| USA 2026 · 113 min. · FSK: ab 12 Regie: Aaron Sorkin Drehbuch: Aaron Sorkin Kamera: Jeff Cronenweth Darsteller: Mikey Madison, Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Bill Burr, Wunmi Mosaku u.a. |
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| Pflicht oder Wahrheit? | ||
| (Foto: Sony) | ||
Es ist eine der interessanteren Entscheidungen von Aaron Sorkin, The Social Reckoning nicht einfach als Fortsetzung von David Finchers The Social Network zu erzählen. Natürlich ist dieser Film immer gegenwärtig. Wieder geht es um Facebook, wieder um Mark Zuckerberg, wieder um jene eigentümliche Verbindung aus technoider Brillanz, sozialer, linkischer Unbeholfenheit und moralischer Indifferenz, die schon den jungen Zuckerberg in Finchers Film bestimmte. Doch inzwischen sind sechzehn Jahre vergangen – im Kino ebenso wie in der Wirklichkeit – und aus dem Studenten, der eine Website entwickelt, ist der Herrscher über eine globale Kommunikationsinfrastruktur geworden.
Das verändert alles.
Sorkin, der für The Social Network das Drehbuch geschrieben hatte, führt diesmal selbst Regie und zeichnet Zuckerberg noch härter als damals. Jeremy Strong spielt ihn als einen Mann, dessen Nerdigkeit längst nichts Harmloses mehr besitzt, sondern zunehmend pathologische Züge annimmt: hochintelligent, rationalisierend, merkwürdig abgekoppelt von den gesellschaftlichen Konsequenzen des eigenen Handelns, fast schon autistisch. Wo Finchers Film bei aller Kälte noch ein Coming-of-Age war – die Geschichte eines Außenseiters, der Anerkennung sucht und dabei etwas ungeheuer Großes erschafft – handelt The Social Reckoning davon, was geschieht, wenn ein Außenseiter wie er im Zentrum der Macht angekommen ist.
Doch Sorkins Film ist komplexer als sein Vorgänger, weil Zuckerberg nicht mehr sein eigentliches Zentrum bildet. Im Mittelpunkt stehen die Facebook-Mitarbeiterin und spätere Whistleblowerin Frances Haugen (Mikey Madison) und der Wall Street Journal-Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen White). Haugen erkennt, dass Facebook sehr genau weiß, welche gesellschaftlichen Schäden seine Plattform verursacht: wie Desinformation, politische Hetze und für Jugendliche gefährliche Inhalte nicht nur geduldet werden, sondern durch die Mechanismen des Systems begünstigt werden. Sie beginnt Dokumente zu sammeln und wendet sich schließlich an Horwitz.
Damit wird aus der Fortsetzung von The Social Network ein Journalistenfilm.
Und Sorkin stellt sich bewusst in eine große amerikanische Tradition. Ihr Urtext ist Alan J. Pakulas All the President’s Men (Die Unbestechlichen, 1976), jener Film über Bob Woodward und Carl Bernstein, der investigative Recherche als beinahe körperliche Arbeit inszenierte: telefonieren, nachfragen, warten, überprüfen, eine zweite Quelle suchen, wieder telefonieren. Wahrheit entsteht dort nicht durch die geniale Erkenntnis eines Einzelnen, sondern durch mühsame Akkumulation. Tom McCarthys Spotlight hat dieses Prinzip 2015 noch einmal auf wunderbare Weise erneuert. Auch dort bestand die eigentliche Spannung nicht in Verfolgungsjagden oder großen Enthüllungsmomenten, sondern darin, Menschen beim Arbeiten zuzusehen. Und Steven Spielberg beschwor zwei Jahre später in Die Verlegerin noch einmal die heroische Seite dieser Tradition: Journalismus als vierte Gewalt, die dort einspringt, wo staatliche Institutionen versagen.
The Social Reckoning gehört eindeutig in diese Reihe. Allerdings hat sich der Gegner verändert.
Bei Watergate war es ein Präsident, bei den Pentagon Papers eine Regierung, in Spotlight die katholische Kirche. Hier ist es ein Unternehmen, das selbst zu einer politischen Macht geworden ist und zugleich darüber entscheidet, welche Informationen Milliarden Menschen erreichen. Das macht Sorkins Film vielleicht weniger emotional als The Social Network, politisch aber interessanter. Denn erzählt wird letztlich eine Geschichte von Worten und Daten: von den Worten, mit denen Journalisten versuchen, Wahrheit herzustellen, und von Daten, die längst nicht mehr nur Wirklichkeit beschreiben, sondern dazu benutzt werden, menschliches Verhalten zu steuern.
Dabei arbeitet Sorkin eine alte journalistische Erkenntnis heraus, die im Zeitalter sozialer Medien eine neue, geradezu monströse Bedeutung bekommen hat: Bad News are good News. Was früher bedeutete, dass sich schlechte Nachrichten besser verkaufen, wird im digitalen Kapitalismus zum algorithmischen Geschäftsmodell. Empörung, Angst, Hass und Konflikt erhöhen Aufmerksamkeit und Verweildauer. Mehr Verweildauer bedeutet mehr Daten, mehr Werbung, mehr Gewinn. Die Rechnung ist erschreckend einfach. Und sie erinnert an die ökologische Logik eines Wirtschaftssystems, das externe Schäden solange ignoriert, wie sie nicht in der eigenen Bilanz auftauchen: Maximierung des Gewinns bedeutet Maximierung der Ausbeutung. Nur wird hier nicht Natur ausgebeutet, sondern gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Der Rohstoff ist der Mensch selbst: seine Angst, seine Wut, seine Neugier, seine Verletzlichkeit.
Gerade deshalb ist The Social Reckoning auch ein Film über Widerstand. Frances Haugen muss zunächst überhaupt lernen, das, was innerhalb eines Unternehmens als normal gilt, wieder von außen zu betrachten. Darin liegt ein zweites Coming-of-Age dieses Films: nicht das Erwachsenwerden Zuckerbergs, sondern das politische Erwachsenwerden des Ungehorsams. Haugen begreift, dass Loyalität gegenüber einer Institution dort enden muss, wo diese Institution systematisch Schaden produziert.
In diesem Sinne ist The Social Reckoning fast eine Anleitung zum Ungehorsam in autokratischen Strukturen. Nicht der große heroische Akt steht am Anfang, sondern Zweifel. Dann Beobachtung. Dann das Sichern von Beweisen. Schließlich die Entscheidung, eine Grenze zu überschreiten.
Schauspielerisch ist das vom Feinsten. Mikey Madison, Jeremy Allen White und vor allem Jeremy Strong spielen keine eindimensionalen Helden oder Schurken, sondern Menschen, die immer wieder auch mit ihren eigenen Abgründen konfrontiert werden. »Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein«, heißt es bei Nietzsche. Sorkins drei Hauptfiguren erfahren diesen Blick auf sehr unterschiedliche Weise. Selbst die journalistische Seite bleibt deshalb nicht vollkommen unangetastet von jener Welt, die sie untersucht.
Weniger überzeugend ist die Konstruktion des Films gelungen. Sorkin strukturiert seine Erzählung über eine immer wieder eingeblendete Timeline und springt zwischen unterschiedlichen Zeitpunkten und Perspektiven. Das soll Dynamik erzeugen und der Komplexität der Ereignisse entsprechen, wirkt zunächst jedoch eher manieriert und aufgesetzt. Erst im letzten Drittel hat sich der Film mit seinem eigenen Verfahren versöhnt – oder der Zuschauer sich daran gewöhnt.
Auch sonst widersteht Sorkin nicht immer der Versuchung, die Bedeutung seines Stoffes zusätzlich zu unterstreichen. Gerade am Ende wird das Pathos größer, als es dieser ohnehin starke Stoff nötig hätte. Darin steht The Social Reckoning Spielbergs Die Verlegerin näher als Pakulas kühl-präzisen Unbestechlichen oder McCarthys zurückhaltendem Spotlight. Wo diese Filme ihren Glauben an den Journalismus aus der Arbeit ihrer Figuren entstehen ließen, formuliert Sorkin seine Botschaft gelegentlich noch einmal aus.
Aber vielleicht gehört auch das zu diesem Film. Denn die Welt, in der The Social Reckoning spielt, ist eine andere als jene der klackernden Schreibmaschinen, Telefonzellen und vibrierenden Druckmaschinen des klassischen Journalistenfilms. Damals musste die Presse gegen Institutionen kämpfen, die Informationen geheim hielten. Heute kämpft sie gegen ein System, das uns mit Informationen überschüttet und gerade dadurch Wahrheit unsichtbar machen kann.
Vielleicht ist dies die eigentliche Pointe dieser späten Fortsetzung. The Social Network erzählte davon, wie ein junger Mann ein Netzwerk erschuf. The Social Reckoning erzählt davon, wie eine Gesellschaft lernen muss, sich gegen dieses Netzwerk zu behaupten.
Das ist weniger elegant, weniger emotional und sicherlich auch weniger vollkommen als Finchers Film. Aber es ist möglicherweise die notwendigere Geschichte.