| Deutschland 2025 · 105 min. Regie: Francis Meletzky Drehbuchvorlage: Theodor Storm Drehbuch: Léonie-Claire Breinersdorfer Kamera: Bella Halben Darsteller: Max Hubacher, Olga von Luckwald, Elina Leitl, Nico Holonics, Annette Frier u.a. |
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| Deichbruch der Gegenwart... | ||
| (Foto: Arsenal) | ||
Seit Jahren wünsche ich mir im Kino nichts sehnlicher als mehr Mut: den Mut, klassische Texte wirklich von ihrem Zeitkorsett zu befreien, statt sie ehrfürchtig zu konservieren. Nicht um sie zu verraten, sondern um sie überhaupt erst wieder lebendig zu machen. Denn ein Klassiker ist kein Denkmal, sondern ein Werkzeug – man muss ihn benutzen, sonst rostet er. Genau das scheint mir im aktuellen Kino immer häufiger vergessen zu werden.
Stattdessen droht es so weiterzugehen wie in den letzten Monaten mit Verfilmungen, die sich demonstrativ im Starrklassischen einrichten. Die Ozon-Verfilmung von Der Fremde oder Stefan Haupts Adaption von Stiller sind dafür symptomatische Beispiele: handwerklich respektabel, textnah, aber geradezu ängstlich bemüht, ja nichts zu verschieben. Dabei sind es ausgerechnet diese Texte, die mühelos Anknüpfungspunkte an unsere Gegenwart fänden – Fragen nach Identität, Entfremdung, gesellschaftlicher Zuschreibung. Eine behutsame, aber entschlossene Modernisierung wäre hier keineswegs »böse«. Im Gegenteil. Man denke nur an die kongeniale Umsetzung von Berlin Alexanderplatz durch Burhan Qurbani.
Denn Adaptionen kanonischer Texte sind kein neues Phänomen, sondern eine zentrale Form kultureller Traditionsbildung. Sie sichern dem Hypotext ein Nachleben, indem sie Stoffe, Figuren und Konfliktkerne in veränderte Medienlogiken überführen. In den Adaptation Studies ist deshalb immer wieder betont worden, dass Adaption nicht primär als parasitäre »Ausbeutung« eines Originals zu verstehen ist, sondern als produktive Praxis der Wiederholung mit Variation – aus ästhetischen, ökonomischen und rezeptionsbezogenen Gründen. Die moralisch aufgeladene Rede vom »Amoklauf« an Klassikern verkennt, dass Adaptionen in der Regel auf Anerkennung, Kanonbildung und kulturelles Gedächtnis zielen – selbst dann, wenn sie den Ausgangstext radikal umarbeiten. Wie Linda Hutcheon in A Theory of Adaptation schreibt, lebt Adaption gerade von dieser Spannung zwischen Wiedererkennbarkeit und Veränderung.
Genauso verhält es sich mit Der Schimmelreiter von Theodor Storm. Storms Novellenmeisterwerk mit seinen grundlegenden Konfliktdispositionen – Tradition versus Moderne, Aberglaube versus Wissenschaft, massive Eingriffe in die Natur – könnte kaum besser in unsere Zeit passen. Man muss sich nur die jüngsten wissenschaftsfeindlichen und ideologisch motivierten Entscheidungen politischer Verantwortungsträger vor allem in den USA anschauen, um zu begreifen, wie aktuell dieser Text ist. Der Schimmelreiter ist kein Heimatidyll, sondern eine Erzählung über kollektive Verdrängung, über den Preis von Fortschritt und über die tödliche Mischung aus Angst, Macht und Ignoranz.
Dabei ist Storm – so wie jeder große Klassiker – eigentlich immer »aktuell«, da reicht schon ein Blick auf die lange Geschichte der bisherigen Schimmelreiter-Verfilmungen, denn auch sie zeigen natürlich, wie sehr sich jeder »seinen« Storm zu eigen und aktuell macht und dass Aktualisierung keineswegs erst ein Projekt der Gegenwart ist. Bereits die Kinoadaption des Schimmelreiter von 1933 mit Mathias Wieman setzte stärker auf psychologischen Realismus, die Version des Schimmelreiter von 1978 mit John Phillip Law betonte den existenziellen Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft, und die DDR-Verfilmung von 1984 las Storm deutlich als Macht- und Herrschaftskritik. Interessant ist auch die TV-Produktion Die Flut – Tod am Deich aus dem Jahr 2023, die Storms Stoff bereits explizit in eine klima- und gegenwartsbezogene Perspektive überführte. Sie war – bei allen Schwächen – längst eine moderne Adaption, die Umweltzerstörung, politische Verantwortung und kollektive Verdrängung offen thematisierte.
Vor diesem Hintergrund ist der neue Schimmelreiter von Francis Meletzky ein ambivalentes Unterfangen. Die Verlegung der Handlung ins heutige Nordfriesland ist zunächst so überraschend wie konsequent: Hauke Haien (Max Hubacher) wird zum Deichgrafen und Direktor des Küstenschutzes, zum Klimagrafen einer bedrohten Region. Seine Warnungen vor den dramatischen Folgen des Klimawandels werden als hysterisch abgetan, einzig seine Frau Elke (Olga von Luckwald) steht hinter ihm. Aus der historischen Novelle wird eine Zukunftsnovelle – zumindest im Ansatz.
Es gibt starke Momente: das dunkle, bedrohliche Meer, der leichte Horror-Subtext mit dem Schimmel als Gespenst alter Zeiten, die Vogelschwärme als stumme Warner. Der Film formuliert dabei einen klugen Gedanken: Das Meer ist nicht unser Feind – es braucht nur einen anderen Umgang. Statt immer neuer Deiche denkt Hauke an Rückbau, an das Aufgeben von Land, an eine neue Form des Zusammenlebens mit dem Wasser. Am Ende deutet der Film tatsächlich eine neue Architektur der Zukunft an. Das ist nicht schlecht. Und es ist berührend.
Doch der Film traut sich nicht, diesen Gedanken wirklich konsequent umzusetzen. Die Konflikte werden allzu schematisch ausgespielt, die Gegenspieler bleiben Stereotype aus Kneipe, Alpha-Männchen-Angeberei und Lokalpolitik. Immer wieder werden Spannungen durch weichzeichnende Klaviermusik entschärft. Nach jeder hitzigen Auseinandersetzung rudert der Film in stürmischen Wogen schnell wieder ans sichere Land: Hauke und Elke Hand in Hand, dazu musikalische Beruhigungsrieselei. Dramaturgisch wirkt das plump, fast grotesk – ebenso wie die Entscheidung, Hauke bei aller Modernisierung weiterhin auf dem Schimmel reiten zu lassen. Aberglaube und Fluch werden beschworen, ohne wirklich reflektiert zu werden.
Hinzu kommt, dass dem Film sichtbar die Mittel fehlen. Viele Szenen wirken wie aufgesagt, die Inszenierung bleibt TV-ästhetisch flach, die Schauspieler dürfen ihre Figuren kaum über Klischees hinaus entwickeln. Besonders Haukes großer Gegenspieler nervt durch eindimensionale Zeichnung. Dass Léonie-Claire Breinersdorfers Drehbuch die Novelle sehr frei adaptiert, wäre kein Problem – wenn diese Freiheit entschlossener, radikaler genutzt würde.
Interessant ist die neu interpretierte, stärkere Rolle der stummen Tochter Wienke (als Kind: Elina Leitl), die im Prolog und Epilog aus dem Off erzählt und zur Stimme der kommenden Generation wird, die das klimaschädliche Verhalten ihrer Vorfahren ausbaden muss. Ebenso zeitgemäß ist die emanzipierte Zeichnung Elkes. Doch auch hier hat die Modernisierung einen Preis: Der titelgebende Schimmelreiter verliert an Autorität und Strahlkraft, an Charisma und läuft seiner eigenen Geschichte mehr und mehr hinterher.
So bleibt die neueste Adaption von Storms Novelle ein Film mit richtigen Fragen und falscher Vorsicht. Er zeigt eindrücklich, warum Klassiker modern adaptiert werden sollten – und zugleich, warum es dafür mehr Mut braucht, als dieser Film aufzubringen bereit ist. Storms Text überlebt das alles mühelos, er ist weiterhin große Literatur, die man unbedingt wieder lesen sollte. Seine Sprengkraft aber wird hier nur gestreift und nicht entfesselt.