Vice – Der zweite Mann

Vice

USA 2018 · 134 min. · FSK: ab 12
Regie: Adam McKay
Drehbuch:
Kamera: Greig Fraser
Darsteller: Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Alison Pill u.a.
»Vice« heißt im Englischen übrigens auch Laster: Dick Cheney

Politik mit Herzinfarkten

Es besteht Klärungs­be­darf. Das zeigt auch der expo­nen­ti­elle Anstieg der Produk­tionen von Doku­men­tar­filmen auf Netflix, die sich mit der Politik beschäf­tigen. Seit Donald Trump US-Präsident ist, nehmen sich immer mehr Filme­ma­cher in den USA der Aufgabe an, das Gewusel aus Lügen, Panik­mache und Fake News zu entzerren und aufzu­klären – mal mehr, mal weniger erfolg­reich.

Der Regisseur Adam McKay (The Big Short) geht die Sache in Vice – Der zweite Mann anders an. Im Biopic über Dick Cheney (Christian Bale), Vize­prä­si­dent des ehema­ligen US-Präsi­denten George W. Bush (darge­stellt von Sam Rockwell), hat er sich »scheiße Mühe gegeben«, nachdem aber keiner der Betei­ligten bei den Ereig­nissen dabei war, lässt er künst­le­ri­sche Freiheit walten, so zumindest der Vorspann. Vice ist kein klas­si­sches Biopic, sondern wagt eine für Hollywood unkon­ven­tio­nelle Mischung aus Comedy-Drama, Polit-Satire und eben Biogra­phie – jedoch gelingt ihm das auch, der Spagat zwischen Aufklä­rung und Satire, zwischen Belehren und Unter­halten?

Fettes Grinsen in die Kamera, einge­fro­rene Einstel­lung und eine Erzäh­ler­stimme, die sagt: »Das ist Dick Cheney.« Nach einer kurzen Einfüh­rung der Figuren wie im Sitcom-Vorspann kann es auch schon losgehen. So rasant wie der Film erzählt, so schnell werden im Weißen Haus Entschei­dungen mit weit­rei­chenden Konse­quenzen und mehreren tausend Toten getroffen. Ein dummer Gedanke, ein Finger, ein roter Knopf.

Aber halt. Wie ist Dick Cheney überhaupt in diese Macht­po­si­tion gekommen? Ein mittel­mäßiger Student und mittel­mäßiger Sportler, der wegen seines Alko­hol­pro­blems von der Yale Univer­sität geflogen ist, und jetzt Vize­prä­si­dent von George W. Bush?

Wyoming, 1963. Dick wird beim Auto­fahren unter Drogen­ein­fluss erwischt und seine Freundin Lynne (Amy Adams) stellt ihn vor ein Ultimatum: entweder er bekommt sein Leben auf die Reihe oder sie verlässt ihn. Amy Adams spielt Lynne als eine Frau, die ihr unbe­dingtes Ziel, Einfluss zu gewinnen, durch ihren Mann auslebt. Sie springt in seiner poli­ti­schen Kampagne ein, wenn er wegen Herz­in­farkten ausfällt, und treibt ihn immer wieder dazu, weiter politisch tätig zu sein.

Cheney findet Arbeit im Weißen Haus unter Nixons Wirt­schafts­be­rater Donald Rumsfeld (Steve Carell) und hört in einem Gespräch den geheimen Befehl Nixons mit, Kambo­dscha zu bombar­dieren. Für Dick eröffnet sich die wahre Macht der Exekutive. Er klettert die Karrie­re­leiter weiter nach oben, wird Stabschef im Weißen Haus, Abge­ord­neter für Wyoming, Vertei­di­gungs­mi­nister und schließ­lich Vize­prä­si­dent von Bush, wo er die Unitary Executive Theory voll ausnutzt: Gestützt auf den zweiten Artikel der ameri­ka­ni­schen Verfas­sung verleiht sie, dem Präsi­denten Macht über die komplette Exekutive. Ein Knopf­druck: Irakkrieg.

Wie schon zuvor bei The Big Short greift Adam McKay tief in die Filmtrick­kiste. Der Film erzählt achro­no­lo­gisch, springt zwischen den Ereig­nissen hin und her, deren Verlauf von einer Stimme im Voice Over begleitet wird. Es ist nicht Dick Cheneys, sondern die Stimme von Kurt, dem Spender für Cheneys Herz, das dieser nach zahl­rei­chen Herz­in­farkten benötigt. Die Metapher ist nicht zu übersehen. McKay montiert Fern­seh­auf­zeich­nungen der Nach­richten von CNN und Fox News über 9/11 mit Szenen aus dem Kongress und liefert so das nötige Futter für den Aufklä­rungs­an­spruch des Films. Die Unter­hal­tung bieten vor allem die schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen von Christian Bale, Steve Carell und Sam Rockwell.

Christian Bale schwankt als Dick Cheney gekonnt zwischen Parodie und dem Versuch, Cheneys Moti­va­tion und Persön­lich­keit zu verstehen. Durch Cheneys harmlose, teigige Statur mit Glatzkopf, in der Bale dank Maske und Prothesen versinkt, blitzt immer wieder eine leichte Böswil­lig­keit durch. Cheney zeigt keine Skrupel, die ameri­ka­ni­sche Verfas­sung zu seinen Gunsten auszu­legen und die passende Inter­pre­ta­tion wie ein Gericht auf der Spei­se­karte auszu­wählen, um damit »seine Familie und sein Volk zu schützen«, wie er am Ende des Films direkt in die Kamera mitteilt.

Wer den aus dem Internet bekannten Satz »Dick Cheney made money off the Iraq War« verstehen möchte, der wird die Antwort in Vice finden, ohne sich wie in einer lang­wei­ligen Geschichts­stunde zu fühlen.

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Politik der großen Fische

Am Meeres­grund treibt ein kleiner Fisch auf ein leuch­tendes Etwas zu. Sieht inter­es­sant aus, viel­leicht eine Alge? Dann ein schneller Sog, Zähne, die zubeißen und der kleine Fisch wird vom Angler­fisch gefressen. Plump durch die Dunkel­heit der Tiefsee treibend geht der Angler­fisch mit seinem Leucht­organ auf Beutefang. Selten nur wird er von Menschen gesichtet. So in etwa kann man sich Ex-Vize­prä­si­dent Dick Cheney in Adam McKays bril­lanten Biopic Vice – Der zweite Mann vorstellen, das ebenso Polit-Satire wie Kriegs­drama ist. Auch Cheney fischt unbe­hel­ligt nach leicht­gläu­bigen Artge­nossen und ködert mit falschen Fakten. Hat man dies erkannt, ist es bereits zu spät.

Der Regisseur von The Big Short hat einen außer­ge­wöhn­lich gewitzten Film geschaffen. Christian Bale, ein Garant für gute Filme, mimt grandios den ruhigen, verschla­genen Cheney, den die Götter nicht gerade mit Charisma gesegnet haben.

Man verfolgt die poli­ti­sche Karriere des mittel­mäßigen Mannes, der nach 9/11 unter (oder besser: hinter dem Amt von) George W. Bush jr. der heimliche Strip­pen­zieher des Irak­kriegs, extremer staat­li­cher Über­wa­chung und des Gefan­ge­nen­la­gers Guan­ta­namo wird. Sam Rockwells Darstel­lung als Bush ist der Satire entspre­chend ein echter Schen­kel­klopfer. Der damalige US-Präsident wird als impul­siver und leicht zu mani­pu­lie­render Kasperl­kopf gezeigt. In einer Szene spielt er wie einst Charlie Chaplin in Der große Diktator mit einer Welt­ku­gel­mi­niatur in der Hand. Ein intel­li­genter, wenn auch provo­kanter Vergleich des Regis­seurs. Wie in Er ist wieder da Hitler, so sieht man in Vice den abge­brühten Cheney in einem Käfig voller Narren die denkbar schlimmsten Visionen schmieden. Irgend­wann ertappt man sich dabei, wie man über seine dreisten Listen schmun­zeln muss. Und dabei ist die Rede von einem, der Bush ins Ohr setzt, Saddam Hussein hätte Massen­ver­nich­tungs­waffen und damit den Irakkrieg einleitet. Einem, der mit der Unitary Executive Theory die Macht­be­fug­nisse des Präsi­denten drastisch erweitern wird.

Obwohl Cheney bei Adam McKay kalku­liert und abgebrüht ist, wirkt er oft ebenso unbedarft. Der Zufall macht ihn zum Vorstands­vor­sit­zenden der tech­ni­schen Dienst­leis­tungs­firma Halli­burton, dann treiben ihn die Umstände doch wieder in die Politik zurück. Egal wo, es zeichnet sich immer das Muster einer unbarm­her­zigen, moralisch verwerf­li­chen, egois­ti­schen Agenda ab.

Es ist ein diabo­lisch-lustiges Meis­ter­s­tück, für eine solche Figur ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­tial zu schaffen. Doch was kann es anderes sein als die Fami­li­en­liebe, die zwie­lich­tige Film­fi­guren zu Sympa­thie­trä­gern werden lässt? Der Pate und Breaking Bad lassen grüßen. Der Vize liebt seine lesbische Tochter und steht zu ihr, will sich nicht gegen die Homo-Ehe ausspre­chen. Dick Cheney, oft spöttisch in der seriösen Tages­presse als der Darth Vader der US-Regierung bezeichnet, ist ein gewiefter Angler und Fisch zugleich, eben ein Angler­fisch. Doch die Weibchen der Gattung werden bis zu 60 Mal größer als die Männchen und nur sie haben ein lockendes Leucht­organ. Lynne Cheney, seine Ehefrau wird als selbst­be­wusst-berech­nend von Amy Adams darge­stellt und fischt mindes­tens genauso gut nach Menschen wie ihr Mann. Sie ist eine begnadete Rednerin, doch eine poli­ti­sche Karriere bleibt ihr in der konser­va­tiven Zeit verwehrt. Sie wird der Motor für Dicks Ehrgeiz und züchtet in dem versof­fenen Strom­ar­beiter einen kalten Macht­men­schen heran. Als Bush Cheney zum Vize-Präsident küren will, sprechen sie bedeu­tungs­schwere Dialog­zeilen im Ehebett.

In Vice ist das Leben ein Stra­te­gie­spiel, das die Figuren bewusst mitspielen, mal eine Runde aussetzen müssen (Richard Cheney, Donald Rumsfeld) oder ganz raus­fliegen (Jimmy Carter, Richard Nixon). Diese bunte Welt aus Lügen und Intrigen erinnert an die rauen Filme Scorseses wie Good Fellas und The Wolf of Wall Street, in denen sich ebenfalls raffi­nierte Oppor­tu­nisten in einem verkom­menen System an die Spitze kämpfen.

Donald Rumsfeld, des Vizes durch­trie­bener Mitstreiter, ist eine dieser Figuren. Er wird von Steve Carell gespielt und ist wie zu erwarten hoch­un­ter­haltsam. Auch das Timing der Szenen stimmt in jeder Hinsicht. Um den Regie­rungs­stil eines US-Präsi­denten zu illus­trieren, genügt eine kurze Szene. Unter Jimmy Carter: Solar­zellen werden aufgebaut. Unter Ronald Reagan: sie werden wieder abgebaut.

Bild­m­e­ta­phern, Fotos, Impres­sionen von Krieg und intimen Erin­ne­rungen. Der Regisseur und Dreh­buch­schreiber von Vice lotet viele filmische Mittel aus und gibt seinem Werk einen origi­nellen, künst­le­ri­schen Touch. Genial ist der Kniff, einen unbe­kannten Erzähler Dick Cheneys Leben schildern zu lassen, wobei die Verbin­dung zu ihm erst viel später klar wird.

Der Film spielt mit dem Zuschauer und lässt ihn nicht vom Haken. Trotz starker Fakten­treue weist das Werk selbst auf fiktive Elemente hin. Die intel­li­gente Machart wird es konser­va­tiven Ameri­ka­nern und vor allem Trump-Anhängern schwer­ma­chen, dem Film den Stempel der Fake News aufzu­drü­cken. Adam McKay inte­griert Cheneys Herz­krank­heit in die Symbolik, scheint dieser doch kein Mitgefühl für andere Menschen zu haben. Einen Anwalt schießt er aus Versehen bei der Wach­tel­jagd über den Haufen, eine Entschul­di­gung folgt nicht. Das (poli­ti­sche) Handeln des Ex-Vize­prä­si­denten gibt wenig Anlass zur Heiter­keit, der Film aller­dings schon.

Viel schwarzer Humor sorgt für eindrück­liche, skurrile Szenen à la The Big Lebowski. Optionen für Cheneys Agenda wie Water­boar­ding und Guan­ta­namo werden von einem Kellner auf der Spei­se­karte präsen­tiert. Ein andermal kommt bei einer Bespre­chung einer poli­ti­schen Strategie ein prickelnd-verspieltes Ocean’s-Eleven-Feeling auf.

Der Sound­track des Films, eine Mischung aus elek­tro­ni­scher und klas­si­scher Musik, leistet dezent seinen Anteil. Mit Vice hat Adam McKay einen dicken Fisch an Land gezogen, der das Zeug zum Klassiker hat. Er serviert ihn dem Zuschauer auf dem Silber­ta­blett, und es bleibt nur eine Frage offen: Wer ist hier der raffi­nier­tere Angler, Dick Cheney, seine Filmfigur oder der Film selbst?

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Licht und Schatten der dunklen Seite

»Revulsion and admi­ra­tion lie as close together as the red and white stripes on the American flag, and if this is in some respects a real-life monster movie, it’s one that takes a lively and at times surpri­singly sympa­thetic interest in its chosen demon.«
A.O. Scott, New York Times, in der Rezension von »Vice«

Die Filme, die einmal über Donald Trump gedreht werden, können von einem berühmten Satz des NS-Propa­gan­da­mi­nis­ters ausgehen: »Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schreck­li­chen Tage zeigen, die wir durch­leben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten Sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen.« So Dr. Joseph Goebbels am 17. April 1945. Das Inter­es­sante an diesem Satz ist, dass hier einer weiß, was kommen wird, so wie er weiß, was ist. Er richtet sein ganzes Handeln nur nach dem Effekt aus, nach dem Schein und der Taug­lich­keit für die ästhe­ti­sche Wirkung. Und tatsäch­lich: Ästhe­tisch haben die Nazis den Zweiten Weltkrieg auf ganzer Linie gewonnen. Bis heute bestimmen sie die Ikono­gra­phie des Bösen auf der Leinwand.

Wird das den Mächtigen Amerikas auch passieren? Man kann im schlechten Abscheiden von Vice bei der dies­jäh­rigen Oscar­ver­lei­hung ein Indiz für die Tugenden und Nachteile dieses Films sehen: Vice taugt nicht zur wohl­tem­pe­rierten politisch-korrekten Symbol­hand­lung, wie etwa Green Book. Adam McKays Spielfilm über den repu­bli­ka­ni­schen »Dark Knight« Richard Cheney war der Film der dies­jäh­rigen Oscar­ver­lei­hung, der am schärfsten auf die Unmoral und die Abgründe der US-ameri­ka­ni­schen Politik zielte. Er zeigt nicht harmo­ni­sches Zusam­men­leben und Rassen­ver­söh­nung. Er zeigt ein Portrait des weißen poli­ti­schen Amerika. Eines Amerika, das korrupt ist, kontrol­liert von den großen Konzernen, vor allem Waffen- und Ener­gie­kon­zernen, die die Politiker wie Mario­netten beherr­schen.

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Regisseur Adam McKay bedient dabei die Mythen der Macht: 9/11 – was für ein Moment! Der Film zeigt, was wir nicht kennen können: Das Krisen­zen­trum im White-House-Bunker, Unsi­cher­heit, Chaos, ein durch­drin­gender Alarmton, und alle Blicke auf dem Vertreter des Chefs. Dessen rundes, rosa-teigiges Gesicht blickt ausdruckslos nach unten. Nur die Mund­winkel bewegen sich, die Unter­kiefer mahlen. Cheney überlegt. Er ist entschlossen und nur wir inter­pre­tieren rück­bli­ckend ein »finster« dazu. Er ist ein Ruhepol. Arbeit am Mythos, denn soviel Ruhe und kaltes Blut muss man erstmal haben.
Wäre es Krieg, man wünschte sich, dass man so einen Mann auf seiner Seite hätte. Knapp gibt er seine Befehle – ein Mann, wo er seiner Natur nach hingehört: Im Zentrum der Macht – und hinter ihm steht, ein bisschen zärtlich, ein bisschen beru­hi­gend, ein bisschen kontrol­lie­rend, Cheneys Ehefrau Lynn, die ungemein faszi­nie­rend, großartig-abgründig von der tollen Amy Adams gespielt wird.

Denn Amy Adams, nicht Christian Bale, ist der Star dieses Films. Bale verwech­selt wie viele seiner Kollegen wieder einmal Schau­spiel­leis­tung mit äußerer Ähnlich­keitsan­nähe­rung ans Objekt; er frisst sich Dutzende von Fettkilos an, lässt sich täglich mehrere Wurst­pellen von Make-up und Prothesen über den Kopf stülpen, bis er aussieht wie ein fleisch­ge­wor­dener Volley­ball und von Mimik sowieso nichts mehr zu erkennen ist. Adams genügt eine Perücke.

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Es beginnt mit einer Über­ra­schung: Ein junger Mann fährt 1963 in Kansas besoffen Auto, wird von einem Poli­zisten ange­halten, zum zweiten Mal. Und hier taucht Lynn auf. Sie sind schon verhei­ratet, aber nun faltet sie ihn zusammen, macht ihn klein, nimmt ihn ausein­ander, zerlegt ihn in seine Einzel­teile und baut ihn danach als neuen Menschen wieder auf: Was Frau­en­macht auch heißt, als untrenn­bare Mischung aus Sex und Gewalt, das zeigt dieser Film.

Denn Lynn Cheney ist hart, steif, all-american, ein Klas­sen­primus mit lauter Einsern und ehrgeizig. Und weil man als Frau in den Sech­zi­gern diesen poli­ti­schen Ehrgeiz trotz aller Einser nicht erfüllen kann, setzt sie alles auf ihren Mann. Sie macht ihn – und das ist die waghal­sige These dieses Films – zu ihrem Avatar.
Zuerst versagt er, dann sorgt sie dafür, dass sich das nicht wieder­holt. Es entsteht ein Powerpaar zweier Macht­men­schen, die einander entspre­chen, und dessen Geschichte der Film als Farce erzählt, und als moderne Variante von Shake­speares »Macbeth«, aller­dings einem ins Komö­di­an­ti­sche gedrehten. Der Richard Cheney, den wir kennen, ist Lynns Geschöpf.

So wird er ab den späten Sech­zi­gern eher zufällig Repu­bli­kaner, wird gerade, weil ihn keine Über­zeu­gung und Ideologie vom Wesent­li­chen ablenken, zum perfekten zweiten Mann hinter Donald Rumsfeld, der als fröh­li­cher Zyniker erscheint, dem Berater des neuen Präsi­denten Richard Nixon.

Neben Lynn ist »Rummie« (gespielt voller Energie von Steve Carell) der zweite Mann, der Cheney zu dem machte, der er ist: Dick und Don sind ein jahr­zehn­te­langes Paar, wie es Machia­velli und Shake­speare nicht besser hätten erfinden könnten. »What do we believe in?«, fragt der junge Cheney seinen Mentor einmal in einer Schlüs­sel­szene des Films. Worauf der spätere Vertei­di­gungs­mi­nister sich vor Lachen kaum halten kann und in seinem Büro verschwindet. Die Pointe der Szene scheint den Machern entgangen zu sein: Offenbar glaubt Cheney, dass man an etwas glauben sollte.
Cheney ist still und effektiv, er erledigt seine Arbeit, und so geht es aufwärts: Zum eigenen, noch fens­ter­losen Büro, bis zum Präsi­den­ten­be­rater und White-House-Stabschef unter Gerald Ford. Dann Vertei­di­gungs­mi­nister unter George Bush, und dann bei dessen Sohn George W. Vize­prä­si­dent. Zwischen­durch Jobs bei der Wirt­schaft, verläss­li­cher Lobby­ismus für Waffen- und Ener­gie­kon­zerne.

Einen hoch­in­ter­es­santen Punkt unter­spielt der Film aller­dings konse­quent, wohl, weil dieser ihm als »zu intel­lek­tuell« erscheint. Denn immer wieder inter­es­siert sich Cheney für die »Theorie der einheit­li­chen Macht«, also der Bündelung möglichst vieler Einfluss­mög­lich­keiten in einer Hand. Das zeigt der Film in furiosen Verfrem­dungs­ef­fekten: Mit Rittern, Pharao­nen­masken und einer jagenden Raubkatze. Rumsfeld scheint plötzlich ein Gangster-Spring­messer in der Faust zu haben.

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Adam McKay ist nicht irgendwer. Als Autor, Regisseur und Produzent arbeitete er jahrelang bei »Saturday Night Live«. McKay konnte sich in der Montage offen­kundig nicht entscheiden, ob er eine Komödie drehen wollte oder ein Drama, eine Tragödie oder eine Satire. Tonfall und Atmo­s­phäre seines Films schwanken nun zwischen einer für Michael Moore typischen wutschnau­benden Unfähig­keit, den poli­ti­schen Gegner ernst­zu­nehmen, poli­ti­scher Belehrung und gemüt­li­cher, oft alberner Klamotte.

Am besten ist McKay noch da, wo der Regisseur aus seiner Verach­tung für die große Mehrheit der Ameri­kaner kein Hehl macht. Dafür haben ihn die ameri­ka­ni­schen Kritiker, vor allem die politisch-korrekten großbür­ger­li­chen Liberalen gehasst. Denn das Publikum hat immer recht: Wenn es Trump wählt, war das eine demo­kra­ti­sche Entschei­dung und nicht die Folge von niederen Instinkten und mani­pu­la­tiver Feind­pro­pa­ganda, die die Wahlen verfälschten. Dass die USA viel­leicht einfach in ihrer Mehrheit ein Land von moralisch korrupten selbst­ge­rechten Voll­idioten ist, das darf man nicht mal denken.

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Vice ist ein Film über die Dummheit der Ameri­kaner. Es geht um Cheney, aber noch mehr um die, die ihn möglich machten, die ihm erlaubten, der zu werden, der er wurde. Dick Cheney ist schlimm, ok. Ein herzloses Monster, na und? »Ihr habt mich schließ­lich gewählt«, wirft Cheney am Ende dem Publikum in direkter Ansprache vor. Zu Recht.
Die Enter­tain­ment-ification der Politik, nicht nur der ameri­ka­ni­schen, hat all dem den Boden bereitet.

Indem sein Humor ins Leere läuft, belegt Vice eine grund­sätz­liche, weit über ihn selbst hinaus­ge­hende Schwäche von dieser Art poli­ti­scher Comedy. Poli­ti­sche Comedy ist gerade so populär wie nie zuvor. Aber sie bringt nichts. Zwar infor­mieren Comedy-Sendungen und Talk-Shows besser, als die Nüch­tern­heits-gläubigen Nach­richten, aber sie depo­li­ti­sieren die Wähler­schaft, indem sie den Eindruck vers­tärken, Politik sei eigent­lich nur eine große Unter­hal­tungs­show.
Der Rechts­ruck ist global. Die Korrup­tion ist schlimmer als je zuvor. Die Umge­stal­tung der Demo­kra­tien in auto­ritäre Regimes – durch mehr­heit­lich per Wahl ermäch­tigte Regie­rungen – läuft in konkreter Praxis ganz subtil ab.
Was haben die poli­ti­schen Comedys daran geändert? Dagegen getan? Nichts. Sie haben den Prozeß befördert.

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Vice versagt dort, wo er den Menschen Cheney zu fassen versucht. Die einzigen Szenen, die einen humanen Cheney zu zeigen versuchen, erscheinen als Alibi-Momente: Die offen­kun­dige Liebe des Mannes zu seiner Familie, die über­ra­schende Toleranz gegenüber seiner lesbi­schen Tochter Mary, zu deren Gunsten Cheney sogar auf eine Präsi­dent­schafts­kan­di­datur verzichtet.

Was sind seine Ziele? Cheney ist ja kein Idiot. Er hat Motive. Viel­leicht nur private. Viel­leicht Geld und Macht. Aber hier bleibt er Karikatur, hier bleibt der Film ungemein naiv, denn seine Macher können sich offen­kundig nicht vorstellen, dass so ein Mensch auch Über­zeu­gungen hat. Statt­dessen wirkt alles irgendwie absurd, und der Film stellt allen­falls eine – angeb­liche – düstere, makabre Komik eines Systems bloß.

Der Regisseur will Cheney nicht huma­ni­sieren, aber er kommt kaum darum herum. Damit wir das nicht so merken, dehu­ma­ni­siert er Amerika.

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Es gibt Menschen, die sind auf Anhieb sympa­thi­scher als Richard Cheney. McKay zeigt Cheney als grauen Büro­kraten, als Chamäleon der Macht, zugleich als dämo­ni­schen Puppen­spieler hinter den Kulissen. Ein schmei­chel­haftes Portrait, denn insgesamt ist dies zwar ein vers­tö­rendes Denkmal, aber eben ein Denkmal.

Wir erleben einen Menschen, der den Irakkrieg insze­niert hat, Todes­ur­teile unter­zeichnet, die Folter legi­ti­miert, Agenten enttarnt, um miss­lie­bige Angehö­rige zu bestrafen, Milli­arden-Deals mit der Ölin­dus­trie einge­fä­delt, dafür Hundert­tau­sende getötet hat – Desin­for­ma­tionen, Falsch­mel­dungen und Aushöh­lung der Demo­kratie nicht mitge­rechnet. Viel­leicht ist Comedy doch die falsche Form für so etwas?

Diese Vergöt­zung ist in der Konse­quenz eine Vernied­li­chung. Man könnte nach diesem Film fragen: Ist Richard Cheney nicht schlimmer als Trump? Und nach der Antwort »Ja« dann folgern: Trump ist gar nicht so schlimm.

Oder ist dieser Film am Ende nicht fast ein Produkt liberaler Nostalgie für jene Zeiten, als rechte Politiker viel­leicht sehr rechts waren, aber doch rational handelten, als sie einen gewissen Geschmack hatten, nicht vulgär waren und ein paar Werte, an die sie immerhin glaubten.

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Man weiß nicht, was man von diesem Film halten soll. Er ist gut und er ist schlecht. Aber auch das mag seinem Gegen­stand geschuldet sein: »I’m like bed bugs. You have to burn the mattress to get rid of me.« (Donald Rumsfeld in Vice)

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