19.02.2009
59. Berlinale 2009

Lady Scorpion im Wunderland

Love Exposure
Love Exposure
(Foto: Rapid Eye Movies HE)

Und schon wieder ist eine Stunde vorbei: Sono Sions großartiger Love Exposure erzählt kurzweilig episch aus dem Reich der Zeichen und eröffnet das Berlinale-Forum – später gewann der Film den Preis der Internationalen Filmkritik (Fipresci) und den Caligari-Preis

Von Rüdiger Suchsland

Bittere Tränen weint Yoko. Die Kamera zeigt ihr Gesicht in Groß­auf­nahme und es füllt die ganze Leinwand aus. Das junge Mädchen rezitiert den Korinther 13, eine der schönsten Bibel­stellen überhaupt – sie handelt natürlich von der Liebe. Während­dessen hört man Beet­ho­vens Siebte Symphonie aus dem Off und gele­gent­li­ches Meeres­rau­schen, im Hinter­grund sieht man ein bisschen Strand und den Ozean. Kitsch ist das nie, sondern ein erlesen insze­nierter, benei­dens­wert stimmig kompo­nierter Kino­mo­ment, Pathos pur, eine Erfahrung, wie sie im zeit­genös­si­schen Kino, erst recht dessen Teil, der auf der Berlinale die Regel ist, weit­ge­hend vergessen scheint. Immer wieder hebt dieser Film einfach ab und reißt alles mit, was sich ihm in den Weg stellt, auch die Reserven des Zuschauers – Kino als unter­halt­same, bewegende Gren­z­er­fah­rung.

Yokos Weinen am Strand ist nur eine von gut zwei Dutzend mehr oder weniger atem­be­rau­benden Szenen in Sono Sions Film Love Exposure (im Original: Ai no mukidashi), mit dem am ersten Frei­tag­abend auf der Berlinale das Inter­na­tio­nale Forum des jungen Films, die unab­hän­gigste und am Stärksten nach der Zukunft des Kinos suchende Sektion der Berlinale eröffnete. Und gleich im ersten Film konnte man dieser Zukunft begegnen. Hätte Beethoven Filme gemacht, davon ist sein später Fan Sion in aller Beschei­den­heit überzeugt, dann wären sie so ähnlich wie seine.

Pulp Fiction aus Japan: Eine große Kinooper, die in ihrer Form allen Gewohn­heiten zuwider läuft, jeden Rahmen sprengt. Denn wie will man eine solche Erfahrung beschreiben, wie einen Film zusam­men­fassen, der vier Stunden lang ist, und dabei, man kann es gar nicht anders sagen, ziemlich kurz­weilig? Love Exposure mischt das zumindest auf den ersten Blick Unver­ein­bare: Katho­li­zismus und sexuelle Perver­sion, Beethoven und Japan-Pop, Kampf­kunst und Romantik, reli­giöses Sektie­rertum und libertäre Gesinnung, Sünde und Unschuld. Der Punkt, an dem sich das alles trifft und vereint, ist der einzige, der dazu in der Lage ist: Die Liebe. Denn in seinem ganzen wunder­baren kunter­bunten Formen­wahn­sinn ist Love Exposure eine ganz klas­si­sche und eher einfache Liebes­ge­schichte.

Auf den ersten Blick ist es die älteste Story der Welt, die Sono Sion ein weiteres Mal und höchst originell erzählt: Boy meets Girl. Aber da wird es schon kompli­ziert. Denn genauso könnte man sagen: Girl meets Girl. Yu, der Sohn eines katho­li­schen Priesters befindet sich auf Abwegen, weil er den Vater nur durch Sünden für sich inter­es­sieren kann. In Wahrheit aber sucht er »meine Maria«, die große Liebe, die ihm seine Mutter am Ster­be­bett verspro­chen hatte. Als er Yoko trifft und ihn der Donner­schlag der Gefühle für sein Leben erschüt­tert, ist er wegen einer verlo­renen Wette dummer­weise gerade als Frau kostü­miert, als »Sasori«. Yoko geht es nicht anders als Yu, nur glaubt sie nach der ersten Begegnung nun, dass sie eine Frau geküsst hat und eine »Perverse« sei.

Diese Ebene der Geschlech­ter­ver­wechs­lungs­komödie kennt man schon von Shake­speare. Weil »Sasori«, die »Lady Scorpion« mit schwarzem Hut und scharfen Samurai-Schwert, aber eine mythische (und bise­xu­elle) Figur des japa­ni­schen Kinos der 70-er Jahre ist, spielt der Regisseur hier auch ein bezie­hungs­rei­ches Spiel mit der Kino­ge­schichte – man merkt schon: In seiner barocken Überfülle macht das Zeichen­system, das Sion hier entfaltet, viel Entschlüs­se­lungs­ver­gnügen, und ist dabei immer kurz­weilig – aber eben auch nicht unkom­pli­ziert.

Dabei war dies alles nur der erste Akt eines Films, der seine Story in fünf Akten und vier Stunden weiter­treibt. Das ist ungemein souverän erzählt, in über­zeu­genden Rhythmus-Wechseln, mehr­stimmig aus sprin­genden subjek­tiven Perspek­tiven. Die Musik ist ein Gemisch aus Klassik – neben Beethoven auch Ravel und Saint-Saens – mit Rocksongs und Poptep­pi­chen. Bei aller Phantasie, dem eksta­tisch-über­bor­den­denden Anti­na­tu­ra­lismus ist Love Exposure voller Zeit­be­züge. Man begegnet einer verschla­genen Femme Fatale, einer reli­giösen Terror­gruppe nach dem Vorbild der tota­li­tären »Aum«-Erlö­sungs­sekte, Wahnsinn und Gesell­schaft.

Ist das nun, wie man so sagt, »typisch japanisch«? Viel­leicht. Aber nur in seinem unbe­dingten Willen zur Form, dem Wissen, dass man im Kino nur etwas erreicht, wenn man in Bildern erzählt, und den Mut hat, über Grenzen zu gehen. Wie viele seiner japa­ni­schen Künst­ler­kol­legen und wie nur wenige Europäer besitzt Sion, der Fass­binder und Cassa­vettes als Vorbilder nennt, einen produk­tiven Wahnsinn, Mut zur Pein­lich­keit, wie unge­hemmte Lust daran, scheinbar Unpas­sendes durch­ein­an­der­zu­wür­feln. »Perverse gibt es nicht nur in Japan«, sagte Sion in Berlin, »die ganze Mensch­heit ist pervers.« Und »ohne das Gefühl der Sünde gäbe es gar keine Perver­sion.«
Ein großer Film, und eine jener zu seltenen Erfah­rungen, wegen derer sich das ganze Berlinale-Spektakel noch lohnt: Denn wo sonst, wenn nicht im Forum und hoffent­lich in ein paar Programm­kinos wird man Love Exposure noch sehen können?