| USA 2026 · 132 min. · FSK: ab 12 Regie: Jon Favreau Drehbuch: Jon Favreau, Dave Filoni Kamera: David Klein Darsteller: Pedro Pascal, Sigourney Weaver, Jeremy Allen White, Jonny Coyne, Dave Filoni u.a. |
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| Die »Minioniserung« eines Empires... | ||
| (Foto: Disney) | ||
Es gibt Filme, bei denen man während des Sehens plötzlich versteht, warum Martin Scorsese sagte, viele heutige Franchise-Produktionen seien eher Freizeitparks als Kino. Und dann gibt es Filme wie The Mandalorian & Grogu, bei denen selbst diese Formulierung noch zu freundlich wirkt. Denn Jon Favreaus neuer Star-Wars-Film ist nicht einmal mehr ein Freizeitpark. Er ist eher der Merchandise-Shop direkt neben dem Ausgang.
Natürlich war das Star-Wars-Universum immer auch ein gigantisches kommerzielles System. Schon George Lucas verstand früher als viele andere, dass sich mit Mythen Spielzeug verkaufen lässt. Aber Lucas besaß trotz aller Schwächen wenigstens noch eine Vorstellung davon, was Mythologie im Kino bedeutet: Abenteuer, Tragik, Pathos, archetypische Figuren, politische Unterströmungen, religiöse Symbolik. Selbst die schwächeren Teile seiner Saga hatten zumindest so etwas wie sichtbare Ambitionen. Favreaus Film hingegen besitzt nur noch sichtlosen Content.
Und darin liegt wahrscheinlich das eigentliche Problem dieses Films: Es gibt hier nichts mehr zu entdecken. Keine Idee. Kein Risiko. Keine Entwicklung. Alles wirkt wie bereits gesehen, bereits zitiert, bereits recycelt. Man blickt auf eine Galaxis, die nur noch aus sich selbst besteht.
Die Handlung ist dabei so simpel, dass sie fast körperliche Schmerzen verursacht: Nach dem Fall des Imperiums rekrutiert die Neue Republik Din Djarin und dessen Ziehsohn Grogu, um verbliebene imperiale Warlords zu bekämpfen. Das ist keine Geschichte, das ist ein Wikipedia-Eintrag (!). Der Film bewegt sich anschließend von Setpiece zu Setpiece, von Cameo zu Cameo, von Fanservice zu Fanservice, ohne jemals narrative Dringlichkeit zu entwickeln.
Dabei war bereits die Serie The Mandalorian, an die dieser Film andockt, weniger wegen ihrer Geschichten interessant als wegen ihrer Atmosphäre: der melancholische Western-Ton, die Einsamkeit des Kopfgeldjägers, die Mischung aus Samurai-Kino, Sergio Leone und Space Opera. Doch selbst davon bleibt hier kaum noch etwas übrig. Stattdessen wirkt The Mandalorian & Grogu wie eine auf Spielfilmlänge aufgeblasene Streaming-Episode, die sich permanent so anfühlt, als müsste sie nebenbei noch fünf weitere Spin-offs vorbereiten.
Pedro Pascal, eigentlich ein Schauspieler mit beträchtlicher physischer Präsenz man denke nur an seine Verköprerungen in Eddington und Was ist Liebe wert – Materialists – wird dabei endgültig zur Nullnummer degradiert. Nicht einmal primär wegen des Helms, sondern wegen der völligen Abwesenheit jeder Figurenentwicklung. Din Djarin spricht monoton, handelt monoton, reagiert monoton. Es gibt keine inneren Konflikte mehr, keine Ambivalenzen, keine Entwicklung. Der Mandalorianer bewegt sich durch diesen Film wie ein NPC in einem mittelmäßigen Videospiel.
Selbst die behaupteten Actionsequenzen erzeugen kaum Spannung. Favreau inszeniert sie mit einer seltsamen statischen Trägheit, die fast schockierend wirkt, wenn man bedenkt, dass derselbe Regisseur einst mit Iron Man das moderne Superheldenkino entscheidend mitprägte. Doch die guten Iron Man-Filme liegen inzwischen offenbar in einer weit entfernten Galaxis.
Besonders unangenehm wird es dann, wo der Film endgültig in infantile Selbstparodie kippt. Die Anzellan-Figürchen, hektisch herumfahrende kleinen Wesen mit quäkenden Blabla-Stimmen, wirken wie direkt aus einem Minions-Spin-off importiert. Man könnte fast von einer Minionisierung von Star Wars sprechen. Ein Franchise, das ohnehin längst vor allem auf Schüler, nostalgische Babyboomer und alternde Hardcore-Fans zugeschnitten war, senkt sein geistiges Einstiegsalter nun offenbar noch weiter. Kindergartenkinder dürften diesem Film problemlos folgen können: nicht etwa, weil er universell erzählt wäre, sondern weil er jegliche Komplexität vollständig eliminiert.
Gerade das ist dann auch so bemerkenswert: Star Wars war einst die vielleicht größte populäre Heldenreise der Filmgeschichte. Joseph Campbell, Kurosawa, Flash Gordon, Mythos und Tragödie verschmolzen dort zu einer universellen Erzählung über Macht, Versuchung und Erwachsenwerden. Davon ist hier kaum noch etwas übrig. The Mandalorian & Grogu kennt nur noch Referenzen auf frühere Referenzen.
Selbst große Namen verpuffen vollständig. Sigourney Weaver spielt Colonel Ward, angeblich eine bedeutende Figur der Neuen Republik. Tatsächlich aber wirkt selbst eine Schauspielerin wie Weaver hier völlig unterfordert, beinahe entkernt. Sie sagt ihre Dialoge auf wie eine Marionette, die vergessen hat, warum sie überhaupt auf der Bühne steht. Kein Blick, keine Geste, keine emotionale Tiefe darf sich entfalten, weil der Film ständig weiterheizt zum nächsten Fanmoment.
Dass dann auch noch damit geworben wird, Martin Scorsese spreche einen Ardennian-Händler namens Hugo, besitzt fast schon groteske Qualitäten, gerade angesichts Scorseses Kritik an dieser Art von Kino.
Und dann die Musik. Die für die Serie oft gelobten Kompositionen von Ludwig Göransson, die dort zumindest gelegentlich noch eine eigentümliche Mischung aus Western-Melancholie und elektronischer Fremdheit erzeugten, versinken hier vollständig in einem pathetischen Klangbrei. Dauernd schwillt etwas bedeutungsvoll an, ohne dass der Film jemals echte Bedeutung erzeugen würde.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie dieses Films. Nicht, dass er schlecht ist. Schlechtigkeit wäre wenigstens noch ein Ausdruck von Haltung. The Mandalorian & Grogu ist schlimmer: er ist vollkommen egal, weil so banal. Ein Film, der aussieht, als sei er weniger von Künstlern als von Markenstrategen entwickelt worden. Ein Produkt, das permanent so tut, als erinnere es sich an die Magie von Star Wars, während es gleichzeitig alles entfernt, was diese Magie einmal ausmachte.
Am Ende bleibt tatsächlich nur noch das Raumschiff. Einige Flüge durch die Galaxis besitzen noch einen Hauch jener alten Abenteuerromantik, jenes kurzen Gefühls von Freiheit und Größe. Doch selbst diese Momente wirken inzwischen wie Echos aus einer anderen Zeit.
Wieviel Star Wars steckt noch in »Star Wars«? Das ist freilich eine Frage, die man sich schon bei der Prequel-Trilogie mitunter stellen konnte. Doch die war noch, im Guten wie im Fragwürdigen, Autorenkino. »Star Wars« war, was immer George Lucas sich einbildete. Seit der Schöpfer sein Universum aber an Disney verschachert hat, sucht dies auf ganz andere Weise (s)eine Identität.
Klar war nur schnell: »Star Wars« ist an der Speerspitze des nostalgisch-industriellen Entertainment-Komplexes. Verspricht und verkauft vor allem die Erinnerung an Kinoerlebnisse der Kindheit. Und ist verdammt dazu, die entsprechenden Knöpfe zu drücken – während es den Anschein des Neuen zu wahren hat.
In ihrem Versuch einer Kurssetzung durch dieses Dilemma wurden die bisherigen Post-Lucas-Kinofilme wechselweise (und gern auch, von unterschiedlichen Seiten,
zugleich) angefeindet, weil sie den Fans zu nah an den Vorbildern klebten oder nicht nah genug. Was wohl mit verantwortlich war dafür, dass die Franchise erstmal auf die Fernsehbildschirme verbannt wurde.
Dort aber fand man eine Lösung: Die Marke entkernen, bis nur audiovisuell möglichst viel Ähnlichkeit bleibt. Während man den Inhalt, die Geschichten verlagerte in Nischen, Freiräume abseits des großen Gefechts.
Wirklich übrig ist von Star Wars mehr Ralph McQuarrie und Ben Burtt statt des erzählerischen Kosmos von George Lucas: Die
Designsprache, die Silhouetten und Panoramen des visionären Konzeptkünstlers, der den Ur-Film stilistisch prägte. Die Klänge des revolutionären Sounddesigners.
Als Serie perfektionierte THE MANDALORIAN das Prinzip: Das Aussehen der Figuren kitzelt die Nostalgie-Neuronen – ohne offiziell die Bürde der offensichtlichen Vorbilder zu haben. Din Djarin und Grogu erinnern an den Kopfgeldjäger und den Jedi-Meister aus The Empire Strikes Back – sind quasi Boba Halbfett und »Cabbage Patch Kid«-Yoda. Aber mit dem Alibi, lediglich Artverwandte der Ikonen zu sein – wer vergleicht, ist selber schuld...
Freilich blieb die Frage, wer und was diese Figuren stattdessen sind. Die wohl bleibendste, eigenste Antwort gab Ludwig Göransson mit seiner Musik. Die sich, von einem Hornfanfaren-Zwischenspiel abgesehen, frei machte vom übermächtigen Vorbild John Williams. Was er nun konsequent im Kino fortsetzt – wo er neben den Hans Zimmer-Gedächtnis-Trommeln, zu denen alle Blockbuster gesetzlich verpflichtet sind, den Clubnummern-Synthie, die Ricky King-Schmalzsolo-Gitarre auspackt. Bis hin zur Gipsy Jazz-Variante des Mandalorian-Themas im Abspann.
Was nun aber die Identitätssuche narrativ umso eklatanter macht, wenn man eben nicht permanent die musikalischen Signale für »Das ist fei Star Wars!« auf den Ohren hat.
Die Serie probierte es in der ersten Staffel mit einem »Western der Woche«-Format, forcierte in der zweiten den Fan-Service, versuchte sich in der dritten an Mythologisierung der Mandalorier.
Der Film setzt das meiste davon zurück auf Null. Beginnt relativ stark mit einer durchaus spektakulären
Reminiszenz an die Eisplaneten-Sequenz aus Episode V. Und mit der Einbettung in den galaktischen Polit-Kontext: Der Sieg der demokratischen Neuen Republik ist fragil, Imperiums-Überbleibsel wollen ihr autokratisches Schurkenregime zurück.
Aber dann beschließt The Mandalorian & Grogu: »Wiedererstarken des Faschismus? Nö, dazu gibt’s heut nix weiter zu sagen...« Und schickt die Titelhelden auf einen Kopfgeld-Auftrag. Der sich sehr bald auf ein rein episodisches Sightseeing begibt – das sich auch visuell ziemlich aus dem »Star Wars«-Kosmos verabschiedet.
Grogu bekommt ein ausführliches Solo im Bayou. Wo das Kindchen-Schema und der Kasperltheater-Charme des klassischen Puppenspiels ihre Wirkung tun dürfen. Und irgendwie hat’s ja wirklich was, dass solch ein Blockbuster für etliche Minuten zum Quasi-Stummfilm werden darf, der erzählerisch kein Gepäck mitschleppt als: »Moi, süüüüß, der Kleine!«
(Apropos Puppenspiel: Später gibt der Film auch noch der althergebrachten Stop Motion-Technik die Bühne. Und wer will da den zwei
Killerrobotern vorwerfen, dass sie eher dem Warhammer 40.000 Kosmos entsprungen scheinen – wenn sie doch von Altmeister Phil Tippet animiert sind?!)
Die meiste Zeit aber verbringt man zuvor mit einer Gangsterfilm-Hommage in einem Quasi-1930er New York via Blade Runner, mit Zitaten aus The French Connection und Scarface. Die für »Star Wars« das ist, was die berüchtigte »A Piece of the Action«-Folge für Star Trek war – wo sich die Enterprise-Crew in einem Nachbau des Al Capone-Chicago wiederfand.
Immerhin eine Freude am Rande dabei: Martin Scorsese leiht seine Stimme einem Foodtruck-Händler. Und zeigt, wie man durch die ganze Starrheit eines solchen durchkalkulierten Films
brechen kann. Erinnert, wie Kino sein kann, wenn es Spontaneität, Witz, Leben atmet.
(Auch sonst bekommt man übrigens die Stars nur in der O-Ton-Fassung wirklich geboten – abgesehen von Sigourney Weaver, die hier eher lustlos einen Stempel auf ihrem SF-Franchise-Sammelkärtchen abholt: Pedro Pascal steckt bloß in einer helmlosen Szene wirklich selbst in der Rüstung. Und Jeremy Allen White (The Bear, The Iron Claw) spricht den computeranimierten Sohn von Jabba the Hutt. Der ein Gladiator mit Muskel-Sixpack ist – was so unüberzeugend aussieht, wie’s klingt.)
Klar, schon der Ur- Star Wars war ein Mischmasch an Einflüssen von den Flash Gordon-Serials über Kurosawa und John Ford bis Triumph
des Willens. Aber Lucas spannte das unter die Struktur von Märchen, Mythen, die archaische Heldenreise frei nach Joseph Campbell.
Von solch archetypischen Mustern ist dieser Film hingegen Lichtjahre entfernt. Nie steht gefühlt viel auf dem Spiel, sei’s emotional, sei’s fürs Schicksal der Figuren oder ihres Weltalls.
Helden wachsen bekanntlich an ihren Widersachern. Hier haben wir’s mit einem Familienstreit zwischen Hutt-Blubberwesen zu tun und einem
angeblichen Konterrevolutions-Führer, der wirkt wie ein mittelrangiger Bürokrat. Gemessen an Darth Vader ist das, als würde der nächste James Bond-Superschurke einen perfiden Plan zum Falschparken aushecken.
Die Binnen-Dramaturgie ist die von Karl May bekannte Dauerschleife von Kampf, Gefangennahme, Befreiung. One battle after another – ohne, dass die meisten Duelle je die Inspiriertheit, Kunstfertigkeit hätten einer Nummer im echten Martial Arts-Kino.
Und der große Bogen ist jener einer klassischen TV-Serienfolge: Am Ende ist alles wieder genau da, wo’s am Anfang schon war.
Eine wirkliche Geschichte, ein vereinnahmendes All ist das nicht mehr. The Mandalorian & Grogu zeigt nur noch, auf pawlowsche Nostalgie-Reaktion vertrauend, eine Fassade von »Star Wars«. Die Maschine ohne den Geist.
Man kann’s als unabsichtlich selbstreflexiv empfinden, dass die Titelfiguren eine gesichtlose Gestalt mit spiegelndem Visierhelm und eine Handpuppe sind. Und mag Ironie sehen im heutigen Begriff für eine solche in Wahrheit inhaltsleere, austauschbare Füllung, deren Zweck nur ist, dem
Franchise-Frachtbetrieb verschiffbare Container zu liefern: Content.