Tolkien

USA 2019 · 112 min. · FSK: ab 12
Regie: Dome Karukoski
Drehbuch: ,
Kamera: Lasse Frank Johannessen
Darsteller: Nicholas Hoult, Derek Jacobi, Lily Collins, Harry Gilby, Adam Bregman u.a.
Porträt des Künstlers als junger Mann und Soldat

Traumatherapie

Sometimes, in the trenches, you get the sense of something, ancient. One trench we held, it had skulls in the side, embedded, like mushrooms. It was actually easier to believe they were men from Marl­bo­rough’s army, than to think they’d been alive a year ago. It was as if all the other wars had distilled them­selves into this war, and that made it something you almost can’t challenge. It’s like a very deep voice, saying; ‚Run along, little man, be glad you’ve survivedPat Barker, Rege­ne­ra­tion-Trilogie

Gut, dass nach den Film­bio­gra­fien großer Musiker – Bohemian Rhapsody und Rocketman – endlich mal wieder ein Schrift­steller-Porträt an der Reihe ist. Und was für eins. Niemand anders als J.R.R. Tolkien, dessen lite­ra­ri­sches- und wissen­schaft­li­ches Werk sich ja durch die opulente Herr der Ringe- Verfil­mung durch Peter Jackson eigent­lich schon längst von den Büchern entkop­pelt hat. Oder erinnert sich noch wer an die grünen Ausgaben der Hobbit-Presse im Klett-Verlag, die seit 1979 in Deutsch­land die Bücher­re­gale Jugend­li­cher fluteten und damit halfen, Tolkiens High-Fantasy-Klassiker mit einer welt­weiten Auflage von über 150 Millionen Exem­plaren zu einem der erfolg­reichsten Bücher aller Zeiten zu machen?

Heut­zu­tage sicher­lich die Wenigsten. Weshalb es nur zu begrüßen ist, dass sich der finnische Regisseur Dome Karukoski dieses Bildungs­auf­trags ange­nommen hat. Karukoski hatte ja erst vor zwei Jahren eine solide Film­bio­grafie über den Fetisch-Künstler Tom of Finland vorgelegt und zeigt auch in »Tolkien«, wie souverän sich ein Leben bebildern lässt.

Karu­koskis Tolkien konzen­triert sich dabei auf ein Porträt des Künstlers als junger Mann und Soldat, zeigt nur skiz­zen­haft das Kind Tolkien mit Bruder und Mutter, die nach dem Tod des Vaters aus Südafrika ins ländliche England zurück­ge­kehrt sind, aber bald in prekären Verhält­nissen in Birmingham leben. Durch den Tod der Mutter können die Brüder nur mit Unter­s­tüt­zung eines christ­li­chen Seel­sor­gers überleben und werden auf einem der besseren Internate der Stadt unter­ge­bracht. Tolkien erfährt hier zwar die übliche klas­sen­spe­zi­fi­sche Isolation, findet schließ­lich aber auch klas­senüber­grei­fende Freund­schaften fürs Leben.

Wirklich inter­es­sant wird Tolkien erst an dieser Stelle, denn erst im Mittel­teil wird deutlich, wie wichtig schon dem jungen Tolkien (Nicholas Hoult) neben der Sprache auch die Religion ist, wie sehr er selbst in seinem puber­tären Wider­stand seinem reli­giösen Stief­vater, dem katho­li­schen Priester Francis Morgan (Colm Meaney) ergeben ist; eine Prägung, die sich auch im Subtext seines bekann­testen Werkes wieder­finden wird.

Mehr noch als die Religion ist es dann jedoch der 1. Weltkrieg, der Tolkien nach­haltig beein­flussen wird. Denn schon schnell wird deutlich, dass sich hier kein Traum von der Vertei­di­gung des Vater­landes erfüllt, sondern ein Trauma, das als aller­letztes durch den Glauben ans Vaterland auch wieder geheilt werden kann. Durch starke, auf den Schlacht­fel­dern des Krieges, im Fieber­traum gesetzte Symbole, die mit der Welt aus dem Herr der Ringe von Peter Jackson korre­spon­dieren, macht Karuski deutlich, dass für Tolkien sein lite­ra­ri­sches Werk letzt­end­lich auch essen­ti­elle, thera­peu­ti­sche Trau­ma­be­wäl­ti­gung war. Das sind über­zeu­gende, dichte Momente, die aller­dings ebenso plötzlich einer vagen Skiz­zen­haf­tig­keit geopfert werden, einer Wikipedia-Bebil­de­rung des Rest­le­bens, das ähnlich wie der kurze Anfang als Junge auf dem Land in England zu wenig ist, um einer komplexen Persön­lich­keit wie Tolkien wirklich habhaft zu werden.

Vor allem reicht es nicht aus, um dem totalen Trauma einer ganzen Gene­ra­tion gerecht zu werden. Denn wie Tolkien hier auf dem Fahrrad über den Campus radelt, wie er leichte Ehekrisen bewältigt und im Kreis seiner Familie zum Märchen­er­zähler wird, ist selbst für einen bewusst gewählten, zeitlich begrenzten, biogra­fi­schen Ausschnitt zu platt – es wäre wenigs­tens eine weitere Vier­tel­stunde ange­messen gewesen, um sich mit der seeli­schen Versehrt­heit auch im Nach­kriegs­sta­dium zu beschäf­tigen, so wie es Pat Barker in ihrer „Rege­ne­ra­tion“-Trilogie, die ja ganz ähnliche Lebens­li­nien wie die von Tolkien und seiner Freunde porträ­tiert, so kongenial gelungen ist.

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