| Frankreich/B 2025 · 103 min. · FSK: ab 6 Regie: Vinciane Millereau Drehbuch: Julien Lambroschini, Vinciane Millereau Kamera: Philippe Guilbert Darsteller: Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne, Maxim Foster, Romain Cottard u.a. |
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| Der Luxus, falsch zu sein... | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
Auf den ersten Blick sind Die progressiven Nostalgiker eine der (nicht nur) französischen Komödien, die mit einem vertrauten, beinahe abgenutzten Genreversprechen auftreten – Zeitreise, Kulturclash, Verwechslungseffekte –, dieses Versprechen dann aber erstaunlich entschlossen politisch und zugleich verspielt variieren. Regisseurin Vinciane Millereau, die das Drehbuch gemeinsam mit Julien Lambroschini schrieb, nutzt das populäre Format nicht als bloßen Gag-Generator, sondern als Werkzeug zur lustvollen Demontage gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten.
Der Ausgangspunkt ist das Jahr 1958, ein Frankreich der klaren Rollenzuschreibungen. Hélène Dupuis (großartig: Elsa Zylberstein) führt den Haushalt, Michel (der bewusst brachial aufspielende Didier Bourdon) arbeitet bei der Bank. Die Tochter Jeanne ist schwanger und soll heiraten. Ein Stromschlag – ausgelöst durch eine Waschmaschine, Symbol häuslicher Modernisierung – katapultiert das Ehepaar ins Jahr 2025. Was folgt, ist kein feinsinniges Zeitreise-Paradox, sondern eine grelle, komödiantische Konfrontation zweier Weltbilder.
Denn die Gegenwart entzieht Michel systematisch alle Gewissheiten: Hélène ist nun Bankdirektorin, er selbst Hausmann. Die Tochter will eine Frau heiraten, der Sohn ist rebellisch, und der totgeglaubte Vater lebt dank medizinischen Fortschritts. Während Michel an smarten Küchen, Sprachassistenten und dem Verlust seiner männlichen Privilegien verzweifelt, eignet sich Hélène die neue Welt mit wachsender Lust an. Ihre Emanzipation wird hier nicht behauptet, sondern ausgespielt – als körperliche, soziale und emotionale Erfahrung.
Formal setzt der Film auf hohes Tempo, Slapstick und Überzeichnung. Nicht jeder Gag sitzt, manches ist bewusst platt, manches nah am Klamauk. Doch diese Grobheit ist kein Unfall, kein Versagen, sondern Methode. Millereau interessiert sich weniger für psychologische Feinzeichnung als für das Offenlegen ideologischer Reflexe. In seiner bewusst artifiziellen Seifenblasenwelt erinnert der Film nicht zufällig an Barbie (2023), denn so wie bei Greta Gerwig werden auch in Die progressiven Nostalgiker klassische Geschlechterordnungen erst ausgestellt und dann mit Genuss zerlegt.
In dieser Haltung steht Die progressiven Nostalgiker auch ganz in der Tradition von Miau und Wau, jener herrlich unkorrekten Komödie über Liebe, Tiere, Narzissmus und den Mut zum Unsinn, die erst vor wenigen Monaten bei uns im Kino lief. Wie dort wird auch hier die politische Aussage nicht durch Ernsthaftigkeit, sondern durch bewusste Albernheit getragen. Der Film erlaubt sich den Luxus, falsch zu sein, zu überdrehen, Grenzen zu missachten – und gerade darin eine Form von Wahrheit freizulegen, die bravere Komödien nie erreichen.
Didier Bourdon darf dabei hemmungslos so wie einst Louis de Funès überziehen: Michel ist lächerlich, unerquicklich, manchmal kaum zu ertragen und und genau deshalb natürlich entlarvend. Elsa Zylberstein hingegen erdet den Film mit einer Figur, die Neugier, Witz und leise Melancholie verbindet. Die Nebenrollen – etwa Aurore Clément oder Mathilde Le Borgne – fügen sich stimmig in dieses bewusst künstliche, einer Versuchsanordnung gleichende Universum.
Die progressiven Nostalgiker sind keine subtile Gesellschaftssatire, sondern eine offensive, manchmal schrille, oft sehr komische Abrechnung mit Patriarchat und Nationalismus. Der Film will lachen lassen, er will provozieren, er will Haltung zeigen und macht all das mit einer Lust am Unsinn, die im europäischen Mainstreamkino eher selten geworden ist.
Die Menschen tragen Caprihosen, essen Toast Hawai, fahren einen Citroyen DX und auch sonst ist der Alltag in prachtvollem pastelligem, plötzlich auch quietschbuntem Retro-Design gehalten; es lebt sich beschaulich leicht und irgendwie angenehm naiv im Frankreich der Vierten Republik im Jahr 1958.
Hélène und Michel führen ein kleinbürgerliches 50er-Jahre-Leben aus dem Durchschnittsbilderbuch. Er ist ein braver Angestellter in einer Bank, sie kümmert sich um Haushalt und die Kinder. Als die unbedarfte 15-jährige Tochter dann aber vom eigentlich nicht sehr geschätzten Nachbarsjungen nach dem »Mann und Frau«-Spielen ein Kind erwartet, bricht für das Ehepaar zunächst einmal eine Welt zusammen. Was haben sie bloß falsch gemacht?
»Die Welt verändert sich, Mama, ich will kein
Dienstmädchen sein so wie du.« – »Du übertreibst ein bisschen.«
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Aber bevor das Drama richtig seinen Lauf nimmt, katapultiert der Stromschlag einer Waschmaschine die Eltern plötzlich ins Jahr 2025.
Hier ist alles, wirklich alles anders: Frauen müssen arbeiten, Männer im Haushalt helfen und Frauen dürfen einander auch heiraten. Außerdem gibt es elektrische Zahnbürsten, Roller mit Motorantrieb und Menschen sammeln den Kot ihrer Hunde in Plastiktüten – es sind einfach unglaubliche Dinge, die in dieser merkwürdigen Zukunft geschehen.
Zunächst einmal kommt es also zu einem umgedrehten Cultural-Clash, bei dem gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen, die wir heute gar nicht mehr in Frage stellen, auf die Besucher aus der Vergangenheit plötzlich wie fremdartige Rituale einer primitiven Ureinwohner-Gesellschaft wirken – eine produktive Verfremdung für das heutige Publikum, die uns selbst auf unsere eigenen Lebensweisen einmal verwundert und in neuer Perspektive blicken lassen.
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Regisseurin Vinciane Millereau ist mit ihrem französisch-belgischen Spielfilmdebüt eine Art umgedrehtes Back to the Future gelungen. Für das 50er-Jahre-Paar heißt es hier bald: »Zurück in die Vergangenheit!« Zugleich blicken sie voller Neugier und mit wachsender Faszination auf dieses Leben »near future«.
Gute Witze und ein bisschen Slapstick-Humor liegen bei dieser unfreiwilligen Zeitreise förmlich auf der Straße. Und die Regisseurin weiß sie aufzulesen und sehr geistreich in Komödienform auf die Leinwand zu werfen.
Die unzähligen Themen des rasanten technischen und gesellschaftlichen Fortschritts der vergangenen 65 Jahre – der Befreiung und Verbesserung in nahezu alle Richtungen bedeutete – kann der Film leider in den meisten Fällen nur streifen, doch ein bisschen Demut gegenüber der Vergangenheit kommt schnell auf.
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So erweist sich Die progressiven Nostalgiker als ein subtil fortschrittlicher Film über die Errungenschaften unserer Gegenwart. In Zeiten, in denen der Westen von allen Seiten in Zweifel gezogen und auch in seinen Werten für beendet erklärt wird, und in denen Selbsthass und innere Skepsis die Wohlstandsgesellschaften prägen, erzählt dieser Film, warum alles vielleicht doch nicht ganz so schlimm ist, und der Westen nach wie vor die Kraft haben könnte, anderen Gesellschaften als ein Vorbild zu dienen.
Und die Zeitreise der französischen Ehepaares hat für heutige Zuschauer tatsächlich auch einen progressiv nostalgischen Effekt: Man ertappt sich dabei, wie man sich zwischendurch mal – nur sehr kurz, aber immerhin – in die Ruhe der 50er Jahre zurücksehnt, in eine Zeit, die wir gar nicht erlebt haben.
Walter Benjamin nannte das eine rückwärtsgewandte Utopie.
Ein unterhaltsames ungewöhnliches Filmerlebnis!