Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten

Mother

Mazedonien/S/B/D/BIH 2025 · 104 min. · FSK: ab 12
Regie: Teona Strugar Mitevska
Drehbuch: , ,
Kamera: Virginie Saint-Martin
Darsteller: Noomi Rapace, Sylvia Hoeks, Nikola Ristanovski, Ekin Corapci, Marijke Pinoy u.a.
TERESA - EIN LEBEN ZWISCHEN LICHT UND SCHATTEN
Kein simples Narrativ...
(Foto: Vuelta Germany / 24 Bilder Film)

Die Unnahbare

Teresa versucht sich an einem ungewöhnlichen und ambivalenten Heiligenporträt. Der Film zeigt sieben schicksalshafte Tage im Leben von Mutter Teresa

Noomi Rapace legt hier einen großen Auftritt hin. Ihre Verkör­pe­rung und Inter­pre­ta­tion von Mutter Teresa entwirft ein mensch­lich komplexes Porträt und damit besticht im Grunde der gesamte Film. Komplex allein deshalb, weil es in einem recht eng abge­steckten, über­schau­baren zeit­li­chen Rahmen eine ganze Biogra­phie sowie einen großen kultu­rellen Ballast und einen Fundus an Bildern spiegeln, aber auch hinter­fragen will.

Immerzu sucht die Kamera Nahauf­nahmen von Rapaces Gesicht. Hier gibt es eine Frau­en­figur zu sehen, die sich eine Strenge als Maske angezogen hat. Sie ist die Mutter Oberin des Schwes­tern­or­dens von Loreto. Ihre Verant­wor­tung und Kontrolle trägt sie ehrfurcht­ge­bie­tend vor sich her. Anderen will sie Disziplin lehren. Ein Zimmer wird etwa kurzer­hand umgeräumt. Man solle nicht zu sehr an Räumen oder Einrich­tungen hängen. Aber natürlich wäre ein Spielfilm nur halb so spannend, würden nicht immer wieder auch Momente entstehen, in denen die Figur mit ihrer eigenen Rolle anein­an­der­gerät, wenn sie plötzlich psychisch entblößt vor anderen erscheint und jene Kontrolle wieder­holt zu verlieren droht.

Noomi Rapace spielt all das mit einer inter­es­santen Unein­deu­tig­keit. Visuell kann man ihrer Mutter Teresa kaum näher kommen und doch bleibt ihre Reprä­sen­ta­tion der Ikone unnahbar, bisweilen rätsel­haft. Auch deshalb, weil sich der Film einer eindeu­tigen Haltung zu ihr verwei­gert. Das lässt ihn bisweilen etwas schlep­pend und unent­schlossen erscheinen, was ihn genau an Mutter Teresa eigent­lich inter­es­siert, abseits des Vorhabens, Mensch­li­ches hinter dem populären Abbild hervor­zu­kehren. Zugleich liegt aber auch der offen­kun­dige Reiz von Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten darin, kein simples Narrativ zu konstru­ieren, sondern seine fiktio­na­li­sierte Figur zu beob­achten, unter­schied­liche Facetten, mensch­liche Grautöne aufzu­zeigen.

Eine Woche mit Mutter Teresa

Mutter Teresa als Selig­ge­spro­chene ist längst eine umstrit­tene Gestalt geworden, etwa aufgrund ihrer Haltung zur Armut oder zum dubiosen Umgang mit finan­zi­ellen Spenden. Der Film will dies­be­züg­lich keinen lexi­kon­ar­tigen Überblick oder ein Diskurs­kino anbieten, dafür bleibt er perspek­ti­visch und erzäh­le­risch viel zu frag­men­ta­risch. Aber er kann Verhal­tens­weisen zeigen und verun­si­chern, bis sich Teresa selbst auf dem Grat zwischen wohl­tä­tiger Mission und Ruhmsucht reflek­tieren muss.

Die maze­do­ni­sche Filme­ma­cherin Teona Strugar Mitevska, die zuvor unter anderem den groß­ar­tigen Gott existiert, ihr Name ist Petrunya gedreht hat, wählt dafür den Zeitraum von einer Woche. Teresa setzt ein im August 1948 in Kalkutta. Teresa will endlich ihren eigenen Orden gründen und dem Kloster den Rücken zukehren, doch dafür wartet sie quälend lang auf die Erlaubnis vom Heiligen Stuhl. Eine Person und ihr Leben werden so anhand eines verdich­teten Zeit­fens­ters und Ausschnitts ergründet und beleuchtet.

Teresa erzählt von einer Heiligen, die eifrig ihrer angeb­li­chen Bestim­mung folgen will und sich dafür in einer sexis­ti­schen Welt behaupten muss. Das Kloster ist ihr zum Gefängnis geworden. »Ich bin eine Frau in einem System, das Männer führen. Männer wie du. Männer, Männer, Männer. Und diese Mauern. Wozu diese Mauern? Wovor fürchten wir uns?«, sagt sie ermüdet und legt ihre Hand an die Steine. Den Blick hat sie sehn­süchtig durch kleine Öffnungen in das Tages­licht gerichtet. Mitevskas Film entwi­ckelt daraus jedoch nicht die nahe­lie­gende Rebel­lions­er­zäh­lung: Mutter Teresa gegen die unter­drü­ckenden Männer und dann ist vermeint­lich alles gut. Dafür bleibt ihr Blick auf die Figur viel zu ambi­va­lent und Teresas Weltbild und Verhalten werden gerade dann erschüt­tert und auf die Probe gestellt, wenn es plötzlich um das Thema Schwanger- und Mutter­schaft innerhalb des Ordens geht.

Ängste hinter Ordens­mauern

Virgine Saint-Martin, verant­wort­lich für die Kamera, hat das Charak­ter­por­trät und die Momente des Zweifelns in strenge Bilder und Motive übersetzt. Statische Einstel­lungen domi­nieren den Film. Schwenks und Zooms sind immer so kontrol­liert gesetzt, dass sie in die nächste bedäch­tige Bild­kom­po­si­tion über­leiten. Figuren und Räume ergeben so geordnete Muster und Systeme. Selbst der Weg, auf dem Menschen wandeln, besitzt eine Kreu­zes­form. Die kulturell beackerte Land­schaft erstarrt zum reli­giösen Symbol. Körper­liche Verseh­rungen, eine blutige, vor Maden wimmelnde Wunde etwa, bilden wenige (un)ästhe­ti­sche Kontraste zu solchen Eindrü­cken. Blutende Hände beim Gebet, Blut­spritzer am Habit; das sind visuelle Stör­fak­toren in der Welt dieses Films.

Schwan­kende, entfes­selte Kame­ra­be­we­gungen findet man haupt­säch­lich in Zuständen des Wahns und der Visionen. Das sind Szenen, in denen der Film spät eine Energie erkennen lässt, die dem ansonsten recht trocken erzählten Dialog­film etwas fehlt. Plötzlich bewegt er sich zaghaft in Genre-Gefilde, Nunsploita­tion-Motive, Spuk­er­schei­nungen, Tänze, Albträume. Die been­genden Klos­ter­mauern bewegen sich, als würden sie ihre Bewoh­ne­rinnen zerquet­schen wollen. Mitevska nutzt auf einmal unge­wöhn­liche musi­ka­li­sche Akzente. Gitarren und Schlag­zeug legen los. Hard Rock Halleluja!

Viele dieser Ideen bleiben zwangs­weise offene Enden im sieben­tä­gigen Countdown des Films. Seine Erzählung endet gerade dort, wo er in eine Zäsur und eine nächste Bewegung übergeht. Und wenn Noomi Rapace als Mutter Teresa ihre ikonische blau-weiße Tracht anlegt, dann ähnelt das einem filmi­schen Ursprungs­my­thos, wie wenn der nächste Superheld auf der Leinwand sein Kostüm verpasst bekommt. Aber unter welchen neuen Vorzei­chen wird das Gewand jetzt getragen?