Have a Nice Day

Hao jile

China 2017 · 77 min.
Regie: Liu Jian
Drehbuch:
Kamera: Lin Shan
Schnitt: Liu Jian
Aufregende Innenansicht des gegenwärtigen China

Die Hatz nach Geld

Heute Abend wird sie eröffnet, die 69. Berlinale. In dieser riesen­großen Grab­bel­kiste des Weltkinos gibt es nicht zuletzt auch die Gele­gen­heit, viel asia­ti­sche Filme zu sehen. Allein zwei Spiel­filme aus China laufen an den kommenden zehn Tagen im Wett­be­werb. In dem lief vor zwei Jahren ein anderer chine­si­scher Film, der ausge­rechnet heute in die Kinos kommt: Liu Jians stili­sierter Gangs­ter­film Have a Nice Day. Er bietet eine aufre­gende Innen­an­sicht des gegen­wär­tigen China – in Form eines Gangs­ter­films.

Die Abenteuer eines Geld­kof­fers – die ursprüng­liche Idee ist sehr originell, aber trotzdem nicht ganz neu; sie stammt von Bela Balász, der bereits Mitte der 20 Jahre, auf dem Höhepunkt der Neuen Sach­lich­keit, ganz anders als gewohnt von der neuen modernen Welt erzählte: sind ein sagen­um­wo­bener, weil verschol­lener Film. Er handelt davon, was ein einfacher Zehn­mark­schein an einem einzigen Tag alles so erleben kann.

So auch hier, in diesem in jeder Hinsicht über­ra­schenden, erstaun­li­chen Film aus dem China von heute. Auch dieses China ist – wie die Weimarer Republik von 100 Jahren – eine hyper­mo­derne, in sich zerris­sene Gesell­schaft im Aufbruch.
Auch hier ist der Schau­platz ein Groß­stadt­sün­den­babel zwischen Mythos und Moloch. Permanent wird gebaut, Baulärm ist in dieser Stadt als Wüste allge­gen­wärtig:

Die Idee des Menschen als Indi­vi­duum ist hier eher eine Illusion – darum kann man von dieser Welt viel besser über mate­ri­elle Objekte erzählen. Einen Koffer voller Geld zum Beispiel. Er wird einem Mafiaboss geraubt, und flaniert danach einen Tag lang durch das China von heute.

Nach dem Motto »Follow the Money!« geht es nun durch das Oben und das Unten dieser chine­si­schen Metro­polis, und man begegnet den großen drei »K« dieser schwer zu begrei­fenden Welt Kultur­re­vo­lu­tion, Korrup­tion und Kapi­ta­lismus.

Die Welt ist ganz und gar gegen­wärtig. Und sie ist universal, also längst nicht auf China beschränkt, sondern auch unsere: Der Brexit kommt vor, Facebook-Chef Mark Zucker­berg, und auch Donald Trump darf in diesem Panop­tikum der Gegenwart natürlich nicht fehlen. Das bringt uns alles sehr nahe.

Zugleich bleibt das Fremde auch fremd­artig, also spannend und heterogen. Und manchmal hebt der Film einfach in wilden, surrealen Bildern ab.

Das wich­tigste, was zu Have a Nice Day aber zu sagen ist: Dies ist ein Anima­ti­ons­film – aller­dings keiner für Kinder, und von Disney-Nied­lich­keiten, aber auch den martia­li­schen Super­helden der ameri­ka­ni­schen Universen so weit entfernt, wie überhaupt nur denkbar.
Die Bilder sehen flächig aus, darin erinnern sie immerhin ein wenig an japa­ni­sche Anime, die Farben aber sind leuch­tender, greller.

Das Ergebnis ist das hypno­ti­sche Porträt der modernen Welt und eine facet­ten­reiche, harte, aber wunder­schön anzu­se­hende Parabel auf mensch­liche Gier und wie die Mensch­heit daran zugrunde geht, und in alldem unbedingt kapi­ta­lis­mus­kri­tisch.

Zugleich ironisch. So bekommt ein undurch­sich­tiger, immer schwarz­ge­klei­deter lako­ni­scher Jäger der Mafia immer Anrufe von Immo­bi­li­en­mak­lern:

Mit Tarantino-Filmen hat ein ameri­ka­ni­scher Kritiker dies vergli­chen. Da ist etwas dran: Eine billige Gangs­ter­ge­schichte als Vehikel, um die ganze Welt zu erzählen. Vor allem aber in einem neuen Kontext: dem des modernen China.

An die exis­ten­tia­lis­ti­schen Parabeln des Film Noir muss man hier auch unbedingt denken – nur dass die aus guten Gründen Schwarz­weiß sind, und dieser Film dafür eine Spur zu bunt und zu still.

So ist dies vor allem ein origi­neller, in vielem neuer Einblick ins moderne China. Ohne das im Westen so beliebte Mora­li­sieren und schnelle Verur­teilen, aber auch ohne
Verklä­rung: Man landet in einem Schlachthof voller Fleischka­daver, in vermüllten Inter­net­cafés, Bauruinen und neoner­leuch­teten Verg­nü­gungs­vier­teln.

Das System ist das Ziel aller Kritik – aber nicht nur das chine­si­sche, sondern das Denken, dass die Welt in ein Jagd­re­vier verwan­delt hat für die Hatz nach Geld.

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