| Großbritannien/USA 2025 · 126 min. · FSK: ab 12 Regie: Chloé Zhao Drehbuch: Chloé Zhao, Maggie O'Farrell Kamera: Lukasz Zal Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Joe Alwyn, Emily Watson, Sam Woolf u.a. |
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| Der Moment der Erkenntnis... | ||
| (Foto: Universal) | ||
Ein Film über die jungen Jahre William Shakespeares läuft natürlich Gefahr, sich in Mythen zu verlieren: im Narrativ des frühberufenen Genies, im Fetisch der Inspiration, im wohlfeilen Rätsel um die Entstehung eines Weltwerks. Hamnet – inzwischen sowohl bei den Oscars als auch BAFTAS hochnominiert und bei den Golden Globes als bestes Drama ausgezeichnet – verweigert sich all dem mit bemerkenswerter Konsequenz. Regisseurin Chloé Zhao interessiert sich nicht für die Geburt des Dichters, sondern für die Bedingungen eines Lebens, aus dem Literatur erst als späte, schmerzhafte Notwendigkeit hervorgeht. Dass Maggie O’Farrell, Autorin des Romans Hamnet, selbst am Drehbuch beteiligt war, dürfte dabei mehr als eine Produktionsnotiz sein: Es erklärt die große Nähe des Films zur literarischen Vorlage – nicht im Sinne historischer Faktentreue, sondern in Ton, Perspektive und emotionaler Logik.
Stratford-upon-Avon in den 1580er Jahren erscheint bei Zhao nicht als pittoresker Herkunftsort eines Nationaldichters, sondern als sozial und körperlich fordernder Lebensraum. Geburt, Krankheit, Aberglaube und Tod sind keine dramaturgischen Akzente, sondern sind ein ständig pulsierendes Grundrauschen. In dieser Welt begegnen sich William Shakespeare und Agnes Hathaway nicht als romantisches Paar, sondern als zwei Menschen, die in ihrer ungezügelten Leidenschaft einander Halt versprechen, ohne zu ahnen, wie brüchig dieser Halt sein wird.
Paul Mescal spielt William mit einer Zurückhaltung, die man nach seinen intensiven Rollen in Aftersun und All of Us Strangers sofort wiedererkennt – und die umso wohltuender wirkt nach seinem eher fremd wirkenden Auftritt im großformatigen Gladiator II, wo ihm kaum Raum für Ambivalenz blieb. Hier ist Mescal wieder bei sich: Er spielt einen jungen Mann, der weniger spricht als wahrnimmt, dessen künstlerische Ambition sich zunächst nicht als Ausdruck, sondern als Flucht artikuliert. London ist Verheißung und Zumutung zugleich, während Stratford zum Ort der Schuld wird.
Das eigentliche Zentrum des Films jedoch ist Agnes. Jessie Buckley entzieht sich jeder folkloristischen Lesart der »rätselhaften Heilerin«. Nach ihrem scharf konturierten, beinahe burlesken Auftritt in Kleine schmutzige Briefe ist sie hier kaum wiederzuerkennen: stiller, dunkler, von einer Erdschwere, die nicht gespielt, sondern getragen wirkt. Allein ihr schiefes Lächeln, das für einen Moment an das Lachen von Ellen Barkin in Harold Bakers Sea of Love erinnert, deutet bereits die ganze Ambivalenz ihrer Rolle an: Agnes ist Mutter, Außenseiterin, Projektionsfläche für Aberglauben – und zugleich die emotional stabilste Figur des Films. Buckley verleiht ihr eine Würde, die weder heroisch noch erklärend ist.
Zhao inszeniert diese Welt mit einer Dichte, die zunächst fast ausschließlich erdrückend wirkt. Die ersten zwei Drittel des Films sind von Leid, Vorahnung und Verlust bestimmt. Schwere Geburten, die allgegenwärtige Bedrohung durch die Pest, das Misstrauen der Gemeinschaft – all das fügt sich zu einem Tableau, das weniger auf narrative Zuspitzung als auf atmosphärische Sättigung zielt. In dieser Hinsicht erinnert Hamnet an jene Romane Theodor Fontanes, in denen das Unheil lange vor seinem Eintritt spürbar ist: als leiser Druck, als gesellschaftliche Enge, als kaum artikulierbare Vorahnung. Zhao fährt diese Motive so konsequent auf, dass man sich als Zuschauer fast von Anfang an in eine emotionale Defensive zurückzieht – eine möglicherweise von Zhao kalkulierte Überforderung.
Gerade im Vergleich zu Richard Linklaters in Kürze startendem Nouvelle Vague wird Chloé Zhaos Ansatz deutlich. Linklater konzentriert sich auf die Oberfläche der dort gezeigten Künstler, also der Filmemacher: Man beobachtet Produktionsbedingungen, Gesten, Diskurse, die technische und organisatorische Entstehung eines Meisterwerks. Doch hinter Godards Maske aus Sonnenbrille, linkischem Genie und Pose öffnet sich kaum ein psychologischer Raum. Was ihn antreibt, was ihn innerlich formt oder beschädigt, bleibt weitgehend ausgespart. Der Zuschauer ist bei der »Außenansicht« von Außer Atem dabei, nicht bei der inneren Notwendigkeit, aus der ein solches Werk hervorgeht. Bei Zhao ist es genau umgekehrt. Ihr Hamnet ist ein radikales Gegenmodell zu dieser Form des Künstlerporträts. Ihr »Making of« eines Meisterwerks – letztlich von Hamlet – verweigert sich der technischen, biografischen oder diskursiven Erklärung. Stattdessen ist es eine konsequente Innenansicht: eine Erzählung von Verlust, Schuld und emotionaler Leerstelle, aus der Kunst nicht als Ergebnis von Intellekt oder Theorie entsteht, sondern als Überlebensform. Über Shakespeares literarisches Coming-of-Age erfahren wir wirklich fast gar nichts; erst ganz am Ende zeigt der Film ein Resultat. Doch selbst das geschieht mit Vorsicht, wenn auch nicht immer frei von Vereinfachung – etwa in der angedeuteten »Sein oder Nichtsein«-Szene, die etwas zu platt, fast schon grotesk aufträgt.
Doch dann, in den letzten zwanzig Minuten, vollzieht der Film eine bemerkenswerte Wendung. Der Tod Hamnets – des Sohnes, dem William besonders nahestand – wird nicht als melodramatischer Kulminationspunkt inszeniert, sondern als Leerstelle. Und aus dieser Leerstelle heraus gelingt Zhao ein doppelter Schritt: Sie führt den Film aus der Dunkelheit, ohne sie zu negieren, und macht erfahrbar, was Kunst im Kern leisten kann. Nicht Trost, nicht Erklärung, sondern Katharsis.
Hier, und erst hier, beginnt der Film nach einem langen, immer wieder etwas zu langen »Vorspiel« zu atmen und zu berühren. Die zuvor beinahe überdehnten Leidensmotive finden ihre Rechtfertigung in einem Schluss, der Empathie nicht erzwingt, sondern ermöglicht. Man versteht – leise, beinahe körperlich –, wie aus persönlichem Verlust etwas entstehen kann, das größer ist als eine Biografie. Und darin liegt dann auch die eigentliche Stärke von Hamnet: in der nüchternen, literarisch grundierten Einsicht, dass Kunst nicht aus Inspiration geboren wird, sondern aus dem Versuch, mit dem Unabwendbaren zu leben.