03.08.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 8

Der Immerlach

Von Michael Haberlander

Mit das aufschluss­reichste Genre für den Kino­feld­for­scher ist die Komödie, da nur dort der durch­schnitt­liche Kinogeher seine direkte emotio­nelle Reaktion auf den Film offen – durch sein Lachen – äußert, während er die meisten anderen Filme weit­ge­hend stumm und in sich gekehrt verfolgt (über entspre­chende Ausnahmen war an dieser Stelle schon die Rede).

Gerade in Komödien ist deshalb etwa die Proble­matik von Erwar­tungs­hal­tungen deutlich zu beob­achten, während das selbe Phänomen bei anderen Genres oft unerkannt bleibt.

Entscheiden wir uns für den Besuch eines bestimmten Films, so verbinden wir zwangs­läufig eine gewisse Erwartung damit.
Jemand der sich für einen Film entscheidet, den er aufgrund von Werbung, Kritiken oder dem bishe­rigen Werk des Regis­seurs / Darstel­lers als Komödie einstuft, erwartet sich zu unter­halten und im Kino zu lachen.

Bei nicht wenigen Menschen geht diese Erwartung soweit, dass sie deren Erfüllung erzwingen wollen, indem sie auch dann lachen, wenn es dafür keine Grund gibt.
Per logischer Über­le­gung kommen diese Zuschauer zu dem Schluss, dass alles das, was in einer Komödie vorkommt, auch komisch sein muss, weshalb sie selbst über die profansten, alltäg­lichsten ja manchmal sogar tragische und ernste Dinge lachen.

Zum Glück hält dieses verkrampfte Fest­halten an der Erwartung in der Regel nicht lange an. Nach fünf bis zehn Minuten haben die meisten verstanden bzw. akzep­tiert, dass der Film zwar eine Komödie ist, aber nicht alles darin lautes, schen­kel­klop­fendes Lachen erfordert oder aber dass der Film sich zwar selbst als Komödie versteht, er aber nicht dem eigenen Humor­ver­s­tändnis entspricht oder aber dass der Film überhaupt keine Komödie ist, weil etwa Woody Allen oder Jim Carrey ausnahms­weise mal wieder in das soge­nannte ernste Fach gewech­selt sind.

Bis hier hin ist dieses Kino­ver­halten durchaus normal, relativ weit verbreitet und nicht weiter erwäh­nens­wert. Weniger normal, zum Glück viel seltener und in mancherlei Hinsicht einer Betrach­tung wert sind dagegen die Menschen, die auch über die erste Vier­tel­stunde hinaus darauf beharren, sich unein­ge­schränkt zu amüsieren und schließ­lich für die Dauer des gesamten Films alles – auch untätige Personen, Bäume, leere Straßen oder tragische Todes­fälle – zum Schreien komisch finden. Solche Kinogeher zählen zur Art des Immer­lachs.

Um sein perma­nentes Lachen durch­zu­halten, benötigt der Immerlach zahl­reiche Eigen­schaften bzw. Eigen­heiten. Etwa einen außer­ge­wöhn­li­chen Humor, der ihn selbst die kleinste Nich­tig­keit als lustig erscheinen lässt. Zudem ein unty­pi­sches Grup­pen­ver­halten, das ihn igno­rieren lässt, dass mehrere Dutzend Zuschauer um ihn herum nicht lachen, während er vor sich hin gackert.
Daneben hat er noch ein starkes künst­le­ri­sches Selbst­be­wusst­sein, um die tatsäch­li­chen Inten­sionen der Filme­ma­cher zu übergehen bzw. umzu­deuten und schließ­lich benötigt der Immerlach noch eine große Portion Unsen­si­bi­lität, um die Anfein­dungen der genervten anderen Kinogeher von sich abperlen zu lassen.

Denn erstaun­li­cher­weise gilt: So anste­ckend und sozial verbin­dend Lachen an der richtigen Stelle ist, so störend und aggres­si­ons­för­dernd kann es an der falschen Stelle sein.

Vorschnell könnte man nun dazu neigen, den Immerlach zu beneiden, schließ­lich lacht jeder gerne, doch im Gegensatz zu ihm tut man sich selbst manchmal schwer, im Kino ausrei­chend Anlass dafür zu finden.

Tatsäch­lich aber leidet der Immerlach an einer komplett verzerrten Wahr­neh­mung, die ihm von seiner Erwar­tungs­hal­tung diktiert wird. Sein Vergnügen ist nicht echt, sondern reine Illusion.

Und schluss­end­lich macht sich der, der über alles lacht, nur selber lächer­lich.

Michael Haber­lander