11.02.2005
55. Berlinale 2005

Tagebuchnotiz vom 11.02.2005

Kekexili – Mountain Patrol

Tagebuchnotiz vom 11.02.2005

Hol’s der Geier

Von Thomas Willmann

In den Berg­re­gionen Tibet ist der Boden so hart, so fest gefroren, dass sich die Sitte des Luft­be­gräb­nises entwi­ckelt hat: Der Körper des Verstor­benen wird in einem Ritual zerhackt und die Fleischs­tücke den Geiern zum Fraß über­lassen.
Eine harte, erbar­mungs­lose Land­schaft: Kekexili, eine Bergwüste. Nominell geht es in Lu Chuans Film Kekexili – Mountain Patrol um eine wahre Geschichte, um eine Art Bürger­wehr, die sich dort Mitte der ‘90er gebildet hat, um Wilderer am Abschlachten der vom Aussterben bedrohten tibe­ti­schen Berg­an­ti­lopen zu hindern.
Aber das ist nicht wirklich ein Film über militante Tier­schützer, und was immer an histo­ri­schem Hinter­grund drin­steckt, ist letztlich ziemlich uner­heb­lich. Die Vergleichs­punkte wären eher Monte Hellmans exis­ten­tia­lis­ti­sche Western, oder Gus van Sants GERRY: Filme über von einer rätsel­haften Kraft getrie­bene Wüsten­wan­de­rungen, die zunehmend eine mythische Dimension kriegen. Filme über Männer auf einem Schick­salsweg, die von der Land­schaft geschluckt zu werden drohen.
Die blinde Kompro­miss­lo­sig­keit, mit der der Anführer der Patrouille den Boss der Wilderer verfolgt, hört spätes­tens in der Mitte des Films auf, noch rational begründbar zu sein. Er und seine Männer sind Getrie­bene. Zunächst sind ihre Opfer noch nach­voll­ziehbar, manchmal auch durchaus komisch: Wenn sie sich beispiels­weise ihrer Bein­kleider entle­digen, um die Wilderer durch Eiswasser zu verfolgen.
Man mag viel­leicht auch verstehen, dass ihnen ihre Aufgabe, dass ihnen das Überleben der seltenen Tiere so viel bedeutet, dass sie dafür Einsam­keit in Kauf nehmen, dass sie nicht aufgeben, nur weil sie schon ein paar Monate keine Bezahlung mehr bekomme haben, dass sie mit des Pelz­schmug­gels Verdäch­tigten erschre­ckend brutal umgehen.
Und dass Männer, die mit Gewehren bewaffnet sind genau wie ihre Feinde, ein gewisses Maß an Lebens­ge­fahr in Kauf nehmen, auch das mag man noch akzep­tieren. Aber es gibt diesen Punkt, da scheint sich so etwas wie Todes­sehn­sucht einzu­schlei­chen: Da lassen sie immer mehr zurück, was sie noch an schüt­zender Zivi­li­sa­tion mit sich führen – im mate­ri­ellen wie im sozialen Sinn. Da bleibt ihnen ein Auto nach dem anderen auf der Strecke, wird der Treib­stoff knapp, geht das Essen aus, inmitten von 40.000 Quadrat­ki­lo­me­tern eisigem Nichts, und da lassen sie Kameraden zurück, setzten eine Gruppe gefan­gener Wilderer aus, beides im Wissen, dass das erste Einsetzen von Schnee deren Tod bedeuten wird.
Die Land­schaft, von Kekexili in beein­dru­ckenden Breitwand-Bildern einge­fangen, ist der Feind der Patrouil­len­gänger wie der Wilderer. Der Film führt einen an einen Ort, der nicht für Menschen gemacht ist. Ein riesiger Fleck Erde, der tödlich gleich­gültig ist gegenüber diesen seltsamen zwei­bei­nigen Kreaturen und ihren Bedürf­nissen. Und er gibt einem das Gefühl, nicht nur einer spezi­fi­schen Geschichte beizu­wohnen, sondern eines univer­sellen Dramas.
Die Luft­be­stat­tung, so grausam sie als Ritual scheinen mag, ist in dieser Land­schaft noch ein respekt­volles Ende. In Kekexili kann sich auch gleichsam die Erde auftun, kann eine Treib­sand­grube einen Mann verschlu­cken und nichts von ihm übrig­lassen, dass an seine Existenz erinnert.

Und was ist mit Teil I-III?

Gerne würden wir an dieser Stelle etwas berichten zu David Mckenzies Wett­be­werbs­be­trag Asylum – der, soviel lässt sich sagen, zweiten äußerst gelun­genen Patrick McGrath-Verfil­mung innerhalb eines Jahrs nach Cronen­bergs Spider. Aber wir waren so abgelenkt während des Films. Weil uns der groß­ar­tige Ian McKellen so fatal an wen erinnert hat. Aber wir erstmal partout nicht drauf gekommen sind an wen. Und sowas kann einen ja ganz wahn­sinnig machen. Da denkt man ja bald kaum noch an was anderes. Und es ist in diesem Fall auch kein Wunder, dass der Funke der Erkenntnis ein bisserl auf sich hat warten lassen. Weil die Verbin­dung erstmal nicht sehr nahe­lie­gend scheint. Aber als dann der Groschen gefallen war, da gab es keinen Zweifel mehr. Da wussten wir: Wir haben DIE Traum­rolle gefunden für Herrn McKellen – die Ähnlich­keit ist zu verblüf­fend. Klar, Richard III hat er auch ganz gut gemacht. Aber das war nur eine Vorübung! Den Ian McKellen MUSS ihn einfach spielen. Das wird der Hit überhaupt. Da sehen wir jetzt schon die Plakate, Trailer, Oscar-Dankes­reden vor uns. Wenn es heißt: Ian McKellen ist Wolfgang Clement in Hartz Iv – Der Film!