| Deutschland 2026 · 98 min. · FSK: ab 12 Regie: Sedat Aslan Drehbuch: Sedat Aslan Kamera: Mateusz Smolka Darsteller: Deniz Arora, Sina Tkotsch, Benito Bause, Constantin von Jascheroff, Murat Seven, Thomas Loibl u.a. |
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| Jung, komisch, sozial und popkulturell zugleich... | ||
| (Foto: Camino) | ||
Man könnte glauben, das deutsche Kino habe den Kampf um seine Zukunft, um die Jugend, um die kommenden Zuschauergenerationen längst aufgegeben. Weit und breit nichts als Komödien über alternde weiße Männer, das Sterben, Scheidungen, Spätfolgen jeder Art und Menopausen-Selbstermächtigung. Die viel gepriesene Reihe Neues Deutsches Kino beim Filmfest München war dafür ein schmerzhaftes Beispiel: viele Themen, viele Thesen, viel Bedeutung, aber erschreckend wenig Gespür dafür, wie man jene 14- bis 29-Jährigen erreicht, die irgendwann wieder ins Kino zurückkehren sollen.
Doch es geht auch anders.
Sedat Aslans Debütfilm Nichtsnutze ist der Gegenbeweis: kein Jugendfilm aus dem Reagenzglas, keine Streaming-kompatible Milieusimulation, sondern ein wilder, manchmal überdrehter Versuch, deutsches Kino wieder als etwas zu denken, das Geschwindigkeit, Genre, Haltung und Gegenwart zugleich sein darf. Der Film tut schon deshalb gut, weil er nicht die üblichen Verdächtigen an Schauplätzen abfilmt. Nicht Berlin, München oder Hamburg, sondern Heidelberg und Mannheim: Alte Brücke, Neckarwiese, Hauptbahnhofsumfeld. Orte, die nicht bloß Kulisse, sondern sozialer Raum und Herkunftszeichen sind.
Im Zentrum steht Emre, gespielt von Deniz Arora, ein knapp 30-jähriger Lebenskünstler, Slacker und vermeintlicher Nichtsnutz, wobei dieses Etikett im Verlauf immer fragwürdiger wird. Emre ist weniger unfähig als blockiert, weniger verloren als in einem System aus Erwartungen und Zuschreibungen gefangen. Als er ein Jobangebot erhält, das sein Leben verändern könnte, bleiben ihm 48 Stunden, um die Weichen für seine Zukunft zu stellen.
Das klingt nach klassischer Dramaturgie, und tatsächlich vertraut Nichtsnutze erfreulich selbstverständlich auf etwas, das im deutschen Gegenwartskino fast vergessen scheint: eine funktionierende Handlung. Figurenbögen, Wendepunkte, Leitmotive und ein hohes Tempo halten den Film in Bewegung.
Die ersten Minuten wirken zunächst etwas grell, klamaukig und auf deutsch-komödiantische Pointen zugespitzt. Doch gerade im Rückblick ergibt dieser Einstieg Sinn. Er führt in Emres Welt ein, in ihre nervöse Geschwindigkeit, ihre Übertreibungen und Schutzbehauptungen. Erst daraus entfaltet sich der Film zu dem, was er tatsächlich ist: eine zunehmend präzise Tour de Force, die Coming-of-Age nicht als Adoleszenzgeschichte erzählt, sondern als spätes Erwachen eines Fast-Dreißigjährigen in einer Gesellschaft, in der andere angeblich längst den dritten Job und den zweiten Burn-out hinter sich haben.
Wenn jemand Emre vorhält: »Sie sind bald 30 und haben noch keinen Studienabschluss? Da haben manche den dritten Job und’s zweite Burn-out!«, ist das nicht nur komisch, sondern bitter und genau beobachtet. Und wenn der Film feststellt, dass man sich in einer reichen Stadt eher für Obdachlose schämt als für deren Existenz, verschiebt Aslan den Blick an die richtige Stelle. Nichtsnutze weiß, dass Klasse im deutschen Kino oft gerade dort am stärksten wirkt, wo man so tut, als gäbe es sie nicht und ein Film dann am „politischsten“ ist, wenn er Politik nicht ständig erklärt.
Auch die Figuren in Nichtsnutze sind klüger gebaut, als es zunächst scheint. Emre und Josie leben in unterschiedlichen sozialen Welten. Damit sie zueinanderfinden können, müssen beide ihre Milieus und Loyalitäten überprüfen. Aslan interessiert sich dabei weder für exotisierende Migrantengeschichten noch für pädagogisierte Diversität. Herkunft prägt diese Figuren, definiert sie aber nicht vollständig. Das ist näher an der gesellschaftlichen Wirklichkeit als viele deutsche Identitätsdramen, die ihre Figuren nur als Vertreter eines Problems betrachten.
Dabei bleibt Nichtsnutze nie bloßer Realismus. Aslan weiß, dass Kino auch Spiel, Zitat und Übertreibung braucht. Die Anspielungen auf Tarantinos Pulp Fiction oder Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum wirken dabei jedoch nicht wie akademische Referenzgirlanden, sondern wie Signale eines Films, der sich selbstbewusst in eine Kinotradition einschreibt.
In seiner Haltung erinnert Aslan an Werner Enke und Klaus Lemke, holt deren Slacker-Figuren jedoch aus dem Bohème-Kokon in eine diverse urbane Gegenwart. Dass der Film dann auch Lemke und Rosa von Praunheim gewidmet ist, erscheint nur folgerichtig. Auch Nichtsnutze will nicht geglättet und förderdramaturgisch berechenbar sein. Er ist manchmal zu laut, gelegentlich zu grell und schrammt mit einzelnen Zuspitzungen am Klamauk entlang. Doch er gewinnt im Verlauf an Präzision. Hinter der wilden Oberfläche erscheint eine dichte Konstruktion, deren Pointen, Figurenbewegungen und soziale Reibungen zunehmend ineinandergreifen.
Vor allem besitzt Nichtsnutze aber etwas, das dem deutschen Kino viel zu oft fehlt: ein echtes Gegenwartsgefühl. Man spürt die Müdigkeit einer Generation, der unendlich viele Zukunftsentwürfe angeboten werden, doch die Türen dazu bleiben bewacht. Dennoch ist das nicht das Ende, spürt man eine Lust am Entkommen, am Bluffen, am Scheitern und am nächsten Versuch.
Deshalb ist Aslans Film mehr als eine sympathische Slacker-Komödie aus Heidelberg. Er wagt einen populären, aber nicht dummen Film für ein junges Publikum: einen Film, der unterhalten will, ohne sich dafür zu entschuldigen, der Genre ernst nimmt, Diversität selbstverständlich zeigt und Klasse verhandelt, ohne zum Seminar zu werden.
Wer sich erinnert, welche Bedeutung Trainspotting, Absolute Giganten, La Haine oder Lammbock für neue Kinogenerationen hatten, versteht, warum ein Film wie Nichtsnutze wichtig ist. Er schaut in eine ähnliche Richtung: weg vom deutschen Bedeutungsstau und selbstreferenziellen Altersgram, hin zu einem Kino, das jung, komisch, sozial und popkulturell zugleich sein darf.