03.11.2012

Rebellion

Olivier Assayas: Die wilde Zeit
Die Beine fliegen: Olivier Assayas'
Après mai
(Foto: NFP)

Ein Blog zur 50. Viennale, in umgekehrter Reihenfolge zu lesen (wenn man mag)

Von Dunja Bialas

3. Tag: Rebellion
Veröf­fent­licht am 2. November 2012 von dunja­bi­alas
http://artechock­blog.wordpress.com/2012/11/02/3-tag-rebellion/ – respond

I. Anand Patwa­rdhan – Jai Bhim Comrade

Drei Stunden liegen vor mir. Drei Stunden indischer Doku­men­tar­film, in dem es um das Kasten­system gehen wird. Regisseur Anand Patwa­rdhan ist im prall gefüllten Stadtkino anwesend, und erklärt vor dem Film schnell noch die Grundzüge des indischen Systems, das sich zu guten Teilen mit einem westlich gedachten Klas­sen­system deckt. In seinem Film wird es um die »Unberühr­baren« gehen, sagt er, die aber heute nicht mehr so genannt werden. Sie haben sich selbst den Namen »Dalit« gegeben, die »Unter­drückten«, nachdem Gandhi (der aus einer höheren Kaste kam) bereits versucht hatte, ihnen mit der reli­giösen Bezeich­nung »Kinder Gottes« den Status der zu Beschüt­zenden zu verleihen. Dalit ist im Gegenteil ein poli­ti­scher (Kampf-)Begriff, und genau das wird man sehen: Den poli­ti­schen Kampf einer vom gesell­schaft­li­chen Leben ausge­schlos­senen Bevöl­ke­rungs­gruppe, die fast ein Viertel ihrer Gesamt­heit einnimmt.
 Ausgangs­punkt für den Film war der Selbst­mord des Akti­visten Vilas Ghogre, erklärt Patwa­rdhan. Ghogre ist einer der zentralen Figuren der Dalit-Bewegung, der ihnen mit seinen Liedern lebens­nahe Hymnen für den poli­ti­schen Kampf lieferte. Was folgt, ist ein span­nendes Doku-Epos über 14 Jahre Dalit-Akti­vismus, im nahezu aussichts­losen Kampf gegen das Kasten­system. Ihr Denkmal ist Dr. Bhimrao Ambedkar, der als einer der ersten Dalits überhaupt ein Hoch­schul­stu­dium absol­vierte. »Jai Bhim« ist eine Gruß­formel, für all jene, die seinem Vorbild nach vom Hindu­ismus zum Buddhismus konver­tierten, um dem Kasten­system zu entkommen.
Sich derartige Dinge noch mal (oder zum ersten Mal) ins Bewusst­sein zu heben, hilft, bevor man in den stream of political conscious­ness des Films eintaucht. Und zum Glück ist der Film weit von der Unter­brei­tung politisch-gesell­schaft­li­cher Thesen entfernt, sondern portrai­tiert mehr das Kampf­be­wusst­sein der Unter­drückten, immer mit der gerade richtigen Dosis an Hinter­grund­in­for­ma­tion.

I. Die Statue von Dr. Bhim Abedkar
Bei ihrer Enthül­lung 1997 wurde auf die Dalits geschossen. Wenige Tage später nahm sich der Lieder­ma­cher Vilas Ghogre das Leben, was Patwa­rdhan zum Film veran­lasste. Er filmte 14 Jahre lang.

II. Die Müll­männer des Subkon­ti­nents: Die Dalits arbeiten in Umständen wie Sklaven der Moderne
Er portrai­tierte das Alltags­leben der Dalits, suchte Familien auf, die den Ausstieg aus der Religion und dem Unter­drü­ckungs­system suchen. »Wir glauben nicht an Gott«, sagen drei kleine Mädchen. Ob sie denn keine Angst hätten vor den reli­giösen Konse­quenzen? Sie zucken mit den Achseln. Sie waren nie in dem reli­giösen System drin und können mit der Frage nichts anfangen.

III. Die neue Sänger-Gene­ra­tion
Sie sehen sich als Nach­folger von Vilas Ghorge und kämpfen den poli­ti­schen Kampf mit ihren Liedern. Jetzt wurden sie von der Regierung verboten und gezwungen, in den Unter­grund zu gehen. In diesem Moment erkannte Patwa­rdhan, dass er aufhören musste zu filmen, um sie nicht zu gefährden.
Der schnelle Rhythmus, die Mischung aus Szenen, Reden, Inter­views und immer wieder Musik trägt. Wäre das Thema nicht so ernst, könnte man von einem poli­ti­schen Doku-Musical sprechen und davon, dass die Zeit schnell vergangen ist, und man jetzt wieder ein Stückchen schlauer.

II. Olivier Assayas – Après mai

Fieb­rig­keit im Gartenbau-Foyer. Anstehen für die Warte­liste, um noch ein Ticket für den neuen Film von Olivier Assayas zu ergattern. Im Mai erst hatte ich Assayas in München inter­viewt, als er zur Retro ins Film­mu­seum kam, im Anschluss habe ich ihn noch, zusammen mit Bernd Brehmer, ins Münchner Werk­statt­kino entführt. Assayas’ Augen haben geleuchtet, als er das Kino sah, in dem fast alle seine Filme gezeigt wurden, in dem Kino mit dem Under­ground-Charme, mit den wild plaka­tierten Wände im Eingangs­be­reich des Kinos, mit den Graffiti beim Hinter­ein­gang, mit dem kreativen Chaos im Vorführ­raum: hand­ge­klebte Programm-Flug­blätter, die sich in einer Box stapeln, aufge­türmte Film­ko­pien, soft­por­no­gra­fi­sche/kanni­ba­lis­ti­sche/zombie­mäßige Film-Stills an den zuge­klebten Wänden. Als Après mai dann beginnt, ist mir schlag­artig klar, warum Assayas so ausge­flippt ist, als er das Werk­statt­kino sah: Es muss ihm wie das Kondensat eines Lebens­ge­fühls seiner frühen Erwach­se­nen­jahre vorge­kommen sein, das von einem diffusen Zusam­men­kommen von Idea­lismus, poli­ti­schen Idealen, Erotik und dem unbe­dingten Willen, etwas anders zu machen als so viele andere um ihn herum, geprägt war, nimmt man seinen Film wörtlich.

I. Der Demons­trant und das Mädchen
Es schreit einem entgegen, in den ersten Szenen von Après mai. Schaut her: so wild haben wir gelebt, seht: so wild haben wir uns gefühlt. Die Szenen sind schnell geschnitten, es wird gerannt, vor den Bullen davon­ge­rannt, nach einer nicht ange­mel­deten Demo sich ins nächste Haus geflüchtet bis unters Dach. Assayas erzählt nach dem Film, dass sie das tatsäch­lich alles gemacht haben, damals, Anfang der 70er Jahre: die Fens­ter­läden der Schule mit poli­ti­schen Parolen besprüht und den Hof mit Flug­blät­tern bedeckt, auf Demos der Polizei davon­ge­laufen, die Mädchen entdeckt, die Drogen. Dann irgend­wann die Abkehr vom explizit Poli­ti­schen, weil Assayas eine eigene ästhe­ti­sche Form finden wollte für seine Kunst, die sich mit dem vorder­gründig Poli­ti­schen nicht mehr vertrug.

II. Der Zwei­felnde und das Mädchen
Später dann, als er bereits bildende Kunst studierte, hatte er einen Job am Set eines B-Movies. Man sieht im Film, wie sein Alter ego Gilles nach der Arbeit ins Kino geht, wo Expe­ri­men­tal­filme gezeigt werden. Im Programm: ein Film mit seiner Jugend­liebe, die im Feuer umge­kommen ist. Nach der Vorstel­lung muss Assayas diese Episode erklären: »Gilles will Filme machen und kommt von dieser absurden Arbeit am Filmset ins Kino, wo er einen Film sieht, der endlich zu ihm spricht!«
Der Film sollte pures Gefühl sein, doch ist er in vielem auch einfach nur viel illus­trierte Handlung. Endlich kann Assayas – nach dem Erfolg, den er mit Carlos hatte – Filme reali­sieren, die ihm vorher nicht möglich waren, mit einem für Frank­reich mittleren Budget, wie er sagt (4 Mio. Euro), und mit einem ausge­feilten Bühnen- und Kostüm­bild. Carlos gab es in zwei Versionen, die von Assayas bevor­zugte mäandert und erlaubt Längen, Längen in denen sich Emotion ausbreitet, wo der atemlose Plot Verschnauf­pause bekommt. Viel­leicht hätte Après mai auch länger werden sollen, viel­leicht kommt Assayas jetzt in die Zwänge des Erzähl­kinos. Um es kurz zu machen: Sein Film ist eine Wucht, aber auch reiner Plot. Zuviel Biopic, zuviel Künstler-Herme­neutik. Die Darsteller sind allesamt Laien und umwerfend, der Sound­track ist wiedermal der Sound­track von Assayas’ Leben. Den Film prägt eine umwer­fende auto­bio­gra­phi­sche Verfasst­heit und eine zur Perfek­tion durch­ge­stylte Remi­nis­zenz an die 70er Jahre. Unterm Strich jedoch ist da zu viel Plot, zu wenig Atemholen, eine aufge­regte Ereig­nis­haf­tig­keit wie bei einer Vergan­gen­heits­re­kon­struk­tion, die uns mit vier Ausru­fe­zei­chen sagt: So! aufregend! war! das!
Auch wenn ich mit dem »neuen« Assayas (nach Carlos) nicht so ganz mitgehen kann und Einwände gegen die Atem­lo­sig­keit habe: Der Film ist in der Aussage kraftvoll wie ein Flugblatt und schön anzusehen wie ein Graffiti an der Wand. Und: der Film hat mir klar­ge­macht, warum er damals so ausge­flippte, als er es sah, das Werk­statt­kino. Und: Der Film wird – immerhin am Ende – zur reinen Leinwand, wenn das zu Kunst geronnene, geliebte Mädchen als Sehn­suchts­mo­ment an die binnen­die­ge­ti­sche Projek­ti­ons­fläche eines Kinos gezaubert wird. Ähnlich wie vor ihr hatte schon Maggie Cheung die Kino­lein­wand erklet­tert, und ist in den anderen Zustand der Realität über­ge­gangen.