24.08.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 9

Der Aufrücker

Von Michael Haberlander

Während die Bestim­mung der meisten Kinogeher in prak­ti­scher jeder belie­bigen Film­vor­stel­lung möglich ist, gibt es einige Arten, die nur unter ganz spezi­ellen Bedin­gungen erkennbar sind. Zu ihnen gehört der Aufrücker, für dessen Beob­ach­tung ein schlecht besuchtes Kino mit freier Platzwahl eine unver­zicht­bare Voraus­set­zung ist.

Denn nur in einem solchen »Biotop« ist sein unge­wöhn­li­ches Verhalten, sich trotz zahl­rei­cher anderer, in unseren Augen gleich­wer­tiger oder gar besserer Sitz­mög­lich­keiten, ausge­rechnet unmit­telbar vor, hinter oder neben uns zu setzen.

Akzep­tieren wir es auch, in voll besetzten Kinos komplett von Menschen umgeben zu sein, so bevorzugt der durch­schnitt­liche Zuschauer im Idealfall doch einen gewissen Freiraum beim Film­konsum, was einer­seits ganz prag­ma­ti­sche Gründe hat (unbe­ein­träch­tigte Sicht, unge­zwun­gene Wahl der Sitz­po­si­tion, unge­störte Nutzung der Armlehnen) aber auch an dem natur­ge­ge­benen Streben nach Abgren­zung zu fremden Menschen liegt.

Für den Aufrücker scheinen solche Argumente keine Bedeutung zu haben. Rätsel­haft bleibt dabei sowohl seine grund­sätz­liche Entschei­dung sich in unserer Nähe zu plat­zieren, als auch seine konkrete Wahl eines bestimmten Sitzes.

Am undurch­sich­tigsten ist dabei vermut­lich die frei­wil­lige Platzwahl direkt hinter uns. Gerade die unbe­hin­derte Sicht nach vorne zur Leinwand ist den meisten Kino­ge­hern das höchste Gut, das der Aufrücker hier einfach verschenkt.

Setzt sich der Aufrücker dagegen in einem fast leeren Kino unmit­telbar vor uns, empfinden wir dies als ärger­liche bzw. dreiste Unauf­merk­sam­keit, die sich immerhin durch unauf­fäl­liges Wechseln des eigenen Platzes schnell beheben lässt.

Ignoriert der Aufrücker die unzäh­ligen freien Plätze und wählt den Sitz direkt neben uns, so sind wir zwar physisch kaum am Kino­ge­nuss gehindert, nur plagen uns dann Zweifel und Miss­trauen, die hinter der »Aufdring­lich­keit« des Aufrü­ckers nichts Gutes vermuten.

Über die Moti­va­tion des Aufrü­ckers kann man in den jewei­ligen Fällen nur speku­lieren. Mögli­cher­weise steckt dahinter naive Gedan­ken­lo­sig­keit oder eine Form des Herden­triebes oder aber das manische Bestreben, den Platz im Kino »lückenlos« auszu­nutzen. Auch eine diffuse Kombi­na­tion aus all dem ist denkbar.

Viel­leicht sieht der Aufrücker im ausge­wählten Platz aber auch nur den besten aller für ihn möglichen und lässt sich selbst durch unsere Anwe­sen­heit nicht von diesem Entschluss abbringen.
Wenn wir uns unwis­sent­lich in der direkten Nach­bar­schaft seines alther­ge­brachten Stamm­platzes breit gemacht haben, empfindet er mögli­cher­weise uns als lästige Aufrücker.

Es ist darüber hinaus nicht auszu­schließen, dass es den Aufrücker auf der Suche nach sozialer, mensch­li­cher Nähe ins Kino zieht.

Verläss­liche Aussagen über die Verbrei­tung des Aufrü­ckers zu machen, ist aufgrund der Schwie­rig­keiten bei der Bestim­mung kaum möglich. Trifft man ihn in den schlecht besuchten Vorstel­lungen nur hin und wieder, so ist davon auszu­gehen, dass die »Dunkel­ziffer« in den vollen Kinosälen um ein Viel­fa­ches höher liegt.

Michael Haber­lander