Kalter Hund

Deutschland 2026 · 130 min. · FSK: ab 12
Regie: Pauline Roenneberg
Drehbuch: ,
Kamera: Bernd Effenberger
Darsteller: Lea Drinda, Victoria Mayer, Corinna Harfouch, Karoline Eichhorn, Thomas Mraz u.a.
Kalter Hund
Das Grauen der Familientafel
(Foto: Weltkino)

Die große Verdrängung

Pauline Roennebergs KALTER HUND unternimmt eine Familienaufstellung der deutschen Komödie

Es ist nicht etwa so, dass Pauline Roen­ne­berg mit Kalter Hund der deutschen Komödie abdanken möchte. Mit ihrem ersten Spielfilm hat die Münchner Doku­men­tar­fil­merin eher überlegt, wie man sie ernster nehmen könnte, ohne ihren spezi­fi­schen Charakter zu verab­schieden. Die deutsche Komödie gehört zu den besu­cher­starken Filmen, Das perfekte Geheimnis oder Der Vorname haben zu einer Revi­ta­li­sie­rung des deutschen Films beigetragen. Dabe folgen sie aller­dings meist dem billigen Rezept des Remakes: Ohnehin schon erfolg­reiche Komödien, oft erfolg­rei­cher Film­na­tionen wie Frank­reich oder Italien, werden mit deutschen Schau­spie­lern nach­ge­spielt. Dazu braucht es weder einen eigenen Stoff noch ein originäres Drehbuch.

Der Erfolg dieser Komödien liegt nicht nur in der Anlage. Es braucht auch die guten Schau­spieler, und es fällt auf, dass die Komödien über­wie­gend durch das Zusam­men­spiel eines Ensembles hervor­ste­chen, in dem bewusst auf die eine Haupt­rolle verzichtet wird. Die Filme werden zu Klas­sen­treffen: Frederick Lau, Florian David Fitz, Karoline Herfurth, Jella Haase, Elyas M’Barek. Wenn man ihnen beim Spielen zusieht, wirft man einen Blick auf das Erfolgs­re­zept des deutschen Films.

Das funk­tio­niert also weniger als klas­si­sche Charak­ter­komödie mit scha­blo­nen­haften Clashs – die Jungen gegen die Alten, oder umgekehrt, wie in Ralf Westhoffs Wir sind die Neuen – sondern als Zusam­men­spiel eines Gefüges, das sich unter Scha­den­freude und Fremd­scham selbst zersetzt. Das Ensemble kann einen Freun­des­kreis bilden, eine Schul­klasse, eine Familie. Die Mitglieder der Gemein­schaft sind anti­na­tu­ra­lis­tisch auf Typen reduziert und insgesamt auf Krawall gebürstet. Ihr Zweck ist, anein­ander zu geraten und Masken ab- sowie Fassaden einzu­reißen. Sie brechen Tabus und trans­gre­dieren das Denken und die Sprache. Fuck you, Göhte.

Angst essen Kino auf

»Wie sollen wir mit Angst gute Filme machen?« fragten Nach­wuchs­re­gis­seurin Pauline Roen­ne­berg mit Eileen Byrne (Maria­nen­graben) und 200 Erst­un­ter­zeichner im viel­be­ach­teten Manifest »Angst essen Kino auf«, das sie im April 2023 im Rahmen des Kongresses »Zukunft deutscher Film« in Frankfurt lancierten. Sie weisen darauf hin, dass eine Finan­zie­rung von Kino­filmen ohne Fern­seh­be­tei­li­gung in Deutsch­land nahezu unmöglich sei, und dass die Förder­an­stalten auf Remakes, Sequels, Roman­ad­ap­tionen, »Schen­kel­klopfer-Komödien« und bekannte Gesichter und Namen setzen. Alles andere, Origi­nal­stoffe, Newcomer, Inde­pen­dent sind im Förder­system nicht vorge­sehen und deshalb mit Angst besetzt. Angst ist indes ein psycho­lo­gi­scher Begriff, keiner aus der Wirt­schaft, wo man die Begriffe »Risiko« oder »Wagnis« kennt. Sie werden bedient, um Inves­ti­tionen anzu­kur­beln. Gerne spricht man auch von »Mut«, um neue Dinge anzu­stoßen. Warum also dieser psycho­lo­gi­sche, passi­vi­sche Begriff?

Wie dem auch immer sei. Zwei Jahre nach dem Manifest wagt Roen­ne­berg mit ihrer Komödie Kalter Hund selbst den Freiflug. Ohne die eigent­lich erfor­der­liche Sender­be­tei­li­gung in der Tasche, reicht sie ihren Film bei den Förder­stellen ein. Sie kam damit, wie sie selbst erstaunt erzählt, ziemlich gut durch. Der FFF Bayern stieg mit der Talent­för­de­rung ein, der DFFF kam als wirt­schaft­liche Förderung hinzu. Es folgten das ZDF – Das kleine Fern­seh­spiel (das Spiel­wie­sen­format für erste Filme) und eine Bürg­schaft von Veronica Ferres.

Die deutsche Groteske der Verdrän­gung

Grundlage für das erzielte Förder-Budget von etwa 600.000 Euro war ein Original-Drehbuch, das sich aus Erleb­nissen aus dem Freun­des­kreis und der eigenen Familie speist und die Komödie auf ein ernst­zu­neh­mendes Fundament stellt. Die Dialoge entstanden erst während der Dreh­ar­beiten in Impro­vi­sa­tion.

Die Grund­skizze liest sich so: Während eine Familie der Groß­bour­geoisie mühevoll versucht, die Fassade aufrecht­zu­er­halten, ist trans­ge­ne­ra­tio­nell längst alles verloren. Anlass ist der 100. Geburtstag von Opa Hermann. Die Familie versam­melt sich, der Bürger­meister kommt, eine Blas­ka­pelle spielt ihm zu Ehren ein Ständchen. Nur leider hat er mit Barbi­tu­raten Suizid begangen und wacht nun nicht mehr auf.

Während einzelne Fami­li­en­mit­glieder recht schnell heraus­finden, dass der im Bett Liegende tot ist, halten sie den Schein des Fami­li­en­ju­biläums jedoch aufrecht. Ein Leben lang haben sie das Vertu­schen gelernt. Sie entsorgen den leeren Tablet­ten­blister, um den Verdacht auf einen assis­tierten Suizid nicht aufkommen zu lassen. Die viet­na­me­si­sche Haus­häl­terin Joy, eine Vertraute des Toten, nimmt derweil das Testament an sich.

Der Tod des Patri­ar­chen bringt letztlich die Fassade zum Einsturz, die die Familie sein Leben lang aufrecht­erhalten hatte. Opa war nicht etwa, wie die Fami­li­en­saga behauptet, im Dritten Reich ein Wider­stands­kämpfer. Er war auch kein Mitläufer und kein einfacher Wehr­machts­soldat. Die Schuld, die die Familie auf sich geladen hat, ist größer. Opi hat Stauf­fen­berg erschossen.

Hier beginnt die allge­meine deutsche Groteske der Verdrän­gung.

Aus Alben verschwinden Fotos, die Tatwaffe wird aus ihrem Versteck geholt und zu Geld gemacht. Die Verdrän­gung ist auch sichtbar: Tochter Valerie (Victoria Meyer) sitzt im Rollstuhl – aus psycho­so­ma­ti­schen Gründen, wie ihr Schwester Karoline (Karoline Eichhorn) auf den Kopf zusagt. Valerie bindet wiederum die eigene Tochter an sich. Fanny wird bald 18 und wird von der Mutter als Pflegerin miss­braucht. Lea Drinda spielt sie, die Erika aus In die Sonne schauen. Fanny verguckt sich in Max (Jeremias Meyer, er war zu sehen im Debüt des Münchner Aaron Arens, Sonnen­plätze), den Sohn der Bestat­terin, der ebenfalls als Bestatter arbeitet. Spie­gelähn­liche Abhän­gig­keiten, die mehr ergeben als nur Seelen­ver­wandt­schaft. Und ein Plot, an dem das gesamte Ensemble glei­cher­maßen Anteil erhält. Das ist fein konstru­iert.

Die Familie hat auch einen toten Sohn, ein weiteres Fami­li­en­ge­heimnis, das sich lüftet. Er liebte den »Kalten Hund«, den Keks­ku­chen der 70er-Jahre. Seine Grab­platte beschwert den Kompost, ein anschau­lich geschmack­loses Bild, das den Umgang der Vertu­scher mit der Erin­ne­rungs­kultur auf den Punkt bringt.

Auf einer viel allge­mei­neren Ebene, jenseits der Politik, nimmt Roen­ne­berg außerdem den Wahnsinn »Familie« sehr ernst. Eine Fami­li­en­auf­stel­lung, von Karoline einge­leitet (und von Niels Bormann mit brutaler Beharr­lich­keit performt), ist schmerz­haft und bringt die erste Ehefrau des Toten zumindest gedank­lich zurück. Verlet­zungen, frei­lie­gende Emotionen, Angst um den eigenen Status sind der amtie­renden Witwe Marianne (Corinna Harfouch) ins Gesicht geschrieben.

Ein Mops kam in die Küche

Viel­leicht aber hat sich Roen­ne­berg gar nicht so sehr an der deutschen Komödie abge­ar­beitet. Denn insgesamt erinnern die Ausgangs­lage und die Hand­lungs­stränge an das Muster des Murder Mystery, ebenfalls ein Genre des Ensem­ble­films. Knives Out etwa nimmt seinen Anfang mit dem Suizid des Fami­li­en­ober­haupts am Tag nach seinem 85. Geburtstag. Gefunden wird er von der (spani­schen) Haus­häl­terin. Es folgt eine Befragung der Fami­li­en­mit­glieder durch einen Privat­de­tektiv – in Roen­ne­bergs Film entspricht dies der Fami­li­en­auf­stel­lung.

Das sind struk­tu­relle Ähnlich­keiten, Guss­formen des Genres, die aber keine Adap­tionen oder Remakes bedeuten.

Nicht nur die Verdrän­gung zieht sich thema­tisch durch Roen­ne­bergs Film. Der Titel breitet sich wie ein humo­ris­ti­sches Netz über unter­schied­liche Register – allein bei den Möpsen muss man an Loriot denken, weiter­ge­sponnen in dem Kinder­lied, das Marianne einmal Trost beschwö­rend summt … ein Mops kam in die Küche …, bis natürlich zum Kinder­ku­chen.

Vor allem aber stellt Roen­ne­berg die komö­di­an­ti­schen Pein­lich­keiten und Tabuü­ber­tre­tungen auf eine exis­ten­zi­elle Lebens­grund­lage. Sie nimmt ihre Figuren – mit ihren Ängsten, ihrem Trotz, ihrer Hysterie – ernst. Obwohl alles auch lustig ist und in der humo­ris­ti­schen Verdich­tung natürlich glei­cher­maßen künstlich wie köstlich.

Im Haifischbecken der Familie

Kalter Hund will ein Appell für mehr Mut im deutschen Kino sein, scheitert aber an den eigenen Vorsätzen

Schlimmer könnte es nicht kommen: Exakt an seinem 100. Geburtstag findet Marianne (Corinna Harfouch) ihren Ehemann Herrmann tot im Bett auf. In seiner Hand eine leere Schachtel Tabletten. »Arschloch«, ruft sie. Im nächsten Augen­blick steht die Familie vor der Tür. Die Kinder Valerie, Karoline, Kasimir und Enkelin Fanny, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag steht. Außerdem die lokale Presse und der Bürger­meister, im Garten baut sich eine Blas­kap­pelle auf, und die viet­na­me­si­sche Haus­häl­terin Joy darf zum Fest ebenfalls am Tisch Platz nehmen. Es dauert nicht lange, bis allen klar wird: Die Feier wird ohne den Jubilar statt­finden. Als wäre das nicht Schock genug, stellen die Erben fest, dass Herrmanns Testament verschwunden ist.

Das Spiel­film­debüt von Pauline Roen­ne­berg, die auch als Co-Autorin, Editorin und Produ­zentin fungierte, feierte auf dem dies­jäh­rigen Filmfest München seine Welt­pre­miere. Eigent­lich kommt sie vom Doku­men­tar­film und schloss mit einer Serie die Münchner HFF ab – »früher oder später« wurde 2018 beim DOK.fest München ausge­zeichnet. Danach führte sie Regie bei der Netflix-Serie »Farm Rebellion«. In ihrem Kinodebüt bringt sie etablierte Schau­spieler*innen wie Corinna Harfouch (Sterben, Das Parfum) mit Newcomer*innen wie Lea Drinda (In die Sonne schauen) zusammen.

Kalter Hund ist eine schwarze Komödie, die nach Roen­ne­bergs 2023 verfasstem Appell »Angst essen Kino auf« umgesetzt wurde. Darin kriti­siert sie mit zwei weiteren Filme­ma­che­rinnen die Mutlo­sig­keit und fehlende Risi­ko­be­reit­schaft der deutschen Film­in­dus­trie. Sie schritt selbst zur Tat und produ­zierte mit ihrer Produk­ti­ons­firma Milk Pictures den Film. Ihr Manifest und ihr Vorgehen sind zu bewundern. Jedoch: Mit ihrem Debüt hat sie leider nicht mehr Mut bewiesen.

Die meiste Zeit über bewegt sich der Film in bekanntem Terrain. Hin und wieder gibt es eine derbe Punchline, wenn von der Nazi-Vergan­gen­heit Herrmanns berichtet wird oder Marianne plötzlich zur Waffen­dea­lerin avanciert. Das sind kleine Ausbre­cher in einer ansonsten fern­seh­taug­li­chen Tragi­komödie. Einige Kari­ka­turen wirken aus der Zeit gefallen, wie die spiri­tu­elle Tochter Karoline und der Hippie-Coach Ingo. Ohnehin ist der narrative Einfall der Fami­li­en­auf­stel­lung weniger gelungen. In einem Film, wo das Chaos ausbre­chen und die Angehö­rigen sich zerflei­schen sollen, werden die Figuren gezähmt. Sollte genau das Roen­ne­bergs Film doch gemäß Manifest nicht vermeiden? Frei, mutig, an keine Konven­tionen gebunden?

Die Schock­spitzen fühlen sich allzu zahm an. Die Skandale sind abge­schwächt, gut vorzeigbar und dadurch wenig provo­kativ. Man denke an den Kuss zwischen Fanny und dem Bestat­ter­jungen Max oder den Unfall am Ende, der auf der Haben­seite wohl die gemeinste Szene des Films ist. Der deutsche Film Beule (Kinostart im letzten Jahr) war bereits gewagter vorge­gangen, wenn­gleich auch dieser kein wirklich gelun­genes Beispiel für einen mutigen Film ist.

Das zuneh­mende Ausfransen der Handlung in Einzel­stränge verschenkt außerdem das Potenzial des beklem­menden und räumlich begrenzten Schau­platzes des Fami­li­en­an­we­sens. Die Spannung geht dadurch verloren. Fanny sucht nach der Identität ihres Vaters und verliebt sich in Max, Karoline und Ingo leiten ein scha­ma­ni­sches Abschieds­ri­tual an und Marianne landet mit Tochter Valerie auf einem zwie­lich­tigen Hütten­fest. Für die Zerflei­schung wäre doch das Fami­li­en­an­wesen ein wahreres Haifisch­be­cken gewesen.

Ein Arschloch zu Beginn und der Witz im Abschluss­dialog – alles dazwi­schen ist deutsches Stan­dard­kino. Das reicht nicht aus, um einen mutigen Film zu machen. Bis auf die schel­misch-bedroh­liche Musik, die stark an die Serie »White Lotus« erinnert, gibt es nichts, was ihn besonders macht. Schluss­end­lich fehlt der Mut, den deutschen Fern­seh­film endgültig abzusägen.