12.02.2004
54. Berlinale 2004

Die Qualen des Weibes

ANATOMIE DE L'ENFER
Anatomie De L’Enfer

Catherine Breillats neuer Film doziert über weibliche Intimität

Von Dunja Bialas

Als enttäu­schender Thesen­film über die Bösar­tig­keit der Männer entpuppte sich Catherine Breillats Anatomie De L’Enfer. Ganz im Geiste von Romance erzählt sie die Geschichte einer Frau, die ihre Sex-Phan­ta­sien in einem Pakt mit einer Disko­be­kannt­schaft durch­in­sze­niert. Groß­auf­nahmen der feuchten Vagina werden bis zur Ermüdung des Zuschauers gezeigt, ebenso der stolz erigierte Penis von Rocco Sifredi. In arran­gierten Rendez-vous in einem allein­ste­henden Haus beginnt eine sexuelle Erkun­dungs­reise in die Tiefen der weib­li­chen Anatomie.

Das Höllisch-Diabo­li­sche findet als Teufels­in­si­gnie Platz, einer drei­za­ckigen Harke, die Siffredi der Frau in die Vagina einführt, während sie schläft. Abgesehen von der Lächer­lich­keit des Bildes wird hier die teuf­li­sche Bösar­tig­keit des Mannes behauptet, der vor keiner Art der Gewalt­an­tuung zurück­schreckt. Die Hölle wiederum soll hier eine Hölle sein, in welcher der Mann in Mens­trua­ti­ons­in­sze­nie­rungen hinein­ge­zogen wird. Dies bedeutet bekannt­lich ein Eindringen in die gesell­schaft­lich behaup­tete Unrein­heit der Frau: »Wenn die Frau ihre Tage hat, will ihr keiner die Hand geben«, so die Frau im Spiel mit ihrem blutendem Schoß, dem »frucht­baren weib­li­chen Blut«. Varia­tionen von Mens­trua­ti­ons­sze­na­rien folgen: Der blutü­ber­strömte Penis, der aus der Vagina gezogen wird, der blut­ge­tränkte Tampon, der in ein Wasser­glas gelegt wird und dessen austre­tendes Blut von Frau und Mann getrunken wird (»Feinde trinken gegen­seitig ihr Blut, und Frau und Mann sind sich feind«).

Dazu die frau­en­feind­li­chen Aussagen, die Rocco in den Mund gelegt werden, immer mit seinem italie­ni­schen Macho-Akzent in unbe­hol­fener Sprache: »Frauen sind wie Frösche, beide können die Beine weit spreizen«. Dann die Alptraum­vi­sion, die die Frau hat, über einen kleinen Jungen, der ein Nest mit jungen Vögel ausraubt und einen davon am Boden zertritt. Dies kommen­tiert mit der Bemerkung, die Haut des Scham­be­rei­ches der Frau wäre so fragil wie der junge, noch nackter Vögel. »Die Böswil­lig­keit des Jungen ist auf alle Männer über­ge­gangen.« Was will Breillat mit diesem Film, wenn nicht die klischee­hafte Vernich­tung des Mannes? Und was erzählt der Film, wenn nicht eine gewollt provo­zie­rende Variation über die Mens­trua­tion?

Der Film will mutig sein, aber er ist letztlich doch nur feige, weil er sich visuell und diskursiv im Klischee verfängt. Dass rotes Blut auf weißem Stoff den Verlust von Unschuld und Opferung bedeuten, ist klar, und wenn das Bild­er­lebnis immer wieder darauf zurück­kommt, zeugt der Film von seiner Einfalls­lo­sig­keit. Dass der Mann ein böses Tier ist, das die Frau physisch besitzen will und das Miter­leben ihrer Sex-Phan­ta­sien zu seiner psycho­lo­gi­schen Vernich­tung führt, ist Nonsens. Da hätte man sich mehr erwartet nach dem über­zeu­genden letzten Film À ma soeur!.