16.05.2005
58. Filmfestspiele Cannes 2005

Vive la Résistance!

Preisfavorit Old Boy-
Fast so schön wie Julie Delpy

Vive la Résistance!

Bis jetzt noch kein wirklich schlechter Film, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll! Das liegt an der Fülle des Angebots von Cannes, ganz klar. Ein Super­markt, der über­bordet von Möglich­keiten. Aber der Eindruck spiegelt auch die Qualität. Bis jetzt noch kein wirklich schlechter Film, sieht man einmal von dem unsäg­li­chen Kusturica am Freitag ab. Aber der provo­ziert immerhin noch mit der Konse­quenz, mit der er er seine Linie durch­zieht, ohne nach rechts und links zu schauen. Und durch die poli­ti­sche Frechheit, mit der er von einem Jugo­sla­wien während des Bürger­kriegs 1992 erzählt, in dem mosle­mi­sche Truppen eine Moslemin, die von Serben als Geisel genommen wird, umbringen, während die anderen Moslems dann von Serben gerettet werden. Diese Umdrehung der Verhält­nisse lassen ihm leider manche Kollegen durch­gehen, die sich für Politik einfach nicht inter­es­sieren.

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Um unend­liche Meilen besser war dagegen Old Boy, der erste von zwei korea­ni­schen Wett­be­werbs­filmen. Er stammt von Park Chan-wook, der bereits zweimal mit früheren, sehr verschie­denen Filmen in Berlin vertreten war: JSA und dem unglaub­lich bril­li­anten Sympathy for Mr. Vengeance. Auch Old Boy ist eine Rache­ge­schichte, eine Art korea­ni­sche Version von Kill Bill. Obwohl hier weitaus weniger Menschen sterben, scho­ckiert der Film manchen durch seine Bruta­lität. Denn wo Tarantino alles ästhe­ti­siert, zeigt Park einfach die Dinge, wie sie sind: Zähne werden im Dutzend gezogen, und zwar ohne Narkose. Zur Prügelei nimmt der Titelheld gleich einen Hammer, auch Messer, Bretter und anderes kommen zum Einsatz, wenn er sich mit Dutzenden von Schlägern ausein­an­der­setzt. Auch Tiere kommen zu Schaden: Ein Tinten­fisch wird bei leben­digem Leib verspeist, poetisch ringeln sich die Fangarme der sterbenen Viechs noch um Mund und Nase.

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Durch die Story fühlt man sich an viele Filme erinnert: Wie Mr. Chance in Being There betritt jener Old Boy namens Oh Dae-su die Außenwelt, nachdem er 15 Jahre in Mafia­ge­fan­gen­schaft in nur einem Raum verbracht hat, und die Welt ausschließ­lich per TV wahrnahm. Nachdem der Rache­feldzug beginnt, erinnert die Grund­kon­stel­la­tion auch an den »Graf von Monte­christo«, nur das der Film kein Gut und Böse kennt, und statt­dessen die Verhält­nisse schnell ins Gleich­ge­wicht bringt. Denn jener Unbe­kannte, der Oh Dae-su gefangen hielt, hat, so stellt sich bald heraus, seine gar nicht so unver­s­tänd­li­chen Gründe. Die Zahn-Zieh-Szenen sind das Schlimmste, was es seit dem in der Hinsicht unüber­trof­fenen The Marathon Man im Kino gab.
Letztlich ist Old Boy aber ein schöner Film, voller Poesie, brilliant geschnitten, mit nahezu perfektem Gleich­klang von Bildern und Musik. Man mag über die etwas schwer­blü­tige Schuld-und-Sühne-Story, den mittel­al­ter­li­chen Katho­li­zismus des Films und die Tabubruch-Obsession der Koreaner verschie­dener Meinung sein, und überdies, wie der Verfasser, Sympathy for Mr. Vengeance für den um Längen besseren Film halten – Old Boy, der bereits einen deutschen Verleih hat, ist ein klarer Preis­fa­vorit, keine Jury käme an diesem Film vorbei. Und eine mit Quentin Tarantino schon gar nicht.

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Ganz anderes Kino: Los muertos. Low budget aus Argen­tinen, der Film von Alonso Lisandro läuft in der Quinzaine: Ein Mann kommt nach langer Zeit aus dem Gefängnis und fährt mit seinem Boot zu seiner Tochter, die irgendwo am Rand des Urwalds lebt. Das ist alles. Bis der Typ überhaupt aus dem Gefängnis heraus­kommt, dauert es schon eine halbe Stunde. Wenn man sich an den langsamen Rhythmus des Films und seinen lako­ni­schen Ton erstmal gewöhnt hat, dann läßt er einen nicht mehr los. Los Muertos funk­tio­niert darüber, dass man ganz allmäh­lich immer weitere Infor­ma­tionen erhält, so dass die eigene Erwar­tungs­phan­tasie in Gang gebracht wird: Was kommt als nächstes? Was wird der Typ tun, wenn er bei der Tochter ist? Was hat er früher getan? Zumindest das wird beant­wortet: Man erfährt, dass er einst seine beiden Brüder umbrachte. Aber warum und wieso? Was er darüber denkt? Wieder Fehl­an­zeige. »Ich hab alles vergessen.« lügt er, als ihn einmal einer stell­ver­tre­tend für uns im Saal fragt. Dafür sieht man dem Leben zu: Was tut einer, wenn er aus dem Gefängnis kommt? Er läßt sich die Haare schneiden, kauft ein, läßt sich von einer Nutte ficken, geht nach Hause.
Was tut einer, wenn er unterwegs ist? Er langweilt sich. Aber nicht der Zuschauer, das ist die über­ra­schende Qualität des Films. Zum Action­part werden zwei Szenen: Der Mann macht Feuer, räuchert einen Bienstock aus und schlürft den Honig aus dem Waben. Und er schlachtet eine Ziege. Wieder: Animals were harmed for this movie! Und es ist schön, pardon liebe Tier­freunde, einer Ziege zuzusehen, die getötet und ausge­nommen wird.

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Los Muertos erinnert an einen Western. In diesem Teil Argen­ti­niens herrschen Zustände wie im Amerika des 19., wie im Europa des 17. Jahr­hun­derts. Wie ein Untoter geht unser Prot­ago­nist wortlos und geradeaus seinen Weg. A man’s gotta do, what a man’s gotta do. Die Reise als exis­ten­ti­eller Akt. Dabei zeigt er uns alle seine Über­le­benstricks und verrät nebenbei etwas über sich. Inter­es­sant sind auch die Einblicke ins Alltags­leben der Menschen, die Los Muertos eine ethno­lo­gi­sche Qualität geben. Die Gleich­gül­tig­keit und Teil­nahms­lo­sig­keit derje­nigen, denen der Entlas­sene auf seiner Reise begegnet, und die man natürlich auch für die Gelas­sen­heit des Südens halten könnte – wäre sie nicht offen­kundig der Rückfall in den Natur­zu­stand.

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»Vive la Résis­tance!« brüllt Asia Argento. Auf der Kinobühne beruft sie sich mit rauchiger Stimme erst einmal auf Gaspard Noé, Beifall unter­bricht sie, dann noch ein Lob auf ihre Schau­spieler, sie zeigt ihre Netz­strümpfe, und ballt die Faust. Wider­stand gegen wen? Gegen George Dubblejuh oder gegen ihren Vater? Egal. Denn im Publikum sitzt Julie Delpy und ich bin fest überzeugt, dass sie mich wohl­wol­lend ange­schaut hat, als ich rein­ge­kommen bin. Nach so einem Auftakt ist es dann auch egal, dass The Heart Is Deceitful About All Things, Asias neuer Film ein vor allem hyste­ri­scher, etwas wirrer Kram ist, mit immer wieder bezwin­genden Momenten, und einer gran­diosen One-Woman-Show, aber doch manchmal auch Kusturica für Under­ground-Arme. Ok, nein, der Film ist schon besser, aber eben enttäu­schend, weil er gegenüber der bloßen Erschei­nung seiner Regis­seurin und dem Event an sich banal wirkt. Und erst recht neben dem lauthals verkün­deten Anspruch Kino zu machen, wie man es sonst nicht sieht. Naja, also echt, nee, das ist es beim besten Willen nicht. Eine tief­trau­rige Geschichte über eine schreck­liche Kindheit, so inzeniert, dass man nie sicher ist, ob das nun genial ist oder dilet­tan­tisch. Also genial? Im Zweifel schon. Jeden­falls nicht unan­ge­nehm, nur etwas ermüdend. Aber die Nacht hat längst begonnen, also gehen wir jetzt schnell ein Bier trinken. Oder viel­leicht doch nochmal ins Kino? Nein, nein. Ich finde auch: »Vive la Résis­tance!« »Vive Julie Delpy!«