| Deutschland 2026 · 95 min. · FSK: ab 12 Regie: Jutta Brückner Drehbuch: Jutta Brückner Kamera: Daniela Knapp Darsteller: Corinna Harfouch, Carla Juri, Hildegard Schmahl, Nina Kunzendorf, Samuel Finzi u.a. |
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| Wie vererben sich Rollenbilder? | ||
| (Foto: X Filme / Warner) | ||
Archäologen graben nicht nach Dingen. Sie graben nach Zeit. Jede freigelegte Schicht verändert die Bedeutung der nächsten, jede Ausgrabung erzählt ebenso viel über die Gegenwart wie über die Vergangenheit. Dass Jutta Brückner ausgerechnet eine Archäologin zur Protagonistin ihres neuesten Films macht, ist deshalb weit mehr als eine nette Metapher. Denn nach einem halben Jahrhundert schließt sie mit Im Spiegel meiner Mutter jene autobiografische Trilogie ab, die 1975 mit Tue Recht und scheue niemand begann und mit Hungerjahre zu einem der wichtigsten feministischen Filme des Neuen Deutschen Kinos wurde. Auch dieser Film versteht Erinnerung als Ausgrabung: Schicht für Schicht legt Ursula Scheuner nicht nur ihre eigene Biografie frei, sondern zugleich die Geschichte einer Generation von Frauen, deren Leben zwischen Krieg, Nachkriegszeit, konservativen Rollenvorstellungen und den Versprechen des Wirtschaftswunders eingeklemmt wurde. Wie massiv dieses „Eingeklemmtsein“ gerade innerhalb Mutter-Tochter-Diaden sein kann, zeigt übrigens auch Annie Ernaux in ihrem autofiktionalen Roman Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus, oder Melanie Lischker in ihrer eindrücklichen Dokumentation Bilder (m)einer Mutter – es ist ein Thema, das wichtig ist und immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält.
Gerade deshalb begegnet man Brückners Film auch mit großem Respekt. Kaum eine deutsche Regisseurin hat das Verhältnis von Biografie und Gesellschaft so beharrlich untersucht wie Jutta Brückner. Für sie war die Mutter nie bloß Mutter, sondern immer auch eine historische Figur. Die Familie war niemals privater Rückzugsraum, sondern der kleinste politische Ort der Gesellschaft. Das Persönliche und das Gesellschaftliche waren in ihrem Kino nie Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Erfahrung.
Diese Perspektive macht Im Spiegel meiner Mutter bis heute interessant. Sie macht ihn allerdings nicht automatisch zu einem gelungenen Film.
Dabei ist der Ausgangspunkt durchaus überzeugend angelegt. Ursula, inzwischen renommierte Archäologieprofessorin, verliert ihre hochbetagte Mutter und stößt gleichzeitig bei Ausgrabungen im Moor auf einen sensationellen Fund. Vergangenheit und Gegenwart beginnen ineinander überzugehen, Erinnerungen mischen sich mit Visionen, eine rätselhafte Assistentin scheint mehr über Ursulas Leben zu wissen als diese selbst. Alles ist darauf angelegt, die Tiefenschichten einer Biografie freizulegen.
Doch genau hier beginnt der Film seinem eigenen Konzept zu misstrauen.
Fast jedes Bild trägt Bedeutung. Die Moorleiche. Das Moor selbst. Der Spiegel. Der Keller. Die Baustelle an der Universität. Die geheimnisvolle Mel. Kaum etwas darf einfach nur existieren. Alles verweist auf etwas anderes, alles verlangt nach Deutung. Aus der archäologischen Suche wird eine Illustration der Suche. Dabei formulierte Brückner selbst einmal im Gespräch mit Erika Richter, warum sie Filmemacherin und nicht Schriftstellerin geworden sei: »Worte kommen ganz stark von innen, Bilder kommen von außen.« Bilder, so könnte man diesen Gedanken verstehen, besitzen eine Offenheit, die Sprache häufig verliert. Sie zeigen, ohne abschließend zu erklären. Ausgerechnet Im Spiegel meiner Mutter scheint dieser Offenheit jedoch nicht mehr ganz zu vertrauen: Denn immer wieder erläutern Dialoge hier noch einmal, was die Bilder längst erzählt haben. Die Musik unterstreicht Emotionen mit beinahe demonstrativer Beharrlichkeit. Symbol auf Symbol schichtet sich übereinander, bis kaum noch Leerstellen bleiben, in denen der Betrachter eigene Erfahrungen oder Gedanken entfalten könnte. Aus Mehrdeutigkeit wird Eindeutigkeit.
Dabei besitzt Im Spiegel meiner Mutter durchaus Momente von großer Kraft. Gleich zu Beginn steht Ursula ihrer dementen Mutter gegenüber. Beide betrachten sich nicht direkt, sondern über einen Spiegel. »Du bist ja eigentlich der Mittelpunkt von meiner Person. Du bist ja eigentlich mein einziger Besitz«, sagt die Mutter. In diesen wenigen Worten verdichtet sich plötzlich ein ganzes Jahrhundert weiblicher Biografien. Liebe erscheint nicht mehr als Fürsorge, sondern als Besitzanspruch. Die Mutter spricht von Zuneigung und formuliert zugleich vollständige Vereinnahmung. Genau solche Szenen erinnern daran, warum Jutta Brückners Kino über Jahrzehnte so wichtig gewesen ist. Es interessiert sich nie nur für individuelle Verletzungen, sondern immer auch für deren gesellschaftliche Prämissen.
Corinna Harfouch trägt diese Ambivalenz mit der ihr eigenen und in den letzten Jahre perfektionierten Rolle unterkühlter, distanzierter Disziplin, man denke etwas an ihre Rollen in Sterben, Lara oder Was man von hier sehen kann oder auch in dem ebenfalls auf dem 43. Filmfest München präsentierten Kalter Hund. Ihre Ursula wirkt wie eine Frau, die ihr gesamtes Leben damit verbracht hat, Distanz zu einer Liebe aufzubauen, die sie gleichzeitig geprägt und beschädigt hat. Harfouch spielt diese Erstarrung mit minimalen Gesten und kontrollierter Körperlichkeit. Umso bedauerlicher ist es, dass der Film ihr immer wieder die Luft zum Atmen nimmt. Wo ihre Blicke sprechen könnten, sprechen häufig schon die Dialoge oder die Musik.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Dilemma dieses Films. Er möchte die komplizierten Verflechtungen von Mutterliebe, Schuld, Erinnerung und weiblicher Sozialisation sichtbar machen. Doch indem er nahezu jede Metapher absichert und nahezu jedes Symbol noch einmal erklärt, nimmt er den Bildern jene Freiheit, aus der Brückners Kino einst seine größte Kraft bezog.
Dennoch wäre es falsch, Im Spiegel meiner Mutter ausschließlich an seinen erzählerischen Schwächen zu messen. Als Abschluss einer über fünf Jahrzehnte gewachsenen Trilogie besitzt der Film eine außergewöhnliche, auch filmhistorische Bedeutung. Brückner erzählt nicht einfach ihre eigene Geschichte zu Ende. Sie zieht zugleich Bilanz über ein Jahrhundert weiblicher Erfahrung in Deutschland: von den Müttern der Kriegs- und Nachkriegsgeneration bis zu den Töchtern, die sich aus diesen familiären und gesellschaftlichen Prägungen zu lösen versuchen, ohne ihnen jemals vollständig entkommen zu können.
So bleibt Im Spiegel meiner Mutter ein Film, den man vielleicht eher bewundert als liebt. Er schließt einen einzigartigen Werkkomplex des Neuen Deutschen Films ab und hält an Fragen fest, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Wie schreiben sich gesellschaftliche Verhältnisse in Familien ein? Wie vererben sich Rollenbilder? Und wie lässt sich die Vergangenheit freilegen, ohne sie endgültig festzuschreiben?