01.03.2007
57. Berlinale 2007

Boulevard Berlin

TUYA'S MARRIAGE
Der ungesehene Siegerfilm:
Tuya’s Marriage

Die dritten und letzten Worte zur Berlinale 2007

Von Thomas Willmann

Die Berlinale hat einen Gewinner! Hurrah!!
Hurr-ah-ha!!...
Hallo??
Hurr-ah-HA!?
Irgendwer???
Hmmm, will keiner so recht mitjubeln.
Warum wohl...
Na ja, ist kein großes Geheimnis: Nach einem Wett­be­werbs­pro­gramm, das schlecht zu nennen eine Auszeich­nung, weil zumindest eine heftige emotio­nale Reaktion impli­zie­rend wäre, sondern das wohl am tref­fendsten als erschre­ckend belanglos charak­te­ri­siert werden kann, nach einem solch belang­losen Wett­be­werb also war der Goldene Bär für Tuya’s Marriage (Tuya de hun shi) nur der konse­quente Abschluss.

Nichts gegen den Film – weil der ja zumindest eine der absoluten Grund­vor­aus­set­zungen eines Berlinale-Gewinners erfüllt: Ich habe ihn mal wieder nicht gesehen. Aber ich habe auch niemanden gespro­chen, den er besonders bewegt hätte, weder Richtung Begeis­te­rung, noch Richtung Ärger. (Bezeich­nend: Ein bekannter Kollege, Chef-Film­re­dak­teur einer großen Tages­zei­tung, hatte sich wacker durch den ganzen zähen Wett­be­werb gekämpft und nur zwei (!) Filme verpasst. Darunter natürlich prompt Tuya’s Marriage – den er am Tag nach der ersten Pres­se­vor­füh­rung nach­ge­holt hätte, hätten ihm nicht alle Befragten einstimmig versi­chert, dass der Film zwar schon okay sei, aber nicht weiter relevant und bestimmt kein Preis­kan­didat. Das Schicksal kann echt grausam sein...)

Mehr aber: Nicht nur spricht nichts dafür, dass sich in einem halben Jahr (oder Monat) irgendwer groß an diesen Sieger­film erinnern wird. Dass er Nachhall finden würde über ein paar weitere Festivals, einen beschei­denen Kunstkino-Auswer­tungs­zy­klus hinaus.
Diese Wahl hat noch nicht mal ein bisschen Über­ra­schungs- oder Symbol­wert. (Oder letzteren dann aller­höchs­tens ex negativo, als Verwei­ge­rung einer »poli­ti­schen« Entschei­dung. Was ja prin­zi­piell löblich wäre. Aber in diesem Fall ja auch nicht besonders nach­drück­lich oder eindeutig wahr­nehmbar ist.)

Kann man’s der Jury zum Vorwurf machen? Kaum – denn was hätte zur Auswahl gestanden, das WIRKLICH ein Ausru­fe­zei­chen gesetzt hätte? Denn nein, auch die zweite Berli­na­lehälfte hatte gegenüber der von mir im ersten Bericht schon bela­men­tierten keinen merk­li­chen Aufschwung genommen. Die Leute waren dieses Jahr ja schon über Gebühr froh um einen Film wie Irina Palm, die Geschichte einer briti­schen Groß­mutter (Marianne Faithful – bei aller sonstigen Verehrung für sie: leider keine Ideal­be­set­zung), die sich als Hand­ar­bei­terin im Sexbusi­ness verdingt, um ihrem Enkel eine Operation zahlen zu können. Ein Film, der als ZDF-»Kleines Fern­seh­spiel« im unteren Mittelmaß nicht weiter aufge­fallen wäre. Aber hier von vielen mit unge­heurem Aufatmen begrüßt wurde – nur, weil’s mal ein halbwegs NETTER Film war.

Ja, klar, ein bisschen real- wie film­po­li­ti­scher wäre es beim Bepreisen noch gegangen. Sagen wir: Ein Bärli als Mahnmal gegen die Zensur für den anderen chine­si­schen Beitrag, Ping Guo, den die Aufischts­behörden seines Heimat­landes nur mit extremen Schnitt­auf­lagen antreten ließen, und der dann in Berlin, hoppla, aus »Zeit­gründen« (die Ände­rungen habe man nicht fertig bekommen) doch in der ungekürzten Fassung gezeigt werden »musste«. Oder für The Good Shepherd, um mal zu beweisen, dass man keine prin­zi­pi­ellen Resen­ti­ments gegen US-Kino hegt. Oder halt für irgend­einen der vielen »enga­gierten« Filme mit »Botschaft«, um deren causa zu unter­s­tützen. Oder Rivette, oder Menzel, quasi lebens­werk­be­loh­nend.
Was auch immer.
Aber einen großen Unter­schied, das Gefühl eines wahrhaft verdienten Siegers? Nein, den hätte nichts davon gemacht, gebracht. Ein bisschen mehr, ein bisschen lauteres Getuschel bei der jour­na­lis­ti­schen Nachlese höchstens. Aber Berlinale-Geschichte war mit diesem Jahrgang beim besten Willen nicht zu schreiben.

Außer – und das wurde zunehmend zu meinem Wunsch­traum – die Jury hätte sich hinge­stellt und verkündet: Sorry, tut uns leid, aber dieses Jahr gibt’s keinen Goldenen Bären, weil uns nichts dessen hinrei­chend würdig erschien.
Das wär’s gewesen. Das hätte gesessen.
Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Juroren davon nicht irgend­wann, ganz heimlich, im tiefsten Herzen, zumindest mal kurz fanta­siert hätten.
Denn Jury-Dienst hatte, bei dieser Film­aus­wahl, doch was von einer besonders perfiden, weil als Ehre getarnten, Straf­ba­tal­lions-Maßnahme für renom­mierte inter­na­tio­nale Film­schaf­fende.
Ich hatte jeden­falls immer das Bild vor Augen, wie Jury­prä­si­dent Paul Schrader, Willem Dafoe und Gael Garcia Bernal heim­kehren wie diese Filmcrew am Ende der Simpsons-Episode, wo in Spring­field der »Radio­ac­tive Man«-Film gedreht werden soll und alles den Bach runter­geht. Wie sie völlig verstört und trau­ma­ti­siert nach Hollywood heim­kehren und dort von ihren vers­tänd­nis­vollen Kollegen empfangen, in die Arme genommen und getröstet werden, während sie stammeln: »Es war so schreck­lich! Und es..., es..., es... hörte nicht AUF!«

Um nicht ungerecht zu sein: Diese Berlinale war, mal den Blick vom Wett­be­werb abge­wendet, weit davon entfernt, ein Totalaus- und -reinfall zu sein. Es gab genug Gutes zu entdecken – auch über die im letzten Bericht verhan­delten Glanz­lichter hinaus.
Da war im Forum die Okamoto Kihachi-Reihe – ein im Westen bisher völlig vernach­läs­sigter Meister des japa­ni­schen Unter­hal­tungs­films der »50er, ‘60er. So ein bisserl viel­leicht der Alfred Vohrer des Nippon-Kinos. Der jedoch, leider, in fast jedem Film nach einer Anfangs­vier­tel­stunde, die einen schier vom Hocker reißt und glauben macht, grade einen Film für die Allzeit-Besten-Liste zu erleben, dann irgend­wann zu viel und zu verschnör­kelt und zu wortreich und ausbuch­sta­biert zu erzählen beginnt. Der aber, wann immer seine Filme den Mund halten, und narrativ auf einen schön gerad­li­nigen Stre­cken­ab­schnitt kommen, SOWAS von großartig werden kann. Und der auch sonst zumindest keine Einstel­lung fabri­zierte, die nicht knallig und mit Willen zur Größe wäre.
Er hätte immer daran gedacht, dass viele arme Leute nur die Wahl hätten zwischen einer Nudel­suppe ODER einem Kino­be­such, und stets versucht, sie die Inves­ti­tion in letzteren nicht bereuen zu lassen, erzählte seine Witwe. (Die mit der größten Entourage von ALLEN Berlinale-Gästen, Hollywood-Größen inklusive, angereist war, und die vor jeder Vorstel­lung unheim­lich gerührt dem Publikum für sein Interesse dankte.)
Ein Arbeits- und Ästhetik-Ethos, der manch anderem auf dem Festival vertre­tenen Regisseur gut getan hätte...«

Na ja, und dann war da selbst­ver­s­tänd­lich DER cine­as­ti­sche Rettungs­anker schlechthin dieses Jahr, nämlich die Arthur Penn-Hommage (der zur veri­ta­blen Retro keine Handvoll Filme fehlte). Ich muss zugeben, dass ich vorher peinlich wenige Penn-Filme kannte – und die Berlinale als großer Fan verlassen habe. Missouri Breaks, The Chase, The Left Handed Gun, Mickey One, Night Moves – halle­lujah, was für tolle, oft toll­dreiste, ganz verschieden-, aber durchweg groß­ar­tige Filme!
Und auch die offi­zi­elle Retro »City Girls«, zum Frau­en­bild im Stummfilm, war nicht zu verachten. Mit den Einschrän­kungen, dass: 1. Solche Themen-Retros, im Gegensatz z.B. zu perso­nen­ori­en­tierten Werk­schauen, meist stim­mi­gere Begleit­pu­bli­ka­tionen abgeben als Film­reihen. Weil die Vorgabe zu kopfig ist; man beim Filme­gu­cken selbst viel zu viel anderes entdeckt und inter­es­sant findet, als dass man sich wirklich durch die Vorgabe den Blick einschränken lassen möchte. Also – gerade bei einem derart weit gefassten Thema wie diesem – immer die Gefahr des Aufkom­mens eines Eindrucks der Belie­big­keit besteht.
Und 2. Diese Reihe speziell doch mehr Altbe­kanntes und -vertrautes aufwies, als die Ankün­di­gung zunächst vermuten, hoffen ließ.
Aber freilich gabs dennoch Neues unter der Sonne zu sehen, wie etwa Something New – der bis zur Obsession von der Erkenntnis berauscht ist, dass ein Auto sich auch durch unweg­sames Gelände pflügen kann und eine Western­land­schaft ähnlich gut erobern wie ein Pferd. (Wir reden hier von 1919, und das Auto ist ein ganz normaler damaliger Perso­nen­wagen.) Und das ist auch wirklich eine Schau, wie da ein (aus unserer Sicht) »Oldtimer« über Stock und Stein und Fels­ab­hang holpert und poltert und rattert und ächzt. Nur dass der Film dann tatsäch­lich mindes­tens zur Hälfte (und das ist keine rheto­ri­sche Über­trei­bung!) aus Einstel­lungen besteht, die eben das zeigen. Wieder. Und wieder. Noch. Und noch. Und dann einmal mehr. Und weil’s so schön war: Eine oben drauf. Oder zwei.
Ein ebenso obskures wie verrücktes Teil – das IRGENDWEM sehr speziell auto­fi­xierten auf diesem Planeten bestimmt zum ulti­ma­tiven Fetisch-Porno gereicht.
(Mit dem Thema der Retro hatte das übrigens zu tun, weil zum einen die Rahmen­hand­lung die ganze Geschichte als von einer AutorIN ersonnene Fantasie insze­nierte, zum anderen weil mit dem Auto zunächst eine Frau aus der Hand von Banditen erettet werden muss – und diese Frau dann nachher, als ihr Retter ange­schossen wird, selbst das Steuer übernimmt.)

Freilich gab’s zudem Filme, die viel­leicht nicht besonders memorabel waren, die aber zumindest einen Festi­valtag aufhellen konnten und einem mit einem Lächeln und gestei­gerter Moti­va­tion in das nächste Gutmen­schen-Melodram entließen. Wie die quiet­scheb­unte, gutge­launte korea­ni­sche Manga-Verfil­mung Dasepo Naughty Girls (Dasepo sonyo) – letztlich eher eine Anein­an­der­rei­hung fünf­minü­tiger Sketche rund ums (gender­ver­bie­gende) Intim­leben einiger High­school-Mädels. Aber immerhin eine Anein­an­der­rei­hung LUSTIGER fünf­minü­tiger Sketche. Und außerdem mit einer Schweizer Jodelszene gesegnet, die der in I’m a cyborg, but that’s okay durchaus Konkur­renz machen konnte.
(Jawoll, Schweizer Jodelszenen. In korea­ni­schen Filmen. Nicht in einem, nein in zwei. Nein, ich habe auch keine Ahnung, was da los ist. Beantrage aber fürs nächste Jahr eine Retro: »Schweizer Jodelszenen im korea­ni­schen Kino«. Dann wäre die Berlinale für mich schon vorab gerettet...)
Und wenn das ästhe­ti­sche Wagnis schon nicht das Ding der meisten Berlinale-Filme war, so gab’s dann wenigs­tens hin und wieder Filme ÜBER Leute zu sehen, die ästhe­ti­sche Wagnisse eingehen. Wie die Doku Scott Walker – 30Th Century Man. Die ihrem Genre filmisch gewiss keine neuen Bahnen ebnete. (Und die an der um sich grei­fenden Unsitte anglo­ame­ri­ka­ni­scher Dokus krankte, so viel promi­nente Inter­view­partner rein­zu­stopfen, wie man nur irgend auftreiben kann, auch wenn von jedem dann nur noch zwei meist eher belang­lose Sätze im fertigen Film unter­zu­bringen sind.)
Die aber doch angenehm fokusiert auf Walkers Kunst (und nicht irgend­welche Privat­ge­schichten) war. Und die – was eine kleine Sensation ist – Scott Walker als sehr auskunfts­freu­digen und unprä­ten­tiösen Gesprächs­partner vor die Linse bekommen hat. Und ihn sogar für die Aufnahmen zu »The Drift« ins Tonstudio begleiten durfte!
Ein Film, der freilich zur Folge hatte, dass man den Rest des Berlinale-Tages sich wieder fragte, warum man sich eigent­lich ins Kino hockte und welt­un­be­we­gende Werke über sich hinweg­rie­seln ließ – anstatt daheim vor dem CD-Player zu sitzen und mit der langsamen Annähe­rung an »The Drift« weiter­zu­kommen, auf dass sie mal vom Stadium der fass­ung­losen Faszi­na­tion für dieses dunkle Wahnsinns-Opus fort­schreiten möge zu einem gereif­teren Vers­tändnis zumindest in Ansätzen. Was definitv gewinn­brin­gender gewesen wäre.
Die Scott Walker-Doku beob­achtet Brian Eno mal dabei, wie er sich eins von Walkers Werken aus den ‘80ern nach langen Jahren zum ersten Mal wieder anhört. Eno ist danach ganz depri­miert – weil er findet, dass die Musik seither keinen Deut weiter­ge­kommen sei, sie in vielen Dingen eher einen Rück­schritt gemacht habe.
Es war ziemlich exakt das Gefühl, das mich nach jedem Arthur Penn-Film beschlich.

Doch zurück von den einzelnen Erfolgs­er­leb­nissen zum großen Ganzen, zurück auch von den Neben­reihen zum Wett­be­werb.
Wo man wunderbar mosern konnte dieses Jahr – was diesmal auch in seltener Einhel­lig­keit geschah.
Und doch: Anders gesehen, war die Berlinale ein voller Erfolg. Denn das Mosern, das blieb ja denen vorbe­halten, die sich die gezeigten Filme wirklich mehr oder minder frei­willig anschauten.
Es herrscht in den letzten Jahren aber ein zuneh­mendes, und diesmal einen vorläu­figen Höhepunkt errei­chendes, Miss­ver­hältnis zwischen der Wirkungs- und Belang­lo­sig­keit des präsen­tierten Kinos – und der öffent­li­chen Aufmerk­sam­keit für das Festival.
4000 Jour­na­listen waren dieses Jahr am Start, die Bericht­erstat­tung wird immer flächen­de­ckender, das Interesse der »fach­fremden« Medien immer größer, die Schlangen vor den Vorver­kaufs­kassen immer länger.
Die Berlinale ist das geworden, was man heute »Event« nennt. Und es gehört nunmal zum Charakter des »Events«, dass dessen Bedeutung sich weit­ge­hend vom Inhalt abge­kop­pelt hat. Man inter­es­siert sich dafür, weil alle sich dafür inter­es­sieren. Man schaut hin, geht hin, weil alle hinschauen, hingehen.
Die vor Ort, in den Kinos, müssen sich wohl langsam damit abfinden, dass sie zur immer unbe­deu­ten­deren Minder­heit werden. In gewisser Weise wird ein Festival wie die Berlinale nicht mehr wirklich für sie gemacht.

Freilich ist es nicht schön, wenn da im Wett­be­werb ein Film offen­sicht­lich aus dem einzigen Grund läuft, dass Sharon Stone mitspielt und bereit ist, nach Berlin zu kommen und über den roten Teppich zu laufen. Nicht schön für die, die den Film dann gucken müssen und ernst­nehmen sollen. Aber die Berlinale hat ja ande­rer­seits – wie sich wieder gezeigt hat – voll­kommen recht, dass so ein Sharon Stone­sches Erscheinen in der Main­stream-Presse und speziell im Boulevard viel mehr Echo findet als es die Auffüh­rung eines Films, der bloß geniales, bahn­bre­chendes Kino wäre. (Auf perfide Weise ist die Berlinale ja sogar darauf ange­wiesen, dass gewisse Filme mit Hollywood-Star­be­set­zung nicht viel taugen, oder zumindest in den USA keine über­wäl­ti­gende Resonanz finden – denn je mehr so ein Film die werbende Unter­s­tüt­zung des leib­haf­tigen Star­auf­tritts nötig hat, umso eher bequemen sich die Damen und Herren auch dazu.)

Und es ist nunmal so, dass die, denen inno­va­tives und begeis­terndes Kino am Herzen liegt, ein paar Tausend sind – und die, die sich dafür inter­es­sieren, was für ein Kleid (die an sich durchaus schät­zens­werte, aber das ist nicht der Punkt...) Sharon Stone über die purpurne Ausle­ge­ware spazie­ren­trägt, Millionen.
Die Berlinale ist ein Geschäft, ist ein Markt von, für, um Aufmerk­sam­keit. Für sich selbst als Festival, für die Filme, die dort laufen und verkauft werden sollen.
Ich habe in meinem ersten Bericht die Berlinale 2007 als eine Hülse beschrieben, quasi als eine Ansamm­lung von Contai­nern mit bestimmten Rollen­zu­wei­sungen, bei denen es auf die Qualität der Befüllung nicht so sehr ankommt.
Da ist es dann ungleich wichtiger, was für ein »Thema« ein Film behandelt, als dass er was taugt. Mit dem Ergebnis, dass sie oft ergrei­fend und rührend sind und über­wäl­ti­gend mit ihrer guten Absicht – die Pres­se­kon­fe­renzen zu den Filmen. Während die Streifen selbst halb aus dem Saal gelacht werden. (So etwa geschehen bei Border­town.)

Dass manch Versuch, wenigs­tens ein bisschen Skandal zu insze­nieren, selbst dann scheitert, wenn das lokale Revol­ver­blatt »B.Z.« bereit­willig ein Werk vorab zum »Film, der die Berlinale schockt« hoch­zu­schreiben versucht – nämlich das Armenier-Völker­mords-Drama Das Haus der Lerchen (La masseria delle allodole) –, wenn das also scheitert, weil neue Werke der Gebrüder Taviani auf einem Film­fes­tival schlicht außerhalb des Wahr­neh­mungs­ho­ri­zonts liegen jener tumben türki­schen Ultra-Natio­na­listen, auf deren Stunk man wohl insgeheim speku­liert hatte... Tja, das beweist ja letztlich nur, wie wenig Kino an sich noch zählt.
Und gibt damit einer Festi­val­po­litik recht, die das Quali­täts­ur­teil von Cineasten und Kritikern als vergleichs­weise vernach­läs­sig­baren Faktor betrachtet. Der es mehr drum geht, den Main­stream-Medien Bilder und »Aufhänger«, »Geschichten« zu liefern. Siehe Sharon Stone, siehe auch nochmal die Tavianis – selbst wenn der Skandal ausblieb, sich nicht EIN Ultra­na­tio­na­list zum Protest einfand: Immerhin hatte der Film zwei große Vorab-Artikel in der »B.Z.«, war dem SPIEGEL einige dumm und schein­heilig besorgte Absätze wert, hatte einen Platz in den »tages­themen«. Auch wenn sich nachher ziemlich alle einig waren, die ihn gesehen hatten (ich habe ihn mir gleich erspart), dass er eine reichlich inadä­quate, peinliche Darstel­lung seines Stoffes sei: Etwas massen­wirk­same Aufmerk­sam­keit für die Berlinale hat er erzeugt, allein durch sein Thema. Etwas, das ein bloß groß­ge­nialer Film in den genannten Medien nie geschafft hätte.
Die Filme im Berlinale-Wett­be­werb 2007 waren großen­teils belanglos? Je nun, so paradox es klingt: KINO im engeren Sinn, das, was letzlich konkret über die Festival-Leinwände flackert, wird immer belang­loser in dieser gigan­ti­schen Maschine zur Aufmerk­sam­keits­er­zeu­gung. Die Mecha­nismen, mit denen diese Maschi­nerie funk­tio­niert, laufen inzwi­schen weit­ge­hend auf anderen Ebenen ab.

Man braucht wohl nicht mehr darauf warten, dass die Filme selbst nochmal viel bewegen werden auf der Berlinale, wie zu seligen The Deer Hunter-Zeiten. Als Kino noch viel mehr ein Medium in der gesell­schaft­li­chen Mitte war.
Kino ist, wie so vieles andere auch, ein Ding geworden haupt­säch­lich für Spezia­listen, ist abge­schottet, abge­dichtet, strahlt nicht mehr so aus – die Filme, die über­ra­schen, über­wäl­tigen, heraus­for­dern, eine Weltsicht umkrem­peln können, erreichen nur noch ganz, ganz selten die Unvor­be­rei­teten, Unein­ge­weihten.
Die Sicht auf die Welt wird für den Main­stream nicht mehr auf der Kino­lein­wand verhan­delt. Sondern vor allem im Boulevard.
Die Berlinale 2007 mag die Cineasten enttäuscht haben. Aber sie hat, für die Massen an Beob­ach­tern aus zweiter Hand, funk­tio­niert.
So gesehen hat sie doch (fast) alles richtig gemacht.
Oder anders gesagt: Jede Gesell­schaft hat die Film­fes­ti­vals, die sie verdient.