The Mastermind

USA 2025 · 111 min. · FSK: ab 12
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch:
Kamera: Christopher Blauvelt
Darsteller: Josh O'Connor, Alana Haim, John Magaro, Hope Davis, Bill Camp u.a.
The Mastermind
Charakterstudie eines Mannes ohne Eigenschaften...
(Foto: Mubi)

Drifting through the 70s

Kelly Reichardt erzählt in ihrem neuen Film vom Verloren-Gehen in Amerika, von existenzialistischen Selbstauslöschungen, von absurden Menschen in einer absurden Welt

Josh O’Connor ist gut im Geschäft: Haupt­rolle in zwei der renom­mier­testen Filmen des vergan­genen Jahres (Chal­len­gers und La Chimera), Haupt­rolle auch in zwei Filmen, die dieses Jahr im Wett­be­werb der Film­fest­spiele von Cannes gegen­ein­ander antraten. Einer davon ist The Master­mind, Regie führte die groß­ar­tige Kelly Reichardt. Als Heist-Movie wird dieser Film beschrieben, als ameri­ka­ni­sches Period-Piece der 70er Jahre. Doch bereits der Titel ist verrä­te­risch, verspricht ein perfekt durch­kom­po­niertes, Ocean’s-Eleven-artiges Intel­li­genz­kino. Man hat ihn förmlich vor Augen, den perfekten Raub, das durch­ge­plante, dann durch­ex­er­zierte Verbre­chen, geleitet vom schönen Josh O’Connor, der in engen Woll­pull­overn, in Cordhosen, in Intel­lek­tu­el­len­ver­klei­dung also über die Polizei trium­phiert, gleichsam natürlich über das Publikum, das nur staunen kann über dieses Master­mind.

So ist der Film natürlich nicht geworden, diese Darbie­tung der egomanen, protzigen Intel­li­genz­be­kun­dung liegt Reichardt dankens­wer­ter­weise fern. Und doch beginnt der Film in diesem Tonfall, entwi­ckelt sich zunächst als stre­ber­hafter Heist. O’Connor spielt den »Artschool-Dropout« JB, er plant ein klein­s­täd­ti­sches Museum zu über­fallen, gemeinsam mit drei Komplizen Gemälde zu stehlen. Dabei insze­niert er sich als eben jenes Master­mind, das der Titel verspricht, er plant nur, die anderen sollen dann tätig werden, sollen dem klugen König die Beute in den Schoß legen. Beschleu­nigt von einem trei­benden Jazz-Sound­track entwi­ckelt sich ein kurioser Gangs­ter­film, den frühen Farcen der Coen-Brüder nicht unähnlich. Natürlich scheitert der Raub, zwar werden die Gemälde gesichert, einer der Banditen aber fest­ge­nommen, JB zur Rede gestellt. All das verläuft harmlos, beinahe neben­säch­lich, das Museum ist im Grunde nicht bewacht, die Poli­zisten kennen JB, kennen vor allem seinen Vater, einen einfluss­rei­chen Anwalt. Zudem sind es obskure Gemälde, die gestohlen werden, der Finder­lohn beläuft sich auf schmale 2000 Dollar.

Bereits hier entsteht also eine feine Beiläu­fig­keit, Reichardt inter­es­siert sich mehr für die Orte, die durch­streift werden, für die wunder­bare 70er-Jahre-Mode, für den Aufbau dieses Überfalls, den man als geneigter Kino­gänger bereits hundertmal gesehen hat. Hier wird lediglich gespielt, es geht um nichts, fast wirkt es, als würde JB seinen eigenen Film drehen, seine Akteure posi­tio­nieren, als würde er sich selbst mit diesem Raub erfüllen, sich zu sich selbst ins Verhältnis setzen. Er erfüllt eine Rolle, dieser schweig­same, melan­cho­lisch und ratlos auf die Welt blickende Mann, der immer neben sich zu stehen scheint, der sich zwar um seine Kinder kümmert, doch aber neben seiner Frau immer blass wirkt, ein Neben­cha­rakter in seiner eigenen Geschichte ist. Er wird fliehen aus jener Klein­stadt (Framingham heißt sie, an der Ostküste, in Massa­chu­setts), wird durch Amerika driften, alte Freunde besuchen, in Vietnam-Kriegs-Demons­tra­tionen geraten. In all diesen Momenten läuft er auf das Ungewisse zu, vollzieht immer nur Affekt­hand­lungen, folgt nie einem lang­fris­tigen Plan. Das also ist das krimi­nelle Genie, das Master­mind, so gefangen in seinem Kopf, dass er seine Umwelt gar nicht erst wahr­nehmen kann.

Allmäh­lich entsteht eine Charak­ter­studie eines Mannes ohne Eigen­schaften, der Film wird zur konstanten Annähe­rung an eine ungreif­bare Figur. Nur sche­men­haft erfahren wir von seiner Vergan­gen­heit, Reichardt will ihn nie erklären, erst recht nicht psycho­lo­gi­sieren. Die Sets, die Natur, die Spielstätten dieses Films ersetzen seine Psyche, seine eigenen Blicke und Gesten hingegen werden zu seiner (unwis­sent­li­chen) Selbst­er­klärung.

The Master­mind ist ein wunder­schöner Film über den Indi­vi­dua­lismus geworden, über Menschen, die der Welt völlig ratlos gegen­ü­ber­stehen, erkennen, dass jedes System (die »Gesell­schaft«, wenn man so will, doch wo ist sie, diese Gesell­schaft, und wie lässt sie sich beschreiben) mit einem Deter­mi­nismus einher­geht, der lediglich prak­ti­kabel ist, wenn man ihn für sich arbeiten lässt. So strebt JB permanent nach Aner­ken­nung, als Gangs­ter­boss, auch als »Fami­li­en­ober­haupt«, wenn er seiner Frau (gespielt von der tollen Alana Haim) süffisant auf den Hintern patscht. Doch er will nie ganz aufgehen in diesen Rollen, kann sich nicht entscheiden für ein Leben, denn wie es auch ausfällt, wie sehr JB auch an der jewei­ligen Spitze steht, es bleibt eine Beschnei­dung, ein Kompro­miss, ein Zuge­ständnis an die bürger­liche, geruhsame Glück­se­lig­keit.

Also geht es immer weiter, wird versucht sich selbst zu über­springen, nur warum, aus welchem Grund wird nie klar. An einem Punkt etwa wird JB angeboten, sich einer Kommune anzu­schließen, dann wirklich wegzu­driften, weg aus der zwei­fel­haften Gesell­schaft, doch das wäre ja bereits das nächste feste Narrativ, dem man sich unter­ordnet. Und so zieht er immer weiter, der ratlose, in sich gefangene Drifter, immer weiter, durch Felder und verlorene Städte, durch ein allmäh­lich ster­bendes Amerika, dessen Verfall bis heute anhält. Er wird verschwinden in diesem Land, wird sich ausge­rechnet in einer Massen­szene auflösen, wird überrollt werden von der Politik, von der Zufäl­lig­keit, von seinem eigenen Master­mind, das ihn immer nur sich selbst sehen lässt, als einen von vielen, zu denen er niemals gehören will.

JB, das ist der absurde Mensch, der sich dessen nicht bewusst wird, dessen Ego es nicht zulässt, diese Absur­dität, die ja längst schon weltlich ist, anzu­er­kennen, der immer weiter voran­schreitet, so lange, bis er vergisst, dass er sich überhaupt bewegt, bis er zu jenem traurigen Schüler Heraklits wird, der annahm, man könnte nicht zweimal durch den gleichen Fluß schreiten. Also verschwindet er, schreibt sich ein in die ameri­ka­ni­sche Geschichte. Als Beiläu­fig­keit, als Anekdote, als einsame, verlorene Randfigur.

»Er hinter­ließ eine Frau und zwei Kinder«, wird es dann heißen. Und: »Er überfiel ein Museum.«