18.05.2005
58. Filmfestspiele Cannes 2005

Der letzte Tango von Mexico-City

Caché
Michael Hanekes Caché
(Foto: Prokino Filmverleih)

Kleine Tode, große Tode, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Mit bewun­derns­werter Konse­quenz verfolgt das Film­fes­tival auch in diesem Jahr seine Linie: Autoren­kino, Filmkunst ohne Kompro­misse ist gewünscht, und genau das bietet die »offi­zi­elle Selektion« des Wett­be­werbs und der Reihe »Un Certain Regard«. Filme sind, wenn sie glücken, immer Tagträume, emotio­nale Reisen durch Zeit und Raum und jeden­falls ins eigene Ich. Diesmal zu sehen sind aller­dings vor allem Alpträume, abgrün­dige Filme die anhand privater Geschichten aufs Große, Ganze zielen.

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So wie Batalla en el cielo (Eine Schlacht im Himmel) vom Mexikaner Carlos Reygadas – dem mit viel Vorschuß­lor­beeren ausge­stat­teten erklärten Liebling der fran­zö­si­schen Kritik. Wie schon zum Auftakt Gus van Sant erzählt auch dieser Film von letzten Tagen: Ein Chauffeur hat mit seiner Frau ein Kind entführt, jetzt ist es tot und der Mann kommt nicht darüber hinweg. Er will sich stellen, doch schafft er es nicht. Seine Frau bleibt ungerührt, ab und an betet sie und wartet auf ein Wunder. Er selbst gesteht alles zunächst der Tochter seines Chefs, sie schläft aus Mitleid mit ihm, und am Ende entlädt sich auch das in einem kruden Gewaltakt. Was Reygadas offen­kundig erzählen will, ist genau diese Unver­s­tänd­lich­keit, das Chaos des Lebens mit seinen Zufällen und seinem Elend – wie vor 30 Jahren in Berto­luccis Paris Marlon Brando und Maria Schneider, tanzt Reygadas schräges Liebes­paar in Mexico-City einen melan­cho­li­schen letzten Tango, bevor nichts mehr so sein wird, wie zuvor. Zugleich würzt er die Geschichte mit etwas zu offen­kun­digen politisch-reli­giösen Anspie­lungen auf die Lage in seiner Heimat, auf Katho­li­zismus und taucht sie in lange Einstel­lungen, sodass man den Verdacht nicht ganz los wird, hier wolle sich einer doch auch ein wenig inter­es­sant machen.

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Der im Prinzip sehr langsam, in stati­schen Einstel­lungen erzählte Film hat ein paar wilde, unge­se­hene und überdies sexuell explizite Einstel­lungen, die das Gespräch über ihn auch nicht gerade verrin­gerten. Ein raunen und Zucken ging durch die Premieren-Menge, weil sich nach der großen Liebes­szene offenbar alle die gleiche Frage stellten: Haben sie »es« getan? Gleich zu Beginn hat die Haupt­dar­stel­lerin den Schwanz des Haupt­dar­stel­lers im Mund. Die Folge: Die gesam­melte Film­kritik disku­tierte dann, ob er nun »echt« sei oder doch nicht? Wenn ja, dann stellt sich die Frage: wie schminkt man einen erigierten Penis weiß? Und ohne dass er zusam­men­schrum­pelt. Also ist »er« nicht »echt«. Nicht immer, das sei zugegeben, sind wir an Fragen der Film­technik so inter­es­siert, wie diesmal.

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Und, ja: Ein bisschen arg macho ist Batalla en el cielo übrigens schon… Aber verges­senb kann man ihn nicht.

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Am meisten über­zeugte bisher Michael Haneke. Der Öster­rei­cher hat wieder in Frank­reich gedreht, mit Juliette Binoche und Daniel Auteuil. Caché handelt von der Kultur der Angst: Zwei Pariser Intel­lek­tu­elle erhalten anonyme Botschaften mit gewalt­tä­tigem Inhalt. Klar ist zudem: Jemand überwacht sie. Hanekes mora­li­scher Thriller dreht sich um das Schuld­ge­fühl, das auch entsteht, wenn man nicht schuldig ist, um die Rückkehr der Repres­sion – unter dem Mantel der »Sicher­heit« – in die Gesell­schaften des Westens und um den Umgang mit schwie­rigen Erin­ne­rungen. Ein aufre­gender Film, dessen Regisseur dem Zuschauer alle leichten Auswege verbaut. Zugleich ist Caché hervor­ra­gend insze­niert, und besonders in der Schau­spiel­füh­rung einer der besten Filme Hanekes – Begeis­te­rung bei Kritik und Publikum war die Folge.

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Ob diese sich auch bei Lars von Triers Manderlay einstellt, wird sich erst die nächsten Tage zeigen – man darf nach den eisigen Reak­tionen auf der Pres­se­kon­fe­renz aber daran zweifeln. Auch diesmal gibt von Trier wieder den Quälgeist des Weltkinos, und die Attitüde, in der sich der Däne zum neuen Brecht stili­siert, kann einem schon auf die Nerven gehen, trotzdem will von Trier immerhin etwas, hat einiges zu sagen, und sollte auch jenen, die seine Filme nicht mögen, Nach­denken und Ausein­an­der­set­zung wert sein: Manderlay ist eine Fort­set­zung von Dogville, der hier vor zwei Jahren Premiere hatte: Ein Lehrstück der kärg­lichsten Art und stilis­tisch in jedem Fall ein »Deja Vue«. Die Erleb­nisse der jungen Grace – die diesmal hinreißend von der 24jährigen Bryce Dallas Howard gespielt wird – führen diesmal in die US-Südstaaten. Sklaven werden befreit, doch am Ende kommt heraus, dass sie die Gesetze einer »humane Sklaverei« den Gefahren der Freiheit vorziehen – wie Regisseur Lars von Trier, dem sein Film über weite Strecken zu einem anti­li­be­ralen Traktat gerät, das zwar im letzten Drittel spannend ist, bis dahin aber viel zu lange braucht.

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Zu einer echten Enttäu­schung wurde nur L’Arc von Kim Ki-Duk, der zuletzt in Berlin und Venedig jeweils den Regie­preis gewann. Da hatte man es zunächst für eine subtile Bosheit der Franzosen gehalten, dass der Koreaner hier nur in der Sektion »Un certain regard« läuft. Nach Ansicht des Films ist vers­tänd­lich, warum dies die künst­le­risch richtige Entschei­dung war. l’arc erzählt von Kims alten Themen: Gefan­gen­schaft, unter­drückte Gewalt, die Dialektik von Freiheit und Gebun­den­sein, Innen und Außen. Eine Geschichte, die spannend sein könnte: Ein 16jähriges Mädchen wurde nach einem Schiffs­un­glück von einem älteren Fischer gerettet und auf dem Fischer­boot aufge­zogen. Zehn Jahre später will der Alte sie an ihrem 17jährigen Geburtstag heiraten. Doch die moderne Welt mit ihren Versu­chungen in gestalt junger Männer und west­li­cher Popmusik lässt sich auch auf hoher See nicht fern­halten, und irgend­wann muss sich das Mädchen aus den Klauen des besitz­ergrei­fenden Alten befreien. Vor fünf Jahren hätte Kim daraus einen atem­be­rau­benden Film gemacht, und unge­se­hene Bilder gefunden. Heute, durch Preise verwöhnt und unkri­tisch geworden, ist sein Film verschmocktes Kunst­hand­werk, risi­ko­loses Bieder­mann­kino, filmisch kitschig und lang­weilig, besten­falls ein ausge­lei­ertes Selbst­zitat.

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Von der Macht der Alpträume und den Alträumen der Macht erzählt einer der bemer­kens­wer­testen Filme bisher, die außer Konkur­renz gezeigte Doku: The Power Of Night­mares vom Briten Adam Curtis. Der Film erzählt parallel die Geschichte der US-ameri­ka­ni­schen Neokon­ser­va­tiven und der Isla­misten seit beider Geburts­stunde im Kalten Krieg kurz nach 1945. In knapp drei Stunden behält der Regisseur die roten Fäden seiner Story in der Hand und spinnt doch ein feines Netz der verschie­denen Akteure des ideo­lo­gi­schen Krieges zwischen Westlich-Östlicher Welt einer­seits, musli­mi­scher ande­rer­seits. Das verblüf­fende Fazit: Die Al-Quaida gibt es nicht! Die weltweit operie­rende Terror­gruppe sei – wie zuvor angeb­liche Pläne der Sowjet­union zum Angriff auf die NATO – nur ein Erfindung ameri­ka­ni­scher Rechts­außen, die ihren eigenen Welt­ver­schwörungs­ideen auf den Leim gingen. Bush und Co, so Curtis, glaubten also an ihre eigenen Lügen, ähnlich wie Bin Laden. Solchen Amokläu­fern des Idea­lismus stellt Curtis kühlen briti­schen Prag­ma­tismus gegenüber. Seine mit vielen Fakten gestützte Darstel­lung sorgte an der Croisette für den meisten Gesprächs­stoff.

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»Evil is ever­y­where«

Ach ja das Böse ist immer und überall. Man glaubt es kaum, aber dieser Satz steht allen Ernstes ganz am Anfang von S Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith. Wie schon beim aller­ersten Star Wars-Film von 1977, den wir jetzt, nach der neuen Zeit­rech­nung des George Lucas, »Episode IV.« nennen sollen. Noch einmal, zum sechsten Mal, kämpft also – »es war einmal in einer fernen Galaxis« – Gut gegen Böse, noch einmal geht es um alles. George Lucas, der Erfinder, Autor und Regisseur dieses epischen Weltraum­mär­chens, kann nicht viel dafür, dass einem das heute, in Zeiten des »war against terror«, beklem­mend bekannt vorkommt – doch es bestätigt nur, das Star Wars eben der wirk­mäch­tigste Populär­my­thos der zweiten Hälfte des 20.Jahr­hun­derts ist. Sogar die Politik lernte von seiner Rhetorik, und es war auch kein Zufall, dass der erste Teil der Geschichte in der Zeit ins Kino kam, in der die Träume von 1968 verblassten, in der des »deutschen Herbst« und des Regie­rungs­an­tritts von Margret Thatcher, drei Jahre vor der Wahl Ronald Reagans.

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Mit dem sechsten und angeblich wirklich letzten Teil der Serie kehrt Lucas nun zu ihren Hippie-Ursprüngen zurück. Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith ist, der beste Star Wars -Film seit The Empire Strikes Back, also seit 1981. Nun waren alle drei Filme dazwi­schen auch echter Mist. Der Film ist gut insze­niert, er klotzt mit seinen Bildern und Tricks, ohne die Handlung zu vergessen – Populär­kino auf der Höhe der Zeit. Die Handlung mag den Star Wars -Veräch­tern unter den Gebil­deten so albern vorkommen, wie immer – aber immerhin gibt es eine. Im Gegensatz zu Episode I und Der Angtriff Der Klon­krieger wird hier nicht fort­wäh­rend um den heißen Brei herum­ge­la­bert, auch wenn Sitzungen des Jedi-Rats und inter­stel­lare parla­men­ta­ri­sche Debatten breiten Raum einnehmen.
Doch zwischen­durch erlebt man, wie aus dem Helden Anakin ein Sendbote des Bösen wird, wie die Angst vor der Kata­strophe – dem Tod der Geliebten – diese Kata­strophe überhaupt erst als sich selbst erfül­lende Prophe­zei­hung überhaupt gebiert. Nur mit Mühe fügt sich Anakin dem Codex der Jedi, immer wieder ist ein anderer, zorniger unreifer junger Mann in ihm sichtbar, der Aner­ken­nung um jeden Preis will. Eigent­lich, so scheint es, will dieser Held nur eine brave ameri­ka­ni­sche Familie gründen, mit Senatorin Padmé Amidala und nettem Reihen­haus an der nächsten Galaxis. Weil aber das Projekt zu scheitern droht, flüchtet Anakin in den Kampf. Der Film zeigt diesen Weg in den Abgrund, und er erzählt darin die Geschichte vom Tod der Freiheit durch den Wahn absoluter Sicher­heit. Die Rhetorik der Sicher­heit ist, behauptet der Film, ebenso wie die Rede vom Ende aller Kriege, bloße Ideologie, ein Mittel, um die Menschen zu versklaven – von einer Elite vertreten, die noch nicht einmal selber daran glaubt. Das Gegenbild, das Lucas nun in Helden wie Padmé, wie Yoda, wie vor allem Obi-wan Kenobi entwirft – der hier noch junger Krieger ist, nicht alter Zen-Meister –, lautet: Anti-impe­rialer Wider­stand und Sepa­ra­tismus. Sieht man den Film, wirkt das alles auf merk­wür­dige Weise aktuell. Man glaubt Bush und seine Idee des neuen Imperiums aufblitzen zu sehen in der Figur des gestörten Sohnes, dem die Aner­ken­nung fehlt, und der darum die Republik zerstört. Populär­kultur ist mehr als bloße Unter­hal­tung – sie ist, sonst würde sie nicht funk­tio­nieren, ein Stück Selbst­ver­s­tän­di­gung. In Star wars begegnet uns ein sehr aktuelles »Graffiti Amerikas«.