Toy Story 5

USA 2026 · 102 min. · FSK: ab 0
Regie: Andrew Stanton
Drehbuch:
Musik: Randy Newman
Schnitt: Jennifer Neysa Jew
Toy Story 5
Spielzeuge aller Generationen, vereinigt Euch!
(Foto: Disney)

Empathie aus Plastik

Ausgerechnet die fünfte Toy Story beweist, dass Fortsetzungen wenigstens dann ihre Berechtigung haben, wenn sie vom Älterwerden erzählen: der Figuren, ihres Publikums und einer Kindheit, die zunehmend auf Bildschirmen stattfindet

Es ist der Sommer der Ultra-Block­buster. Erst Steven Spiel­bergs sehr gegen­wär­tiger Disclo­sure Day, dann das leider volls­tändig gefloppte Supergirl, darauf die eher mickrigen Minions bei einer weiteren animierten Daddelei, schließ­lich Chris­to­pher Nolans histo­ri­sches Testos­te­ron­kino in der Odyssee und nun also Toy Story 5, der sich an den nord­ame­ri­ka­ni­schen Kino­kassen ein veri­ta­bles Box-Office-Duell mit Nolan liefert.

Bescheiden ist dieser Wett­streit nicht: Mit einem Budget von rund 250 Millionen Dollar gehört Toy Story 5 zu den teuersten Anima­ti­ons­filmen und überhaupt zu den kost­spie­ligsten Film­pro­duk­tionen aller Zeiten. Bis zum 19. Juli 2026 spielte er 430,9 Millionen Dollar in den USA und Kanada sowie weitere 527,5 Millionen Dollar auf den inter­na­tio­nalen Märkten ein. Das ergibt ein welt­weites Einspiel­ergebnis von 958,4 Millionen Dollar; ganz gut für einen Film über Spielzeug, das fürchtet, nicht mehr gebraucht zu werden.

Aber es geht natürlich wie so oft um mehr als die aktuellen Wehweh­chen der Lein­wand­helden. Denn während sich Woody und Buzz an den Kino­kassen mit Odysseus ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, stellt Pixar eine viel banalere, aber viel­leicht wich­ti­gere Frage als die nach dem Geld: Nicht, wie weit es noch zum Break-even ist oder ob Toy Story 5 noch gebraucht wird, sondern was passiert, wenn eine Filmreihe gemeinsam mit ihrem Publikum altert. Woody, Buzz und Jessie sind inzwi­schen Veteranen des Kinder­zim­mers, ihre ersten Zuschauer längst Erwach­sene. Toy Story 5 erzählt deshalb weniger von Spielzeug als vom Älter­werden selbst und davon, wie sich Gene­ra­tionen, Medien und Formen der Fantasie verändern.

Und für einen Kinder­film geht es dies­be­züg­lich gleich am Anfang unver­hält­nis­mäßig hart zu: Spiel­zeuge altern nicht nur und vergessen, sondern gar überholt. Von Tablets. Von Apps. Von Algo­rithmen. Von einer digitalen Kindheit, die immer weniger Gegen­s­tände und immer mehr Bild­schirme kennt. Bonnie, inzwi­schen acht Jahre alt, inter­es­siert sich plötzlich weit mehr für ihr frosch­för­miges Tablet Lilypad als für Jessie, Buzz oder die anderen Bewohner ihres Kinder­zim­mers. Eine also fast schon dysto­pi­sche Situation: Die Zeit der Spiel­zeuge ist vorbei.

Natürlich stimmt das nicht. Aber gerade weil der Film diese Behaup­tung so ernst nimmt, gewinnt er eine emotio­nale Tiefe, die man nach vier Vorgän­gern eigent­lich nicht erwartet hätte.

Und es gibt noch weitere Über­ra­schungen: Woody kehrt nach seinen Aben­teuern aus dem vierten Teil zurück, Jessie führt inzwi­schen die Spiel­zeug­ge­mein­schaft an, Buzz bleibt der verläss­liche, aber tumbe Ratio­na­list. Gemeinsam versuchen sie nicht einfach, Bonnie ihre Spiel­sa­chen zurück­zu­geben. Eigent­lich kämpfen sie um etwas viel Größeres: um die Fähigkeit des Menschen, sich überhaupt noch Geschichten auszu­denken. Denn Rollen­spiele mit Spielzeug sind letztlich nichts anderes als kleine Empa­thie­ma­schinen. Kinder lernen dabei, sich in andere hinein­zu­ver­setzen, Perspek­tiven zu wechseln, Konflikte auszu­halten und Fantasie gegen Wirk­lich­keit antreten zu lassen. In einer Zeit perma­nenter Bild­schirm­reize wirkt diese Erkenntnis kaum revo­lu­ti­onär. Aber Pixar erzählt sie so simpel wie klug, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Denn das, was hier passiert, gilt ja auch für das Kino. Auch das wird überholt, und auch Filme sind schließ­lich nichts anderes als große Empa­thie­ma­schinen bzw. die beste Schule der Empathie, die es gibt.

Dabei tappt Toy Story 5 zum Glück nie in die Falle kultur­pes­si­mis­ti­scher Digi­tal­panik. Tablets sind hier nicht die Böse­wichte, genauso wenig wie soziale Medien. Vielmehr plädiert der Film für das, was in fast allen Kinder­filmen der letzten Jahr­zehnte rauf- und runter­ge­pre­digt wird: Gemein­sam­keit, denn gemeinsam ist man stärker. Für diesen Themen­kom­plex bedeutet das: analog und digital müssen mitein­ander leben lernen. Alt und jung ebenso. Die alten Spiel­zeuge müssen akzep­tieren, dass Kinder heute anders spielen. Die Kinder wiederum verlieren etwas, wenn sie ausschließ­lich noch auf Displays wischen. So einfach, so gut.

Diese versöhn­liche Grund­hal­tung zieht sich angenehm unauf­ge­regt durch den gesamten Film. Natürlich wird dabei keine bahn­bre­chend neue Erkenntnis formu­liert. Aber das Block­bus­ter­kin­der­kino lebt ohnehin selten von origi­nellen Thesen, von Ausnahmen wie Oben, Alles steht Kopf oder Soul mal abgesehen. Sie leben davon, Bekanntes so zu erzählen, dass es sich wie neu anfühlt und dann auch noch berührt.

Besonders schön gelingt Toy Story 5 dies bei der Verknüp­fung verschie­dener Gene­ra­tionen. Die Spiel­zeuge aus den früheren Filmen begegnen nicht nur neuen Figuren, sondern spiegeln zugleich die inzwi­schen erwachsen gewor­denen Zuschauer. Wer 1995 als Kind den ersten Toy Story, das Urgestein aller Pixar-Erfolge, gesehen hat, sitzt heute mögli­cher­weise selbst mit den eigenen Kindern im Kino. Plötzlich altern nicht nur Woody und Buzz, sondern auch wir. Aus dieser doppelten Perspek­tive entwi­ckelt der Film seine stärksten Momente.

Eine gute Fort­set­zung erkennt man bekannt­lich daran, dass sie auch ohne nost­al­gi­sches Vorwissen funk­tio­niert. Wer ausschließ­lich von Anspie­lungen und Rück­blenden lebt, produ­ziert letztlich nicht mehr als Fanser­vice. Toy Story 5 besteht diese Prüfung souverän. Die Rück­be­züge berei­chern den Film, tragen ihn aber nicht. Auch wer keinen der Vorgänger kennt, erhält eine volls­tändig erzählte Geschichte.

Inter­es­sant ist dabei auch der Blick hinter die Kulissen. Es ist der erste Film der Haupt­reihe ohne den prägenden Einfluss von Mitbe­gründer John Lasseter, der Pixar nach den Vorwürfen unan­ge­mes­senen Verhal­tens gegenüber Mitar­bei­te­rinnen verlassen musste. Das Studio reagierte damals den Zeiten ange­messen und vollzog einen perso­nellen Neuanfang. Dass die Reihe dennoch ihre emotio­nale Hand­schrift bewahren konnte, spricht für die kreative Konti­nuität innerhalb Pixars. Andrew Stanton, seit Beginn einer der wich­tigsten Autoren der Serie und Regisseur von Pixar-Erfolgen wie Findet Nemo und WALL·E, führt hier gemeinsam mit McKenna Harris die Regie und entwi­ckelt die Figuren bemer­kens­wert selbst­ver­s­tänd­lich weiter. Auch Randy Newman liefert wieder einen jener netten Sound­tracks, die weniger auffallen als funk­tio­nieren und das komplette Gegenteil zu dem bombas­ti­schen Pathos-Score von Ludwig Göransson in Nolans Odyssee ist. Seine Musik begleitet die Figuren inzwi­schen seit über drei Jahr­zehnten und besitzt längst selbst den nost­al­gi­schen Status eines alten Spiel­zeugs. Dass Taylor Swift zusätz­lich ein Lied beisteuert, wirkt eher wie ein Pflich­tü­bung für das Marketing als wie eine kreative Notwen­dig­keit.

So wenig wie Taylor Swift über­rascht, so wenig über­rascht am Ende auch dieser Film: Es siegt das Mitein­ander, Versöh­nung ist stärker als Entfrem­dung, Gemein­schaft wichtiger als Indi­vi­dua­lismus. Aber das ist dann natürlich auch das, was unsere versehrte Welt am drin­gendsten nötig hat.