wieder­sehen in Babylon: Die Macht der Imagi­na­tion – Cannes-Notizen, erste Folge

Von Rüdiger Suchsland

Eine Party von Baz Luhrmann – da wären wir schon gern zu Gast. Wenn da nur zehn Prozent von dem los ist, was er in seinen Filmen so zeigt, dann wäre es bestimmt die beste des Festivals: Über­bor­dend, exsta­tisch, verrucht. Und so wie es jetzt böse wäre, zu sagen, dass Luhrmann viel­leicht besser Party­ver­an­stalter geworden wäre, als Filme­ma­cher, so darf man umgekehrt formu­lieren, dass seine Filme immer ein bisschen sind, wie eine große Party. Mit einem Schuss Kinder­ge­burtstag.

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Mit den Parties in Cannes ist es ja, im Gegensatz zu allen Vermu­tungen neidi­scher Daheim­ge­blie­bener, nicht so weit her. In diesem Jahr schon gar nicht, denn es ist bitter­kalt in Cannes und regnet so wie in Hamburg in der Drei-Wetter-Taft-Werbung. Aber es hat alles hier ja erst ange­fangen. Den ersten schönen Empfang gab es am Donnerstag, da hatte das Festival von Locarno geladen. Im Gegensatz zum letzten Mal sogar ohne Plat­z­re­gen­ein­lage. Bei Locarno-Empfängen trifft man immer besonders nette Menschen – gleich am Eingang hatte ich das Glück, Rebecca Zlotowski zu begegnen, der Pariser Regis­seurin, deren Debüt Belle Epine vor zwei Jahren in der Sektion »Semaine de la Critique« Premiere hatte, und in Deutsch­land später in Hof. Im gleichen Jahr hatte ich sie in Locarno kennen­ge­lernt, und als ihr neuer Film vor ein paar Wochen für die Reihe »Un Certain Regard« ange­kün­digt worden war, und ich Rebecca gratu­lierte, kam es zu einem netten SMS-Austausch. Am Sonntag hat ihr Film Premiere, und wir haben uns danach zum Gespräch verab­redet.

Dann traf ich die Mitar­beiter des Korean Film Council KOFIC, und dann vor allem Argen­ti­nier: Violeta aus Buenos Aires, die immer in Cannes ist, vor ein paar Jahren mit ihrem Film den Goldenen Leopard gewann und mir Marcelo Panozzo, den neuen Direktor des BAFICI-Festivals vorstellte. Mit Argen­ti­niern redet man immer über Fußball und zur Zeit auch immer über den neuen Papst. Der ist bekannt­lich Fußballfan, und der Chef von dessen Lieb­lings­club San Lorenzo ein Freund von Marcello – beim nächsten Mal in Buenos Aires gehen wir ins Stadion. Dann beim Rausgehen standen da noch Giulia, Pres­se­chefin des Festivals, die hier auch als Agentin für zwei Filme unterwegs ist, und Joachim Kurz von der Mann­heimer Kino-Zeit. Ich musste leider schnell weiter zur Quinzaine-Eröffnung.
Bevor wir auf die kommen, aber erstmal zum Eröff­nungs­film des Festivals, zu The Great Gatsby

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Man könnte jetzt eigent­lich auch nach Saint-Raphaël fahren... Das wäre ein entspannter Urlaub. Fast wie im Grab. Vor fast genau hundert Jahren, im Jahr 1924 verbrachte dort Francis Scott Fitz­ge­rald den Sommer. Genau gesagt in einem Dorf in der Nähe von Saint-Raphaël namens Valescure, wo Fitz­ge­rald für sich, seine Frau Zelda und die junge Tochter ab Mai, also vor genau 99 Jahren, eine Villa gemietet hatte. Das südfran­zö­si­sche Örtchen liegt etwa in der Mitte zwischen Saint-Tropez und Cannes. Noch nicht mal 30 war der ameri­ka­ni­sche Schrift­steller, und er arbeitete dort an seinem neuen dritten Roman. Seine bishe­rigen drei Bücher – es gab noch eine Kurz­ge­schich­ten­samm­lung, die »Tales of the Jazz Age« betitelt war, und damit dem gerade begonnen Zeitalter bereits den Namen gab – waren große Erfolge gewesen, die Erwar­tungen entspre­chend.

Statt in den Rent­nersarg sind wir wieder nach Cannes gefahren, und gleichz­eitig ist »The Great Gatsby«, so hieß der Roman, als er Anfang 1925 dann herauskam, an die Côte d'Azur zurück­ge­kehrt. Vor einer Woche eröffnete seine Verfil­mung durch den Austra­lier Baz Luhrmann (Romeo + Juliet; Moulin Rouge), es ist die vierte der Film­ge­schichte, die 66. Film­fest­spiele von Cannes. Man kann sich das überaus gut vorstellen: Ein dekadent ange­hauchter Tanz auf dem Vulkan, ein roman­ti­sche Traum­ge­schichte aus bitter­süßem Liebes­zau­ber­zu­ckerguß, ein baby­lo­ni­sches Stil­misch­masch, das perfekt zu diesem Festival zu passen scheint. Mit Zwanziger-Jahre-Stimmung eröff­neten jeden­falls am Abend die Film­fest­spiele von Cannes, das wich­tigste unter den großen Film­fes­ti­vals der Welt. Die Verfil­mung von »The Great Gatsby« des berühmten Romans ist zunächst einmal Glamour und Starpower pur: Leonardo Di Caprio, Tobey Maguire und Carey Mulligan sind die Stars, die dem Roten Teppich ersten fest­li­chen Eröff­nungs­glanz verliehen.

Ich habe mir Gatsby in Cannes noch einmal angesehen, nachdem er bereits am Montag in einer Berliner Pres­se­vor­füh­rung lief. Das hatte ich gemacht, weil doch fast alles in diesem Film so schnell und knallbunt und überladen ist, dass man schnell mal den Überblick verlieren kann. Ich war mir beim ersten Mal auch einfach nicht sicher, was von diesem Film zu halten sei, bin es auch immer noch nicht, aber die doppelte Sichtung habe ich keines­wegs bereut.
Es war eine sehr inter­es­sante Erfahrung, schon weil die Unter­schiede riesig waren. Die Cannes-Vorfüh­rung war tausendmal besser, als die im Nach­hinein unter­ir­disch beschhhhhh…eidene Berliner. Der Film war viel heller, die 3D-Effekte viel weniger schlierig, der Ton viel besser ausge­steuert. Das beweist schon mal, dass Cannes auch in dieser Hinsicht eine Top-Adresse ist. Es beweist aber auch, dass der deutsche Warner-Ableger sich alles andere als einen Gefallen tut, wenn er nicht auf die Details achtet. Und zum Beispiel auch an die Presse bei einer schon lausigen Pres­se­vor­füh­rung auch nur lausige billigst-3D-Brillen verteilt, anstatt beste Qualität.

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Überhaupt 3D! Oh wäre dieser Film doch nur nicht in 3D. Als 3D-Film ist er ein Desaster. Das Paradox eines 3D-Films als eines Films der reinen Ober­fläche, in dem nur Ober­flächen über­ein­ander gelegt werden. Selbst echte Momente wirken hier kulis­sen­haft. Ansonsten ist er immerhin unbedingt sehens­wert, aber man muss schon viel Aufwand treiben, um das 3D möglichst zu vergessen. Die deutsche Pres­se­po­litik von Warner hat überhaupt wieder mal einen Fehler nach dem anderen gemacht. Inter­es­sant war zum Beispiel, von Violeta aus Barcelona zu hören, dass die Pres­se­vor­füh­rungen zu The Great Gatsby in Spanien entweder in Englisch und 2D oder auf Spanisch und 3D angeboten wurden. Die guten Kritiker sahen entspre­chend alle den Film in 2D. Eh besser.

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In fast schwarz­weißem Stummfilm-Sepia, grob­körnig und flach sind die ersten Vorspann-Bilder, dann öffnet sich die Leinwand und es geht in die Tiefe, durch Novem­ber­nebel und Schnee­flo­cken hindurch auf ein einsames grünes Licht zu. Die Farbe Grün ist zwie­lichtig und giftig, aber auch eine Farbe der Verheißung im Roman wie in dessen jetziger neuer Verfil­mung. Denn Grün ist das Licht an dem Landungs­steg der großzügigen Villa, in der Daisy Buchanan lebt, die Frau, der die Sehnsucht von Jay Gatsby gilt. Sie ist seine große, verlorene Liebe und er ist fest entschlossen, sie zurück­zu­ge­winnen.

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Warum nochmal mochten wir The Great Gatsby schon früher? Dies ist eine Geschichte aus jener Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Einer­seits. Ande­rer­seits haben zwei Menschen gegen­seitig eine Projek­tion vonein­ander. Gatsby zerstört Daisy; sie hat ihn schon zerstört, könnte man sagen. Daisy weißt nicht, was sie will, Gatsby verlangt von ihr den offenen (Liebes-)Verrat. Er will Gentleman sein, nicht heimlich abhauen, sondern die Ehre muss halten. Ist dies also die Geschichte einer Amour Fou?
Es ist auch das Portrait eines ruchlosen Kapi­ta­listen.

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»The Great Gatsby«, der 1925 erschie­nene berühmte Roman von Francis Scott Fitz­ge­rald (1896-1940) taucht heute eini­ger­maßen über­ra­schend direkt neben Werken wie James Joyce’ »Ulysses«, Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlo­renen Zeit« und Robert Musils »Der Mann ohne Eigen­schaften« auf Listen der besten Romane des 20. Jahr­hun­derts auf. Der »Gatsby« ist sehr vieles auf einmal: In jedem Fall ein schil­lerndes Sozio­gramm der Roaring Twenties, des Jazz-Zeit­al­ters der Goldenen Zwanziger, dessen Lebens­ge­fühl er auf den Punkt bringt. Darin ist er dann zugleich eine Sozi­al­studie über zwei gesell­schaft­liche Aufsteiger in der reichen Ober­klasse des Geldadels der US-Ostküste, und der USA am Anfang des ameri­ka­ni­schen Jahr­hun­derts – neben Gatsby selbst auch Nick Carraway, der Erzähler, der gewis­ser­maßen immer außen vor bleibt, die Beob­achter-Perspek­tive behält. Der Aufstieg scheitert, altes Geld siegt über neues und statt einen American Dream zu erleben, wird man Zeuge eines Alptraums. Roman­ti­sches Glück zerbricht an den Mecha­nismen der Leis­tungs­ge­sell­schaft. Das ist sehr ameri­ka­nisch, und sehr konser­vativ zugleich in seiner Moral, in der der brave Westen gegen den verdor­benen Osten Amerikas ausge­spielt wird. Man könnte daraus offen­kundig nun auch einen Film über das heutige Geld machen, über die Finan­z­krise und die Obszönität ihrer Gewinner. Oder über die letzte Party ihrer Verlierer – dann wäre Gatsby ein Unter­gangs­roman über das Ende der alten Welt, the coloured empires, über die Daisy, die triste Siegerin am Ende spricht.

Dazu würde auch die Melan­cholie des Stoffes passen: »Gatsby« kann verstanden werden als reine Phantasie, als Tagtraum des Erzählers, der sich ähnlich hinein­träumt in die Welt der Reichen und Glück­li­chen, Jungen und Schönen, wie Gatsby sein Leben mit Daisy phan­ta­siert. Der Roman als eine doppelt verschränkte Tagtraum­studie. Zugleich aber ist er ganz eine roman­ti­sche Sehn­suchts­ge­schichte, der Entwurf eines Gegen­bildes zur gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit. Liebe gegen die Welt. Dieser Welt aller­dings mag »Gatsby« trotz allem nicht entsagen – das kann er nicht, sagt die konser­va­tive Lesart. Statt der blauen Blume ist er jenem grünen Licht verfallen, das giftig über die Long Island Bay leuchtet. Darin klingt auch noch der Ästhe­ti­zismus der Jahr­hun­dert­wende nach, die künst­li­chen Paradiese von Joris Huysmans und Oscar Wilde. Zugleich war der Roman aber bereits zu seiner Zeit ein Abbild des Mate­ria­lismus der neuen Ära. Gatsby war der Neue Mensch des Kapitals: Äußerlich ein Sohn Gottes, mit Reich­tü­mern überhäuft, doch innerlich leer und geschichtslos. Er hat einfach die Weisheit des Zeit­al­ters begriffen: Wer Erfolg haben will, muss sich als Erfolgs­mensch insz­e­nieren. Und im Übrigen, auch das ist bezeich­nend und erlaubt eine »linke« Lektüre des Buchs, ist er natürlich sozial ein Kind des orga­ni­sierten Verbre­chens, ein Profiteur der Prohi­bi­tion und dabei abhängig von den schweren Jungs in Chicago und Phil­adel­phia, die ihn zu unpas­sendsten Zeiten anrufen.

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Die Frage an jede »Gatsby«-Verfil­mung darf also nicht lauten: Was ist Gatsby? Sondern: Was ist dieser Gatsby? Viermal wurde das Buch bereits verfilmt. Und jede dieser jeweils grob alle 30 Jahre erschie­nenen Verfil­mungen ist auch ein typisches Zeit­pro­dukt: Der Stummfilm von 1926 ist eines der berühm­testen »verschol­lenen« Werke der Film­ge­schichte. Die große Studio­ver­fil­mung von 1949 ist brav und vergessen, ganz anders als Jack Clayton Film von 1974, der im Untergang des Gatsby auch den von Holly­woods großen Jahren spiegelt. Zugleich zeigt er mit Robert Redford und Mia Farrow zwei Stars des New Hollywood. Dies war eine gewis­ser­maßen exis­ten­tia­lis­ti­sche Darstel­lung eines Gatsby als »Gleich­gül­tigen«, »Fremden«, einen todes­sehn­süch­tigen Sisyphus des Kapitals, dessen Ennui alles andere übermannt.

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Auch die neueste Verfil­mung durch den Austra­lier Baz Luhrman, mit der am Mittwoch jetzt die 66. Ausgabe der Film­fest­spiele eröffnet wurde, dürfte in 30 Jahren als typisches Zeit­pro­dukt erscheinen: Ein gewis­ser­maßen anti-exis­ten­tia­lis­ti­scher Gegen­ent­wurf – einer­seits glamouröses Starkino pur – Leonardo Di Caprio, Tobey Maguire und Carey Mulligan spielen die Haupt­rollen – ande­rer­seits ein innerlich kaltes, formal über­hit­ztes Stil­feu­er­werk, das von allem etwas zuviel bietet, und deswegen den Exzess der Menschen, um die es hier geht, blendet darstellt. Regisseur Luhrmann passt perfekt zu diesem Roman. Denn er ist ein Form­künstler mit einem eigen­wil­ligen Stil von neoba­ro­cker Opulenz. Und äußerlich greift er hier in die Vollen: George Gershwins »Rhapsody in Blue« ertönt vor blauem Himmel zu einer grell-kunter­bunten Party – dann tritt sein Gatsby erstmals auf. Luhrmanns Gatsby ist ein baby­lo­ni­sches Stil­misch­masch, ein dekadent ange­hauchter Tanz auf dem Vulkan, der aussieht, als hätte Hieronymus Bosch nicht an Gott, Teufel und die Hölle geglaubt, sondern ein Wimmel­bild aus dem Hier und Jetzt gemalt.

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Ein bisschen hohl tönt es aller­dings zwischen­durch schon, denn hinter all den mitunter comichaft über­be­tonten, grotesken Effekten, verschwindet das roman­ti­sche Traum­spiel, der bitter­süße Liebes­zau­ber­zu­ckerguß, verschwinden Ernst und Melan­cholie dieser Geschichte, die doch eigent­lich verblüf­fend aktuell sein könnte in ihrer Welt­un­ter­gangs­stim­mung. Auch Tobey Maguire als Erzähler Nick Carraway erscheint als krasse Fehl­be­set­zung: Dieser ewig Naive grinst sich durch den Film, lässt einen dauernd an Spider-Man in den Zwanziger Jahren denken und verstärkt noch den Eindruck, Gatsby als Comic zu sehen.
Dafür überz­eugen Carey Mulligan als Sehn­suchts­girl Daisy und Leonardo DiCaprio, dessen Gatsby ein Getrie­bener ist, und auch ein trauriges Genie des Hedo­nismus, darin seinem Auftritt als Aviator-Multi­mil­lionär Howard Hughes recht ähnlich. Vor allem aber ist er ein Wütender, der von seinem Zorn, der zwar eine Todsünde ist, aber immerhin auch eine Leiden­schaft, schließ­lich übermannt wird. Der Zorn reißt ihn und andere in den Abgrund.

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So halten Licht und Schatten sich die Waage. New York City erscheint in alten Bildern und Farbe und 3D. Aller­dings kommt man gar nicht richtig dazu, all die Schau­werte anzu­gu­cken, denn in punkto 3D ist dieser Film wieder ein klarer Rück­schritt gegenüber Martin Scorseses Hugo Cabret – gerade der Raumef­fekt lässt hier alles um so flächiger wirken und die Schlieren der Kame­ra­schwenks in 3D hindern das Auge immer wieder daran, sich in den Bildern zu verlieren.
Mehr als aufge­wogen wird dies durch den Sound­track, Lana del Rays »Young & Beautiful« dürfte das promi­nen­teste Stück sein, daneben bietet Luhrmann alles auf, was gut und teuer ist, und nagelt jedes Bild mit Bombast­klängen zwischen Disco und Classic – im Einzelnen oft eine Geschmack­lo­sig­keit, wie sie einem zuletzt in den 80er Jahren begegnete, im Ganzen dann in seiner Chuzpe aber wieder Camp. So ist The Great Gatsby der Film zum Sound­track.

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Warum aber Luhrmann? Was will Luhrmann mit Gatsby? Der Film ist ein Kalei­do­skop. Mit jedem Blick auf ihn wechselt er sein Gesicht. Vom »calei­do­scopic carneval« ist selbst die Rede, und das findet sich nicht im Manu­skript. Bis zum Ende wird nicht klar, ob dies nun alles im Grunde als Komödie gedacht ist, oder doch ernst gemeint sein soll? Großartig ist die inherente, also in der Form nicht der Geschichte (über die man wie gesagt streiten kann) mani­fes­tierte Romantik des Films.
Die Liebe zu Ober­flächen, zu Gegen­wär­tig­keit, zum Hedo­nismus macht Luhrmann wohl so nur Sofia Coppola nach – die sogar noch etwas besser. Il faut etre abso­lu­ment moderne…
Einmal ist von Gatsbys »perfect, irre­sistable imagi­na­tion« die Rede. Das ist es: Imagi­na­tion! Indem der Film sie feiert, die Macht der Über­schrei­tung, feiert er auch die Kunst und das Kino.

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Auch am Abend ging es so weiter. Wir trafen uns in inter­na­tio­naler Runde zu einer sehr guten Fisch­suppe, die unserem alten Freund und Kupfer­ste­cher Giuseppe Rapido zu verdanken ist, der latent hyste­risch auf diesem und keinem anderen Gericht bestand. Das Entrecôte, das folgte, taugte dann weniger. Vor allem trafen wir uns um vor dem Sturm die Ruhe zu genießen, und ein wenig darüber zu reden, was uns so im Kopf herum­schwirrt. Keiner kennt ja jetzt irgend­einen Film, es herrscht also Chan­cen­gleich­heit. Von der Papier­form der Teil­nehmer urteilend, gibt es in diesem Jahr keinen eindeu­tigen Favoriten. Natürlich überlegt man sich, wem man einen starken Film zutraut, wem einen mehr­heits­fähigen, man überlegt, wer auf dem abstei­genden Ast, und wer »schon längst fällig« ist; man versucht davon abzusehen, was man persön­lich mag, wem man große Preise wünscht, oder wer sie einfach schon lange verdient hätte. Vor allem versucht man sich vorzu­stellen, wie wohl eine Jury entscheidet, der Steven Spielberg vorsteht, in der dann Ang Lee sitzt – der 2009 in Venedig allen Ernstes Soul Kitchen einen Regie-Oscar und Lebanon einen Goldenen Löwen gegeben, Brilante Mendozas Lola und Lourdes von Jessica Hausner dagegen komplett ignoriert hatte –; und der Rumäne Christi Mungiu (»gähn«), aber auch Nicole Kidman und Christoph Waltz, der laut spezi­eller Infor­ma­tionen von Dominik aus Wien dafür bekannt ist, alles Mögliche im Kino zu kennen.
»Eine konser­va­tive Jury« – da waren wir uns einig.
Zu meiner Über­ra­schung gab es dann doch einen Favoriten: Asghar Farhadi, bekannter, hervor­ra­gender, aber eigent­lich nicht richtig inno­va­tiver Iraner gewinnt die Goldene Palme. Jeden­falls, wenn man Guiseppe Rapido, unserem DLF-Redakteur Christoph und Nil aus Istanbul folgt. Zweimal wurde auf Hirokazu Kore-eda getippt. God knows, why. Dana aus Amsterdam zog sich damit aus der Affaire, dass sie sich auf ihrem Landsmann Alex van Wamerdam konz­en­trierte, was noch nicht mal ihre Kollegen Ronald und Kees glauben. Mein Tip: Alexander Payne, weil der einer ist, auf den man sich einigen kann. Desplechin würde ich mir am meisten wünschen, den anderen Arnaud, Des Pallieres, nicht weniger, und das nicht nur wegen Kleist. Aber Wünsche werden ja meist nicht wahr. Spielberg, wie ich ihn einschätze, könnte auch für Polanski gut sein. Violeta aus Barcelona findet das auch.

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Warten wir es ab. Das Gespräch kam dann auf Angelinas Brüste und war von Erstaunen dominiert: Mein persön­li­cher Eindruck. Männer distan­ziert, Frauen eher getroffen. Ein Mail-Kommentar aus Deutsch­land: »Die Jolie neigt doch eh zur Auto­ag­gres­sion... Jetzt hat sie es auf eine unvor­stell­bare wahn­sin­nige Spitze getrieben...« gibt mir zu denken. Es kann einen gruseln ob der Jolie.

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The Great Gatsby ist also allemal so oder so ein passender Eröff­nungs­film, weil er alle Facetten vereint, die an den kommenden zwölf Tagen diesen Treff­punkt des Weltkinos beschäf­tigen dürften. Wie von Cannes gewohnt, hat man einmal mehr die Crème de la Crème der Filmszene für Welt­pre­mieren an der südfran­zö­si­schen Riviera gewinnen können: Cannes ist einer­seits Geschäft pur – Appar­te­ments während des ganzen Festivals kosten hier von 2000 Euro aufwärts, ein deutscher Verleih muss tausende von Euros bezahlen, um bei Recht­ehänd­lern Inter­viewzeit für deutsche Jour­na­listen zu reser­vieren – aber Cannes ist auch Hardcore-Kunstfilm, ästhe­ti­sche Inno­va­tion und eine große Show, in der das Kino sich selbst feiert.

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»Ich erinnere mich, dass ich eines Nach­mit­tags im Taxi fuhr, zwischen sehr hohen Gebäuden, unter einem malven- und rosa­far­benen Himmel; und ich begann zu schreien, weil ich alles hatte, was ich wollte, und wusste, dass ich nie mehr so glücklich sein würde«, schrieb Francis Scott Fitz­ge­rald 1932 im Rückblick auf sein Jahrzehnt. So geht es uns hier in Cannes. Wir sind, alle, dem Untergang geweiht. Diese Party wird die letzte sein.

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