| Deutschland 2024 · 125 min. · FSK: ab 12 Regie: Michael Baumann Drehbuch: Sabine Westermaier, Michael Baumann Kamera: Falko Lachmund Darsteller: Luca Brüggemann, Susanne Wolff, Wolfram Koch, Martin Butzke, Lennox Halm u.a. |
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| Die unvermeidlichen Spiegelungen zwischen Mutter und Tochter... | ||
| (Foto: Missing Films) | ||
Es ist kein Zufall, dass Michael Baumann seinen Film Missing*Link nennt – ein Titel, der mehr ist als ein Verweis auf Evolutionsbiologie. Er beschreibt einen Zustand: das Fehlen einer Verbindung, die nicht nur zwischen Menschen klafft, sondern in ihnen selbst. Was hier gesucht wird, ist nicht der Mensch, sondern sein Verhältnis zur Welt. Der Film, der im Juni 2025 beim Filmfest München seine Weltpremiere feierte, beginnt scheinbar harmlos: eine Patchworkfamilie im Urlaub. Mit den üblichen Gesprächen, Spannungen und unterschwelligen Konflikte, die jeder von uns zumindestes in Ansätzen schon einmal erlebt hat. Doch schon früh wird klar, dass diese Familie weniger ein Ort der Nähe als ein Resonanzraum der Überforderung ist. Denn jeder spricht zwar, aber niemand hört zu.
Mit dieser Grunddisposition erinnert Missing*Link an das, was Hanna Doose in Wann kommst du meine Wunden küssen? bereits gezeigt hat: die Patchwork-Existenz nicht als soziale Normalität, sondern als emotionalen Ausnahmezustand zu begreifen, als Versuchsanordnung, in der sich die Frage nach Nähe, Freiheit und Selbstbehauptung immer wieder neu stellt. Auch Baumann schickt seine Figuren in genau diese kathartischen Grenzräume, nur leiser, weniger exaltiert, dafür umso präziser.
Im Zentrum steht Mia, eindringlich subtil, fast somnambul gespielt von Luca Brüggemann, die kurz vor ihrem 14. Geburtstag steht, jener prekären Schwelle zwischen Kindheit und Selbstbehauptung. Ihre Begegnung mit einem fremden Jungen im Wald wirkt zunächst wie ein Ausbruch aus diesem Übermaß an Sprache. Zwischen den beiden herrscht Stille. Genau darin liegt aber die eigentliche Freiheit dieses Moments ohne Zuschreibungen, ohne Erwartungen und ohne familiären Ballast.
Baumann inszeniert diese Konstellation als Gegenmodell zur Enge des familiären Diskurses. Während die Erwachsenen – allen voran die Mutter Tine, gespielt von Susanne Wolff – in einem fast hysterischen Redestrom gefangen bleiben, öffnet sich für Mia ein Raum jenseits davon. Doch diese Freiheit ist brüchig. Sie kippt, wird unheimlich, entwickelt eine Sogkraft, die zunehmend ins Gefährliche führt.
Als Mia verschwindet, verschieben sich die Konstellationen, ändert sich die Tonalität des Films. Aus dem stillen Coming-of-Age wird ein psychologisches Kammerspiel, in dem sich die Konflikte der Erwachsenen entladen. Baumann interessiert sich dabei weniger für die äußere Suche als für die inneren Bruchlinien: Schuld, Angst und Projektion. Tines panische Reaktionen sind nicht nur Ausdruck mütterlicher Sorge, sondern auch einer existenziellen Überforderung, die weit über die konkrete Situation hinausweist.
Das ist, und hier liegt die eigentliche Stärke des Films, psychologisch dicht und überzeugend umgesetzt. Missing*Link denkt das Coming-of-Age nicht isoliert, sondern als Generationenproblem. Die Unsicherheit der Tochter spiegelt die Verunsicherung der Mutter. Beide stehen an Übergängen, beide kämpfen mit der Frage, wie viel Freiheit ein Mensch ertragen kann und wann der „Schwindel der Freiheit“ Søren Kierkegaards zu viel wird. Doch neben eben den dann auch lauten und impulsiven Eskalationen nimmt sich Baumann immer wieder Zeit für leise, fast poetische Momente. Für Blicke, Bewegungen, Pausen, kleine Verschiebungen, die mehr erzählen als die Dialoge.
Gerade in diesen Momenten entfaltet der Missing*Link eine Zärtlichkeit, die ihn vor der Schwere bewahrt, die sein Thema eigentlich nahelegen würde. Nicht alles ist dabei vollkommen ausbalanciert. Einzelne Zuspitzungen wirken etwas zu deutlich gesetzt, manche symbolischen Überblendungen etwas zu programmatisch. Doch das schmälert die Wirkung nur unmerklich; entscheidend ist die Konsequenz, mit der Baumann seine Figuren ernst nimmt und ihnen die einfachen Auswege, die das Leben im Normalfall ja immer wieder anbietet, konsequent verwehrt.
Am Ende steht ein außergewöhnlicher »Familienfilm«, der seine Figuren „Gott sei Dank“ nicht erlöst, sondern sie in einem Zustand belässt, der näher an der Wirklichkeit liegt, als jede Auflösung.