| Deutschland 2025 · 83 min. · FSK: ab 12 Regie: Felix Möller Drehbuch: Felix Möller Kamera: Alexander Vexler Schnitt: Erec Brehmer |
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| Ein kluger, klarer und notwendiger Dokumentarfilm... | ||
| (Foto: Alpenrepublik) | ||
Intrige, Komplott, Verschwörung – sie sind weltberühmt, und obwohl es sich um eine grobe Fälschung handelt, sind sie doch bis heute über 120 Jahre nach ihrer Entstehung nicht aus dem Gedächtnis verschwunden: Die sogenannten »Protokolle der Weisen von Zion«, eine berüchtigtes angebliches Dokument, angefertigt von zaristischen Geheimdienst. Den russischen Juden sollte damals ein weitverzweigtes Komplott unterschoben werden, um die Pogrome gegen sie zu rechtfertigen.
Diese (sogenannten) »Protokolle der Weisen von Zion« sind eine der folgenreichsten Fälschungen der Weltgeschichte. Eine obskure Schrift, mit ungeklärter Herkunft, von mysteriösen Verfassern.
Auch derzeit, 120 Jahre nach der ersten Publikation geistern sie wieder in aufklärungsresistenten, dafür um so entschlosseneren Kämpferkreisen herum: bei »Hamas« und Hizbollah und anderen arabischen Israelhassern, die sie in ihrer Charta zitieren; so wie schon Hitler und die Seinen.
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Die vermutliche Entstehungs- und die tatsächliche Wirkungsgeschichte der »Protokolle« bieten für sich eine Menge historische Suspense. Sie entfaltet Regisseur Felix Moeller in seinem Film.
Worum geht es in diesem Dokument? In 24 »Protokollen« einer angeblichen jüdischen Weltregierung plaudert ein vermeintlicher »Weiser von Zion« erstaunlich unvorsichtig das Programm zur vollständigen Übernahme der Weltregierung einfach aus. Fazit: Viel haben sie schon, doch wollen sie alles haben.
Diese »Protokolle« strotzen von Widersprüchen. Die gegensätzlichsten Rollen werden von den »Weisen« besetzt: der Börsenhai wie der Bolschewist, der Demokrat wie der Diktator, der Atheist wie der Theokrat. Man konnte sich mit allem bedienen. Und dementsprechend haben sich auch die gegensätzlichen politischen und sozialen Interessengruppen dieser »Protokolle« bedient: Zaristen wie Nazis, Klerikale wie Gottlose, Antikommunisten wie antisemitische Kommunisten.
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Nach Russland wurden sie vor allem in Deutschland publik gemacht. Es hat nichts gefruchtet, dass die Londoner Times, die anfangs selber zu den Propagandisten der »Protokolle« gezählt hatte, bereits 1921 in einer großen Artikelserie die Fälschung enttarnte. Diese Art von Aufklärung hat bekennende Antisemiten aber noch nie interessiert.
Moeller zeigt Beispiele wie die Reden von Adolf Hitler, der von den Protokollen sehr stark beeinflusst wurde. Und er antisemitische Machwerke wie den deutschen Hetzfilm Der Ewige Jude.
Selbst dort, wo Moeller auf bekannte Fakten zurückgreift, gelingt ihm aber ein neuer Zugriff: Die Protokolle erscheinen als global zirkulierende Idee, deren Wirkungsgeschichte sich je nach geopolitischem Kontext verwandelt.
Die eigentliche Pointe dieses Films ist aber seine Aktualität: denn Möller scheut sich nicht auf die Kontroverse Frage der akademischen und insbesondere arabischen Positionierung im Nahostkonflikt aktuellen Konflikt zwischen Arabern und Israel einzugehen.
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Weltkarriere einer Lüge – Die Protokolle der Weisen von Zion ist ein kluger, klarer und notwendiger Dokumentarfilm, der historische Tiefenschärfe mit zeitgenössischer Relevanz verbindet. Moeller gelingt das Kunststück, eine der gefährlichsten Fälschungen der Moderne nicht nur zu entzaubern, sondern ihren Mechanismen eine in der Gegenwart zu benennen, aufzuklären, ohne zu simplifizieren.
So wird auch heute Moellers Entmystifizierung eingefleischte »Protokoll«-Gläubige nicht umstimmen können. Nichtsdestoweniger ist es wichtig zu sehen, dass ein unverhohlen „eliminatorischer“, allerdings internationaler Antisemitismus in den »Protokollen« seine paranoide Rationalisierungsgrundlage fand. Der Verfolgungswahn ist seit je gut dafür, dass selbsternannte »Opfer« zu Tätern werden können.