05.07.2007
24. Filmfest München 2007

Treffer, verschenkt!

4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
(Foto: Concorde Filmverleih)

Erwartbares und Unerwartetes auf dem 25. Münchner Filmfest

Von Dunja Bialas

Wenn am Ende eines Festivals der Eröff­nungs­film zum Publi­kums­lieb­ling gekürt wird, dann hatten die Program­mierer ein glück­li­ches Händchen – und ein Gespür dafür, was gut ankommt. Gut kommt an, was gefällt, und darum geht es vor allem bei einem großen Publi­kums­fes­tival wie dem Filmfest an der Isar­me­tro­pole. Wenn dann die Filme, die gefallen, auch noch gute Filme sind, und das Publikum in die wichtigen Welt­pro­duk­tionen der Saison hinein­bli­cken kann, ohne dass diese ohnehin binnen weniger Woche ihren Kinostart haben, dann kann man getrost von einem Festival sprechen, das zwar auf Nummer Sicher program­miert wurde, aber doch seinem Anliegen gerecht geworden ist.
Bikur Ha-Tizmoret (The Band’s Visit), mit dem das 25. Filmfest München eröffnete, war der seltene Fall einer durch und durch gelun­genen Komödie, bei der sich allent­halben gute Laune breit machen konnte, und die am Ende in leicht melan­cho­li­schen Tönen auch die »dark side of life« nicht vergaß. Das Komische der Komödie verdankte sich der bewährten Kategorie der Gegen­sätze, die hier aber mit einem ägyp­ti­schen Poli­zei­or­chester, das in einem israe­li­schen Wüstenort strandet, dann doch tiefer rührten und auf einen poli­ti­schen Unter­grund verwiesen, über den hinweg­ge­lacht werden konnte. Auch die zuerst qual­vollen, dann zaghaften, schließ­lich zärt­li­chen Kommu­ni­ka­ti­ons­be­mühungen zwischen den Arabern und den Israelis verliehen dem Film eine zunächst witzige Kompo­nente, dann hoff­nungs­volle Botschaft, die im Grunde aber nicht politisch, sondern allgemein mensch­lich gemeint war. Ein Film, der auch die Herzen rührt, wie in Cannes, wo er den Preis »Coup de Coeur« erhalten hatte.

THE BAND’S VISIT war einer der zahl­rei­chen Filme, die aus Cannes nach München geholt wurden. So auch der Gewinner der Goldenen Palme, der leicht als »Abtrei­bungs­drama« verschlag­wort­bare rumä­ni­schen Beitrag 4 luni, 3 saptamâni si 2 zile (4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage) von Cristian Mungiu. Der »beste Film von Cannes« war eine sehr konzen­trierte, span­nungs­ge­la­dene Erzählung über die Zeit am Ende der Ära Ceausescu. Eine Freundin hilft der anderen in der größten Not und prosti­tu­iert sich sogar für sie, damit diese ihre Schwan­ger­schaft abbrechen kann, was unter hohen Gefäng­nis­strafen stand. Die körper­liche Notlage wird vor diesem Hinter­grund ein poli­ti­scher Notstand, der weit über die Abtrei­bungs­the­matik hinaus­geht. Dabei bleibt der Film kühl stili­siert und unter­wirft den Realismus einer leicht über­höhenden Ästhetik, was auf die histo­ri­sche Distanz verweisen mag. Otilia, die ihrer in jeglicher Hinsicht immobilen Freundin Gabita in der Notlage hilft, eilt in langen Plan­se­quenzen durch die öden, aber streng kadrierten und fast septisch wirkenden Räume eines Studen­ten­wohn­heims, verhan­delt vehement in einer grau­me­lierten, marmornen Hotel­lobby wegen eines angeblich nicht gebuchten Zimmers und später ebenso vehement auf offener Straße mit dem zukünf­tigen Engel­ma­cher. Das Gehetzt­sein von Otilia zeigt den Ener­gie­auf­wand, den sie aufbringen muss, um unter den widrigsten Umständen zum Ziel zu gelangen. Dabei bleibt der Film in seiner Tonlage ruhig und unauf­ge­regt und erzählt ganz nebenbei auch Aspekte des Alltags im Rumänien der späten 80er Jahre.

XXY, ein weiterer Cannes­ge­winner, den das Filmfest nach München geholt hat, stellt ebenfalls die Selbst­be­stim­mung über den Körper in sein Zentrum. Die Argen­ti­nierin Lucia Puenzo macht ihrem Spiel­film­debüt das seltene Kline­felter-Syndrom zum Titel, der Kombi­na­tion von zwei X- und einem Y-Chromosom, nimmt es dabei aber zum Glück medi­zi­nisch nicht allzu genau. Wichtig sind für Puenzo die Bilder, in die sie ihre Erzählung von der 15jährigen, sich selbst suchenden Alex bettet. Auf ihren langen, dürren Beinen, noch sehr kindhaft und weniger maskulin lässt sie diese durch die Küsten­land­schaft von Uruguay staksen. Ihr Körper ist ein Körper noch vor seiner Entwick­lung, am Anfang der Pubertät. Es geht um Gender: Die sich formenden Brüste und die sanft ausge­schwun­gene Hüfte sind sichtbare weibliche Insignien, die sich mit dem stre­cken­weise männlich-aggres­siven Verhalten paaren. Die Gleich­zei­tig­keit von zwei geschlecht­li­chen Iden­ti­täten lässt Alex wie in einem Vexier­bild, in dem nicht klar ist, ob der Mann oder die Frau zu sehen ist, ständig zwischen ihren Rollen hin- und hers­wit­chen, auch zwischen der Aktivität ihres (männ­li­chen) Handelns und dem passiven Moment, wo sie zum (weib­li­chen) Opfer wird. Ein alles in allem sehr thema­ti­scher Film über die Selbst­fin­dung, die, wenn sie hier auch extrem ist, auf eine allge­meine pubertäre Verun­si­che­rung und Iden­ti­täts­suche herun­ter­ge­bro­chen werden kann. Grandios ist dabei das Setting, das Puenzo für ihre Geschichte gewählt hat. Die Land­schaft ist gleich­falls unent­wi­ckelt und leer, mit der Unprä­gnanz einer unge­formten Dünen­land­schaft und der Gleich­för­mig­keit des Ozeans. Der neutrale, weite Dekor ist wie der sichtbar gewordene innere Zustand von Alex, eine Seelenin­nen­land­schaft ihrer noch in alle Rich­tungen offenen Identität.

Anders als die preis­ge­krönten Cannes-Importe zeigten die nach München gebrachten »echten« Franzosen ungleich weniger kunstvoll stili­sierte Werke, mehr bürger­liche Erbau­ungs­er­zäh­lungen vom angeblich wahren Leben. Man sollte sich schon einmal fragen, wie lange die fran­zö­si­sche Film­pro­duk­tion noch auf die Marke des »savoir vivre« setzen und die Franzosen als sympa­thi­sche, tolerante, verschro­bene, dabei immer liebens­werte Menschen darstellen möchte, die in einer funk­tio­nie­renden Nach­bar­schaft Gutes tun. Die Zeit des »Nouveau Cinéma Français« ist – auch wenn das Filmfest respek­tive Robert Fischer seine fran­zö­si­sche Reihe immer noch so nennen mag – schon lange vorbei, als mit kleinen Alltags­er­zäh­lungen einer sich suchenden Gene­ra­tion ein paar Jahre lang die fran­zö­si­schen Film­pro­duk­tionen reani­miert wurden. Viel­leicht war es aber genau der Wunsch, sich aus dem ökono­misch, ökolo­gisch und politisch belas­teten Frank­reich in eine heile Welt hinein­zu­träumen, der den charis­ma­ti­schen Fami­li­en­schau­spieler Jean-Pierre Darroussin in seiner ersten Regie­ar­beit zu einer durchweg netten Emmanuel-Bove-Verfil­mung veran­lasste. In Le Pres­sen­ti­ment (Premo­ni­tion) spielt er den gut situ­ierten Anwalt Charles Benesteau, der mit seiner Familie bricht, um im Araber­viertel von Paris fern von bürger­li­chen Mini­mal­stan­dards ein ruhiges Leben als Schrift­steller zu führen. Nur kommen ihm da die turbu­lenten und sozial gesät­tigten Ereig­nisse des Viertels dazwi­schen, die ihn erst ins »wirkliche« Leben mit häus­li­cher Gewalt, puber­tie­renden Mädchen und Getrat­sche der Nach­bar­schaft hinein­ka­ta­pul­tieren. Ein durchaus sympa­thi­scher Film mit einem noch sympa­thi­scheren Darroussin, in dem viel Gutes getan wird und die Bösar­tig­keiten, auch wenn sie krass sind, hübsch aufge­fangen werden durch die letztlich doch guten bürger­li­chen Werte als da wären ordent­liche Lektüre und mate­ri­elle Wunsch­er­fül­lung.
Darroussin weicht in seinem Regie­debüt kaum davon ab, was ihm übli­cher­weise als Rollen zufällt; einzig der Schau­platz Paris, seine Haar­pracht und der schicke Anzug seiner bürger­li­chen Rollen­aus­klei­dung sind ungewohnt. Wo Darroussin drauf­steht, ist auch Darroussin drin, was die in die Jahre kommende Fange­meinde des bis auf wenige Ausnahmen stagnie­renden fran­zö­si­schen Kinos beruhigen kann. In den anderen beiden Filmen des Filmfests, in denen Darroussin als Schau­spieler zu sehen war, hat er wieder seinen gewohnten Platz in der Provinz einge­nommen, als Reprä­sen­tant des Prole­ta­riats (er spielt einen Knei­pen­wirt in J’Attends Quelqu’Un und den Gärtner in Dialogue avec mon jardinier), ist wieder schlecht angezogen, mit spär­li­cher Haar­pracht, aber ausge­stattet mit Gutmü­tig­keit, Beschei­den­heit und einer Lebens­weis­heit, von der man nicht lassen möchte. Echtes Wohlfühl- und Fami­li­en­kino also, das da aus Frank­reich auf dem Filmfest gezeigt wurde, wenn es auch keines­wegs „neu“ war oder gar tolle Entde­ckungen offen­barte.

Auf ähnlich Bewährtes, dabei aller­dings wie immer vers­tö­rend und skan­da­li­sie­rend, setzte Ulrich Seidl, öster­rei­chi­scher Bad Boy, in seinem zweiten Spielfilm Import Export. Anders aber als in Hundstage, wo er den öster­rei­chi­schen Durch­schnitts­bürger in all seinen Niede­rungen und Pein­lich­keiten vorführte, entwi­ckelt Seidl in Import Export wenigs­tens stre­cken­weise ein sympa­thi­sie­rendes Verhältnis zu seinen Figuren. Zunächst lässt er aber noch mal alle Klischees auffahren: Da ist die Ukrai­nerin Olga, die in ihrer Heimat in einem seelen­losen Cyber-Puff landet, und da ist der dumpfe öster­rei­chi­sche Proll namens Paul, ein Hundert­pro­zen­tiger in einer Security-Einheit, der es sich nicht nehmen lässt, seiner Freundin mit einem Kampfhund Tode­s­angst einzu­jagen, worauf diese ihn aller­dings selbst­be­wusst aus ihrem Leben raus­schmeißt und er überhaupt aus der öster­rei­chi­schen Gesell­schaft raus­fliegt. Seidl durch­kreuzt in seinem Film immer wieder Erwar­tungen an das Klischee, das er selbst aufgebaut hatte. Die blonde und hoch­ge­wach­sene Olga landet nicht, wie ihre Vorge­schichte, ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Herkunft und die Tatsache, dass man sich in einem Ulrich-Seidl-Film befindet, nahe legen, im öster­rei­chi­schen Sex- und Porno­mi­lieu, sondern verdingt sich als »ehrliche Putzfrau« in einer Ster­be­sta­tion. Und der prollige Öster­rei­cher strandet nach einer Tour de Force mit seinem sexbe­ses­senen Vater in der kalten und herun­ter­ge­kom­menen Ukraine auf der Suche nach einem neuen Job. Dies ist das uner­war­tete Import-Export-Geschäft, von dem der Film erzählt, und das einen Blick auf das Europa der Ausge­grenzten und Verges­senen wagt. Seidl ist stets darum bemüht, den Blick auf die gesell­schaft­li­chen Tabuzonen zu richten. Nahe­lie­gend ist da die sexuelle Ernied­ri­gung der Ukrai­nerin, aber auch von Pauls Vater, der seine Impotenz mit Impo­nier­ge­habe wett­ma­chen muss. Klischee­haft ist auch die niedere Bösar­tig­keit, mit der die Kolle­ginnen aus Eifer­sucht Olga zusetzen, die das Herz doch auf dem rechten Fleck hat. Eine weniger klischee­hafte Tabuzone wird beschritten, wenn Seidl den Film in einer Säug­lings­sta­tion beginnen und in einer Ster­be­sta­tion enden lässt. Das hilfe­su­chende Schreien des Babys, das durch Mark und Bein einer jeder Mutter geht, und die deutlich über­zeich­nete Ster­be­ka­ko­phonie (»tot!, tot«) der Alten im Schlaf­saal weitet den Import-Export-Gedanken auf eine kaba­ret­tis­tisch verbrämte Meta­physik aus: Woher wir kommen, wohin wir gehen...
Seidl bewegt sich mit seinem Film genau an der Grenze zwischen dem Erwart­baren und dem Uner­war­teten, lässt den Zuschauer sich selbst bei seinen eigenen Klischee­vor­stel­lungen ertappen. Dies ist natürlich ganz im Sinne des öster­rei­chi­schen Mora­listen, aber wenigs­tens fühlt man sich so weniger mani­pu­liert als in manchem Seidl-Stück zuvor.

Ein Altmeister, wenn es um düstere Ausschwei­fungen und Milieu­ver­dich­tungen geht, ist Abel Ferrara. Sein neuer Film Go Go Tales entpuppte sich über­ra­schend als nahezu heitere Screwball-Komödie mit zwar mittel­klas­sigen Gags, dafür aber erst­klas­sigen Frau­en­kör­pern. Ein Film, ganz was fürs (männliche) Auge. Anders als in seinen filmi­schen New-York-Delirien insze­niert Ferrara diesmal nahezu unge­bro­chen einen luxu­riösen Nachtclub namens »Ray Ruby’s Paradise«. Vorbei die dilem­ma­ti­sche Situation, in der die Sünden­fallen der modernen Großstadt inklusive exzes­sivem Drogen­konsum und perver­tiertem Sex als zugleich faszi­nie­rend und monströs insze­niert wurde. Hier bleibt alles schön, die Frauen sind atem­be­rau­bend, die Typen sind immerhin o.k., es gibt nur kleine harmlose Versuche, den anderen übers Ohr zu hauen (die aber miss­lingen). Die Erzählung von dem in Geldnöten gekom­menen charis­ma­ti­schen Ruby (Willem Dafoe) ist nur der Rahmen für eine ganz andere Bilder­zäh­lung, die vom schönen, sich lasziv und eroti­sie­rend in Szene setzenden, makel­losen Frau­en­körper. Im schnellen Erzähl­rhythmus pendelt die Kamera hin und her zwischen Club-Hinter­zimmer und Bühne, wo sich in Glamour und Glitter die Go Go Girls um die Strip­tease-Stangen wickeln. Einzig Asia Argento, die eine in Leder­pants geklei­dete Rott­weiler-Domina spielt, fällt aus dieser hohlen Frau­en­staf­fage heraus. Ansonsten bleibt der Film seltsam blut- und seelen­leer, ein großes Spektakel von vorü­ber­zie­henden Nummern, denen man(n) zwar gerne zusieht, die aber letztlich nirgends wohin führen außer in die reine, ober­fläch­liche Unter­hal­tung. Was ja dann ange­sichts der Kompli­zen­schaft des Zuschauers mit der Kamera, die immer wieder auf Pohöhe filmt, auch wieder passt. Wenigs­tens hat am glück­li­chen Ende des Films und am Ende einer langen Nacht, als sich das Cabaret-Ensemble zum fröh­li­chen Grup­pen­bild zusam­men­findet, allein die weiße Weste des Club­be­sit­zers dezente Flecken abbe­kommen. Und das ist ja mal was Neues bei Ferrara, dem enfant terrible der New Yorker Szene.
Bei so viel Nettig­keit hätte man gerne noch in die umfas­sende Retro­spek­tive des radikalen Werner Herzog geblickt. Rescue Dawn, sein neuer Film, gab wenigs­tens für einen Moment den Geschmack von seinem kraft­vollen, kompro­miss­losen Kino. Eine syste­ma­ti­sche Aneignung seines Werks aber musste im konkur­rie­renden Film­an­gebot unter­gehen. Über 40 Filme von Herzog hatte das Filmfest nach München geholt. Da kann man leider nur sagen: verschenkte Arbeit. Da hätte sich eine Koope­ra­tion von Ströhl und Drössler empfohlen: kurze Anspiel­zeit der Retro während des Filmfests, intensive Würdigung dann im Anschluss im Film­mu­seum.

Dunja Bialas