07.09.2005
62. Filmfestspiele von Venedig 2005

»Überstehen ist alles«

Casanova
Kitsch für die Dümmeren? – Casanova von Lasse Hallström
(Foto: Buena Vista Int.)

Casanovas, Kitanos Film Takeshi’s und Elizabethtown

Von Rüdiger Suchsland

Venedig, die Stadt, die auf Pfählen steht, welche ständig vor sich hin faulen, und die in ihrer stin­kenden Lagune so etwas wie der stein­ge­wor­dene Untergang des Abend­landes ist – aber gleich­zeitig auch seine stein­ge­wor­dene Vermei­dung – liebt die Apoka­lypse.

Zu jedem Jahr der Film­fest­spiele gehört daher auch das apoka­lyp­ti­sche Gerücht. Irgend­wann nach den ersten Tagen hört man vom drohenden Untergang, jeden­falls der völligen Verän­de­rung des Festivals, einem neuen, hybriden Projekt, das »ganz schnell« schon im nächsten Jahr verwirk­licht werden würde und nach dem das Festival nicht mehr das Gleiche sein werde. Vor ein paar Jahren war es der Eingriff von Berlus­conis Ketten­hund Urbani, inzwi­schen Kultur­mi­nister geworden, ins Festival-Programm, das »populärer« und »italie­ni­scher« werden sollte. Vor zwei Jahren hieß es, die Mostra werde unter Moritz de Hadeln vom Lido in das neue Messe­gelände in der Stadt Venedig selbst umziehen. Im letzten Jahr hieß es, der neue Leiter Marco Müller werde die Mostra »an die Ameri­kaner verkaufen.« In diesem Jahr nun steht im Zentrum der Gerüch­teküche »der neue Festi­val­pa­last«, der den alten, noch unter Mussolini errich­teten Palast ersetzen solle. Die Pläne für ein Kino mit 2700 Plätzen und das hübsche Modell eines hyper­mo­dernen Glas­kas­tens kann man besich­tigen, und in Inter­views träumt Marco Müller von einem Film-Markt und »viel mehr Platz.«

+ + +

Jede Wette, dass Müller längst nicht mehr im Amt ist, sollte tatsäch­lich je ein neuer Festi­val­pa­last gebaut werden. Denn ganz schnell passiert hier aller Erfahrung nach sowieso nichts. Und schon vor Beginn der Mostra meldete sich der gerade wieder neu ins Amt gewählte Ex-Bürger­meister Massimo Cacciari, nicht nur Philosoph, sondern auch Archi­tek­tur­kri­tiker, zu Wort, und meinte, die Pläne seien »verrückt und zu teuer«, er jeden­falls sei dagegen. »Über­stehen ist alles«, schrieb Rilke. Auch so ein Venedig-Liebhaber.

+ + +

Vor der Apoka­lypse kommt erst mal das Gewitter. Am Samstag war es diesmal soweit – der Wolken­bruch, der zu diesem Festival gehört wie der Schnee­matsch zur Berlinale pladderte hernieder und über­raschte alle, die gerade aus dem Kino kamen, in das sie noch bei Sonnen­schein einge­treten waren. Im Nu war die Schwüle verjagt, die sich an den Tagen vorher breit gemacht hatte, frische Luft zog durch die Straßen, und frisch schienen auch die Filme zu sein.

+ + +

Zu Venedig passt auch Casanova. Lasse Hallström hat die neueste Version des Lebens des Vene­zianer Lebemanns verfilmt. Zur Erin­ne­rung, dass es eigent­lich schon genug Verfil­mungen dieser Figur gibt, zeigte man gleich noch mal den gran­diosen Il Casanova di Federico Fellini mit dem noch viel gran­dio­seren Donald Suther­land in der Haupt­rolle Um den Unter­schied zwischen beiden Filmen zu markieren, muss man gar nicht Chocolat und andere unfrei­wil­lige Horror­filme des Schweden erinnern – »Seit Chocolat bekommt mich keiner mehr in einen Hallström-Film«, lästerte ein Kollege. Es genügt die Vorstel­lung, wie undenkbar es wäre, dass der Film Lasse Hall­ströms Casanova heißen könnte. Kurz und gut also: Kitsch für die Dümmeren unter den Ameri­ka­nern und den schnellen Ramsch an der DVD-Kasse.

+ + +

Die Haupt­rolle spielt immerhin Heath Ledger, und auch Hallström gelingt es nicht, den guten Eindruck, den dieser in Brokeback Mountain hinter­ließ zu zerstören. Überhaupt ist Ledger so etwas wie der »Man of this Year’s Festival« – in drei Wett­be­werbs­filmen spielt er Haupt­rollen und war auf der gestrigen Pres­se­kon­fe­renz schon ganz heiser.

+ + +

Viel­leicht waren wir gestern gar zu streng – oder gar zu homophob – mit Ang Lees schwulem Western umge­gangen. Nein, besser ist der Eindruck eigent­lich nicht geworden, nur muss man zugeben, dass der erste Teil schon ganz schön und inter­es­sant ist. Und noch inter­es­santer ist die Beob­ach­tung, dass der Film eigent­lich allen Frauen, mit denen man spricht, gefällt, nur vielen Männern nicht. Das ist Grund genug, um Verdacht zu schöpfen, dass es in diesen Urteilen nicht nur um den Film geht, sondern um heimliche Ängste der Männer – und um heimliche Sehn­süchte der Damenwelt. Denn natürlich sind die Haupt­dar­steller Heath Ledger und Jake Gyllen­hall zwei höchst attrak­tive junge Männer – und wir finden ja auch alle Filme irgendwie gut, in denen Julie Delpy, Sophie Marceau, Maggie Cheung und Zhang Ziyi mitspielen.

+ + +

Empfang zu Ehren von Takeshi Kitano. Keine Einlass­kon­trolle, wer’s weiß und Zeit hat, geht eben hin. Kitano, der leider im Verhältnis zum Besuch vor zwei Jahren ziemlich gealtert aussieht, redet zehn Minuten. Auf Japanisch, ohne Über­set­zung. Alle Japaner lachen, alle Westler gucken freund­lich. Nur unsere geschätzte Kollegin Anke Westphal von der Berliner Zeitung – die zu ihrem größten Bedauern das Büffet kaum genießen konnte, da sie schon eine Abend-Lasagne verdrückt hatte, bevor sie die Einladung erhielt – lacht auch bei jedem Witz. »Verstehst Du denn Japanisch?« frage ich. »Kein Wort, aber ich liebe Kitano einfach, und finde alles toll und witzig, was er macht. Da bin ich ganz partei­isch.« In Zukunft lachen wir auch.

+ + +

Takeshi’s, Kitanos Film wirkt auch nach drei Tagen nach, als einer der besten und schönsten des bishe­rigen Festivals. Das oft sarkas­ti­sche, manchmal bittere Portrait seines Lebens scheint der Realität zu entspre­chen. Eine japa­ni­sche Kollegin, die Kitano persön­lich kennt, erzählt, dass er haupt­säch­lich im Hotel wohnt, oder bei seinen wech­selnden, ca. 20-Jährigen Freun­dinnen. »Würden wir doch auch machen, an seiner Stelle«, sind Anke und ich uns einig. »Klar, ich hätte gern so eine kleine Farm voller Jake Gyllen­halls. Aber ein, zwei Heath Ledgers wären auch dabei«, träumt sie.

+ + +

Und Orlando Bloom sei auch toll. Na gut, das können wir jetzt nicht ganz nach­voll­ziehen, aber Kirsten Dunst und Cameron Crowe sind Grund genug uns auf Eliza­beth­town zu freuen. Und wie wollten wir diesen Film gut finden! Leider, leider klappt es nicht, trotz wunder­barer Szenen, einer wunder­baren Kirsten Dunst und einem geradezu genialen Sound­track. Aber diesmal fügen sie sich nicht zu einem Ganzen, will sich der Sog und die geschlos­sene Atmo­sphäre nicht einstellen, die nötig sind, um sich im Kino zu verlieren. Und Crowe war schon immer ein Regisseur der Emotio­na­lität, nach der Story sollte man lieber nicht fragen. Trotzdem ist Eliza­beth­town immer noch der beste unter den bishe­rigen US-Mainstrem-Filmen, die hier außer Konkur­renz laufen.

+ + +

Der beste Film bisher kommt wieder einmal aus Asien: Sympathy For Lady Vengeance, der Abschluss von Park Chan-wooks Rache­tri­logie. Ein großer Film, beein­dru­ckend und leider aber zugleich eine Enttäu­schung ange­sichts von Parks vorhe­rigen Filmen Sympathy for Mr. Vengeance und Oldboy. Warum und wieso? Dazu demnächst mehr – jetzt geht’s erst mal ins Kino.