Sibel

Sprachloser Kampf gegen die Konventionen

Sie pfeifen sich eins: Dass sich die 25-jährige Prot­ago­nistin in Çagla Zencircis und Guillaume Giova­nettis drittem Spielfilm nur über Pfei­flaute vers­tän­digen kann, erweist sich als wirkungs­voller Kunst­griff. Markiert wird damit die Außen­sei­ter­rolle der stumm geborenen Sibel (Damla Sönmez), die mit ihrem Vater Emin (Emin Gürsoy) und der jüngeren Schwester Fatma (Elit Iscan) in einem abge­le­genen Bergdorf am Schwarzen Meer lebt. Auf die anderen Frauen, mit denen sie es täglich bei mühsamer Feld­ar­beit auf einer Teeplan­tage zu tun bekommt, wirkt das Handikap des Mädchens gar als anste­ckend. Das liegt am Schutz­panzer, den sich die wilde junge Frau im Laufe der Jahre zugelegt hat. Darunter schimmern Verletz­lich­keit und Suche nach Nähe durch.

Die Sprach­un­fähig­keit von Sibel gibt dem Regieduo die Möglich­keit, auf Dialoge verzichten zu können. Vielmehr konzen­triert sich die Insze­nie­rung besonders zum Einstieg im Wechsel mit stim­mungs­vollen Totalen auf eine dyna­mi­sche Hand­ka­mera, die der Prot­ago­nistin beim Streifzug durch die Wälder folgt, und auf die Schau­spiel­kunst der großar­tigen Damla Sönmez. Was der Titel­figur an Sprache fehlt, macht Sönmez mit ihrem Spiel aus Wider­willen, Trotz, Stolz und verletztem Selbst­be­wusst­sein wett.

Für den allein­er­zie­henden Vater ist Sibel sowohl Ehefrau- als auch Sohn­er­satz. Ihr fällt die Bürde der täglichen Haus- und Küchen­ar­beit zu. Ander­seits vermag sie ihre Aufgaben zum Vorteil zu nutzen, um den Erzieher, der gleich­zeitig Bürger­meister und Laden­be­sitzer des Dorfes ist, in die gewünschte Richtung lenken zu können. Schwester Fatma, die nur auf eine baldige Hochzeit wartet, erweist sich als weitaus konser­va­tiver und rückwärts gewandt. Da sie Sibel als Last empfindet – besonders, wenn der Vater sie als quasi Wächterin mit zu einer Feier schickt, passt sich Fatma den abschät­zigen Reak­tionen der anderen Dorf­be­woh­ne­rinnen an. Sibels Appell für Bildung und Eman­zi­pa­tion prallt an ihr ab, da sie keine Außen­sei­terin sein will.

Respekt soll ein wilder Wolf einflößen, den Sibel auf ihren Jagdzügen durch die unüber­sicht­li­chen Schwarz­meer-Wälder zu erlegen sucht. Zunehmend verdichten sich die Hinweise, dass das angeblich gefähr­liche Tier nicht existiert und nur in die Welt gesetzt wurde, um Frauen in ihre Schranken zu weisen. Durch­ge­hend bestimmen Lügen, Ressen­ti­ments und Grenzen den Verlauf des dunklen Liebes­dramas: Immer noch wartet eine geistig verwirrte ältere Einsied­lerin auf die Rückkehr ihres Lieb­ha­bers, dem ein übles Schicksal zukam. Einen verletzten Deserteur, den Sibel in den Wäldern trifft und der zu ihrem einzigen Vertrauten wird, stempelt die Öffent­lich­keit als Terrorist ab. Mit dem Terror­ver­dacht lässt sich rasch jedes Gegen­ar­gu­ment brechen. Bei einer Abkehr von Normen und Konven­tionen drohen Gewalt und Tod. Bald wird deutlich, dass Geheim­nisse vor der Öffent­lich­keit lang­fristig keine Zukunft haben, was den Span­nungs­bogen unter­s­tützt. Sibel denkt jedoch nicht daran, den vorge­zeich­neten Weg in den Wahnsinn oder den der wider­spruchs­losen Unter­wer­fung einzu­schlagen.

Seit 2004 drehen Çagla Zencirci und Guillaume Giova­netti zusammen Filme. Dass das in Locarno mit dem FIPRESCI-Preis der inter­na­tio­nalen Film­kritik prämierte Werk als Kritik am vorge­zeich­neten Rollen­mo­dell von Frauen ähnlich wie Mustang als inter­na­tio­nale Co-Produk­tion entstand, wirkt nahe­lie­gend. Ihr dritter Spielfilm weist Motive früherer Arbeiten auf. Das Schicksal des Einzelnen vor der Urgewalt der Natur, die Reibung von Tradition und Moderne, Umgang mit Behin­de­rungen, Mytho­lo­gien oder Liebe als Ausweg aus dem Außen­sei­tertum, all das fand sich in Ansätzen schon in Noor über einen pakis­ta­ni­schen Trans­gender-Jugend­li­chen oder in Camera Obscura über die Arbeit mit gehan­di­kapten Menschen in einem Film-Workshop (beide 2012). In der Besetzung von profes­sio­nellen Akteuren und Laien mani­fes­tiert sich ein offener Blick auf das Anders­sein, das in einem visuell aufre­genden und inhalt­lich packenden Konzept mündet.

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Die Frau des Wolfes

Ein zeitloser Kinofilm aus Anatolien: Mit Sibel (Damla Sönmez) als die sprach­lose junge Frau, haben die Regis­seure Guillaume Giova­netti und Cagla Zencirci ihren dritten gemein­samen Spielfilm gedreht, den sie Sibel, wie ihre Heldin, genannt haben und der sich als durchaus spek­ta­kulär erweist.

Sibel kann nicht sprechen – dafür aber sich in der im Ort Kusköy verwen­deten Pfeif­sprache unter­halten. Kusköy gilt als die »Stadt der Vögel«, das türkische Dorf liegt mitten in den Bergen am Schwarzen Meer. So ist dieses Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel eine sehr gute Möglich­keit, um von einem Berg zum anderen Anwei­sungen zu geben oder sich zu unter­halten. Die Pfeif­sprache ist das eigent­liche Thema des Films, Sibel beherrscht sie perfekt, was sie aber zur Außen­sei­terin gegenüber ihren Mitmen­schen macht, da sie sich sonst nicht sprach­lich arti­ku­lieren kann. Sie ist stumm. Der Film erzählt, wie sie in ihrer Heimat­stadt mit ihrem Vater, dem Bürger­meister, und an der Seite ihrer Schwester Fatma, die sich immer wieder für sie schämt, sich auf die Suche nach Aner­ken­nung macht.

Ein Wolf, der in den Bergen herum­streunen soll und die Gegend unsicher macht, kommt ihr gelegen. Tötet sie den Wolf, wäre ihr die Aner­ken­nung des Dorfes sicher. Doch ob dieser Wolf wirklich existiert, kann keiner so genau sagen. Funde von Knochen, die Sibel bei ihren Erkun­dungen im Wald macht, bewahrt sie als Beweiss­tücke seiner Existenz auf. Täglich ist sie im Wald unterwegs. Dabei trifft sie auf einen verletzten jungen Deserteur namens Ali (Erkan Kolcak Köstendil), der sich in den Bergen versteckt hält. Er wird ist als Terrorist abge­stem­pelt und wird vom Dorf gesucht, nicht zuletzt von ihrem Vater, dem Bürger­meister. Sibel ist hin- und herge­rissen zwischen Ali, der ihr Ansprech­partner und Vertrauter wird, und auch mit viel Charme ausge­stattet ist, und dem verwit­weten, fordernden Vater, der an ihre Toch­ter­pflichten appel­liert. Außerdem ist da noch ihre heirats­wil­lige Schwester Fatma, die das plötz­liche Interesse von Sibel am Wald argwöh­nisch beob­achtet und ihr hinter­her­stellt.

Während Sibel ihre Stellung als Haus­herrin ausnutzt und unbemerkt Ali Lebens­mittel bringt, widmet sich Fatma ihrer baldigen Hochzeit und stellt sich gegen Sibel, die wie ein Stigma auf ihrer eigenen Stellung im Dorf lastet. Sibels einzige Freundin ist Narin, eine alte Frau, die zurück­ge­zogen in den Bergen in einer einsamen Hütte vergeb­lich darauf wartet, dass ihr Mann zurück­kommt. Ein in sich geschlos­senes System der Außen­sei­te­rinnen, könnte man meinen. Doch Sibel trägt mehr als ihre Behin­de­rung mit sich. Sie ist die einzige Frau im Dorf, die kein Kopftuch trägt, alleine in den Wald darf und sich auch alleine reintraut. Keine andere Frau wagt es, die von ihrem Vater gedul­deten Stellung einzu­nehmen. Wenn sie mit ihrem roten Halstuch wirkt sie wie eine Parti­sanin, die für die Freiheit in den Kampf zieht. Dennoch wäre für Sibel die Aner­ken­nung durch die Dorf­ge­mein­schaft so etwas wie der Himmel auf Erden. Sie gibt ihr Bestes, hilft auf dem Feld mit, ist für das Dorf ständig auf Wolfsjagd, und doch erntet sie von den anderen Frauen nur Sprüche wie: »Geh weg, sonst wird mein Unge­bo­renes noch so wie du. Gott bewahre!«

Sibel ist ein wahres Natur­ta­lent – trotz Behin­de­rung ist sie eine eman­zi­pierte junge Frau. Dass dies in einem Dorf nicht selbst­ver­s­tänd­lich ist, zeigt der Film sehr gut. Wenn man von Talent sprechen möchte, ist zu nennen, dass alle Dialoge, die in Sibel mit der Pfeif­sprache durch­ge­führt werden, real sind. So hat die talen­tierte Schau­spie­lerin Damla Sönmez extra einen Pfeif­spra­chen-Kurs belegt bei einem eigenen Coach.

Außerdem ist die Tatsache, dass ein Paar Regie führt, eine Rarität im Kino. Das fran­zö­sisch-türkische Paar Çagla Zencirci und Guillaume Giova­netti haben schon bei mehreren Kurz­filmen zusammen reali­siert. Ihre beiden Erfolgs­filme Noor (Pakistan, 2012) und Ningen (Japan, 2013) kamen zwar bei uns nicht ins Kino, liefen aber auf den wichtigen inter­na­tio­nalen Festivals. Auf die Geschichte von Sibel kamen sie erst durch ihre Recherche: »Während dieser ersten Reise (nach Kusköy, Anm. d. A.), trafen wir auf eine junge Frau aus dem Dorf. Zuerst hatten wir den Eindruck, sie sei stumm und würde sich nur in der Pfeif­sprache unter­halten. Dann verschwand sie plötzlich in der Wildnis. Das inspi­rierte uns zu der Figur der Sibel.«

Diese persön­liche Erfahrung gibt Sönmez eine strah­lende Rolle, mit viel Elan und Aufop­fe­rungs­be­reit­schaft.

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