14.05.2005
58. Filmfestspiele Cannes 2005

Dostojewski in London

WHERE THE TRUTH LIES
Where the Truth Lies
(Foto: Concorde Filmverleih)

Die Wahrheit und andere Kleinigkeiten, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die Show ist verlogen. Man sieht es den Gesich­tern von Lanny und Vince an, Sekunden bevor sie auf die Bühne treten, und ihr routi­niertes Lächeln aufsetzen: Sie sind am Ende. Aber noch einmal muss ihr Auftritt beginnen, bevor das Komiker-Duo sich trennen wird.

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So beginnt der neue Film von Atom Egoyan im Wett­be­werb von Cannes. Zum ersten Mal hat Egoyan einen Kostüm­film gedreht, doch auch die Zeitreise in die Goldene Zeit der TV -Unter­hal­tung zwischen den späten 50er und den frühen 70er-Jahren ändert nichts daran, dass Where the Truth Lies ein typischer Egoyan-Film geworden ist, in seinen verschie­denen Erzäh­le­benen und Zeitsprüngen so verschach­telt und hinreißend unüber­sicht­lich wie die Herkunft des von ägyp­ti­schen Armeniern abstam­menden Kanadiers. Identität, die Frage, was die Wahrheit eines Lebens ausmacht, ist sein großes Thema. Diesmal geht es um das Geheimnis hinter der Karriere und der über­ra­schenden Trennung des Erfolgs­duos. Einst fand man die nackte Leiche einer jungen Frau im Bad ihrer Hotel­suite . Nichts schienen sie damit zu tun zu haben, doch die junge Jour­na­listin Karen kommt der Wahrheit auf die Spur. Es ist eine Detek­tiv­ge­schichte zwischen Sein und Schein, mit viel nost­al­gi­schem Touch – und hervor­ra­gend gespielt: Kevin Bacon und Colin Firth sind das Komi­kerduo , die Über­ra­schung aber ist die 25jährige Alison Lohman, die mit diesem Auftritt ihren Ruf als einer der zukünf­tigen großen Stars am Film­himmel unter­mauert. Viel­leicht reicht es am Ende gar für einen Schau­spiel­preis.
Chancen auf die Goldene Palme dürfte Atom Egoyan (Exotika, The Sweet Hereafter), durchaus ein Liebling der Kritiker und der fran­zö­si­schen Filmszene diesmal aber nicht haben – so schön und spannend anzu­schauen Where the Truth Lies ist – ihm fehlt doch der letzte Biss, der einen Sieger ausmacht.

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»Sie ist eine, die den Blick aushält und lange zurück­guckt.« sagt der Frau­en­kenner Josef Schnelle über Lohman – und hat natürlich mal wieder recht.

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Genug Biss hat Last Days von Gus van Sant, der hier vor zwei Jahren mit Elephant trium­phierte. Wieder portrai­tiert der Ameri­kaner eine Gruppe von Jugend­li­chen. Im Mittel­punkt steht Blake ein Rock­mu­siker. Man sieht dem ständig bedröhnten, fort­wäh­rend zumeist unver­s­tänd­liche Sätze vor sich hin Murmelnden einige Tage bei seinem Leben zu – schnell ist klar, dass dieser Mensch offenbar gerade eine schwere psychi­sche Krise durchlebt. Aber erst allmäh­lich erschließt sich in Frag­menten, worum es sich handeln könnte.
Ganz offen spielt Van Sant mit seiner Geschichte auf das Schicksal des »Nirvana«-Sängers Kurt Cobain an, der sich vor 11 Jahren selbst erschoß – und so ahnt man schon früh, wie das Ganze enden muss. Weitaus unklarer, als bei dem engagiert -bewe­genden Elephant ist freilich bis zum Schluß, was der Film eigent­lich erzählen will. Was Last Days trotzdem zu einer aufre­genden Erfahrung macht, ist seine Bild­sprache: Immer wieder kommt es zu medi­ta­tiven Einstel­lungen, zu Momenten hoher Konzen­tra­tion, und jederzeit hat Van Sant eine eigene, unver­wech­sel­bare Bild­sprache. Hier versucht ein Regisseur etwas Neues, und das ist spannend.

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Etwas konturlos wirkt dieser Wett­be­werb zu Beginn, der von der Papier­form her enorm stark ist:
Allein fünf ehemalige Sieger sind mit ihren neuen Filmen zu sehen. Zugleich ist der Anfangs­ein­druck: Es sind zwar tolle Namen, aber die Filme sind nicht ihre besten. Bisher gab es noch keinen Film, der einen wirklich über­rascht. Oder einfach umhaut. Aber die Erfahrung sagt: Irgend­etwas nimmt man amEnde immer aus Cannes mit, das einen das ganze Jahr über begleitet. Also abwarten.

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Mit Match Point lief Woody Allens neuer Film außer Konkur­renz. Wie immer bei Allen ist alles wunderbar anzu­schauen, und wie immer gibt es gute Darsteller und herrliche Witze – genug Gründe für einen unter­halt­samen Kino­be­such. Zugleich ist dies – und dies meinen wir als Lob – kein »woody-Allen-Film«, sondern einfach ein Film. Mit einem Thema, einer Geschichte, Bezug zu unserer Gegenwart: Paul ist ein Aufsteiger in London . Dummer­weise ist die Ehe, die ihn auf der sozialen Leiter im Eiltempo nach oben befördert hat, unglück­lich. Noch dümmer ist, dass er mit der Freundin seines besten Freundes, dem Bruder seiner Frau, fremdgeht, und am aller­dümmsten ist, dass diese Nora (gespielt von Scarlett Johannsson) schwanger wird. Damit ist die Ausgangs­si­tua­tion für ein Drama gelegt, das eine bei Allen über­ra­schende bittere Note bekommt. Dass Paul Dosto­jew­skis »Schuld und Sühne« liest, ist schon früh Zeichen genug. Denn Match Point erinnert an den pessi­mis­ti­schen Allen von Verbre­chen und andere Klei­nig­keiten, ist aber leider nicht ganz so boshaft. Auch die Insze­nie­rung ist weit weniger aufregend – trotzdem ist Allen bei aller Routine immer noch einer der witzigsten Gegen­warts­re­gis­seure.

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Nach schlep­pendem Auftakt kommt der Wett­be­werb zum Pfingst­wo­chen­ende nun in Fahrt. Da laufen die Filme von Haneke und Cronen­berg, heimliche Favoriten wie Batalla en el cielo vom Mexikaner Carlos Reygadas und außer Konkur­renz die letzte Star Wars-Folge. In Cannes liegt auch in diesem Jahr wieder für alle das Mekka des Kinos.