| Spanien/D 2025 · 112 min. · FSK: ab 16 Regie: Carla Simón Drehbuch: Carla Simón Kamera: Hélène Louvart Darsteller: Llúcia Garcia, Mitch Martín, Tristán Ulloa, José Ángel Egido, Sara Casasnovas u.a. |
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| Der Film ist eine doppelte Zeitreise: zurück in die 80er, zurück ins Jahr 2004 | ||
| (Foto: Quim Vives / Elastica Films) | ||
»Romería«, spanisch für »Pilgerfahrt«, erzählt in einer Mischung aus Thriller, Autofiktion und fiktiver Archivarbeit von der Liebe eines jungen Paares, das der Geschichte der Eltern der Regisseurin nachempfunden ist. Die achtzehnjährige Marina, gespielt von der Newcomerin Llúcia Garcia, reist von Barcelona nach Vigo an der galicischen Küste zur Familie des Vaters, den sie nie kennengelernt hat, um eine notarielle Bescheinigung für ein Vaterschaftszertifikat zu erhalten. Das wiederum braucht sie, um ein Stipendium für ihre Studien beantragen zu können: Sie möchte Film studieren.
Ausgangspunkt für Romería waren Briefe, die die katalanische Regisseurin Carla Simón von ihrer Mutter aus den 80er-Jahren fand. Der Film ist erst ihre dritte Regiearbeit, ihre Filme hat sie als nun abgeschlossene Trilogie bislang der Geschichte ihrer Familie gewidmet. Dabei feiert sie einen beachtlichen Erfolg. Ihr Debüt Estiu 1993 (Fridas Sommer) handelte von einem Mädchen, deren Eltern an Aids gestorben sind – was auf ihrer eigenen Biographie beruht. Wie Frida wuchs Carla Simón bei ihrer Großmutter auf, und erfuhr das Misstrauen der konservativen Gesellschaft. Der Film lief auf der Berlinale, und Simón erhielt den Preis als beste Newcomerin. Für ihren zweiten Film Alcarràs (2022), ein Film über den Verkauf der Obstplantage der Familie, weil dort eine Sonnenkollektor-Farm errichtet werden sollte, wurde sie mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Ein Film, der in der Trilogie am wenigsten autofiktional ist. Romería schließlich lief im großen Wettbewerb von Cannes. Mit ihm kehrt Simón noch einmal zur Lebensgeschichte ihrer Eltern zurück und erzählt gleichzeitig von ihrem eigenen Beginn als Filmemacherin.
Aus den echten Briefen der Mutter entstand das Drehbuch. Zu Teilen hat sie es als Tagebuch gestaltet, das Marina aus dem Off verliest. Mit einer Digitalkamera der ersten Generation filmt sie den Hafenort Vigo. Sie verbringt dort fünf Tage im Juli 2004 und lernt ein verwirrendes Geflecht neuer Tanten, Onkel und Cousins kennen, die sie mit Geschichten über ihren Vater überschütten. Vor allem interessieren sie ihre Großeltern, die sie für das Vaterschaftszertifikat braucht. So verwischen sich die Ebenen und Perspektiven in diesem flirrend-kaleidoskopischen Film, der wie im Vorbeiziehen auch von der Stadt, von der Faszination des Segelns und der Hafenarbeit erzählt.
Unter die dokumentarischen Aufnahmen der Digitalkamera und den großen Familienschwarm mischt sich auch Imaginiertes, das die Eltern als junge Liebende in Vigo erzählen. Das kontrastreiche Filmmaterial, das Simón für diese Ebene einsetzt, macht die Vergangenheit plastisch, zum verführerischen Period Picture aus der Post-Franco-Ära der frühen 80er-Jahre. Zwischen den Felsen der Küste und auf ihrem Segelboot fühlt sich das junge Paar nach den drückend-konservativen Jahren der Diktatur endlich befreit.
Der Blick von Marina, die im selben Alter ist wie die im Zeitsprung erzählten Eltern, ist durch und durch empathisch, die Stimme der Regisseurin Simón von schonungsloser Offenheit. Sie erzählt ohne Filter von den großen Themen der 80er-Jahre Spaniens, der Heroinkrise und der Aids-Epidemie, die Spanien zum unheilvollen Europameister machte. Die Ära erscheint bei ihr nicht mehr ganz so dunkel. Eher als Aufbrechen in eine neue Freiheit, die nicht wirklich kontrolliert werden konnte, die nicht wirklich gelang. Die Revolution frisst ihre Kinder …