Isadoras Kinder

Les enfants d'Isadora

Frankreich 2019 · 84 min. · FSK: ab 0
Regie: Damien Manivel
Drehbuch:
Kamera: Noé Bach
Schnitt: Dounia Sichov
Darsteller: Agathe Bonitzer, Manon Carpentier, Julien Dieudonné u.a.
Anleitung sich zu spüren
(Foto: Eksystent / Shellac)

Initiation in den Körper

»Ich habe mein Tanzen nicht erfunden. Das exis­tierte lange vor mir. Seit Jahr­hun­derten schlief er, und mein Kummer hat ihn wieder geweckt.« (Isadora Duncan)

In drei Teilen erzählt der ehemalige Tänzer Damien Manivel in Isadoras Kinder von der legen­dären ameri­ka­ni­schen Tanz­pio­nierin Isadora Duncan, die als eine der Erfin­de­rinnen des modernen Tanzes gilt. In Paris Calli­grammes von Ulrike Ottinger sah man zuletzt in Archiv­bil­dern ihren Bruder Raymond in selbst­ge­fer­tigter Toga durch die Straßen von Paris laufen, eine Hommage an seine früh bei einem Auto­un­fall verstor­bene Schwester. Isadora hatte mit ihrer modernen, neuar­tigen Tanz­sprache die reli­giösen Darbie­tungen der Antike wieder­ent­deckt, und mit Organik und Intuition der Bewe­gungen dem Körper einen natür­li­chen Platz eingeräumt. Das war um die Jahr­hun­dert­wende, als das klas­si­sche Ballett noch unan­ge­fochten seine Formel­haf­tig­keit auf die Bühnen tragen konnte, eine echte Provo­ka­tion.

Isadoras Kinder, denen der Film gewidmet ist, starben im Klein­kind­alter, als der Chauffeur das Auto in die Pariser Seine lenkte, weil er die Bremse nicht fand. Das war 1913, Isadora war gerade mal Mitte dreißig und hat sich von dem Verlust ihrer Kinder nie wieder erholt.

Im Film sieht man eine Studentin in einem Café in Paris sitzen. Sie ist Tanz­stu­dentin – was sich aber erst später erschließt – und bereitet das Stück »Mother« von Isadora Duncan vor, in dem diese den Tod ihrer Kinder zu verar­beiten sucht. Zunächst sieht man jedoch nur, wie die Studentin Duncans Auto­bio­gra­phie »Ma vie« (»Mein Leben«) liest. Der Film fängt so zwar sehr enig­ma­tisch an, weil die Zusam­men­hänge der Szenen und die Bilder, die einem gezeigt werden – aus dem Fenster oder aus Büchern – unklar bleiben. Auf der anderen Seite ist das aber auch sehr faktisch. Die biogra­phi­schen Daten werden voraus­ge­schickt, die Fotos von Duncan sind leicht zuor­denbar. Wir vertrauen ganz auf Agathe Bonitzer, die sich hier als Tänzerin, die einen Akt der Kreation durch­läuft, auf gewisse Weise selbst spielt. Es ist ein in sich versun­kener, nach innen gekehrter Prozess. Agathe ist konzen­triert, auf sich gestellt.

Filme über das Suchen und Finden, das sich ohne viel Dialog vollzieht, sind eine Spezia­lität von Manivel. Mit seinem Debüt Un jeune poète hat er 2014 in Locarno für andäch­tige Furore gesorgt. Darin hat er von einem jungen Orien­tie­rungs­losen, Möch­te­gern-Poeten erzählt, der seinen Tag mit Herum­schlen­dern und Beob­ach­tungen in einem Städtchen am Mittel­meer verbringt. Das war voll lako­ni­schem Witz und voll Präzision. Manivel ist ein unkon­ven­tio­neller Dichter des Kinos, der sich als Film-Lyriker auch nicht um die Narra­tivik scheren muss. Manivels Werke sind frei schwe­bende, leichte Studien, auf die man sich bedin­gungslos einlassen muss – und kann. Wie in seinem zweiten Film Le parc (2016), in dem er von einem Rendez-vous zwischen einem Mädchen und einem Jungen erzählt. Es ist ein vorsich­tiges Sich-Heran­tasten, das nicht aufgelöst wird. Später geht das Mädchen dann nur noch rückwärts. Das ist verstö­rend und poetisch zugleich und steckt voll tiefer Meta­phorik.

Ähnlich enig­ma­tisch lässt sich Isadoras Kinder an. Im zweiten Teil des Films studiert Manon Carpen­tier, Schau­spie­lerin mit Down­syn­drom, ebenfalls »Mother« ein. Jetzt befinden wir uns ganz im Prozess der Proben: nach der Inspi­ra­tion im ersten Teil folgt jetzt die Tran­spi­ra­tion. Im dritten Teil schließ­lich verschwinden wie zuvor bereits die Figuren, um einer dritten Prot­ago­nistin Platz zu machen: der beein­dru­ckenden Elsa Wolliaston, die der Auffüh­rung von »Mother« mit Manon Carpen­tier beigewohnt hat.
Die über sieb­zig­jäh­rige jamai­ka­ni­sche Tänzerin erfüllt den Film schließ­lich mit Präsenz und bringt mit ihrem fülligen Körper und den geschun­denen Füßen Authen­ti­zität herein.

Isadoras Kinder ist ein Film über Perfor­mance und die Wahrheit des Körpers. Des tanzenden, des behin­derten, des alten Körpers. Zwischen den Bildern ergibt sich diese Wahrheit, schwebend und langsam. Am Ende dieser Suche und Reise durch die Körper hat man selbst nicht weniger als eine Initia­tion durchlebt.

Isadoras Kinder startet am 20.03.2020 wegen der Corona-Virus-Pandemie vorerst nur online. Sie können das Kino auswählen, dem ein Teil der Einnahmen zugute kommt. Support your local cinema!