01.12.2011
Cinema Moralia – Folge 40

Am Nasenring der Funk­ti­onäre

The Ballad of Genesis and Lady Jaye
Genesis P. Orridge und Lady Jaye
nach einer ihrer vielen Verschmelzungsoperationen
(Foto: Arsenal – Institut für Film und Videokunst)

Einmal mehr die beliebte Frage: Quo Vadis deutscher Film? Außerdem: ein Mann für spezielle Bedürfnisse, rettet die Kurbel, zwei Glücksfälle und dreimal Schwachsinn – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 40. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Quo Vadis deutscher Film?« Morgen abend ist so ein Tag, an den man sich, wenn alles gut läuft, auch in ein paar Jahren noch erinnern wird. Da stellt nämlich der Berliner Produzent Martin Hagemann, seine Thesen »zur Rettung des deutschen Films« vor. Sie sind brisant, soviel darf man jetzt schon verraten, vor allem für die Funk­ti­onäre, Kultur­po­li­tiker und Gremi­en­profis der deutschen Filmszene und für die öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­sender, denn sie laufen auf die Forderung hinaus, die deutsche Film­för­de­rung einfach abzu­schaffen, zumindest in ihrer jetzigen Form. Und das von einem Film­pro­du­zenten, also einem Angehö­rigen jener Spezies, die, so möchte man glauben, von den derzei­tigen Förder-Verhält­nissen doch noch am meisten profi­tiert. Puste­ku­chen sagt Hagemann, und begründet das gut. Hagemann produ­ziert seit 1985 Spiel- und Doku­men­tar­filme, ist überdies selbst Mitglied in verschie­denen Förder­gre­mien und sitzt im Vorstand der beiden großen Verbände Produ­zen­ten­al­lianz und »AG Dok«. Er weiß also, wovon er redet, und kann von den eifrigen Vertei­di­gern des Beste­henden nicht als unbe­deu­tende Stimme oder Außen­seiter abgetan werden. Fast verzwei­felt meldet er sich zu Wort, und klagt dringend notwen­dige Verän­de­rungen ein, die eigent­lich nur Selbst­ver­s­tänd­lich­keiten sind – und das nicht in erster Linie um sich selbst zu retten, sondern die Eigen­s­tän­dig­keit des deutschen Kinofilms. Hagemann wird auch von seines­glei­chen Wider­spruch ernten, aber zumindest hat seine wohl­be­grün­dete Argu­men­ta­tion das Zeug, die über­fäl­lige Diskus­sion um die ökono­mi­sche Zukunft des deutschen Kinos auszu­lösen. Man wundert sich ja schon länger, was sich die deutschen Film­pro­du­zenten alles gefallen lassen. Gerade die unab­hän­gigen. Sie wirken mitunter so, als würden sie am Nasenring durch die Manege des Förder­zirkus geführt, vor allem damit ihre Dompteure sich toll und allmächtig fühlen dürfen. Zugleich weiß man natürlich, warum das so ist: Wer aufmuckt, wird schnell mal bei den nächsten Gremi­en­sit­zungen über­gangen. Trotzdem wagt sich jetzt einer aus der Deckung. Mehr dazu morgen bei der Berliner Diskus­si­ons­runde zum Thema »Quo vadis deutscher Film?« im Babylon-Mitte beim »Festival Around the world in 14 films« – und nächste Woche an dieser Stelle.

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»Rettet die Kurbel!« Das Kino die »Kurbel« in Char­lot­ten­burg ist das erste Tonfilm­kino Berlins. Aber am 21. Dezember 2011 soll dort der letzte Vorhang fallen. Denn der Eigen­tümer des Gebäudes, mit dem schön-spre­chenden Namen »Terra-Real Verwal­tungs-Gesell­schaft mbH« will das Gebäude komplett­sa­nieren und die Kinoräume an eine Super­markt­kette vermieten. Wirt­schaft­liche Gründe allein sprechen nicht dafür. Denn das Kino verfügt über drei Säle (346, 140 und 89 Sitz­plätze). Die Besu­cher­zahlen steigen von Jahr zu Jahr, mit ihnen die Umsätze. Gespräche mit dem Haus- und Kino­ei­gen­tümer, Symcha Karo­linski, haben nichts gebracht. Darum hat sich jetzt eine Initia­tive gebildet, die versucht, diesen drohenden Kultur­ver­lust zu verhin­dern, und dem Kinosterben zu trotzen: »Rettet Die Kurbel« heißt eine öffent­liche Initia­tive. Am Donnerstag, 24. November 2011 gibt es ihr erstes Treffen. Um 17:00 Uhr im Berliner »Irish Harp Pub« (Giese­b­recht­s­traße 15) kommt es zum »Großen Info-Treffen der Retter mit promi­nenten Unter­s­tüt­zern«.

Einige promi­nente Kultur­schaf­fende und -förderer, nicht nur aus Film, Theater und Verlags­wesen, expo­nieren sich bereits. Dazu gehört der Film­för­derer Medi­en­board, aber auch der Schau­spieler Hilmar Thate. Weitere Infos unter: www.rettet­die­kurbel.blogspot.com

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Glücks­fall I. The Ballad of Genesis and Lady Jaye. Hätte Stumm­film­pio­nier Georges Méliès zur Zeit der Pop-Art-Avant­gar­disten der sechziger Jahre gelebt, wäre viel­leicht so ein Film heraus­ge­kommen: Unglaub­lich naiv und unglaub­lich phan­tas­tisch im selben Moment, sich um keinerlei Regeln scherend, und doch immer darauf bedacht, den Zuschauer ins Herz und manchmal die Magen­grube zu treffen. Die in New York lebende Französin Marie Losier erzählt in ihrem ersten Langfilm, einer sehr subjek­tiven Doku­men­ta­tion nach einer Handvoll expe­ri­men­teller Kurzfilme, die Geschichte der beiden Künstler Genesis P-Orridge und Lady Jaye. Seit Mitte der Neunziger war dies zugleich die große Liebe und eine Arbeits­ge­mein­schaft – bis zum Tod von Lady Jaye 2007. Diese Lebens- und Ster­bens­ge­schichte ist berührend erzählt, zugleich erfährt man viel über Postpunk, Perfor­mance-Kunst und das von William S. Burroughs und Brion Gysin entlehnte Prinzip des »Cut-Up«, das Genesis P-Orridge seit 2000 mit scho­ckie­rend-faszi­nie­render Radi­ka­lität auf den eigenen Körper anwendet, indem sich der hete­ro­se­xu­elle Mann durch Schön­heits­ope­ra­tionen in eine Frau verwan­delt, und so aus sich selbst das finale »pandro­gyne« Kunstwerk macht. Losier glückte ein einzig­ar­tiger Film über Liebe, Kunst und Geschlech­ter­iden­tität, der bei der letzten Berlinale sehr passend zugleich den Caligari-Preis wie den Teddy-Award gewann.

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Glücks­fall II. Songs of Love and Hate, der zweite Spielfilm der in Berlin lebenden Schwei­zerin Katalin Gödrös schildert das Leben einer wohl­ha­benden Winzers­fa­milie im Tessin und einen Mikro­kosmos mit Wander­ar­bei­tern und Haus­tieren. Vor allem sieht man einer jungen Frau beim Erwach­sen­werden zu. Dieses ist bei der sieb­zehn­jäh­rigen Lilli vor allem dadurch gestört, dass sie eine besonders enge Vater­be­zie­hung hat. Der Vater weiß auch nicht recht, wie er mit der Mutation der geliebten Tochter zur attrak­tiven Frau umgehen soll, und regiert mit schroffer Strenge – die wiederum die Tochter zum Irra­tio­nalen und die Ereig­nisse in über­ra­schende Volten treibt. Was am Ende die Moral von der Geschicht' sein soll, wird nicht völlig klar, aber das ist viel­leicht auch besser so. Dafür ist alles vor dem Hinter­grund einer schönen Berg­land­schaft anspre­chend gefilmt und bewegend gespielt – Haupt­dar­stel­lerin Sarah Horváth, die bereits mit Lollipop Monster beein­druckte, gewann für diese Rolle im Januar den Max-Ophüls-Preis.

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»Making a movie is like romancing a girl« – Filme zu produ­zieren sei wie um eine Frau zu werben. Das sagt der Holly­wood­pro­du­zent Jonathan Shields in Vincente Minellis Hollywood-Insi­der­komödie The Bad and the Beautiful. Shields ist aller­dings eine Erfindung, genau wie jener »letzte Tycoon«, dem F. Scott Fitz­ge­ralds gleich­na­miger und später verfilmter Roman einst ein Denkmal setzte. Die Wirk­lich­keit scheint profaner: Das Bild, das die meisten Film­lieb­haber vom Beruf des Produ­zenten haben ist das eines nach Hollywood verpflanzten Onkel Dagobert: Knausrig und eher unge­bildet seien sie, im Zwei­fels­fall Nerven­sägen, die die Künstler im falschen Moment unter Druck setzen, ihre Arbeit nicht zu schätzen wissen und statt mit Film auch mit Wurst handeln könnten.
Viel­leicht, das legt jeden­falls die Geschichte von Arnon Milchan nahe, muss man dieses Bild jetzt ein wenig korri­gieren. Denn der heute 66-jährige Hollywood-Produzent, der seit den frühen 1980er Jahren für große Hollywood-Studios wie Warner Brothers und 20th Century Fox unter anderem Filme wie Once Upon a Time in America, Der Rosen­krieg, Pretty Woman und nicht zuletzt den Film Mr. & Mrs. Smith produ­zierte, und der mit alldem ein Privat­ver­mögen von über drei Milli­arden Dollar auftürmte, hatte offenbar noch eine ganz andere Seite: Seit Mitte der 80er Jahre stand Milchan, der auf Premie­ren­fotos regel­mäßig mit Stars wie Angelina Jolie oder Naomi Watts schäkert, offenbar im Sold des israe­li­schen Geheim­dienstes. Das enthüllen jetzt die beiden ameri­ka­ni­schen Autoren Meir Doron und Joseph Gelman in ihrem gemein­samen Buch »Confi­den­tial: The Life of Secret Agent Turned Hollywood Tycoon Arnon Milchan«. Wie die Autoren recher­chierten, arbeitete Milchan, der auch ein persön­li­cher Freund von Israels früherem Premier­mi­nister und jetzigem Staats­prä­si­denten Shimon Peres ist, für den Mossad offenbar vor allem als Vermittler und Mann für »spezielle Bedürf­nisse«. Darunter müsse man sich, so die Buch­au­toren, vorstellen, dass Milchan als Under­cover-Agent Auslands­konten für den Geheim­dienst »überwacht« habe. Vor allem aber hat er offenbar als Strohman für Geschäfte mit Waffen und Waffen­bau­teilen fungiert, die über seine Firma geliefert wurden. Darin ging es unter anderem auch um Nukle­ar­ma­te­rial. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Israel spätes­tens seit den 70er Jahren über ein eigenes Nukle­ar­ar­senal verfügt. Peres gilt als »Vater der israe­li­schen Nukle­ar­streit­macht.« Auch wenn das Buch, dass vor zwei Tagen in Amerika herauskam, von Milchan nicht persön­lich auto­ri­siert wurde, darf man offenbar davon ausgehen, dass sein Inhalt im Wesent­li­chen den Tatsachen entspricht. Außer mit vielen Bekannten Milchans und mit Shimon Peres hatten die Autoren auch mehrere Gespräche mit dem Tycoon selber geführt, aus denen sie in ihrem Werk zitieren. In diesen bezeichnet sich Milchan als »Patriot« und betont, er habe persön­lich von den Geschäften finan­ziell nicht profi­tiert. So lebte Milchan offenbar ein Leben, das jetzt selbst den Stoff zu einem guten Film hergeben könnte. In Internet-Blog mokieren sich jetzt schon manche, und schreiben: »Endlich mal einer aus Hollywood, der einen richtigen Job hat.«

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Schwach­sinn I.: Liebe unterm Wüsten­himmel: Eigent­lich will die ameri­ka­ni­sche Mode­jour­na­listen Juliette (Patricia Clarkson) nur ihren Mann besuchen, der gerade für die UNO in Ägypten arbeitet. Doch der ist unterwegs, und lässt auf sich warten, und da selbst ein harmloser Cafe-Besuch als allein­rei­sende blonde Frau in der ägyp­ti­schen Machowelt nicht einfach ist, ist sie dankbar für die Beglei­tung durch ihren ägyp­ti­schen Freund Tareq (Alexander Siddig). Aus ihrer Begeis­te­rung für den Zauber Ägyptens wird bald Leiden­schaft für Tareq. »=« catime=»catime« class=»nc«>Cairo Time ist etwas, was es eigent­lich gar nicht mehr geben dürfte: Eine exotis­ti­sche Phantasie, so schwer­blütig und parfü­miert wie Flauberts »Salammbo« nur leider nicht so stil­si­cher. Dass die Regis­seurin Ruba Nadda als Syrisch-Kana­dierin selbst Wurzeln im Nahen Osten hat, macht die Sache nicht besser. Dies ist ein Film, der seinen Gegen­stand immer nur von Außen betrachtet, einen auslän­di­schen Blick­winkel repro­du­ziert und es bei ange­nehmen Ober­flächen belässt. Das glänzend glatt lackierte Kairo-Bild, das ihr Film zeichnet, unter­scheidet sich nur in Nuancen von einer Reportage des »Discovery Channel«, die kitschige Filmmusik gibt all dem den Rest. Was »=« catime=»catime« class=»nc«>Cairo Time immerhin ein wenig rettet, sind die Schau­spiel­leis­tungen von Patricia Clarkson und Alexander Siddig. Der Neigung, diesen Film mit der »Arabel­lion« zu verbinden, darf man aber getrost wider­stehen, eher reprä­sen­tiert diese bereits 2009 entstan­dene, von der ägyp­ti­schen Zensur abge­seg­nete Schmon­zette genau das Ägypten-Bild, das das Ancien Regime der Welt verkaufen wollte: Pyramiden, Nil und orien­ta­li­sche Folklore; Mubarak-Kino.

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Schwach­sinn II.: Wer ist die beste Braut­jungfer, besser als alle anderen? Das muss wohl, zumindest für manche Menschen in Amerika, wo der Zwang zur »richtigen Hochzeit« einem mitunter das Heiraten verleiden kann, ein echtes Problem sein. Es dominiert zumindest die erste Hälfte von Paul Feigs Brau­talarm einer nicht ganz durch­schnitt­li­chen, in manchem angenehm respekt­losen Hollywood-Komödie. In deren Zentrum steht Annie (Kristen Wiig), eine Heldin, die in ihren zahl­rei­chen Miss­ge­schi­cken, ihrem Kampf gegen die Tücken des Schick­sals und die Zwänge der Gesell­schaft stark an eine zeit­ge­mäße Version von Bridget Jones erinnert. Der Sommer steht für Annie, die in Milwaukee ein ebenso unbe­frie­di­gendes Arbeits­leben führt, wie eine missliche Sexbe­zie­hung mit einem Vorstadt­idioten, und für die als Mitdreißi­gerin langsam auch der Countdown zum Glück hörbar tickt, ganz im Zeichen der Heirat ihrer besten Freundin Lilian. Lillian hat sie zur Braut­jungfer gewählt, aller­dings gibt es ja mehrere Braut­jung­fern, darunter auch Lilians neue Freundin Helen (Rose Byrne im besten Auftritt des Films). Es dauert nur wenige Stunden, da verstri­cken sich Annie und Helen in einen erbar­mungs­losen Ehrgeiz-Wett­be­werb. Der mündet in eine große Krise und ein vorher­seh­bares Happy-End. Der Weg dorthin ist aller­dings mit einigen gelun­genen Späßchen ebenso gepflas­tert, wie mit anzüg­li­chem Humor – etwa über »gebleichte Arschlöcher« –, den man in derar­tigen Frau­en­komö­dien bislang nicht erwarten durfte. Zugleich ist Annie das Gegenteil aller auch von Hollywood propa­gierten Frau­en­ideale: Sie ist Opfer der Finanz­krise, hat kaum Geld, und lästert über Diäten und magere Models – eben eine konven­tio­nelle Komödie.

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Schwach­sinn III.: Der böse Wolf, der hier ein guter ist, will zusammen mit der Groß­mutter Hänsel und Gretel retten, die von der Hexe Veruschka entführt wurden. Dabei wird aber auch die Groß­mutter gefangen... Glück­li­cher­weise macht Rotkäpp­chen gerade eine Shaolin-Kung-Fu-Nahkampf­aus­bil­dung im Wald bei den »Sisters of the Hood«. Sie beteiligt sich an der Suche, verkracht sich aber mit dem Wolf. Dafür gelingt es der Groß­mutter zu fliehen... Und so weiter und so weiter dreht sich der böse Mythen­fleisch­wolf, und vermanscht allerlei Ideen der Grimm-Brüder zu einer Art Leinwand-Themen­park: Märchen trifft Kampkunst trifft Animation trifft Seri­en­mord trifft auch noch 3D. Auf Englisch ist das immer dann lustig, wenn einem einfällt, dass Glenn Close und Joan Cusack die Dialoge der animierten Figuren sprechen. In der deutschen Synchro­ni­sa­tion gelingt alles weniger. Darüber hinaus ist Das Rotkäpp­chen-Ultimatum einfach die Fort­set­zung von Die Rotkäpp­chen-Verschwörung.