Monsieur Claude 2

Qu'est-ce qu'on a encore fait au bon Dieu?

Frankreich 2019 · 99 min. · FSK: ab 0
Regie: Philippe de Chauveron
Drehbuch: ,
Kamera: Stéphane Le Parc
Darsteller: Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Medi Sadoun, Frédéric Chau u.a.
Diesmal geht es um die Schwiegersöhne

Herr im Himmel, womit haben wir das verdient?!

»Es ist sehr gut, dass es Franzosen mit gelber, schwarzer, brauner Hautfarbe gibt. Sie zeigen, dass Frank­reich für alle Rassen offen ist und eine univer­sale Berufung hat. Aber unter der Voraus­set­zung, dass sie eine kleine Minder­heit bleiben. Denn sonst ist Frank­reich nicht Frank­reich. Wir sind – trotz allem – zual­ler­erst immer noch ein europäi­sches Volk mit weißer Hautfarbe, mit einer Kultur grie­chi­scher und latei­ni­scher Wurzeln und mit christ­li­cher Religion.«– General Charles de Gaulle, 5. März 1959

Auch 60 Jahre nach diesem Ausspruch des als Natio­nal­helden gehan­delten Staats­mannes Charles de Gaulle ist eine solch offen rassis­ti­sche Einstel­lung in der fran­zö­si­schen Gesell­schaft weit verbreitet. Die schon damals proble­ma­ti­sche Ansicht ist für heutige kosmo­po­li­ti­sche Ansprüche einer globa­li­sierten Welt wirklich unpassend. Umso verwun­der­li­cher also, warum Philippe de Chauveron seinen Film­helden Claude Verneuil, in Deutsch­land bekannt geworden als Monsieur Claude, erst als Kosmo­polit beschreibt, ihn aber dann mit Charles de Gaulles Lederhelm beschenken lässt, wie in der Fort­set­zung von Monsieur Claude und seine Töchter geschehen.

Klar ist, und das macht auch Monsieur Claude 2 deutlich: Natio­nal­stolz spielt in Frank­reich noch immer eine große Rolle. Warum sollte man auch nicht stolz sein auf »la douce France«, die Nation, die Europa mit »la Lumière«, dem Licht der Erkenntnis aufklä­re­ri­scher Werte, erfüllte und bereits 1905 zum laizis­ti­schen Staat wurde. Anders als Deutsch­land geizt La France nicht beim Flagge-Zeigen und legt damit einen, wie viele sagen würden, »gesunden Patrio­tismus« an den Tag: Jeder soll sehen und fühlen, wie reich­haltig doch die fran­zö­si­sche Kultur ist, wie toll die Land­schaft, das Essen, die Menschen und überhaupt die Freiheit in diesem Land doch sind.

Monsieur Claude 2 gestaltet sich in weiten Teilen wie eine Hommage an die Grande Nation: Ländliche Idylle mit »dem Weideduft von Kuhfladen in der Luft«, wie Monsieur Claude Verneuil (Christian Clavier) an einer Stelle schwärmt, mit den pracht­vollen Loire-Schlös­sern und Prunk­bauten, die eindrucks­voll den erhabenen fran­zö­si­schen Geschmack wider­spie­geln. Jeder Frank­reich-Liebhaber fühlt bei dieser Zurschau­stel­lung des »art de vivre« sofort eine nost­al­gi­sche Wehmut sowie den drin­genden Wunsch in sich aufkommen, so bald wie möglich wieder Frank­reich zu besuchen. Statis­tiken belegen, dass die Franzosen selbst am liebsten Urlaub im eigenen Land machen. Aber, wie bereits Sylvain Tesson, auf den im Film Bezug genommen wird, zu sagen pflegt: »Frank­reich ist ein Paradies, das von Menschen bewohnt wird, die meinen, in der Hölle zu leben.« Auch Monsieur Verneuils vier Schwie­ger­söhne David (Ary Abittan), Rachid (Medi Sadoun), Chao (Frédéric Chau) und Charles (Noom Diawara) sehen weniger das Paradies als die Hölle: Ein musli­mi­scher Anwalt, der gefühlt nur Klienten bekommt, die Rechts­bei­stand in Sachen Verschleie­rung oder Burkini suchen; ein farbiger Schau­spieler, dem – wenn überhaupt – nur Rollen als Drogen­dealer angeboten werden, ein Chinese, der sich wegen seiner ausge­prägten Angst vor Über­griffen mit Wurf­s­ternen und einem Nunchaku Bruce Lee immer ähnlicher wird; und, wie sollte es anders sein, ein Jude, der denkt, niemand wolle auf Grund anti­se­mi­ti­scher Vorur­teile in eine fantas­ti­schen Ideen inves­tieren, die er hatte. Alle vier fühlen sich auf ihre ethnische Herkunft reduziert und puschen sich gegen­seitig in der Absicht auswan­dern zu wollen.

Marie und ihr Mann Claude wollen natürlich nicht hinnehmen, dass nun all ihre Töchter samt Enkel­kin­dern im Begriff sind, das Land zu verlassen. Um ihren Schwie­ger­söhnen die Vorzüge Frank­reichs wieder schmack­haft zu machen, werden die beiden zu wahren Patrioten. Marie Verneuil (Chantal Lauby) steht auf den ersten Blick für ein tradi­tio­nelles Fami­li­en­bild einer treu­sor­genden Ehefrau und Mutter, sie ergreift die Initia­tive und wird treibende Kraft des Unter­fan­gens. Damit zeigt sie auf den zweiten Blick, wie groß der Einfluss einer Frau auf ihr Familie und wie wichtig es ist, auf Leute zuzugehen und Vorur­teile zu besei­tigen. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der sich mit Stift und Papier als »kleiner Balzac« versucht, surft sie voll auf der Moder­ni­sie­rungs­welle, entdeckt gerade »Amstra­gramme« und postet dort über ihre neuen Hobbys Nordic Walking und Zumba. Ihrem Film­parter, dem charis­ma­ti­schen Christian Clavier, ist die Rolle des Monsieur Claude auf den Leib geschnei­dert: Sein schau­spie­le­ri­sches Geschick, das sich in tref­fender, ausdrucks­starker Mimik äußert, belebt den Film merklich.

Der Origi­nal­titel Qu'est-ce qu'on a encore fait au bon Dieu? deutet bereits zwei essen­ti­elle Dinge an: Zum einen, wie wichtig Gott und der katho­li­sche Glaube im konser­va­tiven Frank­reich immer noch sind, zum anderen leider auch die Frage, womit zur Hölle wir es als Zuschauer verdient haben, einen Film vorge­setzt zu bekommen, der es in seinen 99 Minuten nicht schafft, im Hinblick auf den ersten Teil etwas Neues, Inno­va­tives zu erzählen? Nun gut, man bekommt geliefert, was man erwartet und wird insofern nicht enttäuscht. Aller­dings wäre es schön gewesen, wenn wenigs­tens die ange­legten Hand­lungs­stränge zu einem sinn­vollen Ende geführt würden. Auch wenn am Schluss wieder einmal alle glücklich sind, werden Neben­stränge wie die eines afgha­ni­schen Flücht­lings, der von Madame Verneuil aufge­nommen wird (das Schema von Will­kommen bei den Hartmanns lässt grüßen), einfach gekappt. Passend dazu wirkt die Rolle eines »Game of Thrones«-süchtigen Pfarrers arg konstru­iert. Außer der kurzen, lustigen Sequenz über einen Klin­gel­beutel mit Möglich­keit für Handy- oder Karten­zah­lung ist wirklich guter Humor an vielen Stellen des Films nicht sichtbar. Aber Gott sei Dank lässt sich über Geschmack nicht streiten.

Natürlich ist es vers­tänd­lich, dass Regisseur de Chauveron alles daran setzt, an den Erfolg von Monsieur Claude 1 anzu­knüpfen; unver­s­tänd­lich ist jedoch, warum er einfach nur dessen Struktur wieder aufgreift, anstatt die univer­sellen Themen der Diskri­mi­nie­rung von Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder der Angst vor poli­ti­schem Extre­mismus auf eine nächs­t­höhere Ebene zu heben, um sie diffe­ren­zierter betrachten und viel­leicht gerade dadurch mit der nötigen Portion Humor verstehen zu können. Dass das möglich ist, hätte er sich gut und gerne von seiner öster­rei­chi­schen Kollegin Eva Spreitz­hofer und ihrem sogar fast gleich beti­telten Film Womit haben wir das verdient? (2018) abschauen können (siehe Kritik). Auch wenn dies mögli­cher­weise über de Chau­ve­rons Intention, den Zuschauer einfach nur zum Lachen zu bringen, hinaus­geht, sollte man doch gerade bei solch brisanten Themen wie dem Umgang der Gesell­schaft mit dem, was ihr zunächst fremd erscheint, fein­füh­liger sein.

Trotzdem, de Chauveron trifft den Nerv der Zeit, in einem Frank­reich, das wie viele europäi­sche Länder mit Rechts­ruck und einer Zunahme von Diskri­mi­nie­rung gegenüber Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu kämpfen hat. Die Präsi­dent­schafts­wahl 2017, während der auch das Drehbuch entstand, hat gezeigt: Der Grat zwischen Patrio­tismus und Natio­na­lismus ist schmal.

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Nicht ohne meine Töchter

Was hat man dem katho­li­schen Ehepaar Verneuil um Himmels­willen nur angetan: ihre Schwie­ger­söhne sind arabi­scher, jüdischer, chine­si­scher und afri­ka­ni­scher Abstam­mung! Konnte im ersten Teil von Monsieur Claude und seine Töchter (2014) nicht eine einzige der vier bild­hüb­schen Schwes­tern ihren konser­va­tiven Eltern den Gefallen tun, einen 'richtigen' Franzosen zu heiraten, so soll es für das Ehepaar Verneuil in Monsieur Claude 2, noch schlimmer kommen. Ja, noch schlimmer!

Schon nach zwölf Wochen wurde der erste Teil der Culture-Clash-Komödie, in der Regisseur Philippe de Chauveron die verschie­denen Kulturen und Reli­gionen mit scharfem Witz aufein­an­der­prallen lässt, über­ra­schend unter die zehn meist­ge­se­henen fran­zö­si­schen Filmen aller Zeiten gelistet. Am 30. Januar 2019 in Frank­reich ange­laufen, lässt der Andrang auf die Fort­set­zung der Komödie in den fran­zö­si­schen Licht­spiel­häu­sern nach nicht mal zwölf Wochen jedoch zu wünschen übrig.

Nachdem sich Claude und Marie Verneuil (Christian Clavier und Chantal Lauby) mit den multi­eth­ni­schen Ehemän­nern ihrer Töchter arran­giert hatten, geht es im zweiten Teil um die vermeint­li­chen Inte­gra­ti­ons­schwie­rig­keiten der Schwie­ger­söhne. Sie haben Mühen, im Job Erfolge zu erzielen – mag das auch an schlecht kalku­lierten Geschäfts­ideen liegen – und sehen sich mit Rassismus und lauernden Gefahren im Alltag zu konfron­tiert. Die einzig sinnvolle Lösung für alle vier Paare: mit Kind und Kegel auswan­dern und ihr Glück auf fast allen Erdteilen der Welt versuchen. Ganz und gar nicht erfreut sind darüber die Schwie­ger­el­tern, deren Traum vom Ruhestand mit Enkel­kin­dern durch diese Pläne in Gefahr ist. Nach dem Motto »wer nicht liebt, dem wird lieben gelernt« insze­nieren Claude und Marie Verneuil ihren Schwie­ger­söhnen das perfekte Frank­reich, wie es jedem Hoch­glanz­rei­se­pro­spekt entspringen könnte. Mit Wein, Schlös­sern und hinter­lis­tigen Joban­ge­boten soll den Männern das Land wieder schmack­haft gemacht werden. Koste es was es wolle.

Hierfür müssen die lieb­li­chen länd­li­chen Regionen herhalten. Mit Drohnen aufge­nom­mene Land­schaften erzeugen die Wirkung eines touris­ti­schen Werbe­films für das Val-de-Loire, mit seinen unzäh­ligen Schlös­sern, roman­ti­schen Flüss­ufern und idyl­li­schen Weide­flächen. Die Sight­seeing-Tour wird den flucht­be­reiten multi­eth­ni­schen Ehemän­nern bereitet. Aber jenseits der typischen Klischees der Reli­gionen und Kulturen, für die diese als Exempel herhalten müssen, werden ihre Persön­lich­keiten weder in Tiefe noch in Indi­vi­dua­lität ausge­schöpft.

Zur Schlösser-Tour nicht einge­laden sind die Schwie­ger­töchter, wie sie auch im gesamten zweiten Teil kaum Beachtung finden. Warum auch? Man erfährt über die Vorzei­ge­töchter nicht viel mehr als im ersten Teil, sprich Vornamen, (akade­mi­schen) Berufs­stand und ... ach ja, das Interieur ihrer Bilder­buch­woh­nungen. Figu­ren­zeich­nung: Fehl­an­zeige. Ab und an blitzen klit­ze­kleine Fünkchen von Konzepten wie Frau­en­be­we­gung und Selbst­be­stim­mung durch die ober­fläch­li­chen Fassaden der vier Frauen auf, die aber unter der wohl­ge­lit­tenen Work-Life-Balance keine Chance haben. Ange­sichts der Auswan­de­rungs­pläne fragt man sich dann doch, an was es den privi­le­gierten Paaren der höheren Mittel­schicht genau fehlt. Werden hier Luxus­pro­blem­chen zu einer Midlife-Crisis à la Uns-reicht-es hoch­ge­schau­kelt, um so auf die Iden­ti­täts­krise der Grande Nation hinzu­weisen? Eine andere weibliche Figur bekommt mehr Aufmerk­sam­keit: die Schwester des afri­ka­ni­schen Schwie­ger­sohns, Viviane, eman­zi­piert sich im Laufe des Filmes von der auto­ritären und bevor­mun­denden Erziehung ihres Vaters und geht statt­dessen ihren eigenen Weg. Auch das ist natürlich Konzep­ter­fül­lung.

Die Eheleute Verneuil begeben sich zu Beginn in die Heimat­länder ihrer Schwie­ger­söhne, um sich dann heilfroh wieder den Bauch mit Camembert voll­zu­schlagen. Leben wie Gott: geht nur in Frank­reich. Der frisch-pensio­nierte Claude will sich nach den Reise­stra­pazen in seiner idyl­li­schen Villa auf dem Land ganz und gar seinem schrift­stel­le­ri­schen Debüt widmen. Über Alfred Tonnellé (gab es wirklich), den wich­tigsten Vertreter des Pyrenäismus (gibt es tatsäch­lich), will er schreiben. Immer wieder in die Quere kommt ihm dabei jedoch seine nervige und viel zu liebens­wür­dige Ehefrau Marie Verneuil mit Pflaumen-Tarte, ihrer neuen Leiden­schaft für soziale Netzwerke und einem afgha­ni­schen Flücht­ling, der im Schuppen auf einer verstaubten Matratze schlafen, dafür aber im Garten arbeiten darf. Miss­trau­isch wie eh und je, glaubt Claude gegen Ende der Komödie seine Familie vor einem terro­ris­ti­schen Akt zu bewahren. Mit einem Schlag wird also der Höhepunkt der Pein­lich­keit erreicht.

Eine Culture-Clash-Komödie nutzt natürlich immer Stereo­type und Klischees, was Regisseur und Dreh­buch­autor Philippe de Chauveron (in Zusam­men­ar­beit mit Guy Laurent) im ersten Teil mit erstaun­li­cher Leich­tig­keit und Frische gelingt. Im zweiten Teil hingegen wirkt dieses Spiel jedoch ausge­leiert und stel­len­weise peinlich. Die Fort­set­zung folgt zudem einer Strategie, die immer häufiger in Block­buster-Komödie zu finden ist, aktuell auch in der oscar­prä­mierten Tragi­komödie Green Book. Diver­sität wird in Szene gesetzt, aber die Figuren äußern weiterhin Rassismus durch die Blume. Ober­fläch­lich scheint es um Völker­ver­s­tän­di­gung, Toleranz und Inte­gra­tion zu gehen, aber unter­schwellig ziehen sich durch den Film rassis­ti­sche Kommen­tare, mühsam als Witze verkleidet. Auch in Monsieur Claude 2 geht es wohl kaum um Völker­ver­s­tän­di­gung, sondern um die subjek­tiven, egois­ti­schen Bedürf­nisse des weißen Mittel­stands.

In Hinblick auf die Lage der fran­zö­si­schen Nation zeigt sich eine erstaun­liche Ignoranz von Regisseur und Produzent gegenüber dem poli­ti­schen Tages­ge­schehen. Für Frank­reich, wo seit Monaten unzu­frie­dene und wütende Bürger gegen ihren président des élites auf die Barri­kaden gehen, ist diese Komödie auf geradezu entlar­vende Weise sympto­ma­tisch. Gegen eben dieses Frank­reich der Eliten protes­tieren doch die Gelb­westen, die mehr soziale Unter­s­tüt­zung vom Staat für die weniger privi­le­gierten Bürger fordern. Anhänger und Wähler des rechts­ex­tremen Front National werden diese Komödie ebenfalls mit Entzücken begrüßen, unter­s­tützt sie offen­sicht­lich Aussagen à la »das wird man doch noch sagen dürfen«. Hier verbar­ri­ka­diert man sich naiv vor der aktuellen Realität Frank­reichs und propa­giert statt­dessen das für den Tourismus glatt­po­lierte Image Frank­reichs. Am Ende muss man sich nicht wundern, wenn auf allen Seiten nur noch die Klischees bedient werden und der Film nicht über­ra­schen kann. Das aber wollte doch das Kino einmal, uns über­ra­schen?

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Doppelt hält besser

Die perfekte fran­zö­si­sche Provinz, Idylle soweit das Auge reicht, ein statt­li­ches Haus, wie aus dem Gemälde und wunder­schöne fran­zö­si­sche Schlösser. Schöner könnte sich Claude Verneuil seinen bevor­ste­henden Ruhestand nicht vorstellen. Wer will nicht so Leben wie Gott in Frank­reich? Dass das alles nicht viel mit der momen­tanen fran­zö­si­schen Realität zu tun hat, ist klar. Ein sati­ri­scher Vorge­schmack aber, der gleich zu Beginn präsen­tiert, auf was der Film aus ist: durch viel Über­treiben viel Witz erzeugen.

Claude ist das Oberhaupt einer Familie mit vier Töchtern und Schwiegersöhnen, die aus allen Winkeln der Welt stammen und sich sowohl in Religion als auch in Hautfarbe und Sitten von ihrem Schwiegervater unterscheiden. Eine Konstellation, die der Film als komödiantische Gegensätze anlegt, um Reibereien auszulösen, zumal Monsieur Claude tief in sich eine, vielleicht sogar zu starke, Verbundenheit zu seinem Heimatland Frankreich hat. Wie eine solche Familie aber für viel Lachnummern sorgen, ausgelöst durch Streitereien und anschließenden Versöhnungen, und trotzdem funktionieren kann, zeigte schon der erste Film Monsieur Claude und seine Töchter. Auch im zweiten Teil bedient sich Regisseur Philippe de Chauveron einem wichtigen Thema der heutigen Zeit: fehlende Toleranz.

Im zweiten Teil muss das Ehepaar mit Schrecken fest­stellen, dass die vier Schwie­ger­söhne zusammen mit den Töchtern einen Komplott entwi­ckeln, da keiner der vier in Frank­reich wirklich zufrieden ist. Sie haben Probleme, aufgrund der ständigen rassis­ti­schen Hürden einen Fuß in Frank­reich fassen zu können. Während Claude und Marie sich von diesem Schock erstmal erholen müssen und anfangen einen Plan zu entwi­ckeln, wie sie es schaffen, ihre Schwie­ger­söhne in Frank­reich zu halten.

Mit viel Witz und gekonntem Charme, der vor allem durch die unty­pi­schen Perso­nen­kon­stel­la­tionen entsteht und bereits den ersten Film zu einem welt­weiten Erfolg machte (der Film wurde in 24 Ländern gezeigt und hatte allein in Deutsch­land 4 Millionen Zuschauer) gelingt es Philippe de Chauveron erneut, einen Film über das politisch brisantes Thema Toleranz zu machen, ohne dabei zu gewollt am ersten Film fest­zu­halten. Tatsäch­lich sind in der Drama­turgie und der Erzähl­struktur des Filmes einige Paral­lelen zum ersten Teil zu finden. Die Hochzeit, die laut André Koffi am besten nie statt­finden soll, erinnert schon gewaltig an die Problem­stellen des ersten Filmes, bei dem es vor allem um die Hochzeit der jüngsten Tochter mit einem schwarzen Mann geht. Und doch ist es, als würde man zu einem guten Freund auf der Kino­lein­wand zurück­kehren, um zu sehen, wie es ihm die letzte Zeit erging.

Denn es sind vor allem die kontrast­rei­chen Figuren mit ihren Mängeln und die damit einher­ge­hende Thematik der Toleranz, die es schaffen, auch den zweiten Film so witzig und sehens­wert zu machen. Besonders die Chemie der vier Schwie­ger­söhne und ihre Probleme damit, durch die vielen rassis­ti­schen Vorur­teile sich in Frank­reich anzu­passen, bringt viel Humor in den Film. Dabei sind drei der vier Männer in Frank­reich aufge­wachsen, sprechen Fran­zö­sisch und leben seit einiger Zeit mit ihren Frauen in Paris. Und doch hat der aus China stammende Chao Angst davor, sich in den Außen­be­zirken Paris ohne eine Waffe aufzu­halten. Jeder Witz, ob zu einer Speise, seinem Land oder seinem Aussehen, wird als Rassismus aufge­fasst. Bei so einer Familie, in der man mit jeder Aussage jemand anderen verletzen kann, wird es ganz schön schwierig, überhaupt poli­ti­sche Themen anzu­spre­chen. Dass das die momentane Realität wieder­spie­gelt, der sich unsere Gesell­schaft gegenüber­steht, ist wohl kein Zufall. Im Film werden (fast schon zu) viele poli­ti­sche Themen ange­spro­chen. Der jüdische David, der als Anwalt in einen Fall eine Burka tragende Frau vertei­digt hat, kann sich danach vor Frauen in Burkas in seinem Büro kaum mehr retten, der Pfarrer der Kirche nimmt einen Flücht­ling bei sich auf und bittet die Verneuils darum, ihn bei sich wohnen zu lassen, wenn er als Gegen­leis­tung bei der Garten­ar­beit hilft, und um das ganze perfekt zu machen, möchte die Tochter André Koffis ihre Freundin heiraten, womit auch die Thematik der Homo­se­xua­lität genannt wäre.

Doch viel­leicht zielt der Film nicht darauf ab, eine Message zu vermit­teln. Laut Regisseur Philippe de Chauveron möchte er einfach nur die Zuschauer zum Lachen bringen. Und gleich­zeitig bietet er die Möglich­keit, sich auf humor­volle Weise mit der fehlenden Toleranz unserer Gesell­schaft und der Political Correct­ness ausein­an­der­zu­setzen und in einem gesi­cherten Rahmen auch einmal darüber lachen zu können. Denn viel Möglich­keit zum Lachen wird geboten. Wenn die Witze über Chinesen und Algerier auf die Spitze getrieben werden. Wenn Marie Verneuil, die Mutter der vier Töchter, sich zu einer Groß­mutter 2.0 entwi­ckelt, zum Nordic Walken geht und die meisten ihrer Probleme twittert. Wenn Claude sich prächtig darüber amüsiert und befrie­di­gende Genug­tuung erfährt, dass André Koffi sich nun damit abfinden muss, eine lesbische Tochter zu haben und nun er derjenige ist, dessen Familie auch nicht ganz perfekt ist. Oder wenn das Ehepaar Verneuil Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihre Schwie­ger­söhne von den Vorzügen Frank­reichs zu über­zeugen.

Denn auch durch die Bilder, die Sonne, die ästhe­ti­sche Land­schaft, die ein bisschen zu perfekte fran­zö­si­sche Provinz, mit haufen­weise Käse, gutem Wein und grasenden Kühen kann man schon glauben, dass Frank­reich das perfekte Land zum Leben ist. Die Über­spitzt­heit der Darstel­lung lässt aber auch hier Humor entstehen und rettet den Regisseur dadurch vor zu viel unge­sundem Patrio­tismus. Denn statt sich Sorgen darüber zu machen, ob der Regisseur mit den Lobes­hymnen zu fran­zö­si­schen Malern, Schrift­stel­lern, Essen und Wein sein Land etwas in zu schönen Farben zeichnet, lacht man eher über Claude, der vor lauter Liebe zu Frank­reich fast ein bisschen komisch wirkt.

Es entsteht ein Film, der es schafft, trotz einer Fort­set­zung und den scheinbar gleichen Thema­tiken wie in Teil eins, ganz nach dem Motto »never change a winning system« zu amüsieren und für einen gelun­genen Kinoabend zu sorgen.

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Eine schrecklich tolerante Familie

Regisseur Philippe de Chauveron, 1965 in Paris geboren und bekannt durch Filme wie L’amour aux trousses (2005) und Der Schüler Ducobu (2011), schaffte 2014 mit Monsieur Claude und seine Töchter seinen inter­na­tio­nalen Durch­bruch. Jetzt kommt die Fort­set­zung Monsieur Claude 2 in die deutschen Kinos.

In der Fami­li­en­komödie kehrt die wohl­ha­bende und nicht ganz vorur­teils­freie Familie Verneuil auf die Leinwand zurück. Claude und Marie Verneuil leben in der Klein­stadt Chinon, gehen sonntags in den Gottes­dienst und vertreten bürger­liche Werte. Umso schwerer fällt es ihnen, dass keine ihrer Töchter einen Mann aus der Region gehei­ratet hat. Isabelle ist mit dem musli­mi­schen Rachid, Odile mit dem jüdischen David, Ségolène mit dem Chinesen Chao und Laure mit dem Elfen­bein­küster Charles verhei­ratet. Im Umgang mit den Schwie­ger­söhnen stoßen die Verneuils oft an die Grenzen ihrer Toleranz – und das, obwohl sie sich doch so bemühen. Aber bei Laure und Charles‘ Hochzeit, mit der der erste Teil zu Ende ging, scheint es gerade so, als seien alle Strei­te­reien endlich beigelegt worden.

Um ihr Wohl­wollen zu beweisen, lassen sich die Verneuils in der Fort­set­zung der Erfolgs­komödie sogar auf einen Besuch der Familien ihrer Schwie­ger­söhne ein und reisen dazu in deren Herkunfts­länder. Nach der anstren­genden Heimreise sind die konser­va­tiven Verneuils aber doch froh, wieder in ihrer heiß­ge­liebten Heimat zu sein. Doch nicht alle sind vom Leben in Frank­reich begeis­tert. Rachid, David, Chao und Charles kommen in ihrer Karriere nicht weiter und auch sonst scheint es, als würde das Land sie abweisen. Zusammen mit ihren Frauen wollen sie ihr Glück anderswo versuchen. Doch wie sollen die vier Schwes­tern ihren Eltern die Auswan­de­rungs­pläne beibringen? Als die Verneuils von dem Vorhaben ihrer Töchter erfahren, sind sie mehr als beleidigt. Waren all die Mühen, die sie auf sich genommen haben, umsonst? Jetzt sollen sie auch noch auf ihre Töchter und Enkel­kinder verzichten? Nicht mit Marie – zusammen mit Claude schmiedet sie einen gewieften Plan, die Ehemänner ihrer Töchter zum Bleiben zu bewegen – Ehrlich­keit spielt dabei nur zweit­rangig eine Rolle.

Philippe de Chauveron schafft es auch im zweiten Teil wieder, die kleinen alltäg­li­chen Ausein­an­der­set­zungen innerhalb einer Familie in ein komisches und durchaus glaub­wür­diges Licht zu rücken. Auch wenn sich Handlung und Aufbau nicht wirklich vom ersten Teil unter­scheiden. Der Regisseur und Dreh­buch­autor spielt mit bekannten Vorur­teilen – ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen. Chauveron teilt in alle Rich­tungen aus. So gilt beispiels­weise der Chinese als besonders pünktlich, während der Afrikaner auf sich warten lässt. Der Jude und der Araber streiten sich solange, bis sich jemand einmischt, der glaubt es besser zu wissen, und den Franzosen geht es die ganze Zeit nur um Käse und Wein. Aber nicht nur die Unter­schiede in den Kulturen werden auf die Schippe genommen. Die geschickt gewählten Bilder und Dialoge sorgen für Unter­hal­tung. Zum Beispiel wenn Claude in dem düsteren Gemälde seiner emotional labilen Tochter, Ségolène, einen Vampir statt eines Selbst­por­träts sieht. Ein Exempel für typische Fami­li­en­dy­namik, in der jeder seine ganz eigene Rolle einnimmt. Christian Clavier über­trifft sich durch seine präzise Mimik und die authen­ti­sche Charak­ter­dar­stel­lung des fran­zö­si­schen Patri­ar­chen – Monsieur Claude – im Vergleich zum ersten Teil – sogar noch selbst.

So gelingt es de Chauveron, Scha­den­freude mit Situa­ti­ons­komik, Vorur­teile mit Selbst­ironie und offen­sicht­li­chen mit subtilem Humor zu vereinen. Ein turbu­lenter Film, in dem man neben Albern­heit, Ernst­haf­tig­keit und fran­zö­si­schem Charme und Witz besonders eins mitnehmen kann: Was zählt ist, zusammen lachen zu können, egal welcher Kultur man angehört.

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