No Good Men

Kabul Jan

Deutschland 2026 · 102 min. · FSK: ab 12
Regie: Shahrbanoo Sadat
Drehbuch: ,
Kamera: Virginie Surdej
Darsteller: Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi, Torkan Omari u.a.
No Good Men
All you need is love...
(Foto: Virginie Surdej · Berlinale)

Diaspora der Gefühle

Shahrbanoo Sadat eröffnet die Berlinale mit einer ebenso politischen wie überraschend verspielten Liebesgeschichte aus dem Kabul Jahres 2021. Zwischen Taliban-Rückkehr und Diaspora-Zukunft wagt No Good Men das Unwahrscheinliche: Hoffnung.

Ein passender, mutigerer Eröff­nungs­film war auf dieser Berlinale schon lange nicht zu sehen. No Good Men der afgha­ni­schen Diaspora-Regis­seurin Shahr­banoo Sadat setzt nicht auf kalku­lierte Festi­val­ge­fäl­lig­keit, sondern auf Ambi­va­lenz, Ironie und eine beinahe trotzig roman­ti­sche Hoffnung, die gerade im im gegen­wär­tigen poli­ti­schen Reso­nanz­raum kaum noch gewagt wird.

Sadat für uns in das Afgha­ni­stan des Jahres 2021, kurz vor der erneuten Mach­tü­ber­nahme der Taliban. Naru, die einzige Kame­ra­frau beim wich­tigsten Fern­seh­sender Kabuls, kämpft um das Sorge­recht für ihren drei­jäh­rigen Sohn. Ihr Mann war untreu, ihr Vertrauen ist erschüt­tert und ihr Urteil ist gefällt: Es gibt keine guten Männer in diesem Land. Dass ausge­rechnet Qodrat, der Star­re­porter von Kabul TV, ihr eine beruf­liche Chance bietet, wirkt zunächst wie eine bittere Pointe. Während beide durch eine Stadt fahren, die sich bereits im Vorsta­dium des Zusam­men­bruchs befindet, entsteht zwischen ihnen etwas, das Naru sich längst verboten hatte: Zweifel an der eigenen Gewiss­heit.

Dass Shahr­banoo Sadat selbst die Haupt­rolle übernimmt, ist mehr als eine Regie-Laune, es wirkt wie ein Statement. Der Film, eine inter­na­tio­nale Kopro­duk­tion zwischen Deutsch­land, Frank­reich, Norwegen, Dänemark und Afgha­ni­stan, wurde unter anderem in Hamburg gedreht; Wilhelms­burg und Rothen­burg­sort spielen Kabul. So wie İlker Çatak in seinem jüngsten Film Gelbe Briefe, der ebenfalls seine Premiere auf dieser Berlinale feiert, Berlin zu Ankara und Hamburg zu Istanbul werden lässt, zeigt auch Sadat: Konflikte sind global austauschbar, die Mecha­nismen von Macht, Patri­ar­chat und Anpassung wieder­holen sich. Die Topo­grafie ändert sich, die Dynamik bleibt.

Und doch ist No Good Men kein Thesen­film. Er erlaubt sich das in desem Kontext bislang Unge­dachte, fast schon Unge­heu­er­liche: eine Romcom auf Afgha­nisch. Zwischen all den Nach­rich­ten­bil­dern von Flucht, Gewalt und reli­giösem Fana­tismus setzt Sadat auf Dialoge – kluge, funkelnde Gespräche zwischen Frauen. Eine Kollegin, gerade aus den USA zurück­ge­kehrt, bringt Naru einen Dildo mit; ein komischer, subver­siver Moment, der mehr über weibliche Selbst­er­mäch­ti­gung erzählt als manch akade­mi­sche Abhand­lung. Halb Afgha­ni­stan sei mit Cousins verhei­ratet, heißt es einmal – doch Sadat blickt nicht herab­las­send, sondern diffe­ren­ziert. Nicht jede arran­gierte Ehe ist per se ein Gefängnis, nicht jeder Mann ein Täter. Die Welt ist kompli­zierter.

Dass Reporter und Polizist im selben Waisen­haus aufge­wachsen sind, ist viel­leicht ein wenig konstru­iert – aber zugleich ein poeti­scher Verweis auf Sadats früheren, groß­ar­tigen und auf eine ganz andere afgha­ni­sche Ära fokus­sie­rende Film Kabul Kinder­heim. Das Private und das Poli­ti­sche sind hier untrennbar verschränkt. Wenn am Ende der Satz deutlich wird, dass es kompli­ziertet ist als vormals gedacht, denn: „There are good men“, wirkt das beinahe simpel, fast wie ein Bollywood-Schlenker ins Eska­pis­ti­sche. Doch viel­leicht braucht es diese Einfach­heit als Trotz­re­ak­tion auf eine Realität, die jeden Opti­mismus syste­ma­tisch dekon­stru­iert.

Der Film muss sich dabei mit Hawas Leben, einer Doku­men­ta­tion von Najiba Noori und Rasul Noori messen, der den afgha­ni­schen Alltag ebenfalls kur vor und während der Taliban-Rückkehr doku­men­ta­risch seziert. Beide Werke erzählen von harten Ehen, weib­li­chen Perspek­tiven und Momenten der Selbst­er­mäch­ti­gung. Doch während Hawas Leben beob­achtet, erlaubt sich Sadat die Fiktion – und erreicht gerade dadurch eine emotio­nale Inten­sität, die erstaun­li­cher­weise fast schon doku­men­ta­risch wirkt. Sie zeichnet den Zusam­men­bruch einer Gesell­schaft nicht als exoti­sches Drama, sondern als univer­selles Trauma.

Als Eröff­nungs­film eines großen Film­fes­ti­vals ist das mehr als sympa­thisch. Es ist program­ma­tisch. Eine in Hamburg lebende Regis­seurin der Diaspora erzählt von den letzten Tagen in Kabul – und vom Beginn eines Lebens in der Diaspora. Heimat erscheint hier nicht als stati­scher Ort, sondern als Zustand, der verloren gehen und dennoch wieder entstehen kann. No Good Men glaubt an die Möglich­keit von Nähe in Zeiten der Flucht. Und allein dieser Glaube ist es wert, gesehen zu werden.