| Belgien/F 2025 · 106 min. · FSK: ab 12 Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne Kamera: Benoît Dervaux Darsteller: Lucie Laruelle, Babette Verbeek, Elsa Houben, Janaïna Halloy Fokan, Samia Hilmi u.a. |
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| Zu jung, um eine Familie zu sein | ||
| (Foto: Wild Bunch) | ||
Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne wurden international schlagartig berühmt, als sie 1999 mit Rosetta den Wettbewerb in Cannes von hinten aufrollten und die Goldene Palme gewannen. Es folgten neun weitere Cannes-Teilnahmen, eine weitere Goldene Palme für L’enfant (2005). Auch Jeunes méres – Junge Mütter gewann letztes Jahr in Cannes, den Drehbuchpreis. Auch wenn sich die Arbeitsweise der Brüder mittlerweile etabliert hat und als bekannt vorausgesetzt wird, und ihre Filme für eine gewisse Verlässlichkeit statt für ein revolutionäres Kino stehen. Beachtlich ist, dass sie diesmal im Ensemble gleich mehrere Geschichten zugleich erzählen. Wie sie diese verweben und die Figuren miteinander in Tuchfühlung bringen, zeigt ihre große Meisterschaft. Mit einem bravourös komponierten Drehbuch erzählen sie facettenreich aus dem Leben junger Mütter.
Wir tauchen ein in die verschiedenen Schicksale Minderjähriger, die sich in einer Betreuungseinrichtung treffen. Perla (Lucie Laruelle) hat unter ihrer alkoholkranken Mutter gelitten, der Vater des Neugeborenen kommt gerade aus dem Knast, will nichts von dem Baby wissen. Sie hadert mit der Aussicht, eine alleinerziehende Mutter zu werden. Jessica (Babette Verbeek) ist selbst ein Kind, das von ihrer Mutter als Baby weggegeben wurde. Sie möchte ihr Schicksal nun gutmachen, indem sie ihr Kind behält, muss dafür aber erst ihre große seelische Verletzung aufarbeiten. Ariane (Janaina Halloy) wurde von ihrer übergriffigen und selbstsüchtigen Mutter (Christelle Cornil) dazu gedrängt, das Kind zu bekommen. Nun will die Oma es für sich behalten, Ariane aber geht den Weg der Emanzipation.
Es kommen noch zwei weitere Geschichten zu diesen emotional aufgeladenen Schicksalen hinzu. Die Methode der Brüder, die Schauspielerinnen aus nächster Nähe zu führen – oft sehen wir sie im Close-up, während die Umgebung in den Hintergrund tritt – und ihnen die denkbar größte, fast dokumentarische Natürlichkeit abzuringen, ist meisterlich. Schmerzvolle Emotionen werden im stillen Ertragen der Hindernisse freigesetzt. Wenn es zu einem Schreien kommt, ist dies aus der Situation heraus nachfühlbar, niemals wird die Tonlage unangemessen oder hysterisch.
Empathisch wird nicht nur inszeniert. Die jungen Mütter werden von einer sozialen Einrichtung aufgefangen, die ihnen größtmöglichen Schutz gibt und sie gleichzeitig dazu bringt, verantwortungsvolle Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Die Sozialarbeiterinnen suchen mit ihrer Geduld, ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Weitsichtigkeit ihresgleichen.
Ein positiver Blick auf die heilsame Kraft der Institutionen, mit denen die Brüder Dardenne ihren britischen Kollegen Ken Loach korrigieren. Ob Utopie oder ein beneidenswertes Funktionieren von sozialen Einrichtungen in Belgien, bleibt offen. Wichtig sind die optimistische Grundierung und der zugrundeliegende Humanismus, der an das Gute in den Menschen glaubt. Und selbst wenn es ein Märchen sein sollte, das sich von der Realität entfernt: Die Brüder Dardenne entlassen ihre Figuren mit einem Happy End. Denn das ist die Geschichte, die sie erzählen wollen. Das ist die utopische Welt, die sie in ihren Filmen wirklich werden lassen.