| Österreich/Deutschland 2025 · 121 min. · FSK: ab 12 Regie: Adrian Goiginger Drehbuch: Senad Halilbasic Kamera: Paul Sprinz Darsteller: Valerie Pachner, Robert Stadlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Margarethe Tiesel u.a. |
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| In der Weigerung, Trauer zu normieren... | ||
| (Foto: Alamode) | ||
„Old Daniel Tucker wuz a mighty man,“
He washed his face in a fryin‘ pan;
Combed his head wid a wagon wheel
And he died wid de toofache in his heel.
– Old Dan Tucker, gesungen auf der Beerdigung in Vier minus drei
Es gehört zu den selten gewordenen Konstanten im deutschsprachigen Kino, dass ein Regisseur wie Adrian Goiginger das Lokale nicht als pittoreskes Dekor missversteht, sondern als Verdichtungsraum des Universellen. Schon in Die beste aller Welten in Märzengrund, in Der Fuchs oder zuletzt im wunderbar lakonischen Rickerl – Musik is höchstens a Hobby hat Goiginger aus scheinbar kleinen, tief im Österreichischen verwurzelten Geschichten existenzielle Erzählungen destilliert. Filme, die nachhallen, weil sie nicht erklären, sondern eine Stimmung setzen, die sich in den Alltag einschreibt. Vier minus drei ist die konsequente Fortschreibung dieses Ansatzes.
Ausgangspunkt ist eine Katastrophe: Barbara verliert bei einem Verkehrsunfall ihren Mann und ihre beiden Kinder. Was nach einem klassischen Trauerdrama klingt, wird unter Goigingers Regie jedoch zu etwas grundlegend anderem. Es ist ein Film über das Weiterleben gegen jede Wahrscheinlichkeit, über den Körper als letzte Instanz der Erfahrung und über die Unmöglichkeit, Trauer in gesellschaftlich akzeptierte Formen zu pressen.
Im Zentrum steht Valerie Pachner, die diese Barbara nicht spielt, sondern durchlebt. Allein ihr komplexes Spiel ist es schon Wert, diesen Film zu sehen. Ihre Figur arbeitet als Krankenhausclownin; eine jener paradoxen Existenzen, die im Angesicht von Krankheit und Tod Lachen produzieren sollen. Schon hier legt der Film seine ästhetische und philosophische Spur: Der Clown ist nicht nur Beruf, sondern Haltung. Eine Figur, die – ähnlich wie in einigen indigenen Kulturen – eine andere Sicht auf die Welt erlaubt, eine Verschiebung der Perspektive, die das Tragische nicht negiert, sondern durchkreuzt.
Goiginger und sein Drehbuchautor Senad Halilbašić, der den autobiografischen, zum Bestseller gewordenen Text von Barbara Pachl-Eberhart bewusst nicht als bloße Vorlage, sondern als Material begreifen, entscheiden sich wie in der literarischen Vorlage für eine nicht-lineare Erzählweise. Rückblenden, Erinnerungsfragmente, Gegenwartssplitter. All das fügt sich zu einer Struktur, die weniger einer Chronologie folgt als einer emotionalen Logik. Der Film erzählt nicht, was passiert ist. Er zeigt, wie es sich anfühlt nach dem, was passiert ist.
Hier entfaltet Vier minus drei dann auch seine größte Stärke: in der Weigerung, Trauer zu normieren. Barbara geht tanzen, hat Parkplatzsex, sucht die körperliche Grenzerfahrung, als könne sie so den Verlust überwinden oder zumindest spürbar machen. Das ist nicht Provokation um der Provokation willen, sondern eine präzise Beobachtung: Trauer ist kein moralisch sauberer Prozess, sondern ein chaotischer, widersprüchlicher Zustand.
Dabei bleibt Goiginger bemerkenswert kontrolliert. Er vertraut auf leise Verschiebungen, auf Blicke, auf Pausen. Wenn Barbara ihre Clownfreunde zur Beerdigung einlädt und diese den Abschied mit Musik und grotesker Komik begleiten, entsteht ein Moment, der sich jeder eindeutigen Kategorisierung entzieht: zugleich absurd, schmerzhaft und tröstlich; ein Kino der Ambivalenz, das den Zuschauer nicht entlastet, sondern ihm etwas zumutet.
Ganz so, wie vor Jahren auch Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan, der mich damals ebenso erschüttert wie verunsichert hat, weil er Schönheit vermittelte, wo keine Schönheit sein kann. Während Lonergan die Trauer jedoch als Zustand inszenierte, der letztlich nicht überwindbar ist, sondern als Grenze bestehen bleibt, geht Goiginger einen anderen, fast entgegengesetzten Weg.
Lonergans Kino ist ein Kino des Stillstands. Seine Figuren – allen voran Lee – bleiben gefangen in Schuld, Sprachlosigkeit, in einem Leben, das sich nicht mehr einlösen lässt. Die Trauer wird nicht transformiert, sondern ausgehalten. Sie ist ein Endpunkt, an dem man, wie ich es damals in meiner Kritik formuliert habe, »ruhig stehen bleiben kann, auch wenn das Leben weitergeht«. Selbst der subtile Humor und der gezielte Einsatz von Musik dienen nicht der Erlösung, sondern der Kontrastierung: Sie erzeugen eine paradoxe Schönheit im Schmerz, ohne ihn je aufzuheben.
Goiginger hingegen interessiert sich weniger für diese Grenze als für ihre Überschreitung. Seine Barbara verweigert den Stillstand. Sie sucht – tastend, verzweifelt, manchmal selbstzerstörerisch – nach einem Weg zurück ins Leben. Wo Lonergan die Unaufhebbarkeit der Trauer ernst nimmt, insistiert Goiginger auf Bewegung, auf Transformation, auf ein Danach, das nicht tröstlich ist, aber möglich.
Gerade darin liegt dann auch die entscheidende Differenz: Manchester by the Sea findet seine Größe im Ausharren, im Anerkennen der Unabgeschlossenheit von Schmerz, Vier minus drei hingegen im Risiko des Weitergehens. Der eine Film bleibt stehen und wird dadurch unerbittlich. Der andere geht weiter und wird dadurch offen.
Dass beide Wege legitim sind, zeigt, wie unterschiedlich Kino von Verlust erzählen kann. Lonergan schafft Schönheit, wo keine ist. Goiginger sucht nach einem Gefühl jenseits davon, nach einer Emotionalität zwischen Trauer und Lebenslust, die sich nicht auflösen lässt, sondern bleibt.
Dass dieser Ansatz funktioniert, liegt auch an der Präzision, mit der die Nebenfiguren bei Goiginer agieren. Die Erinnerungen an die Beziehung zu ihrem Mann – gespielt von Robert Stadlober – gehören zu den stärksten Momenten des Films. Hier wird nichts idealisiert: Streit, Frustration und berufliche Clown-Konkurrenz werden gnadenlos thematisiert: »Du kannst es nicht, deshalb haben dich die Roten Nasen nicht genommen!« Ein Satz, der nachhallt, weil er die Brüchigkeit einer Beziehung offenlegt, die erst im Verlust ihre ganze Komplexität zeigt.
Natürlich ist ein Film, der sich so nah an den Abgrund wagt, nicht frei von Schwächen. In einzelnen Momenten, etwa wenn die Erinnerung an die Tochter mit schwer aufgetragenen Geigen unterlegt wird oder wenn Geburtserinnerungen allzu deutlich als emotionaler Kontrapunkt gesetzt werden, kippt die Inszenierung kurz ins Melodramatische. Das wirkt dann weniger wie eine organische Entwicklung als wie ein bewusst gesetzter Effekt. Doch das sind Randerscheinungen in einem ansonsten bemerkenswert souveränen Film.
Und entscheidend ist dann ja auch, was bleibt. Und Vier minus drei bleibt. Nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als Gefühl. Als eine Art innerer Resonanzraum, der sich im Zuschauer festsetzt und ihn noch Tage, ja Wochen später begleitet. Goiginger gelingt etwas, das man im Kino nur selten erlebt: Er schafft eine Emotionalität, die sich nicht im Moment erschöpft, sondern fortwirkt, leise, hartnäckig, er wird fast so etwas wie ein Soundtrack des eigenen Lebens. Vielleicht auch, weil er nicht nur von Trauer erzählt, sondern den Blick auf sie verändert. Er zeigt, dass es Formen des Weiterlebens gibt, die jenseits von Trostformeln liegen. Und dass gerade in der radikalen Offenheit, im Aushalten des Widersprüchlichen, so etwas wie Hoffnung entstehen kann.