14.02.2005
55. Berlinale 2005

Tagebuchnotizen: 14.02.2005

Crustacés et coquillages

Tagebuchnotizen: 14.02.2005

Summer in the City –von Dunja Bialas und ein Nachwort von Anja Marquardt

Von Dunja Bialas

Es füllt sich! Das Festival geht in die Ziel­ge­rade der Woche und die Stimmung ändert sich. Es liegt Schnee in Berlin, der Alex ist weiß, und auf dem Weg von der U-Bahn zum Potsdamer Platz tasten sich die Füße über die schlierig-matschigen Pflaster. Die Schlangen auch jetzt früh­mor­gens bei den Über­pri­vi­le­gierten, den Pres­se­leuten, aber don’t panic! es gibt immer noch für alles Erwünschte Karten. Außerdem ist das Programm so gut struk­tu­riert, dass fast alles auch durch Pres­se­vor­füh­rungen abgedeckt werden kann.

Gestern war ja so ein Tag, den man getrost aus dem Festi­val­ge­dächtnis streichen kann. El Inmortal der Nica­ra­gua­nerin Mercedes Moncada Rodríguez, eine Doku­men­ta­tion über den Kampf zwischen den Sandi­nisten und Contras in Nicaragua eilte ein sagen­hafter Ruf voraus. Und in der Tat ist die Geschichte von den Zwil­lings­brü­dern Riviera, die im Kampf zu Gegnern werden, der eine ein Sandinist, der andere Contra, dann nach dem Konflikt wieder zurück in die Familie kehren und sich versöhnen, eine packende Lebens­ge­schichte. Sie zeigt, wie sehr familiäre Bezie­hungen ausein­an­der­ge­rissen werden können durch die Zeit­ge­schichte, wie sehr aber auch das Familiäre geeignet ist, das Zerissene wieder zu versöhnen. Die Familie Riviera kann viele Geschichten aus dem Kampf erzählen. Die Schwester der Zwillinge kämpfte mit bei den Contras, verschweigt jetzt aber ihre Zeit als Akti­vistin lieber, denn die Frauen wurden damals unter den Kämp­fenden herum­ge­reicht. Heute lebt die Familie in García Marquez'scher Manier in drei Gene­ra­tionen unter einem Dach, Regen­güsse treiben sie hinaus, um im Freien eine Dusche zu nehmen, Hähne werden zum Kampf auf dem Markt­platz gerüstet, eine eindrucks­volle Metapher, natürlich, auch für den vergan­genen Kampf zwischen Zwil­lings­brüder. So weit, so sehr schön.

Den nica­ra­gua­ni­schen Konflikt über die persön­liche Geschichte einer Familie zu erzählen, ist ein Beitrag zur »biogra­phi­schen Wende« der poli­ti­schen Geschichte, die ganz aktuell ist. Was aber leider bei El Inmortal dominiert, ist der bemühte Versuch der Regis­seurin, ein Universum zu bebildern, das sich vom Gewöhn­li­chen abhebt. So ist die Schwester der Zwillinge davon überzeugt, von den bösen Dämonen besessen zu sein, auch weil sie unter den Contras als Frau die sexuellen Über­griffe erdulden konnte. In Über­blen­dungen wird der Dämo­nen­glaube illus­triert, etwas, das ganz im Latein­ame­ri­ka­ni­schen verwur­zelt ist, der magische Realismus, in dem sich das Alltäg­liche in etwas Verzau­bertes verwan­delt. Der Bebil­de­rung von Erzähltem haftet aber leider sehr oft etwas Unbe­hol­fenes an, so auch hier, wenn ein Hund, der den Dämon illus­trieren soll, ins Bild geholt wird, unterlegt durch sugges­tiven Sound. Das lenkt nur ab von den Geschichten, die erzählt werden, rückt so sehr die Regie­ar­beit in den Vorder­grund, die nicht wirklich überzeugt. Irri­tie­rend ist auch Laster, »El Inmortal«, der Unsterb­liche, der leit­mo­ti­visch durch den Film fährt, um am Ende efeu­be­wachsen im Schlamm zu verecken. Da kann man natürlich den Inter­pre­ta­ti­ons­willen in Gang setzen, lieber aber hätte der Film auf die Geschichten vertrauen sollen, anstatt sich in verquaster Symbolik eine mystische Ebene zu geben.

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Nur ein Satz zu der Enttäu­schung des gestrigen Tages: Thomas Heise hat einen Bruder, den er in seinem neuen Film Mein Bruder zu Wort kommen lässt. Ich persön­lich möchte mit diesem Bruder, der es sich in Frank­reich bei Wein und Zigarette gemütlich gemacht hat, keine Stunde in einem Raum verbringen, so viel Trägheit kann keiner aushalten, und dem eirigen Erzählen über die Zeit in der DDR, als sein bester Freund ihn als IM ausspio­niert hat, will niemand wirklich folgen. Der Film dauerte 57 Minuten, ein qual­volles, erzwun­genes Zusam­men­sein mit einem Menschen, dem man am liebsten einen Tritt in den Hintern gäbe. Ach, hätte doch der geschätzte Thomas Heise ihn am Schla­witt­chen gepackt und für ihn gesungen: »Bruder, zur Sonne zur Freiheit, Bruder, zum Lichte empor!«

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Mehr lohnte sich bislang das fran­zö­si­sche Kino. Claire Denis hat in ihrer Doku­men­ta­tion Vers Mathilde ein stilis­tisch ausge­ar­bei­tetes Protrait über die fran­zö­si­sche Choreo­gra­phin Mathilde Monnier geschaffen, in dem die Kamera einen dichten Dialog mit den Tänzern entfaltet. Zu Beginn sehen wir nur Hände in Spiralen einen Raum durch­ziehen. Dazu aus dem Off die Beschrei­bung von Mathilde über das, was sie gerade tut: »Einen Raum durch Bewegung zu füllen ist einen Raum zu verändern, wie ein Kratzer, der auf einer Fläche hinter­lassen wird.« Ein Diktum, das auf die Arbeit einstimmt, die mit den Tänzern beginnt. In fließenden Bewe­gungen schrauben sie sich auf den Boden, verdrehen sich kopfüber in der Verti­kalen und kommen wieder ins Stehen, ein ganz und gar natür­li­cher Bewe­gungs­ab­lauf des Körpers durch den Raum. Die Tänzer versinken in latex­be­spannten Boxen, ihre Körper gleiten in den Frag­menten Kopf – Bauch – Füße – Hände sukzes­sive in den engen Raum, verschwinden. Das Prinzip dieser Körper­lich­keit setzt sich in der Kame­ra­ar­beit fort. Enge Close-Ups fokus­sieren die gefilmten Körper in ihren Bestand­teilen, der Blick ruht auf den Händen, den Füßen. Selten erhalten wir ein Gesamt­bild über das, was passiert. Auch der Film verwei­gert diese Orien­tie­rung, was in den schlechten Momenten, da wo es um die Vorbe­rei­tung zu einer Produk­tion geht, zu Ratlo­sig­keit führt, in den guten Momenten, da wo dem Tanz, in seiner Körper­lich­keit, selbst Raum geschaffen wird, zu einer erhel­lenden Vers­tär­kung des Gezeigten gelangt. Claire Denis, die auch in ihren vergan­genen Filmen an Körper­lich­keit und der Arbeit am Körper inter­es­siert war, hat in der Wahl von zwei verschie­denen Kameras – eine Super-8-Kamera, die Bilder in grobem Korn produ­ziert und eine Super-16-Kamera, die klare Bilder schafft – eine Wahl getroffen, die auf der ästhe­ti­schen Ebene die filmische Körper­lich­keit mitthe­ma­ti­siert und sich der tänze­ri­schen Arbeit annähert. Vers Mathilde ist eine Begegnung zwischen einer Regis­seurin und einer Choreo­gra­phin, die über den Tanz das genuin Filmische hervor­zu­bringen vermag. Beau Travail!

Wie sehr das fran­zö­si­sche Kino Formen­spiele beherrscht, zeigte sich auch in der abge­drehten Sommer-Komödie Crustacés et coquil­lages von Olivier Ducastel und Jacques Martineau. In dem Spiel um die Liebe, dem komö­di­an­ti­schen Sujet überhaupt, werden in guter Komö­di­en­tra­di­tion neue Paare zusam­men­ge­führt, dabei die sexuelle Ausrich­tung neu geordnet. Der Vater, gespielt von dem wunder­baren Gilbert Melki, bekennt sich zu seiner unter­drückten Homo­se­xua­lität seiner Jugend­jahre, der Sohn, des Schwul­seins verdäch­tigt, nimmt alle Verwir­rungen erster Liebes­be­geg­nungen hin, die Mutter, Valéria Bruni-Tedeschi, hat wilde Stell­dich­eins in der Küsten­land­schaft von Marseille mit einem heim­li­chen Liebhaber. Über dem ganzen Spiel steht der Gestus der ironi­schen Über­trei­bung, der gekonnt beherrscht wird. Bruni-Tedeschi fährt in einem grellen T-Shirt singend auf ihrem Fahrrad über die Land­straße. Vater und Mutter nehmen an einem Regentag die Klampfe in die Hand und geben für die frus­triert ins Haus Verdammten eine musi­ka­li­sche Einlage, ein Stück anti-natu­ra­lis­ti­scher Comédie Musicale, deren Leich­tig­keit auch in allen nicht gesungen Partien des Films gefunden wird. Schließ­lich der Running Gag des in der Dusche verbrauchten warmen Wassers, unter dem der halb­wüch­sige Sohn mastur­biert: Selten hat man erlebt, dass sich ein Gag nicht abnützt, dass er wie hier immer weiter ausgebaut wird und immer wieder aufs Neue Vergnüg­lich­keit erzeugen vermag.

Wahr­schein­lich wird dies ein Höhepunkt der Berlinale gewesen sein, der leider nicht im Wett­be­werb lief. Ein Film, der Maßstäbe setzt an Leich­tig­keit und Genre-Beherr­schung. Und ein schönes Stück Sommer, in diesem verschneiten Berlin. (Dunja Bialas)

Tage­buch­no­tizen: 14.02.2005

Absolut over the top: Dumplings von Fruit Chan. Jury­mit­glied Bai Ling als scha­ma­nisch-urbane Föten-Töterin. Besonders ergrei­fend das knackende Schmatzen, wenn selbige in Maul­ta­schen­form dezidiert verspeist werden. Während die Bilder Chris­to­pher Doyles den Ton höchster Stili­sie­rung anschlagen.

Vier Episoden, vier Städte, ein Fußballtag, verbunden durch die Variation des Themas »beklaut werden im Ausland«. Es gibt nicht viele Filme, die (nationale) Klischees so bewusst & with a Twist einsetzen wie Hannes Stöhrs One Day in Europe. Groß­ar­tige Kamera, Sound Design & Filmmusik, da macht es nichts, dass nicht alle Episoden gleich stark sind. Go Europe!

Netto ist das, was am Ende übrig­bleibt, so Regisseur Robert Thalheim, Student im dritten Jahr an der HFF Potsdam. Eine Vater-Sohn Geschichte, Coming of Age, Berlin­film. Am Ende bleibt die Gewiss­heit, einen wunder­baren Film gesehen zu haben, der viel­leicht noch viel vorhat. Der deutsche Film hat viel vor!

Linda Lovelace, Revo­lu­tion, Indus­tria­li­sie­rung, Obscenity Bills, Watergate, »deep back­ground« als poli­ti­sche Operation, Frau­en­be­we­gung, Mafia, 600 Millionen Dollar, Kunst & Porno­gra­phie, Verschwörung. Inside Deep Throat erzählt von einer all dies umfas­senden Lawine, ausgelöst Anfang der 70er Jahre von einer Meute expe­ri­men­tier­freu­diger, mutiger Leute. Die sugges­tive Doku­men­ta­tion der beiden Regis­seure Randy Barbato und Fenton Bailey ist ein Studio­film. PG-17. Beim anschließenden Q&A stellten sie dem Publikum folgende Frage: How many of you have witnessed a fellatio in cinema? Zahl­reiche Meldungen. – Wir haben eben Tage in Europa. (Anja Marquardt)