| Deutschland 2026 · 121 min. · FSK: ab 12 Regie: Volker Schlöndorff Drehbuchvorlage: Jenny Erpenbeck Drehbuch: Volker Schlöndorff Kamera: Axel Schneppat Darsteller: Martina Gedeck, Lars Eidinger, Susanne Wolff, Michael Maertens, Ulrich Matthes u.a. |
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| Die Gespenster von morgen... | ||
| (Foto: Studiocanal) | ||
„Kennst du den? Also.“
Sie muß selbst noch einmal lachen, obwohl sie den Witz schon oft erzählt hat, sie lacht, und die anderen lachen sowieso, sie lacht wirklich gern, als Kind hat sie sich manchmal festgelacht, so hat das ihr Vater genannt, festgelacht als hielte ihr Körper das Lachen fest, wolle es partout nicht mehr hergeben, und schüttele sich noch und noch ohne ihr Zutun.
– Die Frau des Architekten in: Jenny Erpenbeck, 2007, Heimsuchung
Es könnte kaum eine glücklichere Fügung geben: Ausgerechnet Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung, der inzwischen zum Kanon der deutschen gymnasialen Oberstufe gehört und in mehreren Bundesländern Abiturlektüre ist, ist von jenem Regisseur verfilmt worden, der wie kaum ein anderer für die große Tradition deutscher Literaturverfilmungen steht. Volker Schlöndorff, inzwischen 87 Jahre alt, hat sich noch einmal eines literarischen Schwergewichts angenommen. Und man darf vermuten, dass nicht wenige Schülerinnen und Schüler darüber erleichtert sein werden. Denn Erpenbecks Roman ist alles andere als leichte Kost: ein weitgehend dialogfreies, kunstvoll verschachteltes Werk, dessen Sprache, Rhythmus und Konstruktion mindestens ebenso wichtig sind wie das, was erzählt wird.
Doch wer eine bloße Bebilderung des Romans erwartet, dürfte überrascht sein. Schlöndorff hat das richtige Gespür für seine Vorlage und tut genau das, was eine gute Literaturverfilmung tun muss: Er nimmt sich die Freiheit, das literarische Original zu verändern, ja gewissermaßen zu enteignen, um daraus etwas genuin Filmisches zu schaffen. Stanley Kubricks Barry Lyndon ist vielleicht das beste Beispiel für diese Form künstlerischer Aneignung, bei der die Treue zum Buch gerade durch die Untreue zu seiner Form entsteht. Schlöndorffs Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte folgt diesem Prinzip ebenfalls. Und das äußerst souverän.
Dass Schlöndorff sich seiner eigenen filmischen Vergangenheit dabei durchaus bewusst ist, deutet eine kleine, fast beiläufige Besetzungsentscheidung an: David Bennent, der 1979 als Oskar Matzerath in Schlöndorffs Die Blechtrommel Filmgeschichte schrieb, tritt hier als alter, warnender Soldat auf. Damals gewann Schlöndorff mit seiner Grass-Verfilmung die Goldene Palme in Cannes und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Fast ein halbes Jahrhundert später erzählt er erneut deutsche Geschichte anhand eines literarischen Stoffes. Doch wo Die Blechtrommel Geschichte durch die groteske Perspektive eines Kindes brach, lässt Heimsuchung die Zeit selbst zur eigentlichen Hauptfigur werden.
Im Mittelpunkt steht ein Grundstück an einem märkischen See, das in den 1920er Jahren aufgeteilt und verkauft wird. Ein jüdischer Tuchfabrikant erwirbt einen Teil, auf dem anderen errichtet ein ehrgeiziger Architekt ein Haus im Stil der Neuen Sachlichkeit. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geraten die Besitzverhältnisse in Bewegung. Der jüdische Fabrikant muss fliehen, der Architekt kann dessen Grundstück zu einem Spottpreis erwerben und träumt davon, gemeinsam mit Albert Speer das neue Berlin zu gestalten. Nach dem Krieg macht er zunächst in Ost-Berlin Karriere, bevor er in der DDR in Ungnade fällt und in den Westen flüchtet. Das Haus wird schließlich zum Rückzugsort eines kommunistischen Ehepaars, das aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrt ist. Doch auch ihre vermeintliche Heimat wird sich als brüchig erweisen.
Was Erpenbeck in ihrem Roman als komplexes Geflecht aus Zeitsprüngen, Leerstellen, wiederkehrenden Motiven und autofiktionalen Elementen konstruiert, ordnet Schlöndorff weitgehend chronologisch. Eine Entscheidung, die zunächst wie eine Vereinfachung erscheinen mag, tatsächlich aber eine ganz andere Qualität des Erzählens ermöglicht. Während Erpenbecks Text seine Wirkung gerade aus der personalen Fragmentierung der Geschichte bezieht, lässt Schlöndorff die historischen Schichten nacheinander sichtbar werden. Nicht das Rätsel ihrer Anordnung steht im Mittelpunkt, sondern die Erfahrung ihrer Vergänglichkeit.
Das unterscheidet den Film auch von anderen jüngeren Werken, die Geschichte über einen bestimmten Ort und seine wechselnden Bewohner erzählen. Mascha Schilinskis In die Sonne schauen etwa entfaltet seine Familiengeschichten in einer konsequent nichtlinearen Struktur, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Robert Zemeckis wiederum hat in Here nach Richard McGuires bahnbrechendem Comic die Geschichte eines Ortes über Jahrhunderte hinweg erzählt, wobei die Kamera nahezu unverrückbar in einem einzigen Wohnzimmer verharrt. Auch dort wird das individuelle Leben zur flüchtigen Episode in einem ungleich größeren zeitlichen Zusammenhang.
Erstaunlich ist, dass sich gerade zwei Altmeister wie Zemeckis und Schlöndorff diesem Thema zuwenden, das mit zunehmendem Alter womöglich eine ganz andere Dringlichkeit erhält: der Erfahrung, dass Orte bleiben, während die Menschen verschwinden, und dass das, was einem Leben seine Bedeutung verleiht, für die nachfolgenden Generationen oft nur noch eine kaum lesbare Spur ist.
Doch anders als Zemeckis, der in Here vor allem die Banalität des Alltags und dessen emotionale Kontinuitäten seziert, interessiert Schlöndorff die unauflösliche Verflechtung von privater Existenz und politischer Geschichte. Niemand lebt hier außerhalb der Geschichte. Jeder Besitzwechsel, jede Liebesbeziehung, jede familiäre Entscheidung ist von politischen Verhältnissen durchwirkt, die sich dem Einzelnen oft erst erschließen, wenn es längst zu spät ist.
Besonders eindringlich wird das in der Figur des Architekten deutlich, den Lars Eidinger mit einer Mischung aus grotesker Selbstgefälligkeit, fast schon absurder Äußerlichkeit, Opportunismus und verletzter Eitelkeit spielt. Es ist ein Mann, der es versteht, sich mit den wechselnden politischen Systemen zu arrangieren, solange sie seinen persönlichen Ambitionen dienen. Eidinger macht daraus keine bloße Karikatur eines deutschen Mitläufers, sondern eine Figur, deren moralische Beweglichkeit gerade deshalb so verstörend wirkt, weil sie sich selbst stets im Recht glaubt und von Eidinger fast ein wenig wie ein Widergänger von Heinrichs Manns Untertan Diederich Heßling verkörpert wird.
Ihm gegenüber steht eine großartige Susanne Wolff als Frau des Architekten, deren Leben von den gesellschaftlichen und ehelichen Machtverhältnissen ebenso bestimmt wird wie von den historischen Katastrophen. Besonders hier zeigt sich, wie entschieden Schlöndorff seine Vorlage umgestaltet. Wo Erpenbeck Leerstellen lässt und das Unausgesprochene zum zentralen Bestandteil ihrer Poetik macht, findet der Film Bilder und schließlich auch Worte für Erfahrungen, die im Roman nur indirekt zugänglich sind. Die Vergewaltigung durch einen jungen sowjetischen Soldaten wird dabei zu einem fast schon verblüffenden Moment, in dem sich Verletzung, Verzweiflung und der Wunsch nach Selbstermächtigung auf widersprüchlichste Weise überlagern. Es ist eine Selbstermächtigung, die dieser Frau innerhalb ihrer Ehe verwehrt geblieben ist.
Überhaupt ist es die große Leistung dieses Films, dass Schlöndorff die Leerstellen der Literatur nicht einfach schließt, sondern durch andere ersetzt. Sein Film erklärt keineswegs alles, er lässt Blicke, Gesten und räumliche Beziehungen für sich sprechen. Wo Erpenbeck die Welt durch Sprache erschafft, vertraut Schlöndorff auf die Ausdruckskraft des Kinos. Axel Schneppats Kamera findet Bilder von einer beinahe schmerzhaften Schönheit – man denke nur an den Geisterreigen am Anfang und Ende des Films – in denen die Landschaft, das Haus und seine Bewohner für Augenblicke zu einer Einheit verschmelzen, nur um im nächsten Moment wieder auseinanderzufallen.
Eine besondere Rolle spielt dabei der Gärtner. Im Roman ist er eine rätselhafte, beinahe mythische Figur, die unabhängig von den wechselnden Eigentümern über Jahrzehnte hinweg und ohne äußerlich zu altern den Garten bearbeitet und damit eine andere, zyklische Zeitordnung verkörpert. Schlöndorff nimmt ihm einen Teil dieser magisch-realistischen Aura und macht ihn stärker zum Beobachter, zum stillen Zeugen der Geschichte. Er wird damit auch zu einem Stellvertreter des Zuschauers, der sieht, wie Menschen kommen und gehen, während die Natur ihren eigenen Rhythmus behauptet.
Und dann ist da noch das großartige Score von Annette Focks, das den Film nicht bloß begleitet, sondern seine zeitliche Struktur emotional verdichtet. Gerade in den ruhigen Übergangsmomenten, wenn eine Epoche endet und eine andere beginnt, entwickelt der subtile musikalische Einsatz eine fast schon unheimliche Qualität, als würde unter der sichtbaren Oberfläche des Alltags etwas Bedrohliches, Geisterhaftes, weiterleben. Mitunter erinnert diese Musik eher an einen Horrorfilm als an ein historisches Drama. Doch das ist nur konsequent: Schließlich erzählt Heimsuchung auch von den Gespenstern deutscher Geschichte, die sich nicht vertreiben lassen und auch noch in unserer Gegenwart wirken.
Schlöndorff unterstreicht diesen Zusammenhang durch historische Originalaufnahmen des zerstörten Berlin und durch Willy Brandts berühmten Aufruf, doch mehr Demokratie zu wagen. Beides soll zwar wie auch die Briefmarken im Film auch Zeitmarkierung sein, wirkt dabei aber nie wie eine historische Illustration, sondern wie eine Mahnung an die Gegenwart. Denn die politischen Verhältnisse, die das Leben der Figuren bestimmen, sind keineswegs abgeschlossene Kapitel. Eigentum und Enteignung, Flucht und Vertreibung, Anpassung und Widerstand, die Frage nach persönlicher Verantwortung in autoritären Systemen: all das hat nichts von seiner Aktualität verloren.
Dass dieser Film dennoch niemals zum geschichtspolitischen Lehrstück erstarrt, verdankt er seinem hervorragenden Ensemble. Martina Gedeck verleiht der Schriftstellerin mit ihrer kommunistischen Vergangenheit eine stille, flirrende Autorität, Ulrich Matthes gibt dem jüdischen Tuchfabrikanten eine wirksame Würde, die weit über seine begrenzte Präsenz hinausreicht, und Angela Winkler gelingt als Umsiedlerin mit wenigen Gesten und Szenen das Porträt eines ganzen, aber zunehmend verlorenen Lebens. Man merkt, dass Schlöndorff nicht nur seinen Schauspielern vertraut, sondern vor allem auch der Fähigkeit des Kinos, komplexe Erfahrungen in einem einzigen Gesicht sichtbar werden zu lassen.
Am Ende bleibt ein Film, der seinem literarischen Ursprung gerade deshalb gerecht wird, weil er sich von ihm emanzipiert. Erpenbecks Heimsuchung ist ein Roman der Leerstellen, der Wiederholungen und der sprachlichen Verdichtung. Schlöndorffs Heimsuchung ist ein Film der Bilder, der Übergänge und der emotionalen Vergegenwärtigung. Was im Buch als sprachliche Konstruktion erfahrbar wird, gewinnt auf der Leinwand eine sinnliche Unmittelbarkeit, die weit über eine bloße Illustration hinausgeht.
Ein Tag kann hier ein ganzes Leben enthalten, und ein Jahrhundert vergeht bisweilen wie ein einziger Tag. Das ist die eigentliche Größe von Schlöndorffs Film: Er macht die Zeit sichtbar, ohne sie erklären zu müssen. Und er erinnert daran, dass jede vermeintlich dauerhafte Ordnung, jedes Eigentum, jede Heimat und letztlich jedes Leben nur eine Episode in einem größeren Zusammenhang ist. Und vielleicht ist es sogar der bessere „Heimsuchung“-Text. Nicht weil er Erpenbecks Roman überflüssig machen würde, sondern weil er dessen literarische Möglichkeiten in eine Filmsprache übersetzt, die ihre ganz eigene, ganz große Poesie entwickelt.