| Deutschland 2026 · 130 min. · FSK: ab 12 Regie: Pauline Roenneberg Drehbuch: Pauline Roenneberg, Britta Schwem Kamera: Bernd Effenberger Darsteller: Lea Drinda, Victoria Mayer, Corinna Harfouch, Karoline Eichhorn, Thomas Mraz u.a. |
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| Das Grauen der Familientafel | ||
| (Foto: Weltkino) | ||
Schlimmer könnte es nicht kommen: Exakt an seinem 100. Geburtstag findet Marianne (Corinna Harfouch) ihren Ehemann Herrmann tot im Bett auf. In seiner Hand eine leere Schachtel Tabletten. »Arschloch«, ruft sie. Im nächsten Augenblick steht die Familie vor der Tür. Die Kinder Gisela, Anja, Kasimir und Enkelin Fanny. Außerdem die lokale Presse und der Ortsvorsteher, im Garten baut sich eine Blaskappelle auf, und Haushälterin Joy darf zum Fest ebenfalls am Tisch platznehmen. Es dauert nicht lange, bis allen klar wird: Die Feier wird ohne den Jubilar stattfinden. Als wäre das nicht Schock genug, stellen die Erben fest, dass Herrmanns Testament verschwunden ist.
Das Spielfilmdebüt von Pauline Roenneberg, die als auch Co-Autorin, Editorin und Produzentin fungierte, feierte auf dem diesjährigen Filmfest München seine Weltpremiere. Eigentlich kommt sie vom Dokumentarfilm und schloss mit einer Serie die Münchner HFF ab – »früher oder später« wurde 2018 beim DOK.fest München ausgezeichnet. Danach führte sie Regie bei der Neftlix-Serie »Farm Rebellion«. In ihrem Kinodebüt bringt sie etablierte Schauspieler*innen wie Corinna Harfouch (Sterben, Das Parfum) mit Newcomer*innen wie Lea Drinda (In die Sonne schauen) zusammen.
Kalter Hund ist eine schwarze Komödie, die im Sinne von Roennebergs 2023 verfassten Appells »Angst essen Kino auf« umgesetzt wurde. Darin kritisiert sie mit zwei weiteren Filmemacherinnen die Mutlosigkeit und fehlende Risikobereitschaft der deutschen Filmindustrie. Sie schritt selbst zur Tat und produzierte mit ihrer Produktionsfirma Milk Pictures den Film. Ihr Manifest und ihr Vorgehen sind zu bewundern. Jedoch: Mit ihrem Debüt hat sie leider nicht mehr Mut bewiesen.
Die meiste Zeit über bewegt sich der Film in bekanntem Terrain. Hin und wieder gibt es eine derbe Punchline, wenn von der Nazi-Vergangenheit Herrmanns berichtet wird oder Marianne plötzlich zur Waffendealerin avanciert. Das sind kleine Ausbrecher in einer ansonsten fernsehtauglichen Tragikomödie. Einige Karikaturen wirken aus der Zeit gefallen, wie die spirituelle Tochter Anja und der Hippie-Coach Ingo. Ohnehin ist der narrative Einfall der Familienaufstellung weniger gelungen. In einem Film, wo das Chaos ausbrechen und die Angehörigen sich zerfleischen sollen, werden die Figuren gezähmt. Sollte genau das Roennebergs Film doch gemäß Manifest nicht vermeiden? Frei, mutig, an keine Konventionen gebunden?
Die Schockspitzen fühlen sich allzu zahm an. Die Skandale sind abgeschwächt, gut vorzeigbar und dadurch wenig provokativ. Man denke an den Kuss zwischen Fanny und dem Bestatterjungen Max oder den Unfall am Ende, der auf der Habenseite wohl die gemeinste Szene des Films ist. Der deutsche Film Beule (Kinostart im letzten Jahr) war bereits gewagter vorgegangen, wenngleich auch dieser kein wirklich gelungenes Beispiel für einen mutigen Film ist.
Das zunehmende Ausfransen der Handlung in Einzelstränge verschenkt außerdem das Potenzial des beklemmenden und räumlich begrenzten Schauplatzes des Familienanwesens. Die Spannung geht dadurch verloren. Fanny sucht nach der Identität ihres Vaters und verliebt sich in Max, Anja und Ingo leiten ein schamanisches Abschiedsritual an und Marianne landet mit Tochter Gisela auf einem zwielichtigen Kneipenfest. Für die Zerfleischung wäre doch das Familienanwesen ein wahreres Haifischbecken gewesen.
Ein Arschloch zu Beginn und der Witz im Abschlussdialog – alles dazwischen ist deutsches Standardkino. Das reicht nicht aus, um einen mutigen Film zu machen. Bis auf die schelmisch-bedrohliche Musik, die stark an die Serie »White Lotus« erinnert, gibt es nichts, was ihn besonders macht. Schlussendlich fehlt der Mut, den deutschen Fernsehfilm endgültig abzusägen.